Geschrieben am 1. November 2025 von für Crimemag, CrimeMag November 2025

Hazel Rosenstrauch: Antonio Fian »In aller Offenheit«

Böse & klug & poetisch

Hazel Rosenstrauch über Antonio Fian „In aller Offenheit“

Es gibt eine Art von hinterfotzigem Humor, der Österreichern und speziell Wienern besonders gut gelingt (auch wenn sie aus Kärnten kommen). Seit vielen Jahren schreibt Antonio Fian Dramolette, das sind kurze pointierte Szenen, in denen er Alltagsprobleme, Politisches oder echte Sensationen wie den Würstelstand als Weltkulturerbe aufspießt. Da viele Texte im Dialekt geschrieben stehen und der Autor in Germanien wenig bekannt ist, sage ich dazu, dass er in der Tradition der großen österreichischen Wahr-Sager Helmut Qualtinger, Georg Kreisler, Gerhard Bronner, aber auch Johann Nestroys steht, oder auch, bayerisch gesprochen, Karl Valentins.

Dramolette VIII nennt er bzw. der Verlag „In aller Offenheit“ und schaut darin nicht primär dem Volk, eher der Mitte der Gesellschaft „aufs Maul“. Damen am Cafétisch, Fremdenführer und Minister werden auf die Schaufel genommen, also auf die Schippe, ich überprüfe das wording per Lexikon, also: Fian persifliert bzw. verhohepiepelt. Es kann sein, dass Norddeutsche den doppelten Boden nicht erkennen, lautes Vorlesen hilft. Aufgespießt werden diesmal Touristen, der Handykult, die „KI“, österreichische Politiker oder auch Schriftstellerkollegen. Böse und vielleicht auch nur scharf beobachtet ist ein Dialog, in dem „Der kluge Onkel“, die Frankfurter Zeitung lesend, dem Neffen erklärt, warum Krieg auch gut ist.

Knabe: „Ich bin traurig, weil die Mama erzählt hat, es werden jetzt Hunderte Milliarden Euro für neue Waffen ausgegeben. Und Waffen sind etwas Grausliches.“ Onkel: „Da hat die Mama zwar Recht, aber so einfach kann man es sich nicht machen. Ökonomisch gesehen ist es ganz richtig, dass so viel Geld für Waffen ausgegeben wird. Dadurch wird die Produktion angekurbelt, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Aktienkurse steigen, die Menschen haben wieder mehr Geld und können sich viele schöne neue Sachen kaufen …“

Das Material stammt aus Zeitungsmeldungen, gerne der Kronen-Zeitung, dem Sensationsblatt, das von vielen, zu vielen Österreichern gelesen wird, aus Interviews und Politikerstatements. Zum Material gehören Sprachspiele, Wortkreationen (z.B. Dipfek) und ein Humor, der zu einem Lachen reizt, das einem im Halse stecken bleibt.

Für seine Fans hat der Autor alte Dramolette im Kärntner Dialekt nochmals abgedruckt, Mundartszenen der beiden „Beachvolleyball-Nachwuchsspieler in schwarzen Stiefeln, schwarzen Hosen und schwarzen T-Shirts mit der Aufschrift Security“, die im leeren Klagenfurter Strandbad dialogisieren. Tiefsinnige Dichtung auf Kärntnerisch, oder ist es Gastarbeiterösterreichisch? Woffn reimt sich auf reiche Offn, auch als gelernte Wienerin muss ich laut aussprechen, um zu verstehen was der „Gettliche Onblick“ und der „Gölsnstich“ ist, man darf nicht „iwaempfindlich“ gegen derbe Sprüche sein. Gegen Ende zweifelt der dichtende Security-Ex-Nachwuchs-Volleyballspieler an seiner Kunst, manches geht „nit wegn Versmoß“.

Es gibt ja Piefkes, die den österreichischen Dialekt lieben. Wer nicht alles versteht, muss nicht nach Content forschen, ersiees kann sich schadlos an dem linguistischen Experiment weiden: „Es hot auf dieser unsra Wölt/nur eines Sinn noch, nämlich Göld“.

Antonio Fian: In aller Offenheit. Dramolette VIII. Literaturverlag Droschl, Graz-Wien 2025. 192 Seiten, 13×21 cm, gebunden, 22 Euro.

Anm. d. Red.: Siehe bei uns auch Du Feix-it Austria vom Dezember 2020.

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  • Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
  • Neu von ihr, gerade erschienen: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition. Die Autorin dazu: „Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen. Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf Nachkriegszeit, auf die sogenannten „68er“-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland und Österreich. Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus der Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten geprägt. „Red diaper baby“, in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, ist die Auswahl von dem Bemühen geprägt, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem low budget-Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“

Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier. Von ihr auch im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“.

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