
Die Freude an der Unzugehörigkeit
Hazel Rosenstrauchs autobiografische Reflexion »Gelber Stern und rote Windeln«, Heimatforschung der nicht konformen Art – besprochen von Alf Mayer
In England geboren, in Wien aufgewachsen, mit zwanzig sehr freiwillig und sehr »erst recht« in die Bundesrepublik emigriert, ein bisschen als Protest gegen die antideutsche Erziehung, mehr noch aus Neugier und angezogen von einer politischen Wachheit, die damals damit zu tun hatte, dass die Kinder der schuldigen Väter – »meine Altersgruppe« – zu denken begonnen hatten, das zog Hazel Rosenstrauch nach Deutschland, weg aus Österreich, dem antisemitischsten aller Länder, wie sie findet. Sie lebt in Berlin.
Ihr neues Buch hat mich elektrisiert. Vielleicht bin ich ja sensibilisiert durch meine Recherchen zur »Frankfurter Rundschau« und der dortigen Verdrängung des Emigranten und Widerstandskämpfers Karl Anders aus der Verlagsgeschichte – bis heute, 30. November 2025, dieser Zeitung kein einziges Wort des Bedauerns wert. Oder weil Hazel Rosenstrauch mir und diesem Magazin eine geschätzte Autorin ist. (Ihre Besprechung von »Balkan-Odyssee 1933-1941« hier nebenan, ihre Texte bei uns hier.)
Oder weil Ann Anders, die Tochter des bei der »FR« Ausgelöschten, ebenfalls wie Hazel Rosenstrauch in London und im Exil geboren, irgendwann in unserem Disput – was denn ihrem antifaschistischen Vater bei dieser antifaschistischen Zeitung (immer noch ideren Marken-Kern) eigentlich geschehen war – auf eine bohrende Lücke in ihren Kindheitserinnerungen zu sprechen kam: Mit ihren aus Widerstand und Exil ins Täterland heimgekehrten Eltern, in der Nachkriegsgesellschaft zu »displaced persons« geworden, lebte sie in Frankfurt-Westhausen unter »ihresgleichen«: ganze Wohnblöcke voller deutscher Antifaschisten-Familien. Aber keine Juden. Die gab es dort nicht. Auch nicht als Spielkameraden oder Mitschüler in der Grundschule … Schon seltsam. Auch die deutsche Widerstands-Diaspora: judenfrei? Jedenfalls gibt es da noch etwas zu klären.
Und jetzt dazu sozusagen komplementär: Hazel Rosenstrauch und ihr Buch »Gelber Stern und rote Windeln«. Herkunft aus einer Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten, ein »Red diaper baby« – ein amerikanischer Ausdruck für die Kinder von Kommunisten, für den sich im Deutschen kein Äquivalent entwickelt hat. Zu marginal? 1945 in London im Exil in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, wuchs Hazel in Wien unter Ihresgleichen, auf der Florisdorfer Hauptstraße im 21. Gemeindebezirk in einem großen Mietshaus auf, früher eine Russenkaserne. Trümmerlandschaft. Abenteuerspielplätze zuhauf. Unwegsames Gelände. So etwas blieb ihr lebenslang das schönste und interessanteste Terrain. Jetzt nimmt sie uns dorthin mit. Das Ziel: der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Und eben ein Stück Heimatforschung der nicht konformen Art.
Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen, findet Hazel Rosenstrauch. »Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf die Nachkriegszeit, auf die sogenannten ‹68er›-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die ‹Vergangenheitsbewältigung› in Deutschland und Österreich«, schreibt sie im Vorwort. Dialektische Volte am Rande, für die Nachgeborenen: Als Nebenwirkung des Berufsverbots von 1972, die Linke, vor allem solche, die irgendetwas mit »Kommunismus« zu tun hatten, vom Staatsdienst ausschließen sollten, entstand eine neue (mehr oder weniger bürgerliche) Öffentlichkeit: Kleinverlage, Off-Bühnen, Zeitschriften und nicht zu vergessen: die Kinderläden. »Auf diesem Humus gedieht mein Interesse an Ambivalenzen, die Beschäftigung mit Umbrüchen, und die Freude an der Unzugehörigkeit«, fasst Hazel Rosenstrauch zusammen.
Ihr Buch ist Erinnerung, Spurensuche, Reflexion, Ketzerei, Fragerei, Herkunft, Reise, Positionsbestimmung, Einspruch, Widerspruch, Zweifel, Selbstvergewisserung – und viel Stoff für Diskurs. Ein äußerst anregendes, an manch lieb gewordener Position rüttelndes Buch. Ein echt kratzig-dorniger, aber schöner Rosenstrauch, pardon the pun. Diesen Name, ihr immer unangenehm, schrieb Hazel eine Zeitlang um ihn abzumildern gar mit Bindestrich: Rosen-Strauch. Sie wollte den Stempel »jüdisch« vermeiden. Ihren deutschen Freunden erklärt sie gern, dass sie mit Antisemitismus besser zurechtkomme als mit dem in der Bundesrepublik vorherrschenden Philosemitismus.
Klingt kratzbürstig. So ist das, wenn man sich seine Sozialisation als »red diaper baby« selbst besorgen muss. Kein Frankfurt-Westhausen, sondern Wiener Vorstadt, »verwurzelt im Nirgendwo«, so eine Kapitelüberschrift. Der größte Teil des Soziallebens im Umfeld der Kinder- und Jugendorganisationen der KPÖ: Sturmvogerln, Junge Garde, FÖJ, mehrmals im Jahr Ferienlager. Fahnenappell, Waschen im kalten Bach, diverse sozialistische Wettbewerbe, sogar beim Heidelbeerplücken. Hazel war gerne dort, war ein »verpatzter Bub« (Zitat: »Geschlechtsumwandlung gab es noch nicht, ich wäre eine Anwärterin gewesen«), trug Lederhosen mit Herzchen drauf und raufte, trotz ihrer Zartheit. Sie war klein (ein Grispindel), aber goschert und mutig, weshalb sie auch als Anführerin akzeptiert wurde. Und meist war sie in irgendeiner Form Gruppenleiterin, »das gehörte zur demokratischen Erziehung, in jedem Zelt oder Zimmer wurde eine Sprecherin gewählt und das war meist ich«.
In der Grundschule stand sie als Kind »o.r.B.«, ohne religiöses Bekenntnis, mit den Händen an der Hosennaht stramm, während die anderen zum Unterrichtsbeginn das »Vater Unser« aufsagten. Warum ein aufgehängter Toter angebetet wurde, verstand sie nicht. Aber deswegen Diskriminierung? Nein. Die Mitschülerinnen (es war eine Mädchenklasse) äußerten nur ihr Mitleid. »Du Ärmste kommst in die Hölle, weil du nicht ans Jesuskindlein glaubst.« In ihrer Klasse am Gymnasium dann waren zwei Drittel der Kinder aus dem »Milljöh« – Remigranten mit kommunistischem und säkular-jüdischem Hintergrund. Aber das Jüdisch war ja unwichtig, weil in ihrer Zukunft Religion und Herkunft keine Rolle spielen sollten.« Und dann flog sie von dieser Schule, ging auf eine depperte Handelsakadmie. Und kam jenseits solcher Kruven doch auf die für sie richtige Bahn.
Wie vielen anderen linken Agnostikern waren und sind ihr religiös oder rassistisch definierte »Wurzeln« nicht so interessant. Sie hat sich dort nie eingemeindet. Fand erst mit Anfang 30 ihre Form. »Gesättigt mit Ambivalenzen, Macken, Irrungen und unglücklichen Liebesgeschichten entschloss ich mich, über den Verleger und Buchhändler Philipp Erasmus Reich zu promovieren – was einige Zeit dauerte. Im 18. Jahrhundert fand ich ein Zuhause. Meine Texte und Bücher handeln auf die eine oder andere Art von dem Versuch, die lebenswichtige Mischung aus Aufklärung, Gefühl. Individualismus, offenem Horizont und Möglichkeitssinn aufzubewahren«, fasst sie zusammen.
Ende der 1970er Jahre wurde sie gefragt, ob sie für ein Buch über Juden in Deutschland einen Beitrag schreiben könne. »Ich? Wieso? Dann aber sprudelten die Sätze und Erinnerungen.« Der Band erschien 1979 mit immerhin 37 Beiträgen, der ihre unter dem Titel »Fremd im eigenen Land«. Beim Wiederlesen heute staunt Hazel, wie relevant Antisemitismus damals war. Es schob sich aber mit dieser Einladung »meine Jüdischkeit in den Vordergrund meines Selbstverständnisses und ich konnte meinen ach so schönen Namen nicht mehr wie zuvor hinter einem Pseudonym verstecken.« Auch wenn sie »mit diesem schönen Namen« – wie ihr wieder und wieder und schon immer gesagt wird – nach ihrem Selbstverständnis »nicht in das für Juden bestimmte Ghetto im Nahen Osten gehört«. Sondern hierher.

Lesen wir also, warum Hazel Rosenstrauch hier bei uns Texte schreibt. Und warum wir stolz sind, sie als Autorin bei uns zu haben.
Alf Mayer
P.S.: Den Anstoß zu dem Projekt gaben Briefe ihrer Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten. Auch Briefe der Eltern werden in diesem Erinnerungsprojekt zitiert. Und über Bundisten erfährt man auch etwas.
Hazel Rosenstrauch: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition, Berlin 2025. 160 Seiten, 15 Euro. – Bezug gerne über die Autorin: hazel.rosenstrauch(AT)gmail.com
Lesehinweis:
Hazel Rosenstrauch: Fremd im eigenen Land. In: Juden in der Bundesrepublik. Hrsg. Von Henryk M. Broder und Micehl Lang. Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1979. Seite 339-350.
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- Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier. Von ihr auch im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“.



















