Geschrieben am 1. April 2024 von für Crimemag, CrimeMag April 2024

Robert Rescue: Bleibt da, wo ihr herkommt

Eine Kurzgeschichte

„Hoffentlich sind wir die bald los“, murmelt Akira Kallas und blickt voller Abscheu auf die Horde junger Leute, die am Eingang des „Orpheus“ auf Einlass wartet. „Bis auf einen. Der hat das Zeug zum Anführer, ein Machertyp, eine Persönlichkeit, auf den die anderen hören. Kurzum, ein Clubmanager. Gut möglich, dass er sein Potenzial noch nicht erkannt hat. Daher ist es unsere Aufgabe, diese Kompetenz in ihm zu wecken und auszubilden.“

Um 3 Uhr morgens haben sich vor dem „Orpheus“ eine Menge Leute eingefunden, die sich in zwei Gruppen aufteilen. Ein Teil verhält sich unauffällig und schaut arrogant auf die andere Gruppe herab. Sie tragen extravagante Partykleidung: weite Stoffhosen, durchsichtiger Mesh, Polyester-Blazer, die Frauen Sling Ballerinas, die Herren Springerstiefel, insgesamt alles, was gerade angesagt ist.

Die andere Gruppe ist laut, um nicht zu sagen, prollig. Viele in weißen T-Shirts und Bluejeans und hackedicht, was auch ein Unterscheidungsmerkmal zur anderen Gruppe darstellt, deren abgeklärte Ruhe vor allem von Fentanyl, Koks und Ecstasy herrührt. Dieser Mix lässt sie erst ausflippen, wenn es angebracht ist.

„Berlin ist die Partymetropole Deutschlands“, erklärt Akira Kallas. „Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Viele junge Leute ziehen aus kleinen Städten und Dörfern nach Berlin und haben nichts anderes im Kopf, als Party zu machen. Die denken, hier wäre Dorfkirmes wie bei ihnen zuhause, aber da irren sie sich. Hier gibt es keinen Auto-Scooter oder sonstiges Halligalli, wo sie einen auf dicke Hose machen können. Und die Klamotten, die die anhaben! Furchtbar! Ihr Musikgeschmack ist unterste Schublade. Die wollen, dass der DJ was von Falco spielt oder irgendeinen Mallorca-Ballermann-Hit. Unsere DJs, die besten aus New York, Monaco und Stockholm, widert das zurecht an und drohen mit Abwanderung. Wir Berliner Clubbetreiber haben das assige Verhalten der Landeier lange hingenommen, ja, weil die viel Geld im Club lassen, aber irgendwann leidet der Ruf und der ist wertvoller als deren Kohle. Die hauptstädtischen Clubgänger, meist mit Influencer-Hintergrund, beschweren sich erst bei uns, dann posten sie was. Spätestens dann muss man als guter Clubmanager hart auf die Bremse steigen und sich überlegen, wie man das Problem löst.“

Akira Kallas ist der Mastermind eines neuen Förderprogramms in Zusammenarbeit mit den Berliner Clubs und dem Senat. Allerdings ist der Senat nicht offiziell beteiligt, denn der Zweck des Programmes läuft dem offiziellen Auftreten des Landes Berlin zuwider. Jeder Kontakt zwischen den Clubs und dem Senat erfolgt über Kuriere, die sich als Crack-Dealer im Wedding tarnen.

Als Verständigungssprache wird klingonisch verwendet. Den „heiklen“ Auftrag des Programms erklärt Akira Kallas so: „Wenn die ganzen jungen Leute aus Posemuckel und Hintertupfingen nach Berlin kommen, dann bleiben die Orte leer und haben keine Zukunftsperspektive mehr. Die Eltern werden alt und sind unproduktiv, während es sich der Nachwuchs, beispielsweise bei einem dreifachen Red Bull mit Fentanyl, gutgehen lässt. In gewisser Weise findet da eine Art „Brain drain“ statt, auch wenn man bei der charakterlichen Bildung bei vielen dieser Landeier nicht unbedingt von „brain“ sprechen kann. Ich meine, das sind keine Sales Manager, Programmierer oder Community-Moderatoren. Das sind Fleischereifachverkäuferinnen und Bauern. Die sind natürlich auch wichtig für die Volkswirtschaft und die gesellschaftliche Entwicklung und das ganze Pipapo, aber Berlin braucht deren Partylaune nicht. Die sollen zuhause bleiben und da am Wochenende feiern. Die Bauern zum Beispiel brauchen wir für die Limetten in den Drinks oder für Kartoffeln. Berlin braucht Kartoffeln, aber wir wollen keine kartoffelverarbeitende Gewerke hier haben, schließlich sind wir Partymetropole. Wenn die jungen Leute also da bleiben, wo sie herkommen, bleiben ihnen nur so Dorfdiscos mit Namen wie „Todeskreisel“, „La Ola“ oder „Bei Tante Rosi“. Gott, sind das furchtbare Namen! Also, ich würde, wenn ich meine Samstagabende im „Todeskreisel“ verbringen müsste, auch den dringenden Wunsch haben, nach Berlin zu ziehen. Persönlich kann ich die jungen Leute irgendwie verstehen. Wir haben uns daher überlegt, dass Berlin großzügig ist und ein Ausbildungsprogramm startet und es einer ausgesuchten Anzahl von jungen Leuten ermöglicht, hier das Handwerk des Clubmanagements zu lernen, damit die Absolventen dann zurück nach Hinter-Duggingen gehen und dort einen coolen Club aufmachen, der zum Anziehungspunkt des gesamten Region wird. Der Wunsch, in Berlin mal richtig abzufeiern, wird sich dann schnell legen und wir sind dann wieder unter uns.“

Akira Kallas gibt den Türstehern am Eingang ein Zeichen. Aus der Gruppe Landbevölkerung wird einer herausgefischt und zu ihm gebracht. „Ich muss zugeben, dass Programm wird von der Zielgruppe nicht bereitwillig angenommen. Denen erscheint es wohl abwegig, eine Clubszene wie hier in ihrem Kaff etablieren zu können. Daher wenden wir etwas Nachdruck an. Der Junge da drüben hat sich alles genau angeschaut im Türbereich, hat die Türsteher beobachtet und das alles seelenruhig in sich aufgenommen. Vermutlich war er am überlegen, wie sich die Außenwirkung des Clubs optimieren lässt, und das ist einer der grundlegenden Skills eines Managers. Wir haben bisher 7 Leute rausgepickt, die gerade die 13-wöchige Ausbildung durchlaufen. Da ist alles drin. Kreativitätsförderung, Buchhaltung, Mediengestaltung, Immobilienmanagement, Logistik usw. Wir verbringen die Bewerber in die „Academy for Subcultural Understanding“ aka Keller und machen sie mittels Drogen gefügig.

Die erleben die 13 Wochen wie im Traum. Um sicherzustellen, dass die „Rückführung“ der Personen einwandfrei verläuft, manipulieren wir ihre Persönlichkeit und pflanzen ihnen eine neue ein. Natürlich schicken wir die Leute dann nicht in ihre ursprüngliche Heimat, das würde zu Komplikationen führen. Nächste Woche wird der Timo fertig. Der heißt dann Klaus und geht nicht zurück nach Nastätten, sondern nach Meckenhausen und eröffnet dort das „Kalliope“, den künftigen Hotspot in Mittelfranken, der in seiner Organisationsstruktur dem „Orpheus“ 1:1 gleicht. Ein Club in einer ehemaligen Dorfschule, das fetzt. Der Bürgermeister war hellauf begeistert, in Sachen Nachtleben mit Berlin gleichziehen zu können und wenn alles klappt, bleiben die Mittelfranken künftig unter sich.“

Akira Kallas nickt aufmunternd, als der Junge an ihm vorbeigeführt wird und schließlich in einem Keller verschwindet. Der Blick des Clubmanagers schweift umher. Gerade ist wieder ein Pulk junger Leute am Eingang angekommen. Ihre Kleidung und Verhalten machen deutlich, dass sie nicht von hier sind. „Die Nacht ist noch jung. Mal schauen, ob ich noch ein talentiertes Landei erwische.“

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Robert Rescue bei uns hierZu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“ und beim Talk Noir im Neuköllner Froschkönig ist er regelmässig unser Stargast.

Kürzlich von ihm erschienen: Diejenigen, die Gegenstände auf die Krokodile werfen, werden aufgefordert, sie zurückzuholen. Periplaneta, 148 Seiten, 13,50 Euro.
Im Herbst 2020 Corona zum Trotz erschienen: Robert Rescue: Das Leben hält mich wach. Berlins müdester Lesebühnenautor trotzt dem alltäglichen Wahnsinn mit Humor. Edition MundWerk, Berlin 2020. 146 Seiten, 12 Euro.

Robert Rescue bei uns. Beispiele:
März 24: Da ist was im Wasser
Januar 24: Ein Zug fährt nach Nirgendwo
Dezember 2023: Unter Fremden
November 23: Wie im Zoo
Oktober 23: Großbritannien kann mich mal
September 23: Der gefährlichste Mann der Welt
Juli / August23: Kim – oder die Sache mit der richtigen Anrede
Juni 23: Wie hat ihnen das Produkt gefallen?
Mai 23: Fenster zum Hof
April 23: Schritte im Hausflur
März 23: Wahl mit Qual: Demokratie endet nicht um 18 Uhr
Februar 2023: Für die Verkehrswende ist es zu spät 
Dezember 2022: Interview mit einem umgeschulten Flugzeugentführer
November 2022: Auf dem Friedhof von Stahnsdorf
September 2022: Die Generalmobilmachung
Juli 2022: Im Berlin Dungeon
Juni 2022: Abends bei Reddit 
Mai 2022: Energie sparen
April 2022: Leben ohne Feind
März 2022: Wenig Raum für Ekstase
Februar 2022: Der Kälte-Gottesdienst
Dezember 2021: Sind doch nur Kinder
November 2021: Geht mit Gott, aber geht
Oktober 2021: Keine Zeit zu sterben
September 2021: Bote aus vergangener Zeit
August 2021: Eine Kurzgeschichte mit Wetter

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