
Das Politische wurde persönlich
Wenn Sie nur ein Buch über Verfolgung, Unsicherheit, Flucht, Ängste und Hoffnungen lesen oder verschenken wollen, nehmen Sie dies. Es geht über viele Darstellungen hinaus, die eine mittlerweile reiche Spezialliteratur zum Exil im vorigen Jahrhundert bietet. Der Balkan war lange ein blinder Fleck in den Geschichten über Zufluchtsorte für Menschen, die 1933 aus Deutschland, 1938 aus Österreich, 1939 aus der Tschechoslowakei und nach und nach aus den weiteren von Deutschen eroberten Ländern fliehen mussten. „Motive und Umstände des Exils waren unterschiedlich“ heißt es schon im Vorwort, und es gehört zu den angenehmen Seiten dieser Studie, dass diese Vielfalt vorgeführt, und dabei auch nicht ständig von „den Juden“ erzählt wird, es gab nämlich „anständige“ Menschen ohne rassischen Makel, die das Nazi-Regime nicht ertragen haben und flohen, weil sie die Herrenmenschen unerträglich fanden. Ohnehin war ein großer Teil der Flüchtlinge ganz unreligiös und nur nach Nazi-Definition jüdisch.
Grundlage der Arbeit sind Tagebücher, Briefe und Erzählungen, der Natur der Überlieferung gemäß ist von Berühmtheiten mehr erhalten als von weniger bekannten Menschen, aber auch denen begegnet man hier. Tilla Durieux, Manès Sperber, Ernst Toller, Franz Theodor Csokor, Alexander Sacher-Masoch oder die Reformpädagogin Annemarie Wolff-Richter haben Geschichten hinterlassen. Dazu hat Calic Material über Fluchtorte, Hilfsorganisationen, Spitzel, gefälschte Pässe zusammengetragen, auch über freundliche Zöllner und Beamte, die es – neben Betrügern und Verrätern – auch gab. Die wichtige Rolle von Schmiergeldern, Netzwerken und Heimweh, von Wanzen und Flöhen, die zum „Leben ohne Geländer“ gehörten, werden in einer wohltuenden Sprache erzählt und machen die Lektüre trotz des Themas zum Vergnügen. Von Eichmann erfahren wir, dass er Schul- und Lehrabbrecher war und verschiedene Jobs hatte, „bevor er zum anerkannten Spezialisten für ‚Judenfragen‘ aufrückt“.
Im Zentrum steht das multikonfessionelle und fremdenfreundliche Jugoslawien, „Antisemitismus war so gut wie unbekannt“. Universitäten und Krankenhäuser nahmen Wissenschaftler oder Ärzte (jüdisch oder arisch) gerne auf. Für ein paar Jahre gab es Zuversicht, auch Exilanten-Gemeinschaften wie auf Korčula, die eine dauerhafte Niederlassung denkbar machten. Die Verfasserin schöpft auch aus einem reichen Fundus von historischen Quellen, sodass man viel über die Politik und Konflikte in den Balkanländern erfährt, über Herrscher und Parteien, jugoslawische, italienische, albanische, rumänische, bulgarische Interessen, über die deutschen Minderheiten und die Erpressungsversuche Hitlers. Die Einmischung deutscher Geheimdienste lange vor der Besetzung Jugoslawiens, die Ambitionen Mussolinis und die Bedeutung der Ressourcen lenken den Blick auf wenig bekannte Aspekte. Dazu gehören auch die Bemühungen der Briten, den Widerstand gegen die Achsenmächte zu stärken – und die Flucht nach Palästina zu stoppen.
Das Buch ist erkennbar mit dem Wissen über heutige Politik gegenüber Geflüchteten geschrieben, ohne aufdringliche Hinweise. Ich hörte nur gerade in den Nachrichten vom neuen EU-Asylsystem, nachdem ich über die Konferenz von Evian von 1938 gelesen hatte, als bei „Seezunge, Poularden-Supreme, Schinken-Mousse und erlesenen Weinen“ Hunderte Vertreter von Staaten berieten, wie man die humanitäre Not der Juden lindern könne. Bekanntlich weigerten sich mit einer Ausnahme alle teilnehmenden Länder, Flüchtlinge aufzunehmen. Calic behandelt die Vorkriegszeit, in der es der deutschen Regierung noch vorrangig darum ging, Deutschland judenfrei zu machen, also Ausreise noch möglich war. „Als Hitler am 6. April 1941 Jugoslawien und Griechenland überfiel, zerstörte er eines der letzten Refugien der verfolgen Juden in Europa. Die Achsenmächte teilten die Beute unter sich auf. […] An die Stelle der Vertreibung der Juden trat ihre Vernichtung.“ Auch an dieser, für viele nun letzten, Zufluchtsstätte.
In einem Schlusskapitel werden einige Biographien von Geretteten und Rettern, von Freunden und Helfern, sowie von Tätern und Kollaborateuren nacherzählt – Letztere sind teils untergetaucht, teils schnell begnadigt worden. In einem vorbildlichen Anhang sind die Archive, Personen und Literatur, auch Karten und ausführliche Anmerkungen vermerkt, die weiterführende Neugier befriedigen können.
Marie-Janine Calic: Balkan-Odyssee 1933 – 1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa. Verlag C.H. Beck, München 2025.
Hazel Rosenstrauch
Gerade von ihr erschienen – und in dieser Ausgabe hier nebenan besprochen –: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition, Berlin 2025. 160 Seiten, 15 Euro. Bezug gerne über die Autorin: hazel.rosenstrauch(AT)gmail.com

















