
“Geh zu dem Blinden”
Gut, dass Verlage (aus welchen Gründen auch immer) Bücher neu auflegen, die vergessen oder Jüngeren nicht zugänglich waren. Ich habe gezögert, die letzten zehn Seiten zu lesen, weil ich nicht wollte, dass diese Lektüre zu Ende geht. Der Rückblick auf das wahrlich ‘unglaubliche’ Leben des blinden jungen Mannes war 1963, auf deutsch 1966 erstmals erschienen. Man liest mit funktionierenden Augen von dem wilden, übermütigen Jugendlichen, den mit acht Jahren der “Schlag des Schicksals” (dank an die Übersetzer, nicht Schicksalsschlag) trifft, als er bei einem Unfall sein Augenlicht verliert. Nicht Klage über das Unglück, sondern eine Ode an das Licht führt durch das Buch. Er hat das Licht schon geliebt, als er noch sehen konnte, und besteht darauf, dass er kein Krüppel ist. Im Gegenteil, er sieht mehr als Menschen mit heilen Augen, weil er die Welt auf andere Art sieht, sie mit anderen Maßstäben erkennt. “… gerade ich wusste sehr gut, dass man einem Menschen […] nur das Hören oder Sehen zu nehmen brauchte – und die Welt veränderte sich sogleich, eine andere, völlig verschiedene und doch zusammenhängende Welt tat sich auf. Eine andere Welt? Nein! Es war dieselbe, doch aus einem anderen Winkel wahrgenommen, mit ganz neuen Maßstäben gemessen.”
Zu seiner geschärften Wahrnehmung mit den verbliebenen Sinnesorganen gesellt sich etwas, das er moralischen Geruch nennt; er liest in Stimmen, erkennt am Schweigen oder Überschwang unausgesprochene Absichten seines Gegenübers, weiß, ob jemand ehrlich ist oder lügt. Zusätzlich zu einer ausgeprägten Intelligenz, Lernlust und starkem Wissenshunger hat er einen sechsten Sinn entwickelt, und als siebenten Sinn die Fähigkeit zu innigen Freundschaften. Man könnte, was er selbst nicht tut, von einem starken Charisma sprechen, es bewirkt schon in der Schule, dass sich die Mitschüler um ihn drängen, ihn schätzen und schützen. Freundschaft, Vertrauen und der Austausch über alles, was ihn und den Freund bewegt, bleiben existenziell. Lusseyran berichtet über diese Jugend und das innere Licht ausführlich und leidenschaftlich. Dieses Licht und der damit verbundene Glaube lassen ihn die Grausamkeiten der folgenden Jahre überleben.

Erst ab der Hälfte des Buchs werden die Erfahrungen in Widerstand, Gefängnis und Konzentrationslager erzählt. “Meine Krankheit heißt Besatzung” nennt er das 12. Kapitel. Es ist der “erste Nazi-Frühling”, als er beschließt, nicht wie die Menschen um ihn herum, abzuwarten. Eine anfangs kleine, dann schnell wachsende Gruppe von Jugendlichen gründet auf seine Initiative hin eine Bewegung, die er führt. Er hätte, sagen die Freunde, “ein Gefühl für Personen”, würde ”besser hören, mehr achtgeben, sich nicht täuschen lassen”. Dank seines geübten Gedächtnisses braucht er keine bloßstellenden Papiere oder Listen. Es sind noch sehr junge Männer, die harmlos aussehen. Neue Aspiranten werden zu ihm gebracht, er soll sie prüfen. “Wenn ich Herzen und Gewissen erforschen konnte, […] so deshalb, weil ich blind war.” Einmal ist er unsicher, und dieser Mann wird die Gruppe auch verraten.
Seine Gruppe schließt sich mit anderen Widerstandskämpfern zusammen, verteilt erst Flugblätter, dann eine Zeitung in ständig wachsender Auflage und bald in ganz Frankreich. Die Organisation “Défense de la France” will das Gewissen aufrütteln, gibt Ratschläge, “welche Informationen sie glauben, was für eine Haltung sie einnehmen sollten”. Treffen, Entscheidungen, das Filtern von Nachrichten, Diskussionen und Ansporn für Unentschlossene obliegen ihm, daneben lernt er noch für die Schule. “Ich hatte noch nicht die Härte eines Mannes; ich war elastisch wie ein Kind, und das erklärt meine Leistungen zwischen 1941 und 1943.”
Auf einer der ersten Seiten des Berichts, den er mit 35 Jahren verfasst hat, steht der Satz: “Ich weiß, dass ich seit dem Tag, an dem ich blind wurde, niemals unglücklich gewesen bin. Und dann liest man von Verhaftung und Gefängnis, vom Transport im Viehwaggon, wo er sich über Tote, Verletzte, Blut und Exkremente vorwärts tastet, und von den Schrecknissen im Konzentrationslager Buchenwald. Lusseyran kommt in den völlig überfüllten Invalidenblock, mit Einarmigen, Tauben, Taubstummen, Blinden, Krüppeln ohne oder mit gelähmten Beinen, Epileptikern, brandig Gewordenen, Tuberkulösen, Krebskranken, Alten etc.. Er übersteht auf wundersame Weise eine schwere Krankheit und läuft danach durch die Baracken, um die offiziellen Informationen der Wehrmacht zu deuten, um Mut zu machen oder Streit zu schlichten. Fünfzehn Monate Buchenwald! Er schreibt über die Kälte, den Hunger, die Brutalität, über die Unerschütterlichen, die Einfältigen, die Verrückten, die Frommen. “Man starb viel in Buchenwald”, auch seine engsten Freunde sterben. Auch wenn man schon viel über die Résistance, die Methoden von SS und Gestapo und über die grauenhaften Zustände in den Konzentrationslagern gelesen hat, verändert der Bericht des Blinden das Bild, ergreift Herz, Hirn und das Organ, mit dem man staunt.
“Nie unglücklich”? Das ist nach all dem, was er mitmachen musste, kaum vorstellbar. Allerdings schreibt er ja auch, dass Worte seit der deutschen Besatzung ihre Bedeutung verändert haben. “Nicht unglücklich” meinte gewiss etwas anderes als das Jammern in der heutigen Wohlstandsgesellschaft. Mir geht auch die Passage durch den Kopf, bedroht sei nicht Frankreich, sondern der Mensch, deshalb vermute ich, dass der spätere Philosophieprofessor nicht nur vom Widerstand und seinem “inneren Licht” erzählt. Er bewahrt, was bedroht war und ist und für ihn Mensch heißt.
Jacques Lusseyran: Das wiedergefundene Licht. Die Lebensgeschichte eines Blinden im französischen Widerstand (Et la lumière fut, 1953). Aus dem Französischen übersetzt von Uta Schmalzriedt, überarbeitet von Tobias Scheffel. Klett-Cotta, Stuttgart 2024 (zuerst 1966). 336 Seiten, gebunden, 25 Euro.
Anm. d. Red. – Siehe auch bei uns: Wer Andreas Pflüger zu seiner blinden Actionheldin inspirierte.
**
- Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
Ihre Texte bei CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Aus jüngerer Zeit: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier.












