All posts by Hazel Rosenstrauch

Posted On Juni 1, 2024By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag Juni 2024

Joachim Maass – Schatz aus der Exilliteratur

Das Unheimliche, nicht nur in der Literatur Die titelgebende Geschichte trägt den Leser schnell weg von der Hektik der Gegenwart, wir sitzen im Zug nach Nebraska, der Doktor packt eine Whiskyflasche aus und beginnt zu erzählen. Schon mit den ersten Absätzen erzeugt der Autor eine Stimmung, in der Ruhe und Spannung wie in einem Stück klassischer Musik zusammenfinden. Man sieht aus dem Zugfenster das Steppengras und ein “Geblitz des Schnees”, und wie es sich für eine lange Bahnfahrt gehört hat, als Menschen noch miteinander gesprochen haben, folgt man dem ErzählerRead More

Posted On Juni 1, 2024By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag Juni 2024

Hazel Rosenstrauch: Karl August Varnhagen

Romantischer Zeitgeist Dieses Jahr wird das innige Verhältnis vieler (nicht aller) Deutschen zur Romantik wieder gut sichtbar, dazu passt die Edition des emeritierten Germanistik-Professors Peter Sprengel. Er hat aus der umfangreichen, in Krakau aufbewahrten Hinterlassenschaft Karl August Varnhagens einen Ausschnitt aus den Reiseblättern gewählt und kommentiert sie in einem Nachwort. Es geht um die Reise von Berlin nach Tübingen mit Stationen in Meißen, Leipzig, Dresden, Bayreuth, Nürnberg und anderen Städten. Der damals 24-Jährige Varnhagen hat Stadtbilder und Landschaften, interessante Begegnungen und komische Männer, bestaunte Kunstwerke und seine Gedanken festgehalten. VielesRead More
Literatur und Eingeweidewürmer Adelbert von Chamisso war zur Zeit der Französischen Revolution acht Jahre alt, nach vierjähriger Flucht landete er in Berlin und wurde in Preußen heimisch. Feingeister kennen ihn als Erzähler der Geschichte von Schlemihls wunderbarer Reise mit Siebenmeilenstiefeln, dass er auch Botaniker war, hat sich schon ein bisserl herumgesprochen. Dass er als Naturforscher an einer der “letzten großen Forschungsexpeditionen auf der Suche nach der legendären Nordostpassage” teilgenommen hat, erstaunt die Freunde, denen ich davon erzähle. Drei Jahre ist der poetische Botaniker auf dem unbequemen Schiff zwischen Südsee undRead More
Wortwahrscheinlichkeitsvorhersagemaschinen Der Begriff “KI” ist Ursache vieler Missverständnisse, man sollte die “Künstliche Intelligenz” anders nennen. Aber das steht erst auf Seite 317. Die Materie, um die es in diesem Buch geht, ist oft “von eingeübten Denkgewohnheiten weit entfernt”. Miriam Meckel und Léa Steinacker erklären nicht nur, sie drehen auch Fragen und Aussagen hin und her, wägen ab, differenzieren, und man merkt dem Buch an, dass ihnen diese schwierige Materie Freude macht. Die vielen Aspekte lassen sich hier nicht zusammenfassen, aber allen, die dieses Teufelszeug gerne meiden, sei gesagt – esRead More
Hokus Pokus + Bücher überleben  Dieses 24,6 x 16,5 x 1,7 cm große (große!) Buch widersetzt sich Rezensionsgewohnheiten. Es erzählt nichts, sondern erzählt, wie man Kindern und Jugendlichen und bei Bedarf auch Senioren erzählen kann. Rolf Barth weiß und erklärt, wie man zappelige Buben, gelangweilte Mädchen und daddelnde Jugendliche jeglichen Geschlechts mit Geschichten füttert. Schwer zu sagen, ob es ein Handbuch, Ratgeber, Plädoyer oder Nachschlagewerk ist, am ehesten ist es, wie die Einladung lautet, eine “Reise in 26 Kapiteln”. Sie beginnt mit dem ermunternden Zitat “… Wenn Bücher als ÜberlebensmittelRead More
Witz, Rhythmus und Verstand Der traurige Held dieses klugen Buchs wandelt nicht auf Becketts Spuren, der vorschlug “Fail again. Fail better”, er scheitert tragisch und kunstvoll, optimistisch und selbstkritisch und schafft es vielleicht doch noch, seine guten Vorsätze zu verwirklichen. Die Protokollantin seiner Bemühungen lässt das traurige Bübchen von knapp fünfzig Jahren voller Sprachwitz über die knapp 200 Seiten fliegen. Es mag Zufall sein, dass ich schon in mehreren Neuerscheinungen über verzagende Männer und lebenstüchtige Frauen gestolpert bin, eines habe ich kürzlich in die Ecke gepfeffert. Aber diese Autorin langweiltRead More

Posted On Dezember 1, 2023By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Hazel Rosenstrauch: Digitaler Hinterhof

Über Stefan Mey „Der Kampf um das Internet“ und andere Alternativen Wenn in den Medien, die noch als Repräsentanten des Mainstream gelten, über Digitalisierung geschrieben oder geredet wird, geht es um Künstliche Intelligenz, um deutschen Nachholbedarf oder vielleicht noch Glasfaserkabel. Nur langsam dringen auch Nachrichten über Gegenentwürfe zu den Datenkraken der Multimilliardäre in die Welt von Bücherlesern vor. Traurig genug, dass sich Stefan Mey im Einleitungskapitel rechtfertigen muss: “Warum es dieses Buch braucht.” Die vielen Programme, Projekte, Codes und dazugehörigen Diskussionen sind nicht neu, sie sind so alt wie dasRead More
Kraft durch Dichtung Er hat nicht mehr erlebt, dass sein Werk gedruckt, gelobt und in viele Sprachen übersetzt wurde. Einzelne Gedichte und Erzählungen kamen im Ausland, und auch in der russischen Exilpresse oft verstümmelt, an die Öffentlichkeit, das Wenige, das vor allem im Samisdat, also im inoffiziellen Untergrund in der Sowjetunion erschien, war vom Redakteur gekürzt und seines Sinns entstellt worden. Heute gilt Warlam Schalamow als einer der wichtigsten russischen Autoren, sein Name ist vor allem mit den “Erzählungen aus Kolyma”, der Zwangsarbeit am Kältepol der Erde verbunden. Seine AnerkennungRead More

Posted On Oktober 1, 2023By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag Oktober 2023

Hazel Rosenstrauch über Vincent von Wroblewsky

Deutsch-deutscher Dialektiker Eine Besprechung seiner Autobiografie „Vermutlich Deutscher“ Allmählich wird der Blick differenzierter, es erscheinen derzeit viele neue Bücher über das kleinere, lange hinter einer Mauer darbende Deutschland, und dies ist eines der interessantesten. Der Autor hatte sehr spezielle Startbedingungen, die ihm erlauben, die Geschichte der DDR, das Davor und Danach gelegentlich mit humorvoller Distanz zu prüfen. Seine Biographie ist mit wesentlichen Zäsuren des vergangenen Jahrhunderts verknüpft, er verbindet die große mit der eigenen Geschichte, reflektierend und augenzwinkernd. Geboren 1939 in Frankreich, wohin seine politisch aktiven Eltern geflohen waren, kamRead More

Posted On Juli 1, 2023By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag Juli 2023

Zu Marko Martins „Brauchen wir Ketzer?“

Meinungsstarke Positionsbestimmung Eine Besprechung von Hazel Rosenstrauch Der Titel „Brauchen wir Ketzer?” ist nicht nur eine rhetorische Frage, die in diesem knapp 500 Seiten dicken Buch mit lautem JAA beantwortet wird, denn selbstverständlich brauchen wir Ketzer. Der Autor sammelt anhand von elf Autoren, zu denen drei Autorinnen gehören, Qualitäten, die er, wie es im Untertitel heißt, als „Stimmen gegen die Macht” und damit eine für heute noch nützliche Ketzerei ausmacht. Es ist eine Fortschreibung des 2019 erschienenen Buchs, in dem der Autor 22 Dissidenten porträtiert hatte.  „Sie alle waren säkulareRead More

Posted On Juni 1, 2023By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag Juni 2023

Hazel Rosenstrauch über „Superyachten“

Obszöner Reichtum Wir wissen ja schon viel über das “Kapitalozän”, aber so schön in einer Nussschale zusammengefasst habe ich es noch nirgends gelesen. Einst waren es 40 Meter lange Yachten, inzwischen sind sie über hundert, bald 200 Meter lang, mit Tanzsaal, Schwimmbad, sauteuren Armaturen, Champagner, der aus den Duschköpfen fließt und prunkvolle Reelings. Die Besitzer – ob Emir, russischer Oligarch oder US-amerikanischer Milliardär – konkurrieren, wer die längste hat.  Grégory Salle, Soziologe und Politikwissenschaftler, nennt Zahlen, nicht nur, was die Dinger kosten, auch wie viel Benzin oder Diesel sie verbrauchenRead More
Lust und Sucht vor 200 Jahren Es sind fürwahr wilde Geschichten, die der Galiani-Verlag neu herausgegeben hat. Ludwig Tieck wird von der Germanistik als König der Romantik eingeordnet, und die Romantik ist, vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte, eine komplizierte Angelegenheit. Die guten und die bösen Reminiszenzen sind von Realitätsflucht und Schwärmerei, viel Wald und Wahn und IchIchIch und den Irrungen und Wirrungen der Nazis begleitet. Bei diesem Buch aber konnte ich mich von einer kürzlich gelesenen Schwärmerei für die Entdeckung des Ich erholen. Tieck wird als Vorfahr experimenteller Erzählweisen vorgestellt, beinaheRead More
Der nützliche Teufelspakt 1988, also vor fünfunddreißig Jahren, ist ein Büchlein von Sebastian Haffner erschienen, das mehr über die deutsch-russischen Beziehungen – sprich die Vorgeschichte der Brandt-Schröder-Merkel-Politik – enthält als die meisten neuen Kommentare seit Beginn des Kriegs in der Ukraine. Ich habe mich oft gefragt, warum so wenig über Lenins Reise nach Russland im April 1917 erzählt wird, wenn Jahrestage begangen, über Kriege und die Russische Revolution schwadroniert wird. Bekanntlich fuhr Lenin von seinem Exil in Zürich quer durch Deutschland via Finnland nach Petrograd. Ohne Hilfe der deutschen ReichsregierungRead More

Posted On März 1, 2023By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag März 2023

Some like it smart – das Internet neu denken

Hazel Rosenstrauch über „Klick“ von Gerd Gigerenzer Was tun mit den supergescheiten BOTs, den vielen herumschwirrenden Daten, der umdefinierten Intelligenz oder gepixelten Fakes?  Es gibt viele kluge und weniger kluge Vorschläge. Vorschriften, Gesetzesentwürfe oder kleine feine Ansätze, um den Umgang mit der Technik auf das nächsthöhere Niveau zu heben. Zum Beispiel gibt es „Handlungsempfehlungen” für die Schulen, in denen so schöne Sätze stehen wie „sinnvoll erscheint die Weiterentwicklung der Fachdidaktiken, um die lernförderliche Nutzung digitaler Potenziale sicherzustellen”.[1] An Universitäten der USA müssen Studierende schriftlich versichern, dass sie nicht schummeln. Das funktioniertRead More
Sprachgymnastin im Dienst der Asylbehörde Zu Shumona Sinhas Roman „Erschlagt die Armen“ Das Buch ist 2011 in Paris und vor sieben Jahren auf deutsch erschienen, in der edition Nautilus, wo schon lange bevor es Mode wurde, Stimmen von weither und von jenseits der literarischen Hauptstraßen nach Deutschland transportiert wurden. Ich habe es zufällig in der Bibliothek gefunden, und es ist das Ehrlichste von vielen Büchern, die ich über Geflüchtete, über Asylbewerber und die einsamen fremden Männer gelesen habe, die eingeklemmt in bürokratische Verfahren auf ein Bleiberecht hoffen.  Die Erzählerin istRead More

Posted On Dezember 1, 2022By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Bauten hören, riechen und schmecken

Hazel Rosenstrauch über ein Buch zur Vielfalt des Bauens Architektur, steht im ersten Satz, bestimme unser Lebensgefühl, sie kann beglücken oder verstimmen. Gebäude hätten eine Sprache, sie können schmecken und klingen oder ein ungutes Gefühl im Bauch erzeugen. Die Autoren bzw. die Autorin und der Autor haben nichts weniger im Sinn, als die “dreidimensionalen Raumbotschaften” von Architektur für Laien verständlich(er) zu machen. In fünf Kapiteln führen sie durch Geschichte und Konzepte, Stile, Materialien, erläutern Raumaufteilungen und Stile.  Die Vorstellungen von Schönheit und die “verborgenen Regeln” kommen “natürlich” aus der Antike,Read More

Posted On November 1, 2022By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag November 2022

Hazel Rosenstrauch zum Roman von Olga Grjasnowa

Der andere Krieg Wer denkt noch an Syrien? Nach fünf Büchern über die Ukraine (Andreas Kappeller, Kleine Geschichte der Ukraine, Tanja Marjartschuk, Blauwal der Erinnerung, Andrej Kurkow, Graue Bienen + ders. Jimi Hendrix live in Lemberg, Juri Andrychowitsch, Karpatenkarneval) habe ich mir Olga Grjasnowas Buch von 2018 besorgt. Auch darin geht es um Krieg, um Bomben, Tod, Schwerverletzte, um mutigen Widerstand gegen das Regime, und nach dem Scheitern der Revolution um Flucht. Und weil es ein Roman ist, geht es auch um Liebe, Verzweiflung und familiäre Dramen.  Der gänzlich assimilierteRead More

Posted On Oktober 3, 2022By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag Oktober 2022

Hazel Rosenstrauch zu einem hochgelobten Buch

Die verführte Kommunistentochter Der Titel klang interessant, dass dieses Buch “schlicht perfekt” ist, erfuhr ich, als ich die Werbung auf dem Umschlag (U 4) las. Was aber ist ein perfektes Buch?  Das Buch ist nicht autobiographisch, im Netz findet sich ein Interview mit der Autorin, sie ist zufällig auf das Thema gestoßen ist, hat sich für displaced identity interessiert und festgestellt, dass niemand über die spanischen Exilanten in der DDR geschrieben hat. Sie hat angefangen zu schreiben “without really knowing if … it had a historical basis”, recherchiert und machtRead More

Posted On September 1, 2022By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag September 2022

Gaspard Koenig „Das Ende des Individuums“

Wie noch eigene Verantwortung übernehmen? Hazel Rosenstrauch reist mit Gaspard König in die Welt der Künstlichen Intelligenz Es führt kein Weg an der KI (AI) vorbei. Auf der Suche nach Aufklärung geriet ich an Gaspard Koenigs philosophische Reise zu “Wissenschaftlern, Politikern, Unternehmern, Investoren und Aktivisten” (und bin ein wenig befriedet, weil Texte über die technologische Zukunft nicht nur im Netz, sondern noch oft in Buchform erscheinen). Koenig ist Philosoph und Franzose, ebenso viel wie über Automatisierung und Superintelligenz erfährt man über philosophische Grundbegriffe und sehr viel ältere Auseinandersetzungen über denRead More

Posted On Juni 1, 2022By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag Juni 2022

Hazel Rosenstrauch zu Georgi Gospodinov

Ein Trapper der Vergangenheit Aus guten Gründen wird oft über Demenz geschrieben und gesprochen, bei Georgi Gospodinov kann man (anders als bei anderen Beiträgen zum Thema) viel lachen. Der Autor ist noch nicht alt, Ende der 1960er Jahre, zudem in Bulgarien geboren, sein Roman ist klug und witzig und hat nichts mit Betroffenheits-Kitsch gemein. Er beginnt an einem “denkwürdigen Tag”, dem 1.September 1939 in Wien, hüpft schon auf der siebenten Seite ins 12. Jahrhundert, und sammelt Geschichten aus der Vergangenheit, eigentlich aus Vergangenheiten im Plural, die er seinem Kollegen/Freund/Alter EgoRead More

Posted On April 1, 2022By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag April 2022

Hazel Rosenstrauch: Informatives zur Ukraine

Polyethnisches Grenzland Über Andreas Kappeler „Kleine Geschichte der Ukraine“ In meinem Bücherregal fand ich zwischen Reiseführern und Landeskunden, die “Kleine Geschichte der Ukraine”, die erste Auflage ist von 1994, mein Exemplar ist 2000 erschienen – vor dem Krieg in Georgien, vor den Majdan-Protesten, vor der Annexion der Krim, vor dem Eingreifen des russischen Militärs in Syrien, vor dem Amtsantritt Putins. Andreas Kappeler beginnt mit dem Kiever Reich im 9. Jahrhundert und endet mit dem Referendum über die Stellung des Präsidenten im April 2000. Vor Kurzem hat der Verlag eine neueRead More
Zu einer politisch korrekten Neuausgabe von Frederick Douglass „Mein Leben als amerikanischer Sklave“ Nicht nur in Talkshows und Parteien, auch in Verlagen ist man bemüht, divers zu sein oder es zu werden. Zufällig weiß ich, wer Frederick Douglass war und habe mir die neue Ausgabe des besorgt. Ich will wissen, wie der schwarze amerikanische Freiheitskämpfer nach 180 Jahren angeboten wird. Da es kein Vorwort gibt, schlage ich das Nachwort auf und lese dass es sich “um ein bewegendes Einzelschicksal mit einem repräsentativen amerikanischen Freiheits- und Erfolgsmythos” handelt. Die Herausgeberin schreibt,Read More
Auf der anderen Seite der gemeinsamen Erde Es ist immer gut, die Dramen anderer Länder und Kulturen kennen zu lernen, schon um die eigenen nicht so wichtig zu nehmen. Und sie nicht nur mittels Berichten in Zeitungen und TV mit ihrer zunehmend hysterischen Berichterstattung zu beobachten. Über die Geschichte Taiwans wusste ich wenig und das Wenige hatte ausschließlich mit Politik zu tun. Von Menschen und Schicksalen erfahre ich dank Literatur. Stephan Thome kennt das Land, über das er schreibt, sehr gut, und sein Buch gibt nicht nur Nachhilfe in Geschichte,Read More

Posted On Dezember 1, 2021By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag Dezember 2021

Hazel Rosenstrauch zu „Haus des Kindes“

Andere Normalitäten Berlin war kaputt und es war geteilt. Auf der damals noch Stalinallee genannten Chaussee wurde Anfang der 1950er Jahre mit Bauten im Stil des „sozialistischen Klassizismus“ begonnen, am Straußberger Platz entstanden zwei Hochhäuser, eines davon als „Haus des Kindes“, und das ist auch der Titel des Buchs von Helga Kurzchalia, die in diesem Prachtbau aufgewachsen ist. „Die gigantischen Marmorsäulen in der opernhaften Eingangshalle“ beeindruckten die damals 5-jährige Tochter eines wohlgelittenen Funktionärs. Die Eltern hatten den Krieg in England überlebt, die Mutter war Wienerin, was offenkundig für die kleineRead More

Posted On November 1, 2021By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag November 2021

Hazel Rosenstrauch: Porträt Georg Hermann

Ein ferner Spiegel einer nicht ganz so fernen Geschichte Georg Hermann war v.NZ, vor der Nazizeit, ein Bestsellerautor, Berliner Urgestein, obwohl Jude, und weil Jude, musste er emigrieren. Im Unterschied zu anderen Autoren wurde er in der Zeit der Wiederentdeckung vertriebener Künstler kaum wahrgenommen, nur “Jettchen Gebert” und “Kubinke”, beide in den 1920er Jahren in vielen Auflagen erschienen und verfilmt, schafften es ins 21. Jahrhundert. In der DDR wurden immerhin schon in den 1960er Jahren einige seiner Werke neu ediert, eine in den 1990er Jahren begonnene westliche Gesamtausgabe konnte nichtRead More

Posted On Oktober 1, 2021By Hazel RosenstrauchIn Crimemag, CrimeMag Oktober 2021

Hazel Rosenstrauch zu Dilek Güngörs Roman

Auch ein Brief an den Vater Die Tochter besucht den Vater in der schwäbischen Provinz, in der sie aufgewachsen ist. Er hat sie nicht unterdrückt, war kein Tyrann, sie ist die Starke, die in Berlin Karriere als Journalistin gemacht hat. Und doch denkt man, denke zumindest ich unvermeidlich an Kafka, in dessen Brief an den Vater auch der Satz steht: “Zum Gespräch kam es kaum.” Ach ja, der Name ist türkisch, die Eltern waren “Gastarbeiter”, aber Dilek Güngör bedient keines der Klischees, die in der Identitäts-Literatur so beliebt sind. SowiesoRead More