Geschrieben am 1. Juni 2026 von für Crimemag, CrimeMag Juni 2026

Hazel Rosenstrauch zu »Die Linke in Palästina«

Ein kühnes Unterfangen

Der mittlerweile von einem Kollektiv geführte Wiener Mandelbaum-Verlag verlegt eine politische Edition „kritik und utopie“, in der bereits mehrere Bände über die Linke in verschiedenen Staaten oder auch aus nicht-staatlichen Gebieten (etwa dem Baskenland) herausgekommen sind. 2024 ist ein Band „Die Linke in Palästina“ erschienen. Der Verfasser Thomas Schmidinger unterrichtet nicht nur in Wien und Oberösterreich, er ist auch Associate-Professor an der Kurdischen Universität im Irak, gibt u.a. ein Jahrbuch für Kurdische Studien heraus und beschäftigt sich mit religiösen Extremismus, mit Minderheiten  im Nahen Osten und anderen abgelegenen Themen – soll heißen, er kennt sich sowohl in Europa wie im westlichen Asien (!) aus. Das sei ausnahmsweise an den Anfang der Besprechung gestellt, um zu erklären, wer sich eine solche „Einführung“ – wie der Untertitel heißt – zutraut. 

Der Autor greift weit zurück in die Geschichte, denn schon der Begriff „Palästina“ bedarf der Klärung. Kurz streift er die immer schon komplexe Herkunft vom 6.Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung über griechische, römische, osmanische und schließlich britische Herrschaften im östlichen Mittelmeerraum. Aber das ist nur Vorgeschichte, die den Horizont erweitert. Das Buch behandelt nicht nur die Frage, was ist Palästina, wer ist Palästinenser und wo leben Akteure einer palästinensischen linken Politik. Ebenso wichtig und kompliziert ist die Frage, was ist „links“. Mit bewundernswerter Detailkenntnis werden politische Räume und Organisationen erklärt, schließlich sind die Lebensbedingungen und Vorstellungen sehr unterschiedlich, abhängig davon, ob Palästinenser in der Westbank, in Gaza, in der Diaspora oder in Israel leben. Außerdem sind die Bedingungen in den Ländern, in die Palästinenser geflohen sind, je nach Zeit und Regierungen – in Ägypten, Libanon, Irak, Syrien, Jordanien oder im sogenannten Westen – verschieden. Zwischen Nasser und Assad, Lagern und Städten, mit gültigem oder einem wertlosen palästinensischen Pass schlägt sich nicht nur auf die Lebensverhältnisse, sondern auch auf die politische Einstellung nieder. Nicht alle arabischen Länder unterstützen die arabischen Mitbürger, oder geben ihnen die Chance, sich zu integrieren, Intellektuelle in der Diaspora denken anders als landlose Bauern in der Westbank.

Die wichtigste Zäsur ist die Gründung des Staates Israel, die nächstwichtige war das Oslo-Abkommen, die Anerkennung der PLO durch Teile der UNO, dann die erste und zweite Intifada und schließlich der 7. Oktober 2023. All das wird jeweils differenziert nach Gebieten und politischen Rahmenbedingungen aufgedröselt, konzentriert um „die Linke“. Im Vordergrund stehen dabei kommunistische Organisationen, deren Spaltungen, Verhältnis zur Komintern, später dann das Verhältnis zur Fatah und zur Hamas, und nicht zuletzt – die Gründe für deren allmähliche Bedeutungslosigkeit. Man denkt dabei nicht nur an den Film „Das Leben des Brian“ von Monty Python aus dem Jahr 1979. Auch Schmidinger erwähnt die von linken Splittergruppen inspirierte Satire, die den Dogmatismus religiöser und politischer Gruppen aufs Korn nimmt.

Wer mehr über die Unterschiede, die historische Entwicklung, das Verhältnis zu den arabischen Staaten rundherum, zur Hamas und Terroristen wissen will, findet hier Nachhilfe, auch Manifeste und Programmatiken. Neben den kommunistischen Parteien und den jeweiligen Splittergruppen werden, zumindest kurz, auch NGO, Trotzkisten, Anarchisten und Ökos erwähnt. Das ändert nichts daran, dass die „Einführung“ als traurige Geschichte endet. Das letzte Kapitel heißt „Niedergang und Niederlage der palästinensischen Linken“. 

„Die Linke ist nicht nur an ihren Spaltungen und der Unterordnung sozialer […] Fragen gescheitert, sondern auch an ihrem Autoritarismus und ihrem ideologischen Traditionalismus, der zu wenig auf Veränderungen reagieren konnte“. Sie hat keine eigenständige Vision einer palästinensischen Befreiung formuliert. Eine Diagnose, die nicht nur für palästinensische Linke gilt. 

Schmidinger weist mehrfach darauf hin, was alles im Rahmen dieses Bandes nicht diskutiert werden kann, und doch bietet er vieles, das zum Verständnis der aktuellen Situation beiträgt. Es ist eine traurige und eine erhellende Lektüre, die zeigt, wie absurd jede schnelle Parteinahme ist. 

Der Folgeband über die israelische Linke ist für November 2026 angekündigt, ich bin schon neugierig. 

Thomas Schmidinger: Die Linke in Palästina. Eine Einführung. Mandelbaum, Wien 2024. Klappenbroschur, 160 Seiten 15 Euro.

** **

  • Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
  • Neu von ihr, gerade erschienen: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition. Hier bei uns besprochen: Heimatforschung. Die Freude an der Unzugehörigkeit. – Die Autorin dazu: „Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen. Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf Nachkriegszeit, auf die sogenannten „68er“-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland und Österreich. Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus der Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten geprägt. „Red diaper baby“, in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, ist die Auswahl von dem Bemühen geprägt, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem low budget-Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“

Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier. Von ihr auch im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“.

Tags : , ,