Die eiserne Kuppel
Berlin braucht einiges, um lebensfähig und attraktiv zu sein. Zuwanderung von Fachkräften, soziale Gerechtigkeit, Wohnraum für alle und Sicherheit. Von allem hat die Hauptstadt ein wenig, Sicherheit eher gefühlt und Wohnraum für alle eigentlich nicht. Seit der Senat den Görlitzer Park, das Kottbusser Tor und den Leopoldplatz zu Waffen – und Messerverbotszonen erklärt hat, hat die Kriminalität dort quasi aufgehört. Jetzt kann sich die Stadt mit einer weitaus größeren Bedrohung auseinandersetzen – der Russe, der alles, was Berlin ausmacht, zerstören will.
Und dagegen helfen nur Waffen, also richtige Waffen, komplexe Waffensysteme, also beispielsweise so etwas wie ein mobiles, bodengestütztes System zur Abwehr von Raketen, Artillerie und Mörsergranaten, zufälligerweise genau das, was die Israelis auch haben und Iron Dome heißt und das diese gerade gegen die bösen Raketen von den ebenso bösen Mullahs aus Teheran einsetzen.

Berlins CDU-Fraktionschef Dirk Stettner ist überzeugt, das die Stadt so ein Militärding benötigt und die Idee hat er quasi zur rechten Zeit, denn in Kürze fliegt er mit Kollegen nach Israel, um sich über den Iron Dome zu informieren. Hoffentlich gibt er nicht gleich eine Bestellung auf, gerade Berliner Politiker neigen ja zu unkonventionellen Handlungen.
Der Preis ist natürlich happig. Eine Batterie kostet etwa 50 Millionen Euro, aber eine reicht natürlich nicht aus. Für eine Hauptstadt wie Berlin braucht es, objektiv betrachtet, mindestens 4 Batterien, beim hauptstädtischen, größenwahnsinnigen Denken also 10 bis 20. Dazu kommen dann die abzuschießenden Raketen, die etwa 50000€ pro Stück kosten. Um einen Angriff aus Russland wirksam abzuwehren, benötigt Berlin vermutlich 100 bis 200 Raketen, kalkuliert man die, voraussichtlich nicht vorhandene Qualifikation der Bedienmannschaft ein, also den, im wahrsten Sinne des Wortes, Ausschuss, dann sind wohl 500 bis 1000 Raketen erforderlich, um dem Iwan zu zeigen, wo der Hammer hängt bzw. die Rakete fliegt. Immerhin wird das ganze System billiger als der Golden Dome, wie ihn sich Donald Trump vorstellt. Dieser Schutzschirm kostet voraussichtlich 375 Quadrillionen Dollar und wird wohl nie errichtet werden, einfach deswegen, weil es eine Idee von Donald Trump ist.
Bleibt die berechtigte Frage: Woher will Berlin das Geld nehmen, jetzt wo an allen Ecken und Kanten gespart wird? Die Politik hofft auf den sogenannten Hauptstadtvertrag, den der Bund mit Berlin 1992 schloss. Dieser regelt den Ausbau Berlins als Hauptstadt Deutschlands sowie die Erfüllung der Funktion als Sitz des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung. Dieser Vertrag läuft am 31. Dezember 2027 aus und soll rechtzeitig erneuert werden.

Als Grundlage soll eine schonungslose Analyse der Ausgaben Berlins als Hauptstadt erfolgen sowie eine ehrliche Gesamtschau, ob Berlin seine Aufgabe als Hauptstadt zur Zufriedenheit aller erfüllt hat. Ehrliche Gesamtschau, schonungslose Analyse? Vielleicht wäre es besser, der Bund zieht einen Schlussstrich, reaktiviert Bonn oder macht eine neue Hauptstadt auf, irgendwo im Westen oder Süden, Bochum oder München und überlässt den Osten seinem Schicksal und einer erneuten Annektierung durch Russland, diesmal einschließlich Westberlin.
Aber vermutlich wird der Staat seufzen, den Vertrag verlängern und Berlin wird auf mehr Geld pochen, denn es herrsche eine „gestiegene Bedrohungslage“, wie der Regierende Bürgermeister Kai Wegner den Vorschlag seines Fraktionschefs unterstützt. Es werde, so Wegner, am Ausbau des Zivil- und Katastrophenschutzes gearbeitet. Außerdem seien zahlreiche Maßnahmen geplant, „nicht nur für Berlin und Deutschland, sondern für ganz Europa“.

Wovon redet er da? Gibt es eine gesamteuropäische Initiative, wie man Putin begegnen soll? Panzer für alle? Woher weiß Wegner davon? Oder ist er irregeworden?
Zurück zum Status Berlins als Hauptstadt Deutschlands. Jedes andere Land schützt seine Hauptstadt mit allem, was die jeweilige Armee zu bieten hat. In Berlin gibt es derzeit etwa 5000 Soldaten, eine Zahl, die für eine Hauptstadt unwürdig ist. Vor allem sind dies das Wachbataillon sowie ein Regiment Feldjäger. Wozu braucht Berlin etwa 800 Militärpolizisten und dazu die Protokollsoldaten mit ihren weißen Handschuhen, den schicken Uniformen und dem Karabiner K 98k von 1934, der überhaupt nicht mehr schießt?
Was ist mit Panzern, Drohnen und Spezialeinheiten? Warum nicht so eine Truppe von irren Veteranen mit so Namen wie Private Paula und Animal Mother, die es mit bloßen Händen mit 10000 feindlichen Soldaten aufnehmen können.
Was passiert, wenn der Bund eine weitere Finanzierung ablehnt und der Bau der eisernen Kuppel in den Sternen steht?
Der Senat könnte die Bezirke in die Pflicht nehmen. Wer nicht 5% seines Haushaltes für die Finanzierung zur Verfügung stellt, wird halt nicht geschützt. Auch jeder Bürger muss seinen Beitrag leisten. Wer von seinen Silvesterraketen nicht wenigstens 1 Kilo Schwarzpulver für die Raketenproduktion abgibt, wird in die Bedienmannschaft für die Kuppel zwangsverpflichtet. Experten werden jetzt anmerken, dass man mit Schwarzpulver aus popligen Silvesterraketen keine modernen Raketen ausrüsten kann.
Richtig, aber Berlin wird sich nie vernünftige Raketen leisten können und muss daher auf eine Waffentechnologie von 1232 zurückgreifen, ungetestet und im Höchstmaß ineffizient.
Also wird der Bund ab dem 01. Januar 2028 ein Sondervermögen bewilligen für den Schutz der Hauptstadt. Trotzdem wird es die Eisenkuppel nie geben, und zwar aus 2 Gründen.
Grund 1 ist das fundamentale Prinzip, das in Deutschland zum Tragen kommt, sobald Bausteine aufeinandergeschichtet werden – die Bauzeit.
Bis der erste Spatenstich erfolgt, braucht es häufig ein Jahrzehnt Planung und zum Richtfest hat der Architekt meist schon das Zeitliche gesegnet und ist bereits 3 Mal wiedergeboren worden. Und zwar in der Reihenfolge Eidechse, Brathähnchen und Polier und als solcher hat er dieses merkwürdige Déjà-vu, schon einmal auf dieser Baustelle gearbeitet zu haben.
Ist das Projekt dann fertiggestellt, tritt in Berlin Grund Nummer 2 auf den Plan. Die Stadt betreibt seit Jahren eine Taktik der verbrannten Erde. Marode Brücken, die abgerissen werden müssen, die völlige Lahmlegung des öffentlichen Nahverkehrs und des Verkehrs generell durch Baustellen mit Bauzeit, die Einsparung des Sozialsystems und der Kultur, das Kaputtsparen sämtlicher Infrastruktur, einstürzende Neubauten, die materielle wie geistige Wüstung, wabernde Verzweiflung, das systematische Zerbröseln von allem. Daher ist Berlin als Kriegsziel völlig uninteressant, niemand will die Stadt erobern, weder der Russe, noch Mork vom Ork und auch nicht Mickey Mouse oder Sauron.
Aber trotzdem wird es irgendwann an verschiedenen Stellen große, rostige Schilder geben mit der Aufschrift: Hier baut die Bundesrepublik Deutschland und das Land Berlin ein mobiles, bodengestütztes Waffensystem zur Abwehr finstrer Mächte. Geplante Fertigstellung: 2049.

Robert Rescue bei uns hier. Zu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“. Und bei „Abweichendes Verhalten – Der Talk“ in Berlin ist er regelmäßiger Stargast.
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