Geschrieben am 1. August 2021 von für Crimemag, CrimeMag August 2021

Robert Rescue: Eine Kurzgeschichte mit Wetter

Keine Wetteränderung in Sicht

Es gibt Menschen, die hassen das Wetter. Sie verabscheuen den Sommer und den Winter, manche auch den Frühling und den Herbst. Im Sommer ist es ihnen zu warm, im Winter zu kalt, den Herbst finden sie zu nass und dunkel und der Frühling ist alle anderen drei Jahreszeiten in einer. Ein jeder trägt sein Leid und für diese ist es das Wetter.

Es gab mal eine Wetterphase in der Geschichte des Planeten Erde, da hätten es diese Leute sehr, sehr schwer gehabt.  gab es damals, also vor etwa 3,5 bis 4 Milliarden Jahren keine Menschen auf der Erde. Die hätten bei Temperaturen um die 100 Grad eine Menge 24-Stunden-Deos verbraucht, aber viel mehr wäre ihnen der Regen auf den Keks gegangen. Nicht so ein Regen „über Nacht“ oder so etwas ähnliches wie das britische oder Hamburger Wetter. Es regnete die ganze Zeit, dauerhaft oder anders gesagt – 40000 Jahre lang. Manche Wissenschaftler glauben sogar, dass es mehrere hundert Millionen Jahre wie aus Eimern geschüttet hat, aber jetzt ist mal gut. 

Das mit der langen Regendauer macht Sinn, wenn man mit seinem Schippchen und dem Eimerchen an den Gestaden vom Mittelmeer oder der Nordsee steht und sich fragt, wo all das Wasser hergekommen ist? Tja, über Nacht oder drei Tage lang reicht dafür nicht, nee, und ein Jahr, das reicht vielleicht für den Plötzensee und ein Jahrzehnt für den Bodensee. 

Und es war auch nicht bloß ein popeliger Dauerregen oder sowas wie Starkregen, es gab Wirbelstürme, Tsunamis, Hurrikans, Zyklone und was weiß ich nicht noch. Eine Wetter-App auf dem Smartphone hätte eine Push-Nachricht nach der nächsten rausgehauen mit immer extremeren Clickbaiting-Schlagzeilen a la „Starkregen strikes back“, „Hochwasser extrem“ „Tsunami und Zyklon auf einmal“, „Weltuntergang ab 22 Uhr“ und dazwischen mal ein resigniertes „Keine Wetteränderung in Sicht“. 

Die Umlaufbahn des Mondes war noch so niedrig, dass man hinspucken konnte und dementsprechend waren die Gezeiten noch etwas mit Schmackes. Da standen die Leute im Schlick und dachten sich, jetzt ist genug Zeit zum Muschelsuchen und im nächsten Moment wurden sie unter einer 10 Kilometer hohen Welle begraben.

Wenn es doch Menschen gegeben hätte, wie wäre deren Leben verlaufen?

Geboren im Regen, Pubertät im Regen, Ausbildung im Regen, Rente im Regen, Sterben im Regen. 

Die Menschen damals hätten sicherlich viele Synonyme für „Nässe“ gehabt und ihre ganze Kultur wäre auf „Feuchtigkeit“ in allen Nuancen aufgebaut gewesen. Die Klamotten ständig nass, sogar die teure, angeblich „wasserdichte“ Multifunktionsjacke von Jack Wolfskin. In der Hütte lief es von den Wänden, als hätte der Nachbar drüber mehr als ein Vollbad genommen, das Bett war so etwas ähnliches wie ein Wasserbett und zu Essen gab es nur Suppe.

Wie wären Künstler mit diesem allgegenwärtigen Wetter umgegangen? Hätte die Kreativität nur für Lieder wie Raindrops Keep Fallin‘ On My Head, Singin in the Rain, Rain is a good Thing gereicht? Wären diese Künstler vom Publikum gelyncht worden, weil die vom Thema die Schnauze voll hatten? Wären im Gegenzug innovative Künstler mit Liedern, Büchern und Kunst mit Titeln wie A Year without Rain und Why does it always rain on me dagegen vergöttert worden, weil sie den Menschen aus der Seele sprachen? Und was wäre aus dem Musiker geworden, der den Song „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ komponierte, mit dem niemand was anfangen konnte, wahrscheinlich weil im Titel nichts mit Regen vorkam.

Bestimmt hätte es Menschenopfer gegeben, weil irgendwer musste ja schuld an dem Wetter haben. Jeden Tag wurde einer ertränkt. Es gab in dieser Gesellschaft keine andere Form des Todes, was im Gesamtkontext gesehen verständlich ist. Es gab viele Menschenopfer, denn der Tag hatte nur 6 Stunden und das Jahr 1434 Tage und nachdem sich alle geopfert hatten, blieb ein heterosexuelles Pärchen übrig, das sich eigentlich trennen wollte, sich jetzt aber zusammenriss und eine neue Menschheit begründete. Etwa 5000 Jahre lang wurde auf Menschenopfer verzichtet. Alle saßen den ganzen Tag im Schlamm rum, liebten sich und löffelten Suppe, bis wieder genug Menschen existierten, um nochmals zu versuchen, eine höhere Macht zu besänftigen oder jemanden konkret für all den Scheiß verantwortlich zu machen.

Auftritt heterosexuelles Pärchen, in Trennung begriffen, aber wegen der Umstände.

Und dann plötzlich, nach zig hunderten Generationen, die sich längst an das Scheißwetter gewöhnt hatten und nicht mehr die Kraft fanden, dagegen anzupöbeln, brach eines Morgens der Himmel auf und so ein komisches gelbes Ding kam hervor, das Licht und Wärme spendete. Das etwas anders war als sonst, merkten die Menschen zum einen daran, dass die Klamotten trockneten, zum anderen, dass es zum ersten Mal was anderes gab als Suppe. Doch nach wenigen Tagen starben fast alle Menschen an Sonnenbrand, weil sie mit der trockenen Witterung nicht klarkamen. 

Wieder musste das Pärchen ran, dass inzwischen gleichgeschlechtliche Beziehungen bevorzugte, sich aber für den Dienst an der Menschheit nochmal zusammenriss.

Der erste Sohn des Pärchens wurde Schriftsteller und schrieb ein Machwerk über die Zeit des Regens und nannte es „Sintflut“. Das Interesse hielt sich in Grenzen, weil die Leute nicht verstehen konnten, wie man ein Buch über Regen schreibt und dann soll es auch noch 40000 Jahre gedauert haben. Spätere Generationen an Künstlern, die noch nicht über so Themen wie Schrippenkauf im Spätkauf, Tinder, Männerbeziehungen im Wilden Westen oder Burn-out im Großraumbüro berichten konnten, griffen die Sintflut“-Legende auf verdichteten sie auf 40 Tage oder höchstens ein Jahr, weil das vorstellungsmäßig noch irgendwie greifbar war. Und der eine oder andere misanthropische Künstler ließ in einem Boot nur den Ich-Erzähler, seine Frau, den Schwager und die Lieblingsomi überleben und dazu viele Tiere der Welt, aber immer nur ein Pärchen und von manchen keines.

Noch heute ist diese Geschichte den Menschen präsent und es scheint, als wären viele willentlich bereit, diese Geschichte, mit welcher Niederschlagsmenge auch immer, erneut Wirklichkeit werden zu lassen. Bleibt also zum Schluss die Frage: was macht eigentlich das Pärchen?