
Theodoros, ein Irrer auf dem Thron Äthiopiens
Er hat ihn nicht gekriegt trotz der euphorischen Rezensionen, die Mircea Cărtărescu für nobelpreiswürdig halten. Überbordend, barock, geistreich, schwindelerregend, verspielt, verwandt mit dem phantastischen Realismus Lateinamerikas, lauten die Adjektive, mit denen der Roman gepriesen wird . Schon der Verlag spricht bzw. schreibt von Vollendung, Magie, Meisterwerk, der Autor sei “einer der größten literarischen Abenteurer der Gegenwartsliteratur”. Alles ist groß in dieser kontrafaktisch surrealen Biographie eines Machtmenschen, der als Sohn walachischer Dienstboten nach Abenteuern zur See, auf dem Lande und im Kloster zum Kaiser von Äthiopien wird. Im Nachwort erfährt man, dass ein Brief an Königin Victoria aus dem Jahr 1838 – über rumänische Wurzeln des afrikanischen Herrschers Tewodoros II. – die Phantasie des Autors entzündet hat.
Kontrafaktisch, also ohne reale Grundlage, wird der Aufstieg des Knaben aus einem kleinen rumänischen Dorf zum Ausgangspunkt für verrückte, geile und grausame Berichte über Schlachten, Folter und Leichenhaufen. Piratenabenteuer, Volksmythen, Philosophisches und Phantastisches mit Anleihen bei den großen Gestalten abendländischer Literatur sind mit Versatzstücken aus rumänischer, englischer, französischer und afrikanischer Geschichte verwoben. Bevor Theodoros sich zum Kaiser von Äthiopien machen konnte, war er Seeräuber, schuftete in einem Salzbergwerk, auf ihn war ein Kopfgeld ausgesetzt, er hat sich mit Gott und Satan, Ketzerei und Blasphemien aller Art beschäftigt. Die Suche nach der verlorenen Bundeslade verbindet die Episoden, die traditionelle Bauformen des Romans eher vermeiden, die Leserin hüpft mit dem Autor durch Zeiten, Themen und Orte. Weil alles üppig und überbordend ist, werden die Ereignisse nicht von einem allwissenden Erzähler, sondern von allwissenden Erzengeln erzählt. Die Leselust wird nicht verdorben, wenn man schon zu Beginn weiß, dass der mordlustige Tyrann sich mit der Duellpistole von seltener Schönheit – einem Geschenk von Königin Victoria – umbringt. Der Draufgänger mit seinen “von Blut und Schießpulver getränkten Händen” folgt seiner Bestimmung und der in der Kindheit genährten Phantasie, brandschatzt und mordet und macht sich zum Kaiser des christlichen afrikanischen Äthiopien.
Im Laufe der Abenteuer werden Bäuche aufgeschlitzt und Därme herausgerissen, Offiziere kastriert, Mönche erstochen und versengt, Kleinkinder zerstückelt, Babys ermordet, Augen ausgestochen und Brüste abgeschnitten. Eine Nacherzählung ist nicht nötig, denn das Buch ist auf und ab besprochen worden. Ob die genussvolle Schilderung der Gräueltaten barock und geistreich ist, kann ich nicht beurteilen, ich weiß nicht einmal, ob der Weg in die Verdammnis schrecklich oder lustig ist. Interessant finde ich, dass in den (zumeist von Männern geschriebenen) Rezensionen die Szenen über Ärsche, Schwänze, Mösen, bestiegene Weiber, den feuchten Eingang zur Höhle zwischen heißen Schenkeln und Ähnliches nicht erwähnt werden. Es sind männliche Phantasien, zu denen Schleim, Wonne, Vergewaltigungen, ekelerregende Paarungen gehören, auch minderjährige Zigeunerinnen ohne Titten dürfen mitspielen und Bojaren beiliegen. Gegen Ende des Buchs tritt eine blonde weiße Frau mit blauen Augen auf und “strahlt inmitten der schwarzen Menschen”.
Als alternde Emanze liegt es mir fern, derlei prüde zu rügen, auch will ich mich nicht als ungebildete Spielverderberin outen, die zu wenig von Barock, Bibel und Orient versteht. Ergo lasse ich die – mit vielen Adjektiven und Gerundien garnierte – Sexomanie ruhig auf mich wirken. Und nach ein paar Tagen und 660 Seiten habe ich eine Erleuchtung: Der Autor spielt ja mit Um- und Neudeutungen, ich erkenne, dass vor und hinter mir ein schwindelerregender, phantastisch-realistischer Abgesang auf machtgeile Männlichkeit und männliche Machtgeilheit liegt. Und nun verstehe ich auch die begeisterten Rezensenten.
Die Übersetzung ist so hervorragend, dass ich Ernest Wichner den “Indianersommer” nachsehe, vielleicht wollte er, dem Duktus des Autors folgend, die alten Weiber vermeiden, nach denen in deutschsprachigen Ländern ein strahlender Herbst benannt wird.
Mircea Cărtărescu: Theodoros. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Zsolnay Verlag, Wien 2024. Gebunden, 672 Seiten, 38 Euro.
- Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
Ihre Texte bei CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Aus jüngerer Zeit: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier.


















