
Was lange währt, wird endlich was
Wenn man am Spittelmarkt aus der U-Bahn steigt, kommt man nicht direkt über die Straße zum Haus PETRI. Ich hätte ja eine Ampel direkt davor erwartet, aber weit und breit ist keine zu sehen. Vielleicht ein Planungsfehler, der bislang niemandem aufgefallen ist?
Man muss unter der Brücke hindurchgehen, über ein paar dort wohnende Personen steigen und auf der anderen Seite die Kleine Gertraudenstraße hochlaufen, um zum jüngsten Museum von Berlin zu gelangen, dem Haus PETRI. An einem Empfang sitzen zwei Mitarbeiter von WEWATCH und schauen konzentriert in Monitore, wo sie die Überwachungskameras im Blick behalten. WEWATCH stellt auch die Sicherheitsmitarbeiter in der U-Bahn. Vielleicht kann man beim Verlassen der Örtlichkeit nachfragen, wann die Bahn fährt. Andere Mitarbeiter haben weniger Glück als die Kollegen am Tresen. Sie stehen irgendwo rum, glotzen den ganzen Tag auf ihr Handy, vertreten sich ab und zu die Beine und achten darauf, dass die Besucher nicht einen alten ledernen Schnürschuh von 1568 mitnehmen.
Das Haus PETRI versammelt im Prinzip alles, was in Berlin je aus früheren Besiedlungen ausgegraben wurde. Wissen ja die wenigsten, dass sich im Laufe der Zeit nicht nur Schwaben, Spanier und westdeutsche Wehrdienstverweigerer hier niedergelassen haben, sondern auch Phönizier, Goten und so durchgeknallte Fernschiffer. Diese Seeleute stammten allesamt aus der Gegend um Köln und irgendwie erinnerte sie die sumpfige, karge Landschaft an ihre Heimatstadt und deswegen nannten sie den südlichen Teil der frühen Siedlung Cölln (mit C und zwei ll). Der nördliche Teil war dagegen von anderen bewohnt und wurde Berlin genannt. Das eigentliche Köln (mit K und einem L) wurde im Mittelalter zeitweilig auch mal Cölln (mit C und 2 ll) genannt, aber auch Koln, Coellen, Kollen oder auch Cöln (mit C und einem L) war mal im Umlauf. Es steht zu vermuten, dass die exilierten Kölner mit Drogen hantierten und nicht wussten, wie sie ihre Siedlung nun genau nennen sollten, während die nördlichen Berliner seit dem Jahr 1237 konsequent bei der einen Schreibung und Aussprache blieben, und wer was von kreativen Umgang mit Stadtnamen und lebendige Sprache faselte, konnte ja in den Süden zu den Irren auswandern und jeden Tag einen neuen Ortsnamen lernen.
Die Berliner haben eines Tages mal runtergemacht nach Cölln und haben jedem ein Messer an den Hals gehalten und wer nicht mit einem inbrünstigen „Ich bin ein Berliner“ die Seiten wechselte, für den endete ein entbehrungsreiches, mittelalterliches Leben. Die wenigen Überlebenden gründeten später den Hermannplatz und bald darauf Neukölln.

Das Haus PETRI wurde auf den Resten einer ehemaligen Lateinschule erbaut, daneben befand sich die Petrikirche, die damals das Herz von Cölln oder wie auch immer war und direkt daneben befand sich ein Friedhof, wie das seit ehedem so üblich war.
Im Untergeschoß gibt es Mauer- und Straßenreste, also so richtig Berliner …äh…Cöllner Straßenleben vor round about 780 Jahren. Und es gibt ein Beinhaus für die Überreste von den Leuten, die bei Grabungen zwischen 2007 und 2020 gefunden, im ALEXA zwischengelagert und bei der Eröffnung in das Beinhaus zurückgebracht wurden. Ich wollte gerade recherchieren, aus welchem Material diese Gebeinkisten bestehen, aber Google zeigt mir nur Einträge zum Begriff Gemeinkosten. Dieses Internet ist manchmal zum Kotzen. Vielleicht ist es Pappe oder Holz oder Stahl, keine Ahnung.
Vor dem Beinhaus befinden sich auf Ständern mehrere Totenverzeichnisse, wo man mehr über diese Ur-Berliner erfahren kann. Auffällig ist, dass die meisten an Entzündungen der Nasennebenhöhlen starben. Wie kommt das? Wahrscheinlich aus hygienischen Gründen. War ja damals nicht so sauber wie heute. Da haben die ein paar Pesttote verscharrt und den Schnodder mit der Hand abgewischt und prompt war der Erreger in der Nase und aus die Maus. In manchen Kisten liegt nur ein Unterschenkelknochen. Die Verantwortlichen vom Haus PETRI weisen drauf hin, dass dahinter mal ein vollwertiger Mensch stand, der hier lebte, liebte, atmete und pöbelte. Aber eine extra Kiste für einen Knochen? Hätte man die Beine nicht gesammelt in eine Kiste packen können?
In den übrigen Stockwerken befinden sich die Arbeitsstätten der Archäologen, sowie Magazine und ein paar Ausstellungsstücke, wild durcheinandergemischt.
Da gibt es zum Beispiel Mammutknochen, kaum zu glauben, es gab Mammuts in Berlin, daneben, alte Wasserflaschen oder Stuckreste, dann Straßenschilder, Grabsteine von Hunden (die Dackel von Kaiser Wilhelm Zwo), ein Stein, der die Größe von Julius Cäsar (häh?) feiert und mittelalterliche Würfel. Diese Würfel waren unglaublich klein, etwa 5-8 Millimeter Kantenlänge (heutzutage üblich: 16 Millimeter) und man fragt sich, was die im Mittelalter mit so kleinen Würfeln angefangen haben? Man kann kaum die Augenwerte erkennen. Die Menschen waren ja früher kleiner als heute, hatten die auch kleinere Finger? Oder haben die mit den Scheiß kleinen Würfeln gespielt, bis eines Tages einer eine Erleuchtung hatte und gerufen hat, ihm reichts jetzt, er sägt sich jetzt einen Würfel mit 16 Millimeter Kantenlänge und dann machte die Sache endlich Spaß.
Auf jeden Fall, bei der Betrachtung von all dem Zeug, da habe ich gedacht, die Archäologen könnten sich mal mit der Frau Kasulke aus dem Seitenflügel kurzschließen. Ich bin sicher, was die so im Keller liegen hat, könnte locker in das Museum passen, wo die haufenweise Keramiktöpfe aufbewahren, so wie in der Antike, aber im Haus PETRI sind die halt teilweise aus dem 18. Jahrhundert, da wird halt alles aufbewahrt, was irgendwann mal zerdeppert wurde. Also wenn ich da was zu sagen hätte, würde viel rausfliegen. Mehr Mammut, mehr Säbelzahntiger und was von Hitler, würde ich sagen.
Auf dem Dachgeschoß kann man sich die Gegend anschauen. Gottseidank haben die Museumsmacher in die Ferngläser alte Stadtansichten reingeklebt, was bestimmt so eine Protesthaltung ausdrückt, weil rund ums Haus PETRI sieht es scheiße aus. Auf der Fischerinsel gegenüber stehen Plattenbauten und die Gertraudenstraße in Richtung Rotes Rathaus ist vollgepflastert mit Bürotürmen. Ist doch ein Unding, ein Museum für Stadtgeschichte ausgerechnet dahin zu bauen, wo nichts mehr mit Stadtgeschichte ist. Wahrscheinlich so ein typischer Berliner Planungsfehler, würde ich sagen, wen ich was zu sagen hätte.

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Robert Rescue bei uns hier. Zu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“. Und bei „Abweichendes Verhalten – Der Talk“ in Berlin ist er regelmäßiger Stargast.
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