Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

Robert Rescue: Berlin – Hochburg des Terrorismus

Eine Art Dramolett in 3 Akten

1. Akt: Die Begegnung am Büchertisch

Es ist 5 Jahre her, da hatte die Lesebühne Brauseboys einen Auftritt in Kreuzberg. Nach der Show kam eine ältere Frau an den Büchertisch. Sie kaufte ein Gemeinschaftsbuch und sagte dann zu mir: „Das war ein interessanter Text über die RAF. Also die Vorstellung, wie sie heute so leben und ihre nächsten Aktionen planen. Ich glaube aber nicht, dass Ernst-Volker eine LIDL-Karte hat, die er dann bei einem Überfall benutzen kann.“

„Naja, das war nur eine Vorstellung. Man weiß ja nichts über die. Ich schätze mal, die leben irgendwo in Nordrhein-Westfalen im Untergrund und alle paar Jahre überfallen die einen Supermarkt, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Mich fasziniert so etwas.“

Die Frau vor mir lächelte. „Das mit der LIDL-Karte sollten sie ändern. Ernst-Volker kann diesen Laden überhaupt nicht leiden. Er geht gerne zum ALDI.“

Mann, dachte ich wenig später, was für eine Verrückte. Nirgendwo ist man vor diesen Leuten sicher, die einem nach der Show irgendwas Irres erzählen.

2. Akt: Die Verhaftung

Ein Telefon klingelt.

„Hallo, hier spricht Moin Moinsen vom LKA Niedersachsen.“

„Wat? Moin, wat? Moinsen?“

„Regen Sie sich nicht auf, ist eh ein Tarnname. Könnt ihr mal eine Spur überprüfen? Wir haben auf einem weggeworfenen Döner von „Kemals Döner“ in Papenburg Fingerabdrücke gefunden. Unter uns gesagt, der Döner von Kemals Bude ist scheußlich, den schmeißt jeder weg. Na ja, egal, der Computer behauptet, dass die Abdrücke von Daniela Klette, der RAF-Terroristin, stammen könnten. Die von der RAF müssen tief gesunken sein, wenn sie einen Döner bei Kemals Bude bestellen.

Könnt ihr mal überprüfen, ob die zu einer Claudia Ivone, wohnhaft in Kreuzberg, gehören? Vermutlich ist die Spur kalt wie der Döner von Kemals Bude. Terroristen sind kluge und gemeingefährliche Leute, die würden nie einen halbgegessenen Döner wegschmeißen, aus Angst, dass der gefunden wird. Den von Kemal würden die, ohne mit der Wimper zu zucken, aufessen, ich sage ja, das sind gefährliche Leute.“

„Okay, wir kümmern uns drum, Herr Moinsen. Wir schicken unsere besten Leute hin.“

„Beste Leute? Bei der Berliner Polizei? Guter Witz. Ruft mich an, wenn ihr was wisst.“

Bodo Kasulke und Ingrid Schlottke sind Kontaktbereichsbeamte, die sonst ungezogene Kinder mit Nackenschlägen und Tasern zur Ordnung rufen. Manchmal hetzen sie auch ihren Hund Bolle auf Straftäter, um deren Kampfhunde zu zerfleischen. Der Auftrag, eine möglicherweise gemeingefährliche Terroristin zu verhaften, macht ihnen Sorge. Sie gehen davon aus, dass die gegen Nackenschläge immun ist, ihnen mit einer Kung-Fu-Bewegung den Taser entreißt und die elektrische Entladung aufsaugt wie ein Vampir und Bolle den Kopf abbeißt. Aber Befehl ist Befehl und einfach sagen, es wäre niemand da gewesen und dem Scheiß-Ostfriesen mitzuteilen, er solle sich seine Dönerspur sonst wohin stecken, na ja, das könnte Ärger nach sich ziehen. Sie klingeln an der Wohnungstür.

Eine etwa 65-jährige Frau öffnet die Tür.

„Hallihallo, die Polizei ist da. Haben Sie im November 2023 einen Döner bei „Kemals Bude“ in Papenburg halbgegessen weggeschmissen und sich damit der Umweltverschmutzung schuldig gemacht?“

„Ich bin Daniela Klette“, sagt die Frau plötzlich. „Ich bin Mitglied der RAF und habe diesen Drecks-Staat bekämpft, um die Weltrevolution voranzubringen. Meine Mitglieds-Nummer lautet: 181. Ja, ich habe diesen Döner bestellt und es bereut. Ich bekenne mich schuldig in allen Anklagepunkten.“

Bodo Kasulke und Ingrid Schlottke stehen einen Moment überrascht da. Schlottke holt das Fahndungsfoto heraus, dass ihnen der Chef mitgegeben hat. Es hing von 1995 bis 2011 im Hauptpostamt Marienfelde und von 2011 bis heute auf dem Herrenklo des Polizeiabschnitts Kreuzberg.

„Kommt hin“, ruft er.

„Mensch, Bodo! Wir haben eine Terroristin gefangen“, freut sich seine Kollegin. „Da kommen wir bestimmt ins Fernsehen. RTL, ALEX TV und …und … VOX.“

„Sie sind verhaftet“, ruft Bodo Kasulke. „Nehmen Sie nur das nötigste mit und keine Waffen oder Sprengstoff. Wenn Sie noch jemanden warnen wollen, dann bitte schnell. Die Niedersachsen holen sie noch heute ab.“

„Um Gottes Willen, die Niedersachsen“, ruft Daniela Klette und beginnt zu weinen.

3. Akt: Die Pressekonferenz

Moin Moinsen vom LKA Niedersachsen sitzt gemeinsam mit Berlins Innensenatorin Iris Spranger auf einem Podium. Frau Spranger ist gelernte Bilanzbuchhalterin und fragt sich schon länger, was sie hier überhaupt macht.

„Man kann sagen, dass sich die jahrelange Fahndung der niedersächsischen Sicherheitsbehörden gelohnt hat. Es war klar, dass wir Terroristen mit allen Mitteln jagen, uns nicht abbringen lassen vom Ziel, Niedersachsen und die Welt ein kleines bisschen sicherer zu machen.“

Moin Moinsen lächelt in die Kameras.

Ein Reporter meldet sich zu Wort:

„Daniela Klette war zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung 65 Jahre alt, der noch flüchtige Ernst-Volker Staub ist sogar schon 69 Jahre alt. Glauben Sie, dass die letzten RAF-Terroristen noch eine Gefahr für das Land sind? Gibt es Überlegungen, nach Staub in Seniorenheimen zu suchen? Werden alle drei Ex-Terroristen Rente beziehen?“

„Also, Rente kriegen die bestimmt nicht. Ich kann nicht erkennen, dass ihre Aktionen Tätigkeiten darstellen, die einen Rentenbezug erlauben. Die Menschen sind heutzutage leistungsfähiger im Alter als früher. Ich glaube, dass diese Personen immer noch in der Lage sind, einen Arbeitgeberpräsidenten zu entführen oder ein Gefängnis zu sprengen. Man sollte sich bei Terroristen nicht vom Alter trügen lassen. Die sind gefährlich bis zum Tod. Man sollte sie pfählen, damit sie nicht wieder auferstehen und weitere Taten begehen.

Die Klette hat Nachhilfeunterricht in Mathematik gegeben. Würde mich nicht wundern, wenn sie den Kindern beigebracht hat, dass 1+1 gleich 3 ist, um damit den Staat zu zersetzen. Wir in Niedersachen haben immer geglaubt, dass sich Klette, Garweg und Staub hier aufhalten. Es ist allgemein bekannt, dass Berlin die Hochburg für eine gut vernetzte bundesweit und global agierende linksextreme Szene ist.“

„Jetzt habe ich aber die Faxen dicke“, ruft mit einem Mal Iris Spranger. „Berlin wird ständig schlecht gemacht. Zu langsam, zu unflexibel, alles kaputt. Das mag ja alles stimmen, aber definitiv sind wir nicht die Hochburg für eine gut vernetzte bundesweit und global agierende linksextreme Szene. Das ist ja wohl die Höhe!“

„Ach ja?“, entgegnet Moin Moinsen. „Und was ist hiermit?“

Er lässt ein Video abspielen, auf dem ein Passant interviewt wird. „Da habe ich jahrelang neben der Genossin gewohnt, das gibt’s ja nicht“, sagt er und verabschiedet sich mit der Parole „Rotfront“.

„Ach, das ist nur ein besoffener Wichtigtuer“, entgegnet die Innensenatorin. „Davon haben wir Hunderttausende in der Stadt.“

„Ich denke ja, den Burschen verhaften wir mal“, kontert Moinsen. „Vielleicht weiß der, wo sich Garweg und Staub aufhalten oder er ist einer von beiden.“

„Sie werden gar nichts in meiner Stadt mehr machen, Sie Ostfriesen-Landei“, ruft die Innensenatorin. „Seit Tagen fahren Sie mit ihrem Panzer durch Friedrichshain und machen mit ihrem SEK einen auf dicke Hose. Gehen sie doch in Emden oder auf Norderney Terroristen jagen, von Berlin gibt es keine Unterstützung mehr.“

Die beiden Kontrahenten erheben sich und gehen aufeinander los. Die Pressekonferenz wird abgebrochen. Später wird Berlin sämtliche diplomatischen Beziehungen zu Niedersachsen abbrechen und den Panzer des LKA demontieren, um damit die Einheitswippe vor dem Humboldtforum fertigzubauen.

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Robert Rescue bei uns hierZu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“ und beim Talk Noir im Neuköllner Froschkönig ist er regelmässig unser Stargast.

Kürzlich von ihm erschienen: Diejenigen, die Gegenstände auf die Krokodile werfen, werden aufgefordert, sie zurückzuholen. Periplaneta, 148 Seiten, 13,50 Euro.
Im Herbst 2020 Corona zum Trotz erschienen: Robert Rescue: Das Leben hält mich wach. Berlins müdester Lesebühnenautor trotzt dem alltäglichen Wahnsinn mit Humor. Edition MundWerk, Berlin 2020. 146 Seiten, 12 Euro.

Robert Rescue bei uns. Beispiele:

April 24: Bleibt da, wo ihr herkommt
März 24: Da ist was im Wasser
Januar 24: Ein Zug fährt nach Nirgendwo
Dezember 2023: Unter Fremden
November 23: Wie im Zoo
Oktober 23: Großbritannien kann mich mal
September 23: Der gefährlichste Mann der Welt
Juli / August23: Kim – oder die Sache mit der richtigen Anrede
Juni 23: Wie hat ihnen das Produkt gefallen?
Mai 23: Fenster zum Hof
April 23: Schritte im Hausflur
März 23: Wahl mit Qual: Demokratie endet nicht um 18 Uhr
Februar 2023: Für die Verkehrswende ist es zu spät 
Dezember 2022: Interview mit einem umgeschulten Flugzeugentführer
November 2022: Auf dem Friedhof von Stahnsdorf
September 2022: Die Generalmobilmachung
Juli 2022: Im Berlin Dungeon
Juni 2022: Abends bei Reddit 
Mai 2022: Energie sparen
April 2022: Leben ohne Feind
März 2022: Wenig Raum für Ekstase
Februar 2022: Der Kälte-Gottesdienst
Dezember 2021: Sind doch nur Kinder
November 2021: Geht mit Gott, aber geht
Oktober 2021: Keine Zeit zu sterben
September 2021: Bote aus vergangener Zeit
August 2021: Eine Kurzgeschichte mit Wetter

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