
Von Tech-Lords – Konquistadoren – Anarchos
Hazel Rosenstrauch über Giuliano da Empoli „Die Stunde der Raubtiere. Macht und Gewalt der neuen Fürsten“
Schon lange kein so an- und aufregendes Buch gelesen. Vielleicht lassen sich diese beängstigenden Umdrehungen in Technik und Politik doch verstehen? Giuliano da Empoli war als Politikberater und Journalist an vielen der Orte, wo sich furchtbar wichtige Menschen begegnen. An den „Schaltzentren der autokratischen Macht“, ob in New York oder Riad, Chicago, Washington oder Paris (so einige der Überschriften) beobachtet er Milliardäre und Politiker, Zuhörer der Konferenzen oder Wissenschaftler, und denkt über die Abschaffung von Regeln, autokratische Methoden und die Lust am Chaos nach. Da Empoli verknüpft Historie, Literatur und scharfe Beobachtung scheinbar „unwichtiger“ Details. Man erfährt dabei Dinge, die kaum je in normalen Zeitungen oder auch Tweets stehen. Über Diktatoren in Saudi Arabien und San Salvador ebenso wie über Markteroberungsgefechte im Internet.
Verstand, Wissen und Analyse scheinen nicht mehr zu greifen, da Empoli erinnert sich an Zeiten, als „wir auf dem Zeitgeist zu reiten glaubten, weil sich alles in Richtung des Schönen, Richtigen und Guten zu entwickeln schien“ und stellt fest, dass „der Sockel, auf dem die alte Ordnung ruhte, eingestürzt ist“. Gut, das wissen Leser, die noch Nachrichten konsumieren, inzwischen auch, es ist nicht die ausgemalte Zukunft, die das Buch spannend macht.
All die geschilderten Entwicklungen in Richtung Autokratie, unkontrollierte Automatisierung, Zerstörung aller Regelsysteme bleiben beängstigend. Dieser Autor ist ein Spürhund, der zwischen den Jahren, Orten und Szenen hin- und herschweift, weil er verstehen will. Dass sich bei der Lektüre ein beglückendes Gefühl einstellt, könnte daran liegen, dass er nicht nur, vielleicht nicht einmal primär erklärt, was wir mit autoritären Staatsmännern, Künstlicher Intelligenz, Kriegen und Chaos erleben, sondern versucht, zu verstehen. Man kann ihm bei der Suche nach der Bedeutung von Geschichte, aber auch von verräterischen Gesichtsausdrücken, Vorbildern und gewalttätigen Aktionen, die längst dem Vergessen anheim gefallen sind, merkwürdigen Konferenzen und irregeleiteten Autos quasi zuschauen.
„Die Ingenieure des Silicon Valley haben schon vor langer Zeit aufgehört, Computer zu programmieren, und sich stattdessen der Programmierung menschlichen Verhaltens zugewandt“, ist einer dieser Sätze, die zu schön klingen, um gleich geschluckt zu werden, und doch anregen. Denn dieser Italo-Schweizer und Bestsellerautor ist einer, der nicht nur erklärt, sondern sucht, mit Entdeckerlust, Verstand und Wissen zum Selbstdenken einlädt. Die Nacherzählung von Malapartes „Technik des Staatsstreichs“ erläutert die Rolle der Techniker in der russischen Revolution, die „Einrichtungen der technischen Infrastruktur, Elektrizitätswerke, Eisenbahnen, Telefonämter, Telegrafenzentralen, Hafen, Gasometer und Brücken“ ausgespäht und im Oktober 1917 in wenigen Stunden lahmgelegt haben. Ohne dass es hier erwähnt wird, denkt man an Drohnen über Flughäfen und wichtigen technischen Anlagen bedeuten.
Während ich das schreibe, überlege ich, ob in vierzig oder hundert Jahren all jene, die ihre Waren über Amazon bestellen, die von der Freiheit der Meinungsäußerung im Netz schwärmen, ständig tweeten, sich ihre Freunde und Vergnügungen auf Plattformen suchen oder gar als alte Linke die Lust an der Zerstörung preisen, von Historikern, die sich um diese Vergangenheit kümmern (falls so etwas noch finanziert wird) als Mitläufer beschrieben werden.
Giuliano da Empoli: Die Stunde der Raubtiere. Macht und Gewalt der neuen Fürsten (L’Heure des Prédateurs, 2025). Aus dem Französischen von Michaela Meßner. C.H.Beck, München 2025. 127 Seiten, Klappenbroschur, 15 Euro.

- Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
- Neu von ihr, gerade erschienen: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition. Die Autorin dazu: „Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen. Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf Nachkriegszeit, auf die sogenannten „68er“-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland und Österreich. Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus der Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten geprägt. „Red diaper baby“, in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, ist die Auswahl von dem Bemühen geprägt, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem low budget-Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“
Hazel Rosenstrauchs Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier. Von ihr im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003 erschienen: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“.












