
Dinge in meiner Wohnung, mit denen ich nichts mehr anfangen kann, Teil 6: Die Stoffmaske
Viele Leute, die sich vornehmen, ihre Wohnung oder ihre Technik auszumisten, scheitern an der banalen und zugleich tückischen Frage: „Brauche ich das noch?“ Es gibt keine Frage, mit der man sich mehr beschäftigt. Alle möglichen Szenarien werden durchgespielt, hier verneint, da bejaht und am Ende bleibt die unwahrscheinliche Situation übrig, es zu brauchen und nicht mehr zu haben, also kommt es nicht weg. Als Profi kann ich sagen: In 99,9% der Fälle lautete die Antwort „NEIN“. Mails, in denen jemand schreibt: „Ich kann leider morgen nicht kommen“, und die seit Jahren im Posteingang vor sich hingammeln, können weg. Es wird keinen Moment in der Zukunft geben, wo man sich in einem Augenblick der Muße diese Mails nochmal durchlesen will. Wird man den 15 Jahre alten Monitor mit der veralteten Anschlusstechnik irgendwann an einen PC anschließen, der dafür einen Adapter benötigt, der sich gar nicht mehr so einfach besorgen lässt? Nein. Braucht es die Schälchen für beispielsweise geschnittene Tomaten oder Paprika, wenn man seit Jahr und Tag ein Schneidbrett benutzt und dort alles geschnippelte für das Essen anhäuft? Nein.

Bei der bunten Stoffmaske dagegen erlebe ich es zum ersten Mal, dass ich zögere. Diese waren 2020 auf den Markt gekommen und verkauften sich wie geschnitten Brot, weil sie ja individuell waren und nicht so langweilig aussahen wie die OP-Masken. Ich weiß noch, dass extra Läden aufmachten, wo man sich Stoffmasken in allerlei Farben kaufen konnte. Diese sogenannten „Behelfsmasken“ waren zwar in der Anfangszeit von Corona hilfreich, um einen gewissen Schutz zu ermöglichen, aber im Vergleich zu FFP2-Masken waren sie lächerlich. Die Regierungen ließen diese Behelfsmasken zu, weil sie einerseits keine Vorräte an geeigneten Schutzmasken besaßen, andererseits galt es den verängstigten Pöbel ruhigzustellen, getreu dem Motto: *Ist alles scheiße, aber wenigstens bunt.*
OP-Masken oder FFP2-Masken wurden nur kurze Zeit benutzt und dann entsorgt, weil sie aus hygienischen Gründen durch waren. Die Stoffmasken haben die Leute zwar gewaschen wie ihre Unterwäsche, aber getragen wurden sie durchaus eine Woche und länger oder sie verschwanden zwischendurch mal in den Hosen – oder Jackentaschen, weil sie gerade nicht zur Bluse oder Hose passten. Meine Güte, ich kannte Leute, die hatten zehn oder zwanzig Stück von denen und ja, es waren alles Frauen. Und die Hosen – oder Jackentaschen waren voll mit Corona-Viren. Gut geeignet waren sie aber bei Schnupfen. Wenn der Schnodder lief, hat man einmal den Arm über die Nase gezogen und sich eingeredet, dass der Rotz die Viren killt.
Meine Stoffmaske hängt seit Jahren an einem Nagel in der Wand. Meine Erinnerung an den ersten Lockdown war bislang verschüttet, aber vor kurzem habe ich mal mein E-Mail Postfach aufgeräumt (siehe oben) und viele Nachrichten von einem Online-Rollenspiel gefunden. Ich hatte alle Erweiterungen besorgt und mir Ingame-Währung noch und nöcher gekauft, um mir Reittiere zu leisten oder ein Haus zu kaufen, dass man wie eine Puppenstube mit Tischen, Kerzenständern oder Schränken dekorieren konnte. Ich glaubte damals nicht, jemals nochmal das Haus zu verlassen, also das in real. Die Stoffmaske hatte mir meine Freundin geschenkt. Eine schwarz-weiß Musterung, bei der sie nicht viel hatte falsch machen können, denn Schwarz war so etwas wie meine Lieblingsfarbe und Weiß ist halt weiß. Ich habe sie nur kurz getragen, weil sie kein Gummiband hatte. Man musste die Bänder zusammenknoten. Bei mir waren sie entweder zu locker und rutschten oder zu fest und ich bekam Sauerstoffmangel im Gehirn. Ich habe diese Stoffmaske gehasst und lieber die OP-Maske getragen, auch wenn das scheiße aussah. Immerhin kam ich nicht auf die Idee, mir einen Staubsaugerbeutel ins Gesicht zu drücken, was manche Zeitgenossen gemacht haben, weil der Vlies-Stoff wirkungsvoller war als die Baumwolle von den Stoffmasken. Was mache ich mit der Maske? Aus Sentimentalität behalten? Soll ich sie zum Altkleidercontainer bringen? Vielleicht kann man daraus noch so etwas wie ein Handtuch machen? Wird es nochmal eine Pandemie geben?

Ja, es ist die Frage nach einer erneuten Pandemie, die mich zögern lässt. Noch immer trage ich, aus Gewohnheit, eine FFP2-Maske in meiner Jackentasche. Was ist, wenn es ein Super-Corona gibt oder Schlimmeres? Was, wenn die Bundesregierung es nicht auf die Reihe kriegt, Nachschub an geeigneten Masken zu beschaffen? Angesichts des Zustandes der Ampel-Koalition sollte so ein Szenario nicht ausgeschlossen werden. Die Läden sind geplündert, Leute prügeln sich um Staubsauber-Nachfüllpackungen, weil alles andere an Vlies-Stoffen ausgegangen ist. Dann schlägt die Stunde der Stoffmaske. The Return of Stoffmaske. Alle haben sie weggeschmissen oder in einer Bastellaune zu einem Topflappen umgearbeitet, aber Robert Rescue hat eine aufbewahrt, nur er kann gefahrlos die Straße betreten und einkaufen gehen, wie er es gewohnt ist seit Jahr und Tag.
Ist denn Corona wirklich vorbei? Letzten Winter hatte es noch Ausbrüche gegeben. Ich schaue im Internet nach. Scheint vorbei zu sein, aber so recht eindeutig geht das meiner Meinung aus den Nachrichten nicht hervor. Es gibt immer noch Leute auf der Straße, die Maske tragen, aber die wollen bestimmt nur ihre Bestände aufbrauchen oder machen das aus Gewohnheit. Beim Arzt muss man keine mehr tragen, außer bei Doktor Meyer in der Seestraße 98, aber außer dem Herrn Doktor hält sich niemand dran, nicht mal seine Sprechstundenhilfen oder wie das heutzutage heißt.
Vielleicht sollte ich warten, bis Karl Lauterbach vor ein Podium im Olympia-Stadion tritt und verkündet, dass Corona vorbei sei. Dann wäre es amtlich, gewissermaßen. Ob er das schon gemacht hat und ich habe es nicht mitbekommen? Oder wollte ich es nicht glauben?
Am Besten wäre es wohl, ich lasse die Stoffmaske eine Weile da hängen, wo sie hängt. Aus Sicherheitsgründen. Dinge aus Sicherheitsgründen zu behalten, obwohl man die Wohnung ausmistet, ist legitim.
Ich greife nach einer Packung mit OP-Masken, die meiner Aufmerksamkeit bislang entgangen ist. Vier Stück sind übrig und die Schachtel ist von 2020. Die können weg, oder? Ich sollte sie noch aufbewahren, quasi als Schutz-Backup, falls die Stoffmaske in der Wäsche und die FFP2-Maske verschwunden ist.
Ich lasse alles, wie es ist und widme mich einer anderen Ansammlung von Dingen, wo die Trennung leichter fällt.

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Robert Rescue bei uns hier. Zu seiner Webseite mit Terminen, Veröffentlichungen etc. geht es hier, einen einschlägigen Beitrag von ihm finden Sie in der Anthologie „Berlin Noir“ und beim Talk Noir im Neuköllner Froschkönig ist er regelmässig unser Stargast.
Kürzlich von ihm erschienen: Diejenigen, die Gegenstände auf die Krokodile werfen, werden aufgefordert, sie zurückzuholen. Periplaneta, 148 Seiten, 13,50 Euro.
Im Herbst 2020 Corona zum Trotz erschienen: Robert Rescue: Das Leben hält mich wach. Berlins müdester Lesebühnenautor trotzt dem alltäglichen Wahnsinn mit Humor. Edition MundWerk, Berlin 2020. 146 Seiten, 12 Euro.

Robert Rescue bei uns. Beispiele:
November 24: Das machen wir aus Tradition
Oktober 24: Romantische Ansicht von Venedig
September 24: Kladow sehen und sterben – Die Suche nach einem Bürgeramt
Juli 24: Berliner Bildungsoffensive
Juni 24: Menschen und Orte
Mai 24: Berlin – Hochburg des Terrorismus
April 24: Bleibt da, wo ihr herkommt
März 24: Da ist was im Wasser
Januar 24: Ein Zug fährt nach Nirgendwo
Dezember 2023: Unter Fremden
November 23: Wie im Zoo
Oktober 23: Großbritannien kann mich mal
September 23: Der gefährlichste Mann der Welt
Juli / August23: Kim – oder die Sache mit der richtigen Anrede
Juni 23: Wie hat ihnen das Produkt gefallen?
Mai 23: Fenster zum Hof
April 23: Schritte im Hausflur
März 23: Wahl mit Qual: Demokratie endet nicht um 18 Uhr
Februar 2023: Für die Verkehrswende ist es zu spät
Dezember 2022: Interview mit einem umgeschulten Flugzeugentführer
November 2022: Auf dem Friedhof von Stahnsdorf
September 2022: Die Generalmobilmachung
Juli 2022: Im Berlin Dungeon
Juni 2022: Abends bei Reddit
Mai 2022: Energie sparen
April 2022: Leben ohne Feind
März 2022: Wenig Raum für Ekstase
Februar 2022: Der Kälte-Gottesdienst
Dezember 2021: Sind doch nur Kinder
November 2021: Geht mit Gott, aber geht
Oktober 2021: Keine Zeit zu sterben
September 2021: Bote aus vergangener Zeit
August 2021: Eine Kurzgeschichte mit Wetter












