Vergnügte Lektüre in unsicheren Zeiten

Schreckliche Zeiten erfordern außer-ordentliche Bücher. Zufällig oder doch vom Zeitgeist inspiriert sind mir zwei Bücher in die Hände gefallen, die sich mit Unsicherheit und Unordnung beschäftigen – und sie ausdrücken. Luciano De Crescenzos „Die Kunst der Unordnung“ lag schon lange auf einem meiner Bücherstapel, jetzt bin ich in der richtigen Verfassung, um seine Spielereien über das Zusammenwirkungen von Ordnung und Unordnung in sechzehn Kapiteln zu genießen. Das Eine geht nicht ohne das Andere – ob in der Mathematik, im Sport, in der Kunst oder der Philosophie. De Crescenzo sieht Unordnung nicht als Gegensatz, sondern als Übertretung von Ordnung. Und die lädt zu Übermut ein, in der Geschichte über den verschwenderischen Freund aus dem Tennisclub, der vorgibt, er hätte im Lotto gewonnen, ein mit Zahlen jonglierender Rumäne, der an Spezialaufträgen bei IBM arbeitet (wo sich auch De Crescenzo eine Weile herumtrieb), er versucht zu „ordnen“, wenn es um „gut und schlecht, hässlich, schön, einfach oder kompliziert geht, um Sauberkeit und Abfallbeseitigung. Die kurzen Texte schweifen ab – in die Philosophie und jene alltäglichen Probleme, die politisch werden, schon wenn es um Physik, Natur, Macht oder Geschenkverpackungen geht. Immer leichtfüßig und auch leicht hinterhältig. Das Buch öffnet die Tür zu hübschen Assoziationen – so in der Geschichte von Herostratos, der im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung den Artemis-Tempel angezündet hat, um endlich etwas Außergewöhnliches zu vollbringen. Vielleicht könnten wir für Irre, die mit verrückten Aktionen in die Geschichte eingehen wollen, die damnatio memoriae wieder einführen? 1996, auf deutsch 1997 erschienen, sind die Geschichten eine gute Medizin, um die verwirrenden Umdrehungen auszuhalten, die aus Zeitungen und Nachrichtensendungen auf uns herunterprasseln. Beruhigt und vergnügt las ich die phantastischen und die schwer verständlichen mathematischen Erzählungen, und war den Berichten über das Chaos dank dieser so klugen wie hübschen Pirouetten weniger ausgeliefert, als hätte ich versucht, Ordnung oder wenigstens Vernunft in den Berichten über die aktuellen Weltereignisse zu finden.
Ein anderes Buch, das, obwohl nicht neu, in die Zeit passt und gut tut, habe ich dummerweise schon in die Bibliothek zurückgebracht, wo ich aus einer Laune heraus nach dem Titel „Kunststücke“ gegriffen hatte, weil mir der Name des Autors vertraut klang – Rolando Villazónist vor allem als Sänger bekannt. Der berühmte Tenor erzählt in seinem ersten Roman von dem Clown Macolieta, der mit seinen Freunden bei Kindergeburtstagen auftritt, mit einer Spinne, einer pflegebedürftigen und bald vertrocknenden Sonnenblume und allerlei Blechspielzeug lebt, sich schminkt und nach den Auftritten abschminkt. Welch hübsche Metaphern.
Macolieta erfindet schreibend ein Alter Ego – vielleicht ist es doch kein Alter Ego, eher ein mögliches Selbst, mit dem er seine Unschlüssigkeit überwindet. In seinem blauen Buch verwandelt er seine Fragen und Verstörungen in die Geschichte des Clowns Balancín, der kann, was er nicht wagt, der eine Entscheidung fällt, heiratet, geliebt wird, und sogar eine Lösung findet, als er (wie Macolieta) wegen schrecklicher Schmerzen keine Purzelbäume mehr schlagen kann. Die kursiv gesetzte zweite Geschichte könnte ein Roman über einen Clown werden, dem gelingt, was Macolieta nicht zu gelingen scheint, aber wer was anstellt, bleibt in der Schwebe wie die Bälle, die Clowns bei den Kindergeburtstagen in die Luft werfen. Die beiden Figuren verschwimmen, es gibt keine Gewissheiten. Und wie bei De Crescenzo sind Unordnung, Zweifel und Fragen etwas Schönes, gehören zum Leben und der Kunst des Balancierens. Der Autor bzw. der Clown singt ein Hohelied auf Jonglieren und Purzelbäume, er hält mehrere Bälle in der Hand, lässt sie fallen und spielt mit der Wirklichkeit. Welch großes Kunststück, schon 2016 erschienen, als die Welt noch nicht so grotesk war wie jetzt.
Luciano De Crescenzo, Die Kunst der Unordnung, Albrecht Knaus-Verlag, München 1997
Rolando Villazón, Kunststücke, übersetzt von Willi Zurbrüggen, Rowohlt, Hamburg 2016












