
m November 2024 las ich im Internet folgende Schlagzeile: 30000 Wahlhelferinnen und Wahlhelfer gesucht! Allgemeine und besondere Verzweiflung in Berlin erreicht durch die vorgezogene Neuwahl einen neuen Höhepunkt, Experten einig: Nur Robert Rescue kann helfen, Regierender Bürgermeister Wegner: Ich habe keine Hoffnung, dass Rescue uns rettet, es wäre mein sehnlichster Wunsch für 2025.
Nachdenklich schaute ich zum Fenster hinaus in die Weddinger Nacht. Wie viele Texte hatte ich verfasst, in denen ich die chaotische Politik in Berlin angeprangert hatte? Wurde es Zeit, das Kriegsbeil ruhen zu lassen, die Feindschaft für das Wohl und Wehe der Stadt zu beenden? War in Berlin 2024 nicht vieles besser geworden? Kürzere Bürgeramtstermine, ein reibungsloser öffentlicher Nahverkehr, weniger Gewalt auf der Straße und weniger von dieser berlintypischen aussichtslosen Stimmung, die die Leute im Würgegriff hielt und ihnen die Hoffnung auf eine wunderbare Zukunft raubte? Wurde es für mich Zeit, Berlin etwas zurückzugeben? Die Hand auszustrecken, anstatt mit den Mitteln der Kunst immer mit dem Schlagring in die Fresse einzudreschen? Seit über 30 Jahren lebte ich nun schon hier, in einer prekären Existenz als Künstler, so wie ich es mir immer gewünscht und wie Berlin es mir ermöglicht hatte. Woher rührte diese Verbitterung in mir, die mich schändliche Texte über die Arbeit der öffentlichen Verwaltung hatte schreiben lassen, diese giftigen Worte über eine „Failed City“, diesen Hass, Berlin in die Luft sprengen zu wollen? Berlin war eine liebenswerte Großstadt, die Bürger weltoffen, liberal, humorvoll, verständnisvoll. Wo war ich falsch abgebogen und zu dem miesepetrigen Querulanten geworden, der in diesem optimistischen Berlin nichts zu suchen hatte? Ja, es wurde Zeit zur Umkehr und der erste Schritt musste sein, mich als Wahlhelfer zu melden und mein Scherflein beizutragen, dass die vorgezogene Neuwahl in Berlin glatt über die Bühne ging.
Berlin kann gelingen, ging es mir durch den Kopf und ich hielt inne. Hatte ich das gerade wirklich gedacht? Ich spürte ein lange verloren geglaubtes Gefühl in mir aufsteigen, ein Gefühl, dass ich nicht mehr bemerkt hatte, seit ich 1993 in diese Stadt gekommen war. Freude, eine Surfwelle voller Freude übermannte mich, die freudvolle Lust am Leben in Berlin und mir kamen die Tränen.
Ich rief den Link zur Website des Landeswahlleiters auf und drückte den Button, der eine neue Ära im Verhältnis zwischen mir und Berlin besiegeln sollte.
Kurz darauf erhielt ich folgende automatische Nachricht:
Vielen Dank für Ihre Bereitschaft, bei der kommenden Wahl zu helfen. Das zuständige Bezirkswahlamt wird sich unaufgefordert mit Ihnen in Verbindung setzen.
Gut, diese Nachricht war nicht mal ansatzweise so euphorisch wie meine Stimmung, bestimmt verlebte der Wahlleiter schlaflose Nächte, aus Angst, berlinweit nicht genügend Helfer zu finden und wie in der Vergangenheit Menschen aus Brandenburg oder Bayern verschleppen zu müssen, die am Wahlsonntag Frondienst für die Hauptstadt verrichten mussten. Am liebsten würde ich ihm schreiben und ihm mitteilen, dass diese Angst nun vorbei war, denn ich war jetzt mit an Bord.
Anfang Januar 2025 las ich in den Nachrichten, dass Berlin noch etwa 700 Wahlhelfer suche. Ich hätte mir nichts weiter dabei denken können, aber in mir reagierte ein Instinkt. Bis zur vorgezogenen Neuwahl waren es noch 8 Wochen und ich hatte bislang noch nichts vom Bezirkswahlamt gehört. Kein Termin für die Schulung, keine Nachfrage wegen der Bankverbindung für das Erfrischungsgeld, rein gar nichts. 8 Wochen bis zur vorgezogenen Neuwahl. In anderen Bundesländern liefen bestimmt schon alle Vorbereitungen auf Hochtouren. Aber Berlin war halt cool, extrem locker, total relaxt. Ein Gedanke keimte in mir, aber ich unterdrückte ihn mit aller Kraft. Es konnte einfach nicht sein.
Mitte Januar berichtete mir meine Partnerin, dass sich ein Genosse von ihr im lokalen SPD-Ortsverein ebenfalls für ein Wahlhelferamt gemeldet und noch nichts gehört habe. Das Bezirksamt habe auf Nachfrage zugegeben, dass man ihn vergessen habe und ihn sofort zum General-Ober-Wahlleiter für das Wahllokal 518 bestimmt. Also schrieb ich meinem alten Freund, dem lieben Landeswahlleiter, an und fragte, ob es ein „Problem“ gebe. Am nächsten Morgen erhielt ich Antwort. Ein Lakai bedankte sich für mein Interesse und teilte mit, der Herr Landeswahlleiter sei damit beschäftigt, täglich mit dem Regierenden Bürgermeister in einer Dauer-Zoom-Konferenz die aktuellen Entwicklungen zu besprechen und Sorge zu tragen, dass ja nichts schiefgehe in der Hauptstadt. Ich solle mal eine Mail an den Bezirk schreiben, vielleicht bekäme ich ja eine Antwort. Ich spürte, wie die gute Laune in mir Risse bekam. Es knirschte im Gebälk. Nur mühsam gelang es mir, eine freundliche Nachfragemail an den Bezirk zu schreiben, anstatt meinem aufsteigenden Zorn freien Lauf zu lassen.
Am nächsten Morgen um 6:30 Uhr (die Bezirksamt-Mitarbeiter waren sich wohl der Brisanz meiner Mail bewusst) erhielt ich folgende Nachricht:
Guten Tag, momentan sind alle Positionen für wahlhelfende Personen besetzt.
Erfahrungsgemäß kommt es nach der Einberufung noch zu größeren Fluktuationen,
weshalb es danach noch zu Einsetzungen kommen kann.
Eine Garantie für eine Einberufung kann ich Ihnen jedoch nicht aussprechen.
Das war nicht die richtige Antwort. Das war derselbe Scheiß wie vor ein paar Tagen, als ich das Versorgungsamt angeschrieben hatte, um nach meinem Antrag auf Feststellung einer Schwerbehinderung zu fragen. Ich hatte einen Folgeantrag gestellt, der im übrigen sechs Monate zur Bearbeitung brauchte, während ein Neuantrag nur vier Monate benötigte. Ich kannte das bisher nur umgekehrt. Auf jeden Fall bekam ich als Antwort den Hinweis, dass meine Anfrage an den zuständigen Fachbereich weitergeleitet worden sei und ich zeitnah mit einer Antwort rechnen konnte. Übersetzt hieß das: Fick dich ins Knie und fahr zur Hölle. Und genau das gleiche bedeutete die Antwort vom Bezirkswahlamt.
Mein Engagement war abgelehnt worden, sie hatten sich für andere entschieden. Während Charlottenburg-Wilmersdorf händeringend Wahlhelfer suchte, rannten sie dem Amt in Mitte die Türen ein, na klar, es gab ja Geld dafür und da krochen im Wedding zahllose zwielichtige Gestalten aus ihren Löchern hervor und sie alle waren genommen worden, während ich, beseelt vom beinahe ritterlichen Streben nach Organisationsvollkommenheit, schnöde missachtet worden war. 800 Wahlscheine in Berlin doppelt versandt? Das wäre mir nicht passiert, aber Berlin wollte das ja so haben. Nur Pleiten, Pech und Pannen, ja, das war halt der Hauptstadt-Style. Es war zum Kotzen. Wenn das Amt sein Scheitern wenigstens zugeben würde, aber nein, in ihrer Garstigkeit und degenerativen Seelenfäule spukten sie mir mit dem Hinweis ins Gesicht, dass schon alle Plätze verteilt seien, aber vielleicht könnte ich als niederqualifizierter Nachrücker infrage kommen. Robert Rescue als Nachrücker, welch eine Niedertracht von der Obrigkeit. Es mag sein, dass ich mich mit dieser erbärmlichen Position zufriedengegeben hätte, noch immer beseelt vom Wunsch nach Frieden und Verschmelzung, aber sie haben sich nicht gemeldet. Der Höhepunkt jeder Demütigung, sie haben sich nicht gemeldet.
Nun denn, die Chance auf Frieden ist vertan: So soll Berlin erfahren – du kannst mich mal am Arsch lecken. Bei der nächsten Wahl wirst du auf mich verzichten müssen. Wobei nicht auszuschließen ist, dass bei der nächsten „Wahl“ keine Helfer mehr gebraucht werden.












