
Literatur als Medizin
Es beginnt mit Oma Auguste, die wie in einem unkorrekten Bilderbuch früherer Zeiten hässlich ist wie eine alte Hexe, mit eingefallenem Oberkiefer, kurzbeinig, dick, mit Barthaaren, die aus dem schwammigen Kinn sprossen und gelblich-weißem Dutt. Aber sie hat der Erzählerin mittels schwülstigen Liedern den Zugang zur Literatur eröffnet.
Nora erzählt von ihrer Kindheit, Ausbildung, dem Leben als Lehrerin, von ihrer Ehe, Krankheit und Alter. Die Kollegen in der Schule sind unglücklich oder ratlos, René ist „vertrackt und saugend“, Uli ohne Selbstvertrauen, die Kollegin hat ein auskragendes Obergebiss und lispelt. Der Mathe- und Physiklehrer war Offizier an der Ostfront und Kriegsgefangener in Sibirien gewesen. Er gehört zu ihrer Elterngeneration. Sie ist also ein Boomerkind und ich lerne, dass ich in einer Blase gelebt habe: In meiner Umgebung galt längst der Satz „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“, Nora und die Frauen rund um sie suchen dringend einen Anwärter für die Ehe – auch für berufstätige Frauen war ein „korrekter Mann mit einem gut geölten akademischen Gehirn und einer unterversorgten Seele“ besser als ein Leben als Junggesellin. Sie nimmt den Heiratsantrag des emotional unterbelichteten Archivars an, er war der einzige Bewerber, und es wird eine unglückliche Ehe. „Theseus fehlt das Script für Intimität.“ Die Geschichten spielen vorwiegend in Aichsee, einer fiktiven Kleinstadt in Bayern, wir treffen Menschen, deren Leben „nicht gelungen“ ist, die überfordert, unglücklich oder bloß unangenehm sind.
Nora hat in München studiert und auch zeitweise dort in einem Archiv gearbeitet, die wesentlichen Begegnungen und Erfahrungen finden jedoch in dem Gymnasium in der Provinz statt. Sie ist eine leidenschaftliche Lehrerin und Leserin, und holt sich, wann immer sie nicht weiter weiß, Rat in der Literatur, besonders gerne bei antiken Autoren – Heraklit und Epikur, Pindar Sextus Empiricus oder auch Gottfried von Straßburg, aber auch Dickens und die Schwestern Brontë. Sie helfen in fast allen Lebenslagen, und, wie der Sohn ihr später vorwerfen wird, sind ihr die papierenen Gestalten lieber als er.
„Wir führten kein Eheleben“; irgendwann kommt ein Mann vorbei, der ihr heiße Liebesnächte und warme Umarmungen bietet. Theseus kommt ihr auf die Schliche, es folgt die Scheidung, sie lebt fürderhin alleine. Für ihren Mann war sie ohnehin nur „die Frau, die das Haus in Ordnung hielt, seinen Sohn erzog, seine Suppe wärmte und seine Wäsche wusch.“
Pubertierende Schüler und deren Eltern, autoritäre Vorgesetzte und mehr oder weniger schrullige Kollegen sind Stoff für köstliche Porträts, die Begegnungen mit Verwandten und Schwiegereltern geben Anlass für Lebensweisheiten. „Das Leben besteht aus Bindungen und Begegnungen“ belehrt sie ihren schwierigen Sohn. Die Tagebücher von Theseus grauslicher Mutter sind „fatal, niederschmetternd, anrührend und erschreckend zugleich“ und erklären das Verhalten des gefühllosen Ehemanns. Nach vielen Jahren Schuldienst wird sie krank und lernt in der Kur neben missmutigen Patienten auch eine interessante Frau kennen, mit der sie sich anfreundet. Sie animiert Nora, zu schreiben – Beschäftigung und Sinn. Frühverrentet wird Nora ein afghanisches Mädchen unterrichten und sich auf eine Teilzeitstelle in einem Archiv bewerben. Auch dort finden sich verkorkste Gestalten, die sie mit Gusto beschreibt. Etwa wenn sie den Nachlass eitler pädophiler Autoren bearbeitet. Es ist kein heiteres Buch, die Gestalten, die hier beschrieben werden, sind aus dem vollen Leben gegriffen, und der Text balanciert zwischen Hoffnung, Enttäuschung und Trost, den am ehesten die Lektüre spendet.
Ungefähr bei Seite 400 fragt der Exmann über Vermittlung des Sohns, ob sie sich von ihm in die Vier Jahreszeiten einladen lassen würde. Es folgt ein Zitat von „Plutarch, antiker Lieblingsberater, 1. Jahrhundert“. Am Ende des Epilogs leuchtet Orion, dieses längst erloschene Licht, nach dem das Buch benannt ist, sie betrachtet ihn „nüchtern, demütig und dankbar“.
Petra Morsbach: Orion. Penguin Verlag, München 2026. 416 Seiten, 26 Euro.
** **

- Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
- Neu von ihr, gerade erschienen: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition. Hier bei uns besprochen: Heimatforschung. Die Freude an der Unzugehörigkeit. – Die Autorin dazu: „Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen. Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf Nachkriegszeit, auf die sogenannten „68er“-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland und Österreich. Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus der Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten geprägt. „Red diaper baby“, in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, ist die Auswahl von dem Bemühen geprägt, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem low budget-Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“
Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier. Von ihr auch im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“.












