Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024

Ingrid Mylo: 3×11 Spielworte (27) – Bier, Eulen, Wünsche

Wer liest, sammelt Sätze. Manchmal bewußt. Manchmal ist ein einziges Wort ausschlaggebend: hartnäckig taucht es immer wieder auf. Fliege, zum Beispiel. Oder Mitternacht. Oder Asphalt. In ganz unterschiedlichen Büchern und Zusammenhängen, bei ganz unterschiedlichen Schriftstellern. Solche Fliegensätze oder Mitternachtssätze oder Asphaltsätze finden, immer elf an der Zahl, in der Serie 3 x 11 Spielworte ihren Platz. Ein Spaß, ein Zeitvertreib. Und eine andere Art, auf Bücher zu deuten.

Spielwort: Bier

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

Es ist schön, mit einem anderen Mann Bier zu trinken, oder?, sagte der Geschäftsmann, als er sein Glas zurück auf den Tisch gestellt hatte.
– Peter Cameron: Was geschieht in der Nacht

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Hinter der Ausgabentheke der Bibliothek saß eine eisige Schönheit, und ich sagte „Zwei Bier, bitte“, um die Stimmung aufzulockern – ein Trick, den ich von meinem Vater gelernt hatte.
– Jürgen Hosemann: Papierkorb

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Solange es geht, schlürfe ich das Bier in meinen Magen, bis ich Luft holen muß und aufstoße.
– Riku Onda: Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen

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Ich trank noch ein Bier, obwohl ich wußte, daß es eines zuviel war, und beobachtete den Rauch, der direkt von den Schädeldecken der Rosenverkäufer aufzusteigen schien.
– Christoph Dolgan: Elf Nächte und ein Tag

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Die meisten anderen Gäste scheinen Touristen zu sein, sie trinken Bier, trotzdem wirkt alles sehr authentisch.
– Peter Stamm: In einer dunkelblauen Stunde

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„Er sagte, er liebt sie wahnsinnig. Sie sagt, sie will Bier“, sagte ich.
– Oleg Postnow: Angst

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Der Hund kippte ihr das Bier über den Rock. „Oh, das tut mir leid“, sagte ich.
– Adèle Rosenfeld: Quallen haben keine Ohren

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Ihr schwirrt der Kopf auf diese schöne Art, wie nur ein Bier auf ex das hinkriegt.
– Karin Smirnoff: Verderben

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Das Bier floß in Strömen, ich nahm Anne in die Arme und segnete die Revolution.
–Frédéric Beigbeder: Memoiren eines Sohnes aus schlechtem Hause

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Statt dessen sagte ich, nur halb im Spaß: „Aber Liebes, wir trinken jeden Tag mindestens vier Dosen Bier, das ist doch auch nicht gesund, oder?“
– Hanna Bervoets: Dieser Beitrag wurde entfernt

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Ich trinke mein Bier. Ich konzentriere mich völlig auf mein Bier. Ich wüßte nicht, was ich Besseres tun könnte.
– Fred Vargas: Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord

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Spielwort: Eulen

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

Kommt nicht im Leben eines jeden Mannes irgendwann der Tag, an dem er sich umsieht und sagt: „Ich muß unbedingt ein paar von diesen Eulen aussortieren.“
– David Sedaris: Eulen verstehen

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Ich kann mich nur noch an die Eule erinnern, vielleicht, weil sie das einzige Tier war, das ich erkannte, vielleicht wußte ich auch, daß man nicht auf Eulen schoß.
– Hilary Mantel: Von Geist und Geistern

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Mir hatte ein tibetischer Mönch einmal erzählt, daß die Eule ein Todesomen sei, aber das Gefühl hatte ich bei Eulen nie.
– Sam Shepard: Mond wie High Noon

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Wie in einem alten zweitklassigen Spielfilm ertönte irgendwo draußen der Ruf einer Eule.
– John Burnside: Die Spur des Teufels

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Ich sah einmal eine Eule in einem Tierpark, und auch wenn es mich nicht wirklich schockierte, als sie plötzlich blinzelte, war es dennoch aufwühlend.
– Karl ove Knausgård: Eulen

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Doch sogleich das Achch, Achch einer Eule, dieser genitale, willenlos erotische Ruf versetzte mich in Schrecken.
– Ariana Harwicz: Stirb doch, Liebling

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Vielleicht war es infach so, daß ich deshalb auf die Baumwipfel kletterte, weil mir der Gedanke gefiel, daß die Leute, und vielleicht ja auch die Eulen, sicher nie auf die Idee gekommen wären, daß sich auf diesen Baumwipfeln, wo sich normalerweise nur die Eulen aufzuhalten pflegten, ein kleines Kind befinden könnte.
– Jung Young Moon: Vaseline-Buddha

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„Sei nicht albern, Ry“, erwiderte Mrs. Belderboss. „Wie um alles in der Welt sollte ein Hund denn eine Eule fangen?“
– Andrew Michael Hurley: Loney

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Sie ging an einem schwarzen, mit Brettern vernagelten Laden vorbei, in dem eine Eule mit all ihren nächtlichen Angewohnheiten hauste.
– Eudora Welty: Am Landeplatz

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Irgendwo schrie eine Eule, doch das war durch den Chor des Schnarchens, das aus dem Zelt drang, kaum zu hören.
– Benjamin Percy: Abholen, abholen

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Eigentlich bedauerlich, wie selten im Leben einem Eulen begegnen.
– Jochen Schmidt: Saxona (FAS 29. Januar 2023)

……

Spielwort: Wünsche

Elf Zitate zusammengelesen von Ingrid Mylo

Es gibt diesen ständigen Wunsch, die eigene Haut abzustreifen und in eine andere Wirklichkeit einzutauchen.
– Claire-Louise Bennett: Kasse 19

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Erst im Halbschlaf schwebte ein eigenartiger Wunsch in ihr Bewußtsein: hätte ich bloß einen Regenschirm, dachte sie.
– Tove Ditlevsen: Der Regenschirm

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„Hmpf, und am Ende erkennst du, daß du nur deine eigenen Wünsche verandern kannst“, bemerkte Jeannot ernüchtert.
– Grégoire Delacourt: Die wärmste aller Farben

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Seit Jahren hat Paul einen (reichhaltigen und bunt gemischten) Wunsch gehegt, nämlich daß wir zusammen ein Wohnmobil mieten und in alle Städte Amerikas fahren, deren Namen er brüllkomisch findet und die deshalb einen Besuch verdienen.
– Richard Ford: Valentinstag

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Bei jedem Schritt wuchs mein Wunsch, einen Umweg zu machen.
– Christoph Dolgan: Elf Nächte und ein Tag

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Mir gefiel die Herausforderung, den Frauen ihr Wünsche zu erfüllen, das Passende für sie zu finden und ihr harmloses Verlangen zu befriedigen.
– Hilary Mantel: Hoch in den dritten Stock

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Aber sie hätte einer Hexe nichts zu bieten gehabt, sie besaß nicht mehr als Wünsche, wie alle Menschen sie haben.
– Rumaan Alam: Inmitten der Nacht

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Denn ich gebe mich nicht damit zufrieden, der zu sein, dessen Wünsche ohne Belang sind.
– Henri Michaux: Turbulenz im Unendlichen

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Nichtmal Wünsche haben wir mehr. Manchmal wünschen wir uns so sehr nichts, daß uns irgendwann die Zeit überholt.
– Roxanne Bouchard: Der dunkle Sog des Meeres

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Je mehr man den Wunsch hat zu erklären, desto mehr verwickelt man sich in Worte, und da kann man den Mut verlieren, verliert dabei die Freiheit.
– Clarice Lispector: Angst vor der Befreiung, 31. Mai 1969

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Ich hatte nur einen Wunsch, ich sehnte mich auf den Gipfel des Himalayas, allein, mit einer Dose Thunfisch.
– Adèle Rosenfeld: Quallen haben keine Ohren

Die bisherigen Spielworte im Überblick:
ménage à trois (1): Bahnhöfe, Fliegen, Lippenstift
ménage à trois (2): Stühle, Socken, Sterne
ménage à trois (3): Telefon, Zähne, Scherben
ménage à trois (4): Zwiebeln, Friedhöfe, Zigaretten
ménage à trois (5): Handtaschen, Kaffee, Stille
ménage à trois (6): Listen, Schnee, Gedanken
ménage à trois (7): Kerzen, Toiletten, Worte
ménage à trois (8): Unterwäsche, Bücher, Suppe
ménage à trois (9): Steine, Schritte, Sonnenuntergänge
ménage à trois (10): Masken, Gespenster, Koffer
ménage à trois (11): Briefe, Fische, Gesten
ménage à trois (12): Listen II, Katzen, Schatten
ménage à trois (13): Spinnen, Universum, Narben
ménage à trois (14): Mäntel, Hunde, Uhren
ménage à trois (15): Knöpfe, Leben, Glas
ménage à trois (16): Ohren, Handschuhe, Tod
ménage à trois (17): Finger, Wasser, Fernsehen
ménage à trois (18): Bett, Geheimnis, Wörter
ménage à trois (19): Augen, Mitternacht, Taschenlampe
ménage à trois (20): Beine, Kuß, Schnecken
ménage à trois (21): Spiegel, Bedeutung, Schildkröten 
ménage à trois (22): Inseln, Herz, Würmer
ménage à trois (23): Löcher, Liebe, Brücken
ménage à trois (24): Fenster, Kugel, Füße
ménage à trois (25): Fingernägel, Bienen, Dinge
ménage à trois (26): Ameisen, Brillen, Zukunft

Vier Blicke auf Ingrid Mylos Gedichtband Überall, wo wir Schatten warfen.
Ingrid Mylo bei uns auf CulturMag.
Siehe auch: Katherine Mansfield / Ingrid Mylo: Alles, was ich schreibe – alles, was ich bin, Texte einer Unbeugsamen (Marix Verlag). Besprechung von Alf Mayer hier.

In 2023 von ihr in der Edition Azur bei Volland & Quist erschienen: Die Entfernung der Sterne – hier bei uns besprochen.

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