Geschrieben am 1. Februar 2025 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2025

Robert Rescue: Die unglaubliche Geschichte von Justus und der Buslinie

Seit kurzem besteht auf der Tramlinie M13/M50 von Virchow-Klinikum Richtung irgendwo im Osten mal wieder Schienenersatzverkehr. Geplant bis Dezember, aber es wäre nicht verwunderlich, wenn es länger dauert. Irgendwas ist mit den Gleisen nicht in Ordnung, die sie, meiner Erinnerung nach, erst vor ein paar Jahren ersetzt haben. Deshalb Ersatzverkehr mit Bussen. Ich stehe an der Haltestelle Seestraße und es kommt kein Bus. Also laut BVG-App schon, also jetzt, aber wenn ich vom Display hochschaue, dann entspricht die Wirklichkeit nicht der Prognose. So geht das schon seit 40 Minuten. Anfangs standen hier 10 Leute, dann 60, jetzt sind es über 200. Wir werden nicht alle in den Bus passen, der ja bestimmt gleich kommt.

Es wird ein Hauen und Stechen geben. Survival of the schubsen und treten. Auf der App steht schon wieder, dass jetzt ein Bus kommt. Aber es kommt kein … doch jetzt kommt einer. Die Menge gerät in Bewegung, alle rüsten sich und recken den Kopf in Richtung Fahrbahn. Mütter stellen sich drauf ein, ihre Babys in dem Gemenge zu verlieren, Senioren und Kinder könnten auf den nächsten Bus warten, die haben ja Zeit, aber wird jemals noch einer kommen? Muskeln obsiegen über Gekeife und Tränen. Aber es handelt sich um den Bus 106, der endet hier. Die Menge erschlafft körperlich, doch im Geiste sind alle auf 180. Das Adrenalin pumpt, die Gedanken werden wirr und manch einer ist bereit, beim nächsten Bus auf jede Erziehung, auf jede Ethik zu pfeifen. Der Bus hält, entlässt zwei Leute und fährt von dannen. Kann der nicht in Richtung Schönhauser Allee fahren? Ist doch bestimmt ein Klacks für den. Aber nein, so fällt es mir ein, die BVG ist ja im Arsch. 350 Busfahrer fehlen mindestens und die, die noch arbeiten, schieben Überstunden und können nichts kompensieren. Das BVG-Busangebot, so habe ich gelesen, sei auf das Niveau von 2016 zurückgefallen. Ich kann nicht ganz einschätzen, wie schlimm die Meldung ist, weil ich mich an das Busangebot von 2016 nicht mehr erinnern kann. Liegt wahrscheinlich daran, dass ich das Busfahren meide, außer es ist Ersatzverkehr, die U-Bahn fährt nach den Mondphasen und die S-Bahn, welche S-Bahn? Ich muss an diese Zeitungsmeldung aus dem Sommer denken. Irgendwas mit Nordberlin und einem Bus. Ein Bus ohne Fahrer? Ein Prototyp-Bus oder war der erfunden? Ich schüttele den Kopf und schaue auf die App. Jetzt kommt ein Bus, hahaha, aber vielleicht der in sechs Minuten? Was hatte es denn jetzt mit diesem Bus auf sich?

Justus ist 16 Jahre alt und wohnt in Frohnau an der Grenze zum sagenhaften Land Brandenburg. Und in diesem Brandenburg liegt der Ort Schildow und aus unerklärlichen Gründen wollen die Bewohner von Schildow etwas mit Berlin zu tun haben. Vielleicht haben sie dort Verwandtschaft, die sie besuchen wollen, um sie vom Wegzug zu überzeugen? Auf jeden Fall wollen die Bewohner von Schildow öffentliche Verkehrsmittel nutzen, um über Glienicke nach Hermsdorf zu gelangen, aber das ist ein Abenteuer. Die BVG hat die Streckenpläne ausgedünnt, die Arbeitszeiten der Fahrer sind mies, und weil der Bus nur alle Schaltjahre kommt, ist die Stimmung entsprechend – die Teenager machen auf halbstark, einige Mitfahrer wollen mal verbal loswerden, was sie ihr Leben lang beschäftigt und die gemäßigten Nordberliner fühlen sich, als wären sie in Mitte.

Justus legt eine erstaunliche Höflichkeit an den Tag, als er den Zustand des öffentlichen Nahverkehrs in Nordberlin so zusammenfasst: „Schildow und Glienicke sind unzureichend an die Berliner S-Bahn und U-Bahn angebunden.“

Von einem normalen 16-Jährigen würde man einen solchen Satz nicht erwarten, da kennt man eher so etwas wie: „Ich geh jetzt mal looten. Danach dann modeln oder napflixen oder merkeln. Danach Banalverkehr mit dem Bratan, dem Snackosaurus.“

Aber Justus weiß noch weiter zu überraschen. Er blickt zu der Haltestelle, an der die Gebeine eines Fremden liegen, der den letzten Bus verpasst hat und sagt folgendes Denkwürdiges: „Ich werde mich ins Zeug legen und eine Lösung erarbeiten.“

Zwei Jahre vergehen. Justus hat das Elternhaus nicht ein einziges Mal verlassen und die Zeit am Schreibtisch mit Fahrplänen, Landkarten und Tabellen verbracht.

Er verpasst die erste Liebe seines Lebens, diverse Schulausflüge mit fetten Abstürzen, wegen Dauerfehlens wird der ehemalige Musterschüler zum schlechtesten Schüler aller Zeiten, aber die geradezu „alchemistische“ Betätigung am Schreibtisch, pendelnd zwischen Genie und Wahnsinn, bringt ein Ergebnis, das es lange nicht mehr gegeben hat – den Bauplan einer funktionierenden Busverbindung ohne Stau, ohne Verspätung. Der Bus X26, so der Arbeitstitel, würde nicht mehr am S-Bahnhof Hermsdorf enden, sondern weiterfahren über den U-Bahnhof Alt-Tegel bis zum S-Bahnhof Tegel und damit für eine optimale Anbindung sorgen. „Meine Berechnungen haben ergeben“, so Justus mit einem Lächeln, das verrät, dass sein Verstand nicht mehr derselbe ist wie vor zwei Jahren, „dass der Bus immer pünktlich abfahren und ankommen wird. Egal, wie man es dreht und wendet. Selbst als Geisterfahrer und auch autonom. Ich denke, ich kann mit Gewißheit sagen: It´s Kind of magic.“

Justus rollt seine Unterlagen zusammen, diese Pläne, die in der Lage zu sein scheinen, den Berliner Nahverkehr in den Grundfesten zu erschüttern und eilt zum Infrastrukturausschuss von Glienicke, der schier aus dem Häuschen ist und sogleich beschließt, einen Doppeldeckerbus anzumieten, um eine Probefahrt mit dieser zauberhaften Verbindung zu unternehmen. Danach wolle man die BVG informieren und das weitere Prozedere besprechen.

Als der Tag da ist, ist der Andrang riesig. Die gesamte Strecke ist gesäumt von Publikum. Die Leute sind freundlich, überall ist ein Lächeln zu sehen. Es gibt Achterbahnen, Auto-Scooter und Popcorn. Ständig steigen Leute zu, das Gefährt ähnelt nun einem Linienbus in Mumbai, begleitet von einer Horde Nordberliner wird die Endhaltestelle erreicht, wo manche im Eifer der Entrückung beschließen, in den Wedding fahren zu wollen, was sie aber bald bereuen, denn sie werden eine Ewigkeit brauchen, bis sie dort ankommen und die gleiche Zeit, bis sie zurückfinden werden.

Aber das ist eine andere Geschichte.

Am S-Bahnhof Tegel nähert sich eine schwarzgekleidete Gestalt mit Kapuze der Auskunftssäule und drückt den Knopf.

Schwarze Wolken ziehen am Himmel auf, es blitzt und donnert. Es ist das Wetter, bei dem Judas Jesus verraten hat und die Ideen von Visionären mit dem Denken der Ewiggestrigen und Inkompetenten kollidierten und dann loderten Scheiterhaufen und die Guten verloren.

„Wattn?“, ertönt es aus der Säule.

„Kasulke hier. Gib mal die BVG. Für die Bahn habe ich heute nix.“

„Tachchen. Die Säule ist defekt. Wir können Ihnen nicht helfen. Gehen Sie bitte weg.“

„Kasulke hier. Bin gerade in Tegel. Hier hat ein Junge eine funktionierende Buslinie erfunden und die Leute feiern ihn. Da dachte ich, ich sach Bescheid.“

„Eine funktionierende Buslinie erfunden?“

„Genau. Haben ja schon einige versucht, diese Strolche.“

„Wir kümmern uns drum.“

Es gibt einige Regeln in Berlin und zwei davon seien an dieser Stelle hervorgehoben: Regel Nummer 1: Niemand erfindet einfach mal so eine Buslinie. Also kann er schon, irgendwie in einem Computerspiel, auf einem Straßenteppich oder in einem kurzen gedanklichen Urknall zwischen Bier Nummer 11 und 12.

Regel Nummer 2: Wenn Regel Nummer 1 sich ankündigt, dann bitte gefälligst die BVG verständigen und auf die Herren in Schwarz warten, die das Malheur aus der Welt schaffen, denn wie jeder wissen dürfte, ist das Erfinden von Buslinien das ausschließliche Recht der BVG und ist ebenso heilig wie das Recht der katholischen Kirche, Hexen und Zauberer zu verbrennen und das Recht des Fürsten zum Erst-Beischlaf.

In den USA kommen die Herren in Schwarz, wenn die Bürger glauben, ein UFO gesehen zu haben. Die Herren in Schwarz sorgen dann dafür, dass die Bürger glauben, kein UFO gesehen zu haben. In Berlin geht es darum, Entwicklungen zu stoppen, die das tiefe, innere Sein der Stadt beeinträchtigen, also zum Beispiel Dinge, die Prozesse vereinfachen, die Kosten verringern, die insgesamt das Leben wertvoller machen und Hoffnung spenden. Und so kommen die Herren in Schwarz zum Elternhaus von Justus, ziehen dort so stabförmige Dinger raus, die aussehen wie diese lächerlichen Elektro-Zigaretten oder Tauchsieder und betätigen diese Dinger vor Justus und seinen Eltern, eine Art Blitzlicht ist zu sehen und dann ist alles rund um den Bus X26 vergessen.

Und so endet diese Geschichte damit, dass Justus am nächsten Tag an der Bushaltestelle steht und wartet. Kurz hat er einen Gedanken, aber er schüttelt den Kopf. Gestern haben sie auf dem Dorfplatz eine Menge Energy-Drinks gekippt, um die Rückkehr von Daniel zu feiern, der nach zwei Jahren vom Oma-Besuch in Steglitz zurückgekehrt ist. Wohl war eines der Getränke zu viel und lässt ihn glauben, mit dem Bus könnte etwas anders sein als sonst.

Robert Rescue bei uns hier. Zu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“. Und bei „Abweichendes Verhalten – Der Talk“ ist er regelmäßiger Stargast.

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