Wieder eine Gelegenheit verpasst …
Als Klaus, einer der beiden Chefs vom Copyshop, mir vorschlug, bei ihnen im Laden zu arbeiten, erzählte er auch vom Konflikt zwischen Anastasia und Olga. „Die eine ist aus Russland, die andere aus der Ukraine“, meinte er. „Da ist ja heutzutage ein Konflikt vorprogrammiert. Die haben sich vor einem Jahr beide zeitgleich beworben und eigentlich brauchten wir nur eine neue Kraft im Laden. Wir haben aber dann beide eingestellt, weil wir keine diskriminieren wollten. Natürlich wollen beide nicht zusammenarbeiten, was bei der Schichtplanung immer mal wieder Probleme bereitet.“
Ich bin jetzt 8 Monate dabei und kann sowohl mit Anastasia als auch mit Olga. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass ich nicht weiß, woher sie beide nun genau kommen. Anastasia und Olga bieten auch keine Orientierung. Kann sein, dass die Namen im russischen und ukrainischen anders gesprochen werden, aber beide weisen auf derlei Details nicht hin. Sie sprechen deutsch mit osteuropäischem Akzent und hin und wieder mal ihre Landessprache, wenn sie telefonieren, aber keiner von uns anderen ist in der Lage, russisch von ukrainisch zu unterscheiden.
Wenn ich mal einen Blick auf ihre Handys werfe, dann sehe ich das kyrillische Alphabet. Es soll da Unterschiede geben, so viel habe ich schon rausgefunden, aber welche genau, keine Ahnung. Das Thema Nationalität oder politische Einstellung zu hier und da meiden alle Kollegen. Klaus und Lothar, also die Chefs, wissen auch nicht mit Bestimmtheit, woher Anastasia und Olga kommen. Bei der Einstellung wurde mal darüber gesprochen, aber das ist lange her. Der Kollege Uwe meint sogar, es könne auch sein, dass beide aus Russland kommen oder beide aus der Ukraine und der Konflikt hätte einzig persönliche Gründe. Wir würden gerne Näheres herausfinden, aber es ergibt sich keine Gelegenheit dazu, was im Wesentlichen mit der Arbeitsteilung im Laden zu tun hat. Mitarbeiter 1 beginnt die Schicht um 9 Uhr vorne im Laden und bedient die Kunden, die einfache Kopiersachen erledigen wollen. Um 11 Uhr erscheint Mitarbeiter 2. Einer der beiden Kollegen wechselt in die hinteren Räume und bedient da den sogenannten „Controller“, einen PC samt Kopierer zur Erledigung spezieller, täglicher Arbeiten für einen Großkunden.

Um 15 Uhr endet die Schicht von Mitarbeiter 1 und sie/er geht nach Hause. In der Regel haben sich die beiden Mitarbeiter nur zur Übergabe und Feierabend getroffen, also nur „Hallo“ und „Tschüss“ miteinander ausgetauscht. Da bleibt natürlich kein Raum für ein diplomatisches Gespräch über die Herkunft und die Frage, was man von Russen oder Ukrainern hält. Selten ergibt es sich, dass die Person am „Controller“ früher fertig ist und sich mit vorne zur Kasse setzt und da mithilft.
Wenn der Laden dann mal leer ist, quatscht man selbstverständlich miteinander. Vielleicht versucht man sich vorzutasten, aber dann kommen wieder Leute, es gibt was zu tun und danach ist der Faden gerissen. Von Olga weiß ich daher nur, dass sie hinten am „Controller“ gerne Podcasts über das Handy hört und ihr Sohn in München studiert. Von Anastasia weiß ich, dass sie einen weiteren Nebenjob hat und direkt neben dem Copyshop wohnt, also den kürzesten Arbeitsweg von allen hat. Keine von beiden sagt mal so etwas wie „Ich finde alle Russen doof“ oder „Ich würde am liebsten alle Ukrainer töten“.
Mit Ukrainern übrigens verbinde ich das schlimmste Erlebnis im Copyshop. Ein junges Pärchen wollte Kopien ihrer Aufenthaltstitel machen. Der Mann war so ein lustiger Typ. Ich kopierte ihre Dokumente, irgendwas lief schief und ich zerriss aus Datenschutzgründen Papiere und warf sie in den Papierkorb. Er fragte sofort feixend: „Originale?“ und ich erschrak ins Mark. Mein Gesichtsausdruck muss furchtbar gewesen sein. Aber es waren Gott sei Dank die Kopien gewesen, alles war gut. Ich habe danach drei Monate lang jede Fehlkopie dreimal überprüft, bevor ich sie wegschmiss.
Heute haben Anastasia und ich Dienst. Die Kollegin ist noch in der Küche zugange. Ein älteres Ehepaar kommt in den Laden und steuert den Tresen an. Sie beginnen auf mich einzureden, aber ich verstehe kein Wort. Auf jeden Fall was Osteuropäisches. Der ehemalige Flughafen Tegel ist jetzt eine Unterkunft für geflüchtete Ukrainer und es könnte gut sein, dass sie dort herkommen. Der Mann spricht in sein Handy und hält es mir hin. Wir wollen Kontoauszüge kopieren, lese ich vom Display ab. Ich tue mich schwer mit dieser Art der Kommunikation mittels Google Übersetzer. Ich habe keine Lust, ständig das Handy hin und her zu reichen, da reinzusprechen und dann eine Übersetzung zu lesen. Es ist mühsam, sie sprechen kein Deutsch und kein Englisch. Okay, Kontoauszüge. Auf Papier oder auf dem Handy? WhatsApp oder als Dokumente im Foto-Ordner, irgendwo zwischen 10000 Fotos. Haben sie eine Mailadresse, können sie das Mailprogramm auf dem Handy bedienen? Die Kontoauszüge als PDF oder als Bilddatei, schlimmstenfalls mit Daumen drauf und einer Plüschdecke im Hintergrund.
Es wird eine Weile dauern, bis ich mit ihnen diese Fragen geklärt habe, während andere Kunden rumplärren. Könnte Anastasia die beiden nicht betreuen, sie ist doch noch da und wird sie verstehen. Aber was ist, wenn es sich bei dem älteren Ehepaar um die jeweils andere Nationalität handelt? Wird sie meinen Wunsch ablehnen und verschwinden? Die Senioren beleidigen, angreifen und töten? Ich rufe sie und sie erklärt sich bereit, zu helfen.
Die nächsten etwa 20 Minuten behalte ich die drei im Auge. Es scheint zu harmonieren. Geduldig erklärt Anastasia dem Mann, wie er das Mailprogramm benutzt und die Dateien schickt. Natürlich dauert es länger als bei anderen. Aber es gibt kein Geschrei, keine Rempelei, sie scheinen gerade friedlich miteinander umzugehen. Aber sind sie jetzt Ukrainer oder Russen? Ich höre mehrmals das Wort „spasiba“. Das kenne ich. Ich glaube, es ist russisch. Oder ukrainisch? Ich gehe zu einem der PCs, achte darauf, dass mich Anastasia und das Senioren-Paar nicht beachten und google. Also russisch und Anastasia benutzt „spasiba“, ohne das Gesicht zu verziehen. Also ist sie die Russin und Olga die Ukrainerin! Aber viele Ukrainer sprechen russisch, wenn auch inzwischen ungern. Vielleicht hat sie den Rentnern auch gesagt, dass sie am liebsten ihre Gebeine kochen will, sie haben es ignoriert, weil sie Kontoauszüge drucken wollen und ich habe es nicht verstanden. Womöglich greift meine Kollegin gleich zur Schere und es gibt ein Blutbad.
Nach einer Weile sind sie fertig. Die Rentner geben ein fürstliches Trinkgeld und sind zufrieden. Soll ich nachfragen, woher sie kommen? Aber dann kommt wieder der Google-Übersetzer zum Einsatz. Soll ich Anastasia fragen, ob sie übersetzen kann? Ich lasse es bleiben, das ist mir alles zu kompliziert jetzt.
Verdammt, das wäre die Gelegenheit gewesen, alles aufzuklären!
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Robert Rescue bei uns hier. Zu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“. Und bei „Abweichendes Verhalten – Der Talk“ in Berlin ist er regelmäßiger Stargast.
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