
Old Adult 1 + 2 – Teil 1: Gemütlich altern
Jugendwahn war gestern, der Buchmarkt hat längst das Alter entdeckt, schließlich sind Leserinnen vorwiegend Ü 60. Es gibt zahlreiche Bücher mit Rückblicken und Räsonnement zum Thema. Man könnte die Nische – analog zu Young Adult – auch noch unterteilen: Der Psychologe, an den sich der „Held“ des Buches gewandt hat, unterscheidet zwischen „Jungem Alter und altem Alter“. Letzteres beginnt mit achtzig, das Alter, mit dem die Novelle beginnt. Man könnte das Genre „Old Adult and Very Old Adult“ nennen.
Der Protagonist dieser „einfallenden Dämmerung“ heißt Bálint, er war ein erfolgreicher Mikrobiologe, nun stellt er sich dem „neuen Lebensabschnitt“, will sich und die Veränderungen beobachten, wie er es ja auch in seiner Beschäftigung mit Zellforschung gelernt hat. Er merkt, dass er nicht mehr Teil der „community“ ist und „spürt den Nachhall jenes Identitätsverlusts, der mit dem Ende seiner Forschungstätigkeit einhergegangen war“. Der Tag hat keine Struktur mehr, seinen Rat braucht niemand mehr, er ist nicht mehr wichtig. Seine Frau war für Struktur im Alltag zuständig gewesen, aber sie hat ihn nach 50 Jahren Ehe längst verlassen.
Altersgemäß ist das Buch in kurze Abschnitte von drei bis vier Seiten eingeteilt, die Schrift ist nicht 6 Punkt wie in Büchern, die unsereins wegen Unlesbarkeit weglegt. Es enthält hübsche Beobachtungen samt Ratschlägen des klugen Freunds und Ex-Therapeuten, mit dem er sich regelmäßig trifft. Bálint entwickelt neue Rituale und findet auch Kontakt zu jüngeren Frauen. Der Achtzigjährige entscheidet sich gegen den Lärm der „Vergnügungs- und Ablenkungsindustrie“, die sich in der alternden Gesellschaft ausgebreitet hat, auch gegen das „Du musst“. Er emanzipiert sich von Zuschreibungen, nutzt seine Fachkenntnisse, um den Übergang vom jungen ins alte Alter zu studieren. Er fängt an, Schnappschüsse zu machen, und kommentiert sie mit seinen Beobachtungen oder Einsichten. Fotos, die seine Frau – eine erfolgreiche Fotografin – hinterlassen hat, helfen ihm bei der Klärung der Frage, wer er war und was er hinterlassen hat.
Clara hatte ihn wegen eines anderen verlassen und infolge dieser unglücklichen Amor fou Selbstmord begangen, von ihr kommen Stichworte für diese Klärung. Als Person bleibt sie allerdings blass, wie auch die anderen (jüngeren) Frauen, die Abwechslung in das reduzierte Sozialleben bringen.
Neue Sichtweisen, Erfahrungen und Erkenntnisse sind rund um Gespräche und Erinnerungen drapiert, alles sehr ruhig und sachlich, manchmal ein bisserl konstruiert, etwa wenn sich eine junge Studentin an seinen Tisch setzt, die ihn an seine Frau erinnert. Als auch nicht mehr junge Leserin freut man sich über vertraute Beobachtungen und über hübsche Metaphern wie z.B. die „Verbalinfektion“: Es sind „Wörter, die in den Geist eindringen, sich dort vermehren, die eigenen Empfindungen vereinnahmen und […] das seelische Gleichgewicht stören“. Dazu gehören „Du kannst nicht mehr, du schaffst es nicht mehr, du begreifst nicht, verstehst nicht, lass es doch endlich, akzeptiere, dass du nicht mehr zu Rande kommst.“ Der Infekt taucht (fast möchte man sagen „natürlich“) im Kontext der technischen Neuerungen wie online-Geschäften oder Künstlicher Intelligenz auf. Jawoll, will man ihm zurufen, auch wenn der elegische Schluss über die mikrobiologische Interpretation der Gesellschaft nicht überzeugt. Der Autor hat, bevor er Schriftsteller wurde, Biologie studiert, seine Novelle endet mit einer Analogie aus der Botanik, die auch der Erzähler nicht versteht, aber verstehen möchte. Das tröstliche Ende lautet: „Ich weiß es nicht“.
Christian Haller: Einfallende Dämmerung. Novelle. Luchterhand in der Penguin Random House Verlagsgruppe, München 2026. Hardcover, 144 Seiten, 22 Euro.
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Old Adult 1 + 2 – Teil 2: Sein kleines Leben
Frode Grytten geht anders mit dem letzten Lebensabschnitt um, schon der Titel des Buches verrät, dass es um den letzten Tag seines, des Fährmanns, Leben geht. Wie genau er stirbt, erfährt man nicht, aber viel darüber, wie er gelebt hat, wen er mit seinem Boot über den Fjord gebracht hat und wie die Farben am Himmel, das Wasser und der Wind zwischen diesen norwegischen Bergen war, wenn „sich der Nebel wie Milch über die Berghänge ergoss“. Auch in diesem Buch ist der Text altersgemäß in kurze Kapitel unterteilt, in gut lesbarer Schriftgröße.
Der Fährmann lässt die letzte Zeitung ungelesen und ordnet alles, bevor er diese letzte Fahrt antritt. Vergangenheit und Gegenwart rutschen ineinander, Nils Vik spricht mit den Toten, er lässt seine Passagiere Revue passieren, erkundigt sich, wie sie gestorben sind, blättert in seinem Logbuch und „lauscht der Vergangenheit“. Es sind unaufgeregt erzählte Geschichten, die das Leben in dem abgelegenen Weltwinkel irgendwo in Norwegen schrieb. Luna, die tote Hündin ist ständig anwesend, mit ihr unterhält er sich über die Zeit, den Tod, die Orte. „Haben wir jemanden vergessen?“ Auch seine Frau ist ja schon tot, sie hatte ihn mit Politik und dem Vietnamkrieg konfrontiert, eine freche, selbstbewusste Gefährtin, wenn er sich an sie und ihr Sterben erinnert, so steckt darin viel Liebe, keine Sentimentalität. Frauen – seine Frau Marta, die Töchter, die Hebamme, Schülerinnen, die er übers Wasser geführt hat, oder Mädchen, die er in die Stadt bringt, wo sie eine Abtreibung machen lassen, sind in diesem Buch stark und aktiv.
Die Erinnerungen sind nüchtern, beobachtend, der Unterschied zwischen Gegenwart und Vergangenheit ist nicht wichtig, wenn er bzw. der Autor von „Baumstümpfen, Sonnenlicht auf den Bäumen, Sonne auf den Dächern, den Schornsteinen, den Vögeln, dem Wasser“ erzählt oder vom „Wind, der Boote kentern lässt, der Häuser knacken und krachen lässt, der Steinmauern über die Hänge verteilt, der Dächer abheben lässt“. Viel Natur, – nein, “es war keine Natur“, sondern konkret Wald, Fluss, Fjord. Und sein Leben war auch kein Idyll: Die übergriffige Immobilienhändlerin, der Pfarrer, der ihm übel will, die einstige Schönheitskönigin, die in die Breite gegangen ist und Kosmetika verkauft, der Straftäter, der Amerikaner, der in seine Frau verliebt war, der Bruder, der am Suff zugrunde gegangen ist – die Geschichten zeigen, dass vieles nicht so ordentlich verlaufen ist, wie dieses „kleine Leben“ vermuten lässt, das von seinem Boot und dem Fjord geprägt ist. Er war, heißt es am Anfang, „ein Mann, der keine Veränderungen mochte“, und doch stecken in dem „kleinen Leben“ Gefühle, Erfahrungen und Einsichten eines ganzen Jahrhunderts. In gewisser Hinsicht ist Gryttens Roman ein Gegenbild zu den erfolgreichen Männern, die im Alter unter Bedeutungsverlust leiden.
Nach einem langen Tag auf dem Fjord ist der Fährmann vom Kurs abgekommen, die Toten warten schon auf ihn, aus dem Radio kommen Stimmen der Verstorbenen, die ihn gekannt haben, unsentimental und kantig fügen sich deren einzelnen Sätze zu einem Nachruf. Das ist weniger ein Roman, wie es am Titelblatt steht, eher ein Requiem, eine Liebeserklärung in einer feinen, auch in der Übersetzung von Ina Kronenberger musikalischen Sprache.
Frode Grytten. Der letzte Tag des Fährmanns (Den dagen Nils Vik døde, 2023). Aus dem Norwegischen von Ina Kronberger. Penguin Random House Verlagsgruppe, München 2025. Hardcover, 122 Seiten, 22 Euro.
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- Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
- Neu von ihr, gerade erschienen: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition. Hier bei uns besprochen: Heimatforschung: Die Freude an der Unzugehörigkeit. Die Autorin dazu: „Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen. Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf Nachkriegszeit, auf die sogenannten „68er“-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland und Österreich. Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus der Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten geprägt. „Red diaper baby“, in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, ist die Auswahl von dem Bemühen geprägt, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem low budget-Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“
Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier. Von ihr auch im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“.












