Geschrieben am 1. November 2025 von für Crimemag, CrimeMag November 2025

»Überleben im Zeitalter der Extreme« von Lea Ypi

Würde in schwierigen Zeiten

Mit der Öffnung des eisernen Vorhangs (der ja zuerst an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn durchschnitten wurde), ist der Südosten auch literarisch ins „westliche“ Blickfeld geraten.

Lea Ypi hatte in ihrem viel gelobten Roman „Frei“ beschrieben, wie sie als Kind in Albanien den Wechsel in die Freiheit, vielleicht auch nur ins Chaos erlebt hat. Ihr neuer Roman heißt „Aufrecht“, im englischen Original „Indignity“, also das Gegenteil von Würde, dem zentralen Thema dieser Rekonstruktion einer Biographie, die den großen Bogen vom Königreich über (erst italienischen, dann deutschen bzw. albanischen) Faschismus zum rigiden Stalinismus Enver Hoxha‘s schlägt und dabei auch das Forschen in heutigen Archiven reflektiert.

Zum Glück hat die Autorin vorweg eine Liste der handelnden Personen eingefügt, man weiß, dass die Familie Ypi weit zurück in die aristokratische Oberschicht des Osmanischen Reichs reicht. Wie nebenbei werden die Leser über die Normalität der Völkermischung im post-osmanischen Balkan aufgeklärt. Noch ist die Einteilung der Menschen nach Nationalität nicht selbstverständlich, in Saloniki hört man osmanisches Türkisch, Griechisch, Ladino, Albanisch, Italienisch, Bulgarisch, Französisch ohnehin, auch Jiddisch, und das Deutsch des unsympathischen Geschäftspartners, der sich am Ende als freundlicher Helfer anbietet.

„Die Nazis machen den Nationalisten immer noch den Hof, die Alliierten misstrauen den Monarchisten, die Jugoslawen dirigieren den kommunistischen Widerstand – wer blickt da noch durch?“ steht auf S. 306. Es ist auf den 300 Seiten davor nicht einfach, den Verschlingungen albanischer Geschichte und Ypischer Suchbewegungen zwischen historischen Ereignissen und Dichtung zu folgen. Die Frage nach dem Durchblick stellt Asllan Ypi, Ehemann der geliebten Großmutter und Hauptperson Leman Ypi, die in Saloniki aufwuchs und sich 1936 entschied, nach Albanien auszuwandern.

Abgesehen von Nachhilfe in Geschichte geht es in diesem Buch um Zweifel, um die Rolle von Interpretation, um Ambivalenzen und die Schwierigkeit oder auch Unmöglichkeit, sich für eine Wahrheit zu entscheiden. Inzwischen ist Albanien ein beliebtes Urlaubsland und Lea Ypi, 1979 noch in Tirana geboren, lebt als renommierte Professorin längst in England. Sie schreibt hier gegen Eindeutigkeiten, unverrückbare Wahrheiten und Erkenntnisse an. Und so kann die geliebte Großmutter, die unter vier Regimes gelebt hat, erst privilegiert, dann enteignet, gedemütigt und zu Zwangsarbeit gezwungen, der Enkelin den Satz überlassen: „Ich war nie unfrei.“ Leman, offenkundig Vorbild der Enkelin, hat als „ultimative Außenseiterin […] durch ihr Überleben Fanatiker aller Couleur bedroht“. Die Forscherin erkennt nach vielen Reisen durch Archive, Zweifel und Irrwege „die hochgradig subversive Einstellung, die sie verkörpert: dass Familie, Klassenzugehörigkeit, ethnische Abstammung, Religion und Nationalität zwar bedingen, aber niemals zur Gänze festlegen können, wer wir sind“.

Das Buch erfüllt die ehrenvolle Aufgabe, über die Geschichte des lange ausgeblendeten Balkans, Türken, Griechen, Serben, samt Einfluss der Engländer oder der Tabakindustrie zu informieren, es ist ein Buch über die Frage, was ist Freiheit, was ist Würde, was sind Fakten, was heißt „das Richtige tun“, und wann kann Anpassung richtig sein. In der Rekonstruktion, die viele Dialoge zwischen der Großmutter und englischen, deutschen, griechischen, jüdischen, faschistischen und kommunistischen Mitspielern erfindet, geht es nicht zuletzt um die Frage, was Erinnerung ist und was Imagination.

Noch eine Merkwürdigkeit der Verdeutschung will ich erwähnen. Während die englische Originalausgabe als Untertitel „A Life Reimagined“ heißt, hat sich der Suhrkamp-Verlag für die eindeutige Deutung „Überleben im Zeitalter der Extreme“ entschieden. Aber gut, es geht um unterschiedliche Interpretationen, der Suhrkamp-Verlag bevorzugt Eindeutiges.  eindeutig.

Lea Ypi: Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme (Indignity: A Life Reimagined, 2025). Aus dem Englischen von Eva Bonné. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, 390 Seiten, Hardcover, mit zwei Landkarten, 28 Euro.

** **

  • Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
  • Neu von ihr, gerade erschienen: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition. Die Autorin dazu: „Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen. Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf Nachkriegszeit, auf die sogenannten „68er“-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland und Österreich. Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus der Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten geprägt. „Red diaper baby“, in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, ist die Auswahl von dem Bemühen geprägt, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem low budget-Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“

Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier. Von ihr auch im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“.

Tags :