Geschrieben am 1. Mai 2026 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2026

Hazel Rosenstrauch über »Die Buchhandlung der Exilanten«

Nachspeise zum Exil in Paris

Hazel Rosenstrauch zu Uwe Neumahr „Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940. Zuflucht und Widerstand“

Natürlich ist es ein Unterschied, ob Texte über Flucht und Exil kurz nach dem Krieg geschrieben wurden, von Menschen, die „dabei gewesen“ sind, ob Exilliteratur ab Mitte der 1980er Jahre neu herausgegeben wurde, meist von kleinen Verlagen, oder ob sich nun große Verlage und Bestseller-Autoren des Themas annehmen. Es gibt inzwischen einen Markt für Bücher über Verfolgung und Not – damals, vor knapp hundert Jahren.

Vor vierzig Jahren gehörten noch Mut und Entdeckungslust dazu, um Bücher von Autoren herauszubringen, deren Werke verbrannt worden sind und nach Ende der Herrenmenschen-Herrschaft lange vergessen waren. Nur langsam wurde das Erinnern an diese Linken und Juden Teil des normalen Kulturbetriebs, samt Chancen auf Förderung und Lob. Ähnlich wie beim Thema „Erinnerungskultur“ haben sich Bedeutung und Motive geändert, eine gewisse Verharmlosung ist unvermeidlich. Nun also Paris vor und nach der deutschen Besatzung. Dort gab es zwei bemerkenswerten Buchhandlungen in der gleichen Straße, Adrienne Monniers „La Maison des Amis des Livres“ und „Shakespeare and Company“, das die Amerikanerin Sylvia Beach gegründet hatte. Es waren Orte, an denen diskutiert, gelesen, auch gestritten wurde, Treffpunkte von Berühmten und Bald-Berühmten, laut Cover waren es die Buchhandlungen der Exilanten.

Neumahr hat alles zusammengetragen, was er über die beiden Buchhändlerinnen, ihre Freunde und Nöte finden konnte. Er hat den Nachlass von Sylvia Beach, Gründerin von „Shakespeare and Company“ und von Adrienne Monnier gesichtet, hat in Archiven gewühlt und Erinnerungsliteratur durchforstet. Über Paris unter den Nazis, über die Kollaboration der französischen Regierung und die Gefahren für Intellektuelle, zumal jüdische, ist schon viel geschrieben worden, insbesondere über „Shakespeare and Company“, dessen Gründerin James Joyce verlegt und berühmt gemacht hat

Neumahr hat viel gefunden, greift weit aus, von jeder Person, die Spuren hinterlassen hat, werden Details, auch Anekdoten berichtet.  André Gide, Jean-Paul Sartre, Hemingway, Ezra Pound, Man Ray, Walter Benjamin, Siegfried Kracauer, Gisèle Freund, Arthur Koestler, auch Gertrude Stein – von der man erfährt, dass sie die Reden von Philipp Pétain, Staatschef des Vichy-Regimes, übersetzt. Ausführlich wird auch über Ernst Jünger berichtet, der bekanntlich kein Flüchtling, sondern „Chef der 2. Kompanie des Infanterieregiments 287“ war. Und Literat, weshalb er Kontakt zu Adrienne Monnier hatte. Ein Who is who von der „Zeit der allgemeinen Vergnügungssucht“ bis zur Zeit von Verfolgung, Hunger, Gleichschaltung der Presse, Inhaftierungen.

Neumahr hüpft zwischen aufregenden Erlebnissen der 1920 und 30er Jahre und Ereignissen nach dem Einmarsch der Nazis hin und her – so wenn Sylvia Beach gefangen genommen und in dem sogenannten „Affenkäfig“ festgehalten wird: versiegelte Waggons, drohende Deportation. Die Spannung steigt, das Kapitel endet und wir sind wieder im Jahr 1938. Solche Cliffhänger gehören wohl zum literarischen Konzept. Einem Kapitel über die „letzten Tage von Shakespeare and Company“ im Dezember 1941 folgt ein Text über Gisèle Freund 1933, dann folgt eine Rettungsaktion für die Buchhandlung der Amerikanerin 1936, im nächsten Kapitel sind wir wieder im Jahr 1942. Auf die„öffentliche Intervention für Jean-Paul Sartre“ im Frühjahr 1942 folgen die Notverkäufe von Sylvia Beach 1935, auf das  Jahr 1925, in dem Adrienne Monnier die erste Nummer ihrer Zeitschrift „Le Navire d‘argent“ veröffentlicht, folgt die Säuberung des Buchhandels 1940/41. Nach dem Abschnitt über Adrienne Monniers Affaire mit Gisèle Freund 1936 liest man über die Millionärsgattin Florence Gould und deren „horizontale Kollaboration“ 1942.

Für unbedarfte Leser werden die Dreyfus-Affaire und das Münchner Abkommen erklärt, der Autor zitiert Sätze Adrienne Monniers über Antisemitismus, ihren Respekt für die Deutschen und ihre Verteidigung der Appeasement-Politik und verteidigt sie. Manche Details über Freunde und Gäste der Buchhändlerinnen erschweren die Lektüre, da ist Neumahr wohl der Faszination des Materials erlegen. Oder war es Faszination für diese Maschinchen, die blitzschnell jede Frage beantworten und die erstaunlichsten Details finden? Es gibt auch Stellen, an denen man gerne mehr gelesen hätte: Wieso weiß Adriennes Assistent, dass und wann Sylvia aus dem Lager entlassen wird, und holt sie vom Zug ab, obwohl sie selbst erst im letzten Moment erfahren hat, dass sie weg darf?

Es geht um „Zuflucht und Widerstand“, noch mehr aber um die gewagten Liebesbeziehungen zwischen Adrienne, Sylvia und Gisèle, wobei die Frauen  meist nur mit Vornamen genannt werden. Der Buchtitel könnte auch „Denkmal für eine stille Heldin“ heißen, denn am Ende bekennt der Autor, er würde sich wünschen, dass Adrienne Monnier ähnlich berühmt und geehrt wird, wie ihre Freundinnen. „Wenn dieses Buch einen weiteren Beitrag leisten kann, … ihr ein Denkmal zu setzen, nicht zuletzt wegen ihres bemerkenswerten humanitären Einsatzes während der deutschen Besatzung, hat der Verfasser sein Ziel erreicht.“

Uwe Neumahr: Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940. Zuflucht und Widerstand. C.H. Beck, München 2026. Hardcover, 320 Seiten, mit 25 Abbildungen, 26 Euro.

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  • Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
  • Neu von ihr, gerade erschienen: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition. Hier bei uns besprochen: Heimatforschung. Die Freude an der Unzugehörigkeit. – Die Autorin dazu: „Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen. Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf Nachkriegszeit, auf die sogenannten „68er“-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland und Österreich. Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus der Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten geprägt. „Red diaper baby“, in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, ist die Auswahl von dem Bemühen geprägt, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem low budget-Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“

Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier. Von ihr auch im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“.

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