Geschrieben am 1. Juni 2024 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2024

Robert Rescue: Menschen und Orte

Man könnte meinen, Berlin wäre nicht mehr gut für eine sensationelle Meldung. Ständig nur Nachrichten wie „alles kaputt“, „kein Geld“, „Verspätungen und Verlängerungen“ oder alles zusammen. Ein Beispiel: Die sogenannte „Einheitswippe“ als Denkmal an die friedliche Revolution von 1989 und die Wiedervereinigung wird dieses Jahr nicht fertig. Das verantwortliche Stahlunternehmen ist insolvent und in deren Werkshallen steht das „Ding“, das zu 85 % fertig sein soll. Vermutlich landet es als neues Fahrgeschäft mit niedrigem Spaßfaktor im Phantasialand, Berlin wird den Bau neu ausschreiben und die nächsten 20 Jahre hört man nichts davon.

Vor kurzem gab es doch eine aufsehenerregende Meldung, auch wenn davon kaum ein Berliner etwas mitbekommen hat. In Tegel wurde ein Festsaal ausgegraben. Also „ausgegraben“ nicht im herkömmlichen Sinne, so wie Troja oder das Tal der Könige. Es wurde eine Zwischendecke entfernt und dann war da ein opulenter Festsaal. Eigentlich war das keine Neuigkeit, man wusste schon seit 1906 davon. Da entstanden die „Trapps Festsäle“, obwohl es genaugenommen nur einer war, aber vielleicht klang das einfach besser. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde dort gefeiert, was das Zeug hielt, danach war den Leuten eher nach Stummfilmkino und ab den 1930er Jahren wurde der „Filmpalast Tegel“ zur Top-Adresse für Nord-Berliner Amüsierwillige. 1966 aber hatte niemand in Tegel mehr Lust auf Kino und die Eigentümer zogen eine Zwischendecke ein, siedelten im Erdgeschoss einen Supermarkt an und die Spielstätte verschwand aus dem Bewusstsein der Leute. Ein Unternehmer wurde vor mehr als zehn Jahre auf den verdeckten Schatz aufmerksam, (er hatte in einer benachbarten Kneipe ein altes Foto gesehen) konnte ihn aber nicht bergen, weil der Supermarkt aus verständlichen Gründen was dagegen hatte. Im März 2024 lief der Mietvertrag aus, der Laden zog aus und der Unternehmer legte den ehemaligen Tanzsaal bzw. das Kino frei.

Erstaunt waren die Bauarbeiter, als sie auf Karl-Heinz Kasulke stießen, der sie mit einem erbosten „Wann geht denn endlich der Film los?“ begrüßte. Nachdem die Bauarbeiter ihn über den Sachverhalt im Gesamten aufgeklärt hatten (Mondlandung, Fall der Mauer, Netflix, Trump, Ampel-Koalition) ging er mit einem „Na, dann schaue ich mir den im Fernsehen an“ seiner Wege.

Eine erneute Nutzung als Kulturort ist nicht möglich. Der bloße Gedanke daran hat sofort zu einer Nachbarschaftsinitiative geführt. Stattdessen wird ein Fitnessstudio einziehen, mit einem Boxring in der Mitte, in dem jeden Mittwoch zwei Nachbarn auf Leben und Tod gegeneinander kämpfen.

Solche Geschichten um verschwundene Orte, die wiederentdeckt werden, gibt es selten. Aber es finden sich in Berlin noch mindestens zwei Orte mit vermeintlichen mystischen Hintergründen bzw. Personen, die daran glauben.

Ottmar Schlottke und seine Frau Ilsegard aus dem Wedding, die seit vielen Jahren einen Schrebergarten am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal ihr Eigen nennen, sind stolz wie Bolle. „Das ist unser Paradies“, sagt Ottmar Schlottke. „Wir haben viele Jahre Arbeit reingesteckt, um den Sommer über hier leben zu können.“ Seine Frau Ilsegard ergänzt: „Wir sind überzeugt, dass dieses Fleckchen Erde der Ort ist, den Gott als Garten Eden geschaffen hat.“

In der Mitte des Gartens thront ein 6 Meter hoher Apfelbaum. „Den haben wir nicht gepflanzt“, erzählt Ottmar. „Das hätte zu lange gedauert, bis er diese Größe erreicht hätte. Wir sind vor ein paar Jahren bei Nacht und Nebel in eine Parzelle weiter vorne eingestiegen und haben den Baum da ausgegraben und hierher verfrachtet. Auf Nachfragen, warum wir plötzlich so einen großen Apfelbaum besitzen, haben wir erzählt, dass wir so einen neuartigen Dünger verwendet haben, der in Geheimlabors der US-Army entwickelt wurde. Das haben uns alle geglaubt, sogar die Dummköpfe, denen wir den Baum geklaut haben.“

„Die Hecken sind inzwischen hochgewachsen“, berichtet seine Frau. „Wir sind gerne nackt, so wie Adam und Eva. Da wir darum wissen, können wir von den Äpfeln naschen, ohne den Zorn Gottes fürchten zu müssen.“

„Irgendwo kriecht auch eine Schlange rum“, sagt ihr Mann. „Eine Python, glaube ich. Wenn wir sie mal zu fassen kriegen, legt meine Frau sie sich immer um den Hals. Ich habe da zu viel Bammel vor.“

„Die anderen Gartenfreunde wollen nichts mit uns zu tun haben“, sagt Ilsegard Schlottke. „Die halten uns für komisch. Die leben ein gottloses Leben. Die sitzen nur da auf ihren Klappstühlen, quatschen dummes Zeug, trinken Bier und essen Fleisch vom Grill. Ihr Leben ist dominiert von Streit und Sünde. Ihnen fehlt die tiefempfundene Ruhe, die nur das Paradies geben kann wie auch die Anwesenheit Gottes. Ottmar und ich sind zu ganzheitlichen Menschen geworden.“

Beide setzen sich unter den Apfelbaum. Ilsegard nimmt einen Apfel, beißt hinein und reicht ihn dann ihrem Mann. Sie fühlen eine tiefe Ruhe, fernab vom Geschrei der Nachbarn, die mit Scheidung oder Mord drohen, sich anschreien oder Hand anlegen.

Von Ruhe kann in der Wohnung von Gerhard Schluppke aus Friedrichshain nicht die Rede sein. Bierseliges Gebrüll kommt von einem riesigen runden Tisch, der das gesamte Wohnzimmer einnimmt. „Die Tafelrunde“, sagt der gelernte Schreiner stolz und richtet seine Krone. „War nicht leicht, die zu bauen und in die Wohnung zu bekommen. Stein wäre mir lieber gewesen, aber Parzival, der gelernte Steinmetz, hat abgewunken. Die Baukosten wären gewaltig ausgefallen und wir hätten einen Spezialkran gebraucht. Bei dem Holztisch konnte die gesamte Tafelrunde helfen und er tut auch seinen Dienst.“

Um den Tisch herum sitzen verschiedene Gestalten und halten farbige IKEA-Trinkbecher (also die, die alle zuhause haben) in Richtung von Schluppke. Ein vielstimmiges „Prost“ schallt durch den Raum. „Galahad trinkt keinen Alkohol“, erklärt Schluppke, der in der Runde natürlich als König Artus fungiert. „Der hat Probleme mit der Leber, also offensichtliche. Bei uns anderen gibt es diese Probleme vermutlich auch, aber solange die nicht offensichtlich sind, kümmern wir uns nicht drum. Galahad muss nach jeder Denkrunde den Tisch säubern und bereit machen für das nächste Mal. Denkrunde heisst, dass wir über die Probleme unserer Zeit sinnieren und Lösungen erarbeiten, die wir dann an die zuständigen Stellen wie Senat, Bundesregierung oder Vereinte Nationen weiterreichen. Vor ein paar Tagen haben wir eine Email an Putin geschrieben und ihn aufgefordert, seine Aggression gegen die Ukraine zu beenden, da sie dem Weltfrieden schadet. Wenn sich die Tafelrunde zu Wort meldet, dann hat das Einfluss auf die Staatsoberhäupter.“

Schluppke setzt sich zu der Runde dazu und erhebt seinen Becher. „Auf den Weltfrieden!“, ruft er aus und alle tun es ihm gleich. „Wir halten uns an die neuzeitliche Besetzung der Tafelrunde“, erklärt er. „Wir haben Lancelot, Parzival, Tristan, Galahad, Bors und mich. Bis vor kurzem hatten wir Mordred, aber der ist nach Köln gezogen, weil er einen Job gefunden hat. Außerdem haben ihm die Denkrunden ziemlich zugesetzt und einen zweiten Spaßverderber wie Galahad können wir nicht gebrauchen.“ Schluppke lacht auf, richtet seine Krone und hebt erneut den Becher. Die Mitwirkenden am Tisch sind entweder arbeitslos oder stecken in Maßnahmen des Jobcenters. „Die Tafelrunde ist für mich ein Ausgleich“, erzählt Lancelot. „Ich sitze den ganzen Tag in einem Schulungsraum und lasse mir erklären, wie ich mich richtig bewerbe. Ich würde wahnsinnig werden, wenn ich nicht wüsste, dass ich nach Feierabend hier zu den Jungs nach Camelot kommen kann und wir Denkanstöße geben, um die Welt besser zu machen.“

Camelot, der Name steht an der Wohnungstür. „Wo Camelot gelegen haben soll, weiß doch keiner so richtig“, erklärt Schluppke. „Es spricht also nichts dagegen, dass meine Wohnung Camelot ist. Ich glaube, man muss Camelot fühlen. Tief im Herzen. Dann ist Camelot bei einem oder in einem.“

„Nach dem heiligen Gral suchen wir nicht“, ruft Bors. „Das überlassen wir so Indiana Jones-Typen. Wir glauben, dass das gar kein Kelch ist oder sowas, sondern eine Lebenseinstellung, der Wille zum Gutfertigen, zur Demut, hingebungsvolle Liebe und solche Sachen.“

Schluppke ergreift wieder das Wort.

„Wenn wir genug nachgedacht und ausgesprochen haben, was uns bewegt und die geistigen Getränke uns in einen fast schon tranceartigen Zustand versetzen, dann können wir unsere Namen sogar auf walisisch aussprechen. Das muss uns mal jemand nachmachen, weil walisisch, also wenn sie nicht in Stimmung sind, das wird schwierig bis unmöglich das auszusprechen. Echt ne harte Sprache. Das wissen die wenigsten, dass die Tafelrunde wie auch Artus ihren Ursprung im keltischen oder walisischen haben. Daher pflegen wir den Brauch, auch die Namen in den jeweiligen Sprachen zu verwenden, um die Authenti … die Echtheit zu gewährleisten.“

Schluppke steht auf und hebt den Becher in die Höhe. „Lasst uns denken, edle Gesellen, lasst uns handeln, auf das die Menschheit Anteil nimmt an unserem edlen Geist, der die Geschicke von Himmel und Erde lenkt.“ Er wankt und wird gestützt von Bors und Tristan, die aufgesprungen sind. Alle lachen. An der Tür klingelt die Polizei. Lärmbelästigung und das bereits das dritte Mal in dieser Woche.

** **

Robert Rescue bei uns hierZu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“ und beim Talk Noir im Neuköllner Froschkönig ist er regelmässig unser Stargast.

Kürzlich von ihm erschienen: Diejenigen, die Gegenstände auf die Krokodile werfen, werden aufgefordert, sie zurückzuholen. Periplaneta, 148 Seiten, 13,50 Euro.
Im Herbst 2020 Corona zum Trotz erschienen: Robert Rescue: Das Leben hält mich wach. Berlins müdester Lesebühnenautor trotzt dem alltäglichen Wahnsinn mit Humor. Edition MundWerk, Berlin 2020. 146 Seiten, 12 Euro.

Robert Rescue bei uns. Beispiele:

Mai 24: Berlin – Hochburg des Terrorismus
April 24: Bleibt da, wo ihr herkommt
März 24: Da ist was im Wasser
Januar 24: Ein Zug fährt nach Nirgendwo
Dezember 2023: Unter Fremden
November 23: Wie im Zoo
Oktober 23: Großbritannien kann mich mal
September 23: Der gefährlichste Mann der Welt
Juli / August23: Kim – oder die Sache mit der richtigen Anrede
Juni 23: Wie hat ihnen das Produkt gefallen?
Mai 23: Fenster zum Hof
April 23: Schritte im Hausflur
März 23: Wahl mit Qual: Demokratie endet nicht um 18 Uhr
Februar 2023: Für die Verkehrswende ist es zu spät 
Dezember 2022: Interview mit einem umgeschulten Flugzeugentführer
November 2022: Auf dem Friedhof von Stahnsdorf
September 2022: Die Generalmobilmachung
Juli 2022: Im Berlin Dungeon
Juni 2022: Abends bei Reddit 
Mai 2022: Energie sparen
April 2022: Leben ohne Feind
März 2022: Wenig Raum für Ekstase
Februar 2022: Der Kälte-Gottesdienst
Dezember 2021: Sind doch nur Kinder
November 2021: Geht mit Gott, aber geht
Oktober 2021: Keine Zeit zu sterben
September 2021: Bote aus vergangener Zeit
August 2021: Eine Kurzgeschichte mit Wetter

Tags : , ,