Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Kurzgeschichte – Robert Rescue: Unter Fremden

Tschö, Tschö, Tschö, Tschö, meine kleine Maus, hab dich lieb, Tschö, Tschö, mein kleiner Schatz, Tschö, Tschö, Tschö.

Am ersten Tag, als Detlef aus Spandau in mein Zimmer verlegt wurde, habe ich nicht mitgezählt. Aber ich schätze mal, so zehnmal dürfte ich sein Gesäusel mitgehört haben, als er sich am Handy von seiner Frau verabschiedet hat. Am zweiten Tag war ich aufmerksam und kam auf, sage und schreibe, 21 Mal. Das erste Mal hat er sie um 4:30 Uhr angerufen, aber das zählte nicht mit, weil sie nicht rangegangen ist. Vermutlich ist sie wachgeworden, hat sich zur anderen Seite gedreht und ihn verflucht. 

Detlef litt infolge einer Darm-Operation an Verstopfung, deshalb habe ich das eine Mal am dritten Tag nicht mitgezählt, als er auf dem Klo saß, sich eine erste Änderung seines Zustandes einstellte und er seine Frau anrief, um ihr die frohe Botschaft mitzuteilen. Ich weiß nicht, ob die beiden eine besonders innige Zuneigung verbindet oder ob Detlef das erste Mal seit langem von seiner Frau getrennt ist und das Bedürfnis hat, eine „Nähe“ herzustellen, die zumindest mir übertrieben erscheint. Und ich frage mich, ob sie dieses nervtötende Tschö, Tschö, Tschö, Tschö, meine kleine Maus, hab dich lieb, Tschö, Tschö, mein kleiner Schatz, Tschö, Tschö, Tschö wiederholt, oder es bei einem profanen „Tschüss“ belässt und auflegt, während er seine Litanei herunterbetet.

Warum schreibt er ihr nicht einfach hundert WhatsApp-Nachrichten, wie es alle anderen machen? Bereitet sie während seines Krankenhaus-Aufenthalts die Trennung vor und wird ihn damit am Tag seiner Entlassung überraschen? Es dauert bis zum Nachmittag des dritten Tages, bis seine Frau ihn besuchen kommt und ich verbringe die Zeit damit, mir vorzustellen, was sie für eine Person ist. Völlig aufgedreht an der Grenze zum Wahnsinn oder eher die graue Maus, die sich ergeben hat in den Marotten ihres Mannes, die wahrscheinlich vielgestaltiger sind als das Verabschiedungsgesäusel am Telefon? So ganz kann ich es nicht einschätzen. Sie trägt ein dunkles Kleid und sitzt weitgehend stumm da, während ein anderer Mann und ihr Mann miteinander reden. Der andere Mann. Sowohl seine Frau als auch Detlef siezen ihn, was mich glauben lässt, Detlefs Frau habe ihn vor dem Eingang des Krankenhauses getroffen und einfach mitgenommen. Andererseits klingen sie alle so vertraut miteinander, so als wäre er ein Freund der Familie. Vielleicht sind das so Spandauer Gebräuche, dass sich alle miteinander siezen, auch wenn sie sich schon Jahre kennen? 

Seine Frau hat Apfelsaft mitgebracht, denn Detlef mag Apfelsaft. Dumm nur, dass sich in Kürze herausstellen wird, dass der Apfelsaft für den Durchfall verantwortlich ist, der Detlef jetzt plagt, und insbesondere, dieses Wissen nehme ich aus dem Krankenhaus mit, die Sorte Gerolsteiner Apfelschorle, die quasi nach Einnahme sofort rektal ausgeschieden wird. Derweil versuche ich, an meinem guten Krimi weiterzulesen, bin aber so unkonzentriert, dass ich ständig fünf Zeilen wiederholen muss, weil ich doch zu sehr an Detlefs Leben, dass mir in aller Pracht offenbart wird, teilhabe. Es geht vor allem um Autos, den Detlef ist oder war Autoschlosser und sein BMW irgendwas, ist ihm heiliger als alles andere und ich frage mich einen Moment lang, ob er sich nach getaner Fahrt von dem Auto auch mit einem Tschö, Tschö, Tschö, Tschö, meine kleine Maus, hab dich lieb, Tschö, Tschö, mein kleiner Schatz, Tschö, Tschö, Tschö verabschiedet?

Detlef liest nicht, weder eine Zeitschrift noch ein Buch. Er starrt auf den Fernseher und schaut, was da kommt und das Programm bestimmt Manfred im Bett neben ihm.

Manfred ist alt und hat schon viel gemacht im Leben. Bei der Vorstellung überrascht er uns damit, dass er schon tot sei. Erich Honecker habe ihn umgebracht. Er sei Mauerflüchtling und zur Strafe hat Honecker ein Grab für ihn ausheben lassen. Nach der Wende sei er mal dort gewesen und habe an seinem Grab gestanden. Ansonsten hat Manfred sein Leben lang gearbeitet. Als Fischer, als Hotelkoch, als Lagerarbeiter und mit Bernhard Grzimek war er in den sechziger Jahren in Afrika, allerdings nur zum Urlaub. Jetzt hat Manfred Knochen- und Prostata-Krebs und nimmt gegen letzteres spezielle Tabletten, die den Krebs besiegen sollen.

Die Tabletten befinden sich in einer durchsichtigen Blisterpackung in einem Kartonumschlag, der sich wie ein Buch öffnen lässt, und so sehen Tabletten aus der Apotheke nun gar nicht aus. Manfred erzählt, dass ihn die Blister-Packung 1800 € gekostet hat und dass die Tabletten helfen. Er habe vorher einen Wert von 250 gehabt und jetzt betrage der Wert nur noch 1. Er ist so angetan von den Tabletten, dass er gar keine anderen nehmen will, aus Angst, seine Krebs-Kur könnte Schaden nehmen. Zwar habe ich schon von solchen Krebs-Tabletten gehört, aber bin skeptisch bezüglich der Wirksamkeit, solange Karl Lauterbach nicht sagt, dass die helfen. Manfred hat kein Handy, weshalb er versucht, über das Krankenbett-Telefon (oder wie auch immer die Dinger heißen) seine Frau anzurufen. Diese Telefone könnte die Klinik abschaffen und stattdessen mal eine zweite Steckdose spendieren. Außer Manfred benutzt die doch keiner. Manchmal ruft seine Frau zurück, aber meist ist Manfred nicht da, denn er unternimmt ausgedehnte Spaziergänge auf dem Krankenhaus-Gelände. Weder Detlef noch ich haben Lust, uns aus dem Bett zu kämpfen und an das Ding ranzugehen, auch wollen wir Manfred nicht unsere Handys leihen. 

Immerhin sagen wir ihm Bescheid, das seine Frau angerufen hat und zumindest ich werde dann erinnert an Zeiten, als man tatsächlich telefonisch unerreichbar gewesen ist.

Manfred bestimmt, wie geschrieben, das Fernsehprogramm in dem Ding über meinem Bett und Detlef ist zu bettlägerig, um mehr als einmal dagegen zu protestieren. Manfred schaut DMAX, den Sender, wo es nur Dokumentationen über amerikanische Burger-Bratereien gibt, hemdsärmelige Männer, die Holz hacken und Auto-Tuning Werkstätten. Letzteres müsste Detlef interessieren, aber sein Blick ist trübe auf den Bildschirm gerichtet oder er greift zum Handy, um seiner Frau das neueste aus seinem Krankenhaus-Alltag zu berichten. Tschö, Tschö, Tschö, Tschö, meine kleine Maus, hab dich lieb, Tschö, Tschö, mein kleiner Schatz, Tschö, Tschö, Tschö.

Die Frau von Manfred kommt ihn besuchen, zusammen mit seiner mutmaßlichen Tochter und einer Nachbarin oder Schwester oder sonst jemand. Sie sitzen draußen im Flur und reden über den besten Döner von Reinickendorf. Die Frau von Manfred überweist ihrer Tochter via PayPal übers Handy Geld, während Manfred von den Wunderpillen gegen Krebs erzählt und das man sie ihm im Krankenhaus „verbieten“ wolle und ihn nötige, irgendwelche Pillen zu schlucken, von denen er gar nicht wisse, wogegen die helfen sollen. Manfreds Frau will bei Lieferando Pizza bestellen, aber eine mithörende Schwester weist sie darauf hin, dass das nicht erlaubt sei. Manfred erzählt abermals, dass man ihm seine Pillen verbieten will.

Am Tag der Entlassung schlage ich die Zeit tot. Fünf Stunden dauert es, weil nicht um 6 Uhr morgens Blut entnommen wurde, also haben die Ärzte das Ergebnis nicht pünktlich um 7 Uhr zur Visite vorliegen. Außerdem geht eines der Röhrchen im Labor verloren und wird erst später wiedergefunden. Ich sitze auf dem Bett, als Detlef und Manfred rausgeschoben werden zu einer Operation und sitze noch genauso da, als sie zurückkommen. Beide sind zu benommen, um mich wahrzunehmen. Irgendwann kommt eine Ärztin mit dem Papier rein. Ein letztes Mal vernehme ich Detlefs Tschö, Tschö, Tschö, Tschö, meine kleine Maus, hab dich lieb, Tschö, Tschö, mein kleiner Schatz, Tschö, Tschö, Tschö und sehe Manfred, wie er in der Schublade kramt, um sich zu vergewissern, dass die Schwestern nicht seine Krebs-Pillen geklaut haben. Dann verlasse ich die Station, kehre zurück in mein Leben und werde beide nie wiedersehen.

Robert Rescue bei uns hierZu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“ und beim Talk Noir im Neuköllner Froschkönig ist er regelmässig unser Stargast.

Im Herbst 2020 Corona zum Trotz erschienen: Robert Rescue: Das Leben hält mich wach. Berlins müdester Lesebühnenautor trotzt dem alltäglichen Wahnsinn mit Humor. Edition MundWerk, Berlin 2020. 146 Seiten, 12 Euro.

Robert Rescue bei uns hier. Beispiele:

November 23: Wie im Zoo
Oktober 23: Großbritannien kann mich mal
September 23: Der gefährlichste Mann der Welt
Juli / August23: Kim – oder die Sache mit der richtigen Anrede
Juni 23: Wie hat ihnen das Produkt gefallen?
Mai 23: Fenster zum Hof
April 23: Schritte im Hausflur
März 23: Wahl mit Qual: Demokratie endet nicht um 18 Uhr
Februar 2023: Für die Verkehrswende ist es zu spät 
Dezember 2022: Interview mit einem umgeschulten Flugzeugentführer
November 2022: Auf dem Friedhof von Stahnsdorf
September 2022: Die Generalmobilmachung
Juli 2022: Im Berlin Dungeon
Juni 2022: Abends bei Reddit 
Mai 2022: Energie sparen
April 2022: Leben ohne Feind
März 2022: Wenig Raum für Ekstase
Februar 2022: Der Kälte-Gottesdienst
Dezember 2021: Sind doch nur Kinder
November 2021: Geht mit Gott, aber geht
Oktober 2021: Keine Zeit zu sterben
September 2021: Bote aus vergangener Zeit
August 2021: Eine Kurzgeschichte mit Wetter