Geschrieben am 1. April 2026 von für Crimemag, CrimeMag April 2026

Hazel Rosenstrauch zum »Czech Refugee Trust Fund in Britain, 1938 – 1975«

Ein Modell für Flüchtlingsbetreuung?

Gäbe es ein Studienfach „Flucht und Betreuung“, wäre dieses Buch für den Grundkurs geeignet. Es handelt vom Czech Refugée Trust Fund (CRTF), und erzählt darüber hinaus vom Wie und Wer und Was. Bereits einen Monat nach dem Münchner Abkommen, mit dem nicht nur, aber auch die Briten die Tschechoslowakei preisgegeben hatten, wurde in Großbritannien eine erste Unterstützungsorganisation (BCRC – British Committee for Refugees from Czechoslovakia) gegründet. Kritiker der Appeasement-Politik, verschiedene Organisationen, Kirchen, Gewerkschaften, Armee, Presse, Abgeordnete und Bürger gründeten Initiativen, um Geld für gefährdete Gruppen zu sammeln. Der Bürgermeister von London und auch der Herausgeber des „News Chronical“ fuhren eigens nach Prag, nationale Appelle riefen zu Spenden auf, heute würde man das Zivilgesellschaft nennen. Im Juli 1939 entstand dann der CRTF als offizielle Regierungsagentur mit einem Startkapital von 4 Mio Pfund.

Gefährdet waren nach dem Einmarsch der Deutschen nicht nur Tschechen und Deutsche Nazigegner aus dem Sudetenland, in der Tschechoslowakei lebten auch viele Deutsche und Österreicher, die aus ihren Ländern dorthin geflüchtet waren: Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Nazi-Flüchtlinge, Juden aller Herkünfte und politischen Richtungen sowieso. Der dank einer BBC-Sendung von 1988 berühmt gewordene Kindertransport war nur ein Teil der Rettungsaktionen, man muss das Wort in den Plural setzen, denn es gab eine Vielzahl von Initiativen, auch von Privatleuten, die Flucht und Einreise ermöglichten, Überleben sicherten, für Unterkünfte, auch Kleidung, Essen, medizinische Hilfe, Taschengeld etc. sorgten. Für die Kinder und Jugendlichen wurden Schul- und Studienplätze organisiert, Familien und Bürgen gesucht. Später half der CRTF auch bei der Suche nach Arbeitsplätzen, bei Ausbildung und Sprachkursen.

Die Autorinnen gehen auf das Problem der Arbeitserlaubnis und der Visabeschaffung ein und würdigt einzelne Personen. Anfangs hoffte die Regierung, dass diese nicht unbedingt willkommenen Menschen nach Kanada, Australien oder Dominions weitergeleitet werden könnten. Und natürlich mussten, zumal nach Eintritt Englands in den Krieg, die Zuwanderer beobachtet und kontrolliert werden. Der ganze CRTF und speziell die Kommunisten darin wurden vom MI 5 beobachtet. Ende 1939 war der Fund bereits für zirka 12.000 Flüchtlinge zuständig, rund 6.000 Tschechen, 3.000 Sudetendeutsche, 1.100 Deutsche und 800 Österreicher.

Brinson und Buresova beschreiben die Schwierigkeiten, das zeitweilige Chaos und die Konflikte sowohl innerhalb der Organisation wie unter den Flüchtlingen. Zentral und unter heutigen Gesichtspunkten verrückt waren die Streits, Beschwerden, Denunziationen und zum Teil auch physisch ausgetragenen Kämpfe zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten in deutschen, österreichischen und tschechischen Zirkeln. Bekanntlich haben Kommunisten aller Länder den Krieg zwischen Deutschland und den Alliierten zuerst als „imperialistischen Konflikt“ definiert, und einander versichert, er ginge sie nichts an. Erst mit dem Überfall auf die Sowjetunion wurde die Parteilinie geändert, ab da waren auch Kommunisten bereit, als Teilnehmer im Pioneer-Corps oder in der Kriegsindustrie mitzuwirken. Als der Krieg für die Briten ungünstig verlief war auch ein England eine Anti-Flüchtlings-Hysterie ausgebrochen und zum Teil von der Presse geschürt worden. Nach der Invasion deutscher Truppen in Holland, Belgien und Frankreich häuften sich Berichte über Aktivitäten einer „Fünften Kolonne“ und schwappten nach England über. Im Juni 1940 kam es zur Masseninternierung, immer in Absprache mit dem MI 5.

Die Materiallage über die Camps ist inzwischen sehr viel besser als 1984, als Michael Seyfert in seinem Buch „Im Niemandsland“ die Forschung über  britische Internierung als „Brachland“ bezeichnet hat. Die Autorinnen konnten Konflikte und Konfusionen in den Camps auf der Basis vieler Dokumente, Korrespondenzen von Komitees und Individuen, Akten des MI 5 und Archiven (u.a. des DÖW) detailliert beschreiben. Die Situation in den Camps wird am Beispiel der Schützlinge des CRTF besonders gut sichtbar. Mitarbeiter der Organisation kümmerten sich um ihre Klientel, versuchten – nicht immer erfolgreich – sie vor der Internierung zu bewahren oder halfen den Internierten, an Seife, Zigaretten oder Lektüre zu kommen. Sie kümmerten sich auch darum, dass Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden von zum Teil in den gleich Camps untergebrachten Nazis getrennt wurden.

In einem Bericht von 1955 ist von 12.000 Betreuten die Rede, von denen 50 % in England geblieben, 20 % zurück gegangen und 30 % in andere Länder weitergewandert sind. Speziell die österreichischen Kommunisten waren scharf darauf, so schnell wie möglich nach Ende des Kriegs beim Aufbau ihres Landes mitzuwirken. Sie erfuhren bald, dass sie nicht besonders willkommen waren. Die Arbeit war für die Mitarbeiter des CRTF nach 1945 nicht zu Ende, die Einrichtung wurde 1948 nach dem „communist coup“ wieder als Hilfsorganisation für Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei aktiv. Erst 1975 wurde der Fund aufgelöst. Bis Ende 1970 wurden insgesamt 20.478 Flüchtlinge betreut „und wurden nützliche Mitglieder der britischen Gesellschaft als Ärzte, Lehrer, Wissenschaftler etc.“.

Charmian Brinson ist weder verwandtschaftlich noch religiös vorbelastet. Ihre Neugier auf das Thema wurde von einer deutschen Lehrerin mit Fluchthintergrund angeregt. Sie ist emeritierte Professorin für Germanistik und Gründungsmitglied des Forschungszentrums für deutsche und österreichische Exilstudien an der Londoner Universität. Jana Barbora Buresovas Spezialgebiet ist das tschechische Exil, auch sie arbeitet am Forschungszentrum für deutsches und österreichisches Exil.

Zum Schluss eine Suchanzeige: Charmian Brinson schrieb mir, das Archiv des Austrian Centre sei verschollen. Solle jemand wissen, wo es steckt – bitte melden.

Charmian Brinson, Jana Barbora Buresova: The Czech Refugee Trust Fund in Britain, 1938 – 1975. Lifeline to Freedom. Verlag Vallentine Mitchell, London-Chicago 2025. 234 Seiten, vorerst nur auf Englisch erhältlich.

** **

  • Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
  • Neu von ihr, gerade erschienen: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition. Hier bei uns besprochen: Heimatforschung: Die Freude an der Unzugehörigkeit. Die Autorin dazu: „Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen. Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf Nachkriegszeit, auf die sogenannten „68er“-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland und Österreich. Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus der Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten geprägt. „Red diaper baby“, in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, ist die Auswahl von dem Bemühen geprägt, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem low budget-Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“

Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier. Von ihr auch im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“.

Tags : , ,