Die rosarote Brille mal anders Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner schaut auf den Schreibtisch. Ein Zettel liegt dort, aber er kann das geschriebene kaum lesen. Wird Zeit für eine Brille, überlegt er und denkt zugleich, dass er das nicht zum ersten Mal feststellt und dass er mal was dagegen tun sollte, aber jetzt gerade geht es nicht und überhaupt, ein Mann wie er, also das geht nun überhaupt nicht und irgendwie führt das alles ja zu nichts. Er kann nur den Vornamen Martina lesen und dann steht da was von
Read More Der Weltraum ist schick geworden Meine Partnerin sagt, sie schaut sich keine Filme an, die im Weltraum spielen. Das ist schade, denn ich hatte mir im Überschwang vorgenommen, mit ihr zusammen ein zweites Mal „Der Astronaut – Project Hail Mary“ mit Ryan Gosling und Sandra Hüller zu schauen. Ein wunderbarer Film, der aber, wie der Titel schon andeutet, im Weltraum spielt und deshalb hat sie gleich abgewunken. Dabei weckt die Freundschaft zwischen dem irdischen Astronauten Grace und dem außerirdischen Hüpfstein Rocky (keine KI-Scheiße, sondern von einem Puppenspieler geführt) so Gefühle
Read More Was lange währt, wird endlich was Wenn man am Spittelmarkt aus der U-Bahn steigt, kommt man nicht direkt über die Straße zum Haus PETRI. Ich hätte ja eine Ampel direkt davor erwartet, aber weit und breit ist keine zu sehen. Vielleicht ein Planungsfehler, der bislang niemandem aufgefallen ist? Man muss unter der Brücke hindurchgehen, über ein paar dort wohnende Personen steigen und auf der anderen Seite die Kleine Gertraudenstraße hochlaufen, um zum jüngsten Museum von Berlin zu gelangen, dem Haus PETRI. An einem Empfang sitzen zwei Mitarbeiter von WEWATCH und
Read More Kaputte Ampel Seestraße Wieder einmal ist eine Ampel kaputt an der Seestraße. Nicht ausgefallen, wie es weiter vorne an der See-/Ecke Müllerstraße hin und wieder geschieht, sondern richtig kaputt, also umgefahren, aber eigentlich ist sie nicht defekt, sie funktioniert noch, aber sie ist umgeknickt, weil sie irgendwer mit dem Auto gerammt hat und dann sieht es so merkwürdig aus. Die Straßenmeisterei war da und hat eine Absperrung drum gemacht und ist wieder verschwunden. Als naiver Mensch mag man denken, die haben eine Ersatzampel hinter auf der Ladefläche ihres Fahrzeugs und
Read More Bob Ross ist nicht wiedergeboren worden Neulich war ein junger Mann im Copyshop, der hatte mit Wasserfarben ein Bild von einem Sportwagen gemalt und wollte davon Kopien auf Karton machen, um sie zu verkaufen oder an seine Freunde zu verschenken. So genau habe ich das nicht verstanden, vielleicht wollte er die Kopien auch an seinen Freundeskreis verkaufen. Er war sehr überzeugt von sich und dem Autobild. Ich muss bei solchen Kunden immer einen neutralen Gesichtsausdruck machen. Er erzählte mir, dass er als Kind solche „Autos malen mit Wasserfarben“-Bilder gemacht und
Read More Lost and Found Gewidmet all den Dokumenten, die hier keine Erwähnung finden Es ist üblich, dass in einem Copyshop Papier liegenbleibt, ebenso wie Datenträger. Das Papier wird in einer Plastikkiste gelagert, bis diese irgendwann voll ist und der Inhalt sorgsam geschreddert im Müll landet. Die Datenträger, in der Regel USB-Sticks, kommen in eine ehemalige HARIBO-Box, die inzwischen ordentlich gefüllt ist. Manchmal erzähle ich Kunden gegenüber , der Laden wäre so etwas wie ein USB-Stick Museum, was angesichts der Menge durchaus berechtigt ist. Und es gibt in Berlin eine Menge Museen
Read More Wieder eine Gelegenheit verpasst … Als Klaus, einer der beiden Chefs vom Copyshop, mir vorschlug, bei ihnen im Laden zu arbeiten, erzählte er auch vom Konflikt zwischen Anastasia und Olga. „Die eine ist aus Russland, die andere aus der Ukraine“, meinte er. „Da ist ja heutzutage ein Konflikt vorprogrammiert. Die haben sich vor einem Jahr beide zeitgleich beworben und eigentlich brauchten wir nur eine neue Kraft im Laden. Wir haben aber dann beide eingestellt, weil wir keine diskriminieren wollten. Natürlich wollen beide nicht zusammenarbeiten, was bei der Schichtplanung immer mal
Read More Kein Herz und keine Seele Keine Ahnung, was da in Kea vor sich geht. Seit Jahren kümmert sie sich um die Belange meiner englischen Cousins, vor allem, was Geburtstage und Jubiläen anbetrifft. Einmal im Jahr bekomme ich von ihr auf Facebook eine Nachricht, wo sie mich auffordert, dies und jenes zu besorgen, auf einer Karte dies und das zu schreiben und das Ganze da und dort hinzuschicken. Legendär, wie ich einen Kühlschrankmagneten direkt aus der Moabiter Hinterhof-Manufaktur besorgte, weil ich es nicht einsah, irgendein Touri-Geschäft aufzusuchen, um etwas zu erwerben,
Read More Filme auf vier Rädern und sonst nicht viel Endlich mal gute Nachrichten für Apple. Der Film „F1“, von Apple-TV produziert, spielt 2025 eine Menge Geld an der Kinokasse ein. Bislang hatte der Gigant aus Kalifornien ja nur Nieten im Programm. „Greyhound“, ein Weltkrieg II-Marine-Drama mit Tom Hanks rief ebenso „gemische Reaktionen“ hervor wie „Napoleon“, ein abendfüllender Spielfilm über eben diesen. „Gemischte Reaktionen“ suggeriert zwar, dass es pro und contra gibt, aber man muss „Gemischte Reaktionen“ laut aussprechen, um zu verstehen, was wirklich gemeint ist. Tom Hanks behauptet ja, Corona hätte
Read More Die eiserne Kuppel Berlin braucht einiges, um lebensfähig und attraktiv zu sein. Zuwanderung von Fachkräften, soziale Gerechtigkeit, Wohnraum für alle und Sicherheit. Von allem hat die Hauptstadt ein wenig, Sicherheit eher gefühlt und Wohnraum für alle eigentlich nicht. Seit der Senat den Görlitzer Park, das Kottbusser Tor und den Leopoldplatz zu Waffen – und Messerverbotszonen erklärt hat, hat die Kriminalität dort quasi aufgehört. Jetzt kann sich die Stadt mit einer weitaus größeren Bedrohung auseinandersetzen – der Russe, der alles, was Berlin ausmacht, zerstören will. Und dagegen helfen nur Waffen, also
Read More Der Papst ist ein Spieler Der neue Papst ist ein Gamer, heißt es in einem Artikel. Und er ist ein Sportler. Regelmäßig steht er auf dem Platz und schwingt den Tennisschläger. Da verwundert es nicht, dass Jannick Sinner, der Weltranglistenerste im Tennis die erste Person war, die eine Audienz beim Papst erhielt. Das muss man sich mal vorstellen. Früher waren das Kaiser und Könige, heute eigentlich die Größenordnung JD Vance oder Friedrich Merz, aber Leo XIV. bricht mit den Regeln. Der Sinner war wegen Dopings drei Monate gesperrt, aber der
Read More Dinkelkleie und Gerstengrütze Ich sitze in einem großen, vom Sonnenlicht hell erleuchteten Raum irgendwo in Pankow. Auf Holztischen stehen Körbe, darin ordentlich aufgefächert Kräuter und Teemischungen. Es riecht wie in einem Reformhaus nach Gesundheit und guter Verdauung. Vor mir sitzen Anna und Jakob, die Geschäftsführer von HERBA Ltd., einem Onlinehändler für Kräuter und Tees, bei dem ich mich wegen eines Mini-Jobs beworben habe. Anna und Jakob tragen Wolle direkt vom Lamm, ich dagegen Baumwolle des Weddinger Modedesigners Kalle Kasulke aus seiner Serie „Beyond Fashion“. Die Unterschiede sind gewaltig. Ich habe
Read More Neue Besen kehren nicht immer gut Es ist mir ein Rätsel, warum sich Leute einen Saugroboter anschaffen. Das fängt mit der Form an. Die Dinger sind in der Regel rund, Ecken aber sind, nun ja, eckig. Das Querholz eines Besens, der sogenannte Riegel, ist ebenfalls eckig und man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Urmenschen, die den Besen erfunden haben, sich bei der Form was gedacht haben, anders als die verpeilten Nerds, die allen Ernstes glauben, mit ihren Scheiß-Saugrobotern und ihrer runden Form könnten sie eine gravierende Änderung in
Read More Unendlicher Spaß Den wird man nicht haben, wenn man sich entschließt, das gleichnamige Buch von David Foster Wallace zu lesen. Foster Wallace war eine dieser tragischen Figuren der Literaturgeschichte. Zeitlebens von Depressionen und Alkoholabhängigkeit gequält, nahm sich der hochbegabte Mathematiker, leidenschaftliche Tennisspieler und starke Schwitzer 2008 im Alter von 46 Jahren das Leben und hinterließ ein beträchtliches und im wahrsten Sinne des Wortes „gewichtiges“ Werk. „Unendlicher Spaß“, 1996 veröffentlicht, aber erst 2009 auf Deutsch erschienen, zeichnet sich nicht nur durch die brillante Sprache aus, sondern auch durch die verwendeten Stilmittel
Read More m November 2024 las ich im Internet folgende Schlagzeile: 30000 Wahlhelferinnen und Wahlhelfer gesucht! Allgemeine und besondere Verzweiflung in Berlin erreicht durch die vorgezogene Neuwahl einen neuen Höhepunkt, Experten einig: Nur Robert Rescue kann helfen, Regierender Bürgermeister Wegner: Ich habe keine Hoffnung, dass Rescue uns rettet, es wäre mein sehnlichster Wunsch für 2025. Nachdenklich schaute ich zum Fenster hinaus in die Weddinger Nacht. Wie viele Texte hatte ich verfasst, in denen ich die chaotische Politik in Berlin angeprangert hatte? Wurde es Zeit, das Kriegsbeil ruhen zu lassen, die Feindschaft für
Read More Seit kurzem besteht auf der Tramlinie M13/M50 von Virchow-Klinikum Richtung irgendwo im Osten mal wieder Schienenersatzverkehr. Geplant bis Dezember, aber es wäre nicht verwunderlich, wenn es länger dauert. Irgendwas ist mit den Gleisen nicht in Ordnung, die sie, meiner Erinnerung nach, erst vor ein paar Jahren ersetzt haben. Deshalb Ersatzverkehr mit Bussen. Ich stehe an der Haltestelle Seestraße und es kommt kein Bus. Also laut BVG-App schon, also jetzt, aber wenn ich vom Display hochschaue, dann entspricht die Wirklichkeit nicht der Prognose. So geht das schon seit 40 Minuten. Anfangs
Read More Dinge in meiner Wohnung, mit denen ich nichts mehr anfangen kann, Teil 6: Die Stoffmaske Viele Leute, die sich vornehmen, ihre Wohnung oder ihre Technik auszumisten, scheitern an der banalen und zugleich tückischen Frage: „Brauche ich das noch?“ Es gibt keine Frage, mit der man sich mehr beschäftigt. Alle möglichen Szenarien werden durchgespielt, hier verneint, da bejaht und am Ende bleibt die unwahrscheinliche Situation übrig, es zu brauchen und nicht mehr zu haben, also kommt es nicht weg. Als Profi kann ich sagen: In 99,9% der Fälle lautete die Antwort
Read More Die Sache mit den Ablese-Dienstleistern Zu den wenigen Dingen, die in dieser sich täglich verändernden Welt noch für Beständigkeit sorgen, gehören die „Wir kommen vorbei, seien sie gefälligst zuhause“-Zettel, die über das Jahr verteilt im Hausflur zu finden sind. Die Heiligen Drei Könige, Schornsteinfeger, Paketdienste (da mit der Änderung: „Wir waren da, sie waren nicht da“), Gerichtsvollzieher und Heizungsableser melden sich an, man hat was mit denen zu tun und dann ist wieder eine Weile Ruhe. Im Vorderhaus kündigen sich die Heizungsableser an, die neuerdings auch was mit Rauchmeldern machen.
Read More Eine Kurzgeschichte mit tausend Teilen Bisweilen fürchte ich mich vor den Morgen, wenn ich klingele und mir der Chef aufmacht. Wenn er ab dem späten Nachmittag allein im Büro sitzt, bekommt er hin und wieder Mails oder Anrufe, die dazu führen, dass der Flur mit neuer Ware vollsteht, die wir sonst nicht im Sortiment haben und die wir nur schwerlich wieder loswerden. Okay, die Porno-DVDs aus der Videotheksauflösung waren eine Ausnahme, die waren im Nu weg. Aber der Sack voller Strom-Adapter für das britische Stromnetz, die jetzt irgendwo im Keller
Read More Die Suche nach einem „Bürgeramt, das Kapazitäten frei hat“ Schier unerträglich ist der Schmerz, der mich befällt, als ich auf meinen Personalausweis schaue. Die Hände zittern, der Ausweis fällt auf den Boden. Mühsam hebe ich ihn auf und erinnere mich wehmütig an jene Zeit vor zehn Jahren, als ich ihn erneuern musste und ins ferne Hellersdorf gereist bin, weil das dortige Bürgeramt Kapazitäten frei hatte. Was war das für ein erhebender Moment gewesen, als ich seinerzeit das Amt mit dem frischen Dokument verließ, erleichtert von all den Sorgen, die man
Read More Weiterbildung notwendig Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner druckste zunächst herum, bevor er sich überwand und die Stimme erhob: „Meine lieben Mitbürger, ein wenig tut es mir leid, was ich ihnen jetzt sagen muss – einem Teil von ihnen, gottlob nicht allen, aber dennoch einem signifikanten Teil von ihnen fehlt es an ausreichend Gehirnzellen, um den Erfordernissen des Lebens tagtäglich entgegentreten zu können. Will sagen – ihre Schaukel hat als Kind zu nah an der Hauswand gestanden, sie haben einen ausgebrannten Dachstuhl, sie sind hell wie ein Tunnel, sie sind zerebralentkernt,
Read More Man könnte meinen, Berlin wäre nicht mehr gut für eine sensationelle Meldung. Ständig nur Nachrichten wie „alles kaputt“, „kein Geld“, „Verspätungen und Verlängerungen“ oder alles zusammen. Ein Beispiel: Die sogenannte „Einheitswippe“ als Denkmal an die friedliche Revolution von 1989 und die Wiedervereinigung wird dieses Jahr nicht fertig. Das verantwortliche Stahlunternehmen ist insolvent und in deren Werkshallen steht das „Ding“, das zu 85 % fertig sein soll. Vermutlich landet es als neues Fahrgeschäft mit niedrigem Spaßfaktor im Phantasialand, Berlin wird den Bau neu ausschreiben und die nächsten 20 Jahre hört man
Read More Eine Art Dramolett in 3 Akten 1. Akt: Die Begegnung am Büchertisch Es ist 5 Jahre her, da hatte die Lesebühne Brauseboys einen Auftritt in Kreuzberg. Nach der Show kam eine ältere Frau an den Büchertisch. Sie kaufte ein Gemeinschaftsbuch und sagte dann zu mir: „Das war ein interessanter Text über die RAF. Also die Vorstellung, wie sie heute so leben und ihre nächsten Aktionen planen. Ich glaube aber nicht, dass Ernst-Volker eine LIDL-Karte hat, die er dann bei einem Überfall benutzen kann.“ „Naja, das war nur eine Vorstellung. Man
Read More Eine Kurzgeschichte „Hoffentlich sind wir die bald los“, murmelt Akira Kallas und blickt voller Abscheu auf die Horde junger Leute, die am Eingang des „Orpheus“ auf Einlass wartet. „Bis auf einen. Der hat das Zeug zum Anführer, ein Machertyp, eine Persönlichkeit, auf den die anderen hören. Kurzum, ein Clubmanager. Gut möglich, dass er sein Potenzial noch nicht erkannt hat. Daher ist es unsere Aufgabe, diese Kompetenz in ihm zu wecken und auszubilden.“ Um 3 Uhr morgens haben sich vor dem „Orpheus“ eine Menge Leute eingefunden, die sich in zwei Gruppen
Read More In dem Online-Rollenspiel, mit dem ich meine Nächte verbringe, gibt es ein Weltboss-Event namens Tequatl, der Sonnenlose. An einem Strand sammeln sich die Spieler und erwarten die Ankunft eines Drachen, den sie dann besiegen müssen. Kurz bevor das Monster mit einem krachenden Getöse landet, ruft einer der Non-Player Character, welche die Küste bevölkern: „Da ist was im Wasser, Hilfe.“ An diese Situation muss ich denken, als ich den Aushang an der Haustür studiere, der darüber informiert, dass wir Legionellen im Trinkwasser haben. Regelmäßig lässt die Hausverwaltung das Wasser kontrollieren und
Read More Einmal die Woche werde ich an der Tramhaltestelle Schönfließer Straße im Prenzlauer Berg Zeuge, wie viele dumme Menschen die Welt bevölkern. Nachts fährt die Linie 50 nicht bis zur Endhaltestelle Virchow Klinikum im Wedding, sondern hält an der Haltestelle Björnsonstraße, eine Station nach der Schönfließer Straße, und biegt dann nach rechts ab, um in einem Dimensionsportal zu verschwinden, aus dem sie irgendwo in Weißensee oder auf dem Planeten Oranke-13 wieder heraustritt. Die, meist verwirrten, Fahrgäste lässt der Fahrer zuvor aussteigen und überlässt sie ihrem Schicksal oder einer später eintreffenden Tram
Read More