
Schuld und Sühne der Deutschen
Nicht nur Nationalisten oder Freunde der Hamas befallen gelegentlich Zweifel, wenn die deutsche Schuld abgerufen wird. Berliner hatten dafür schon vor vielen Jahren den hübschen Ausdruck „Wiederjudmachung geprägt. Das Unbehagen bei Reden und Veranstaltungen zum Thema Holocaust, Staatsräson und „die deutsche Verantwortung“ hat sich – auch unter Progressiven, Geschichtsbewussten oder „Betroffenen“– in letzten Jahren verbreitet. Deshalb hatte ich das Buch von Luca di Blasi bestellt.
Die steile These des Autors lautet (falls ich es richtig verstanden habe), dass in der Politik der Schuld Ideologie von der völkischen Gemeinschaft weiterlebt. Die Deutschen, so der Autor, stehen im Schatten eines kollektiven Schuldgefühls, ein kollektives schlechtes Gewissen bilde die Basis für eine Erinnerungspolitik, bei der nationale Schuld ein letztes Einigungsband des deutschen Kollektivs ermöglicht. Möglicherweise habe ich nicht alles verstanden, denn man muss in Religionswissenschaft und Philosophie bewandert, womöglich auch habilitiert sein, um die Referenzen auf Nietzsche und Heidegger, Freud und Sartre, Kant und Hegel, CG Jung und Peter Sloterdijk, Aleida Assmann und natürlich Hannah Arendt verstehen oder gar einschätzen zu können. Ich las staunend über die vielen Psychologen, Philosophen und auch Kirchenväter, die als Beweis für eine Kontinuität zwischen völkischer und reuiger Moral herangezogen wurden. Da ich ein Faible für die in der deutschen Sprache beliebten Komposita, Kofferwörter und Substantivgebirge habe, habe ich mich durchgekämpft. Die Geständnisgemeinschaft, die Internalisierung eines Kollektivschuldvorwurfs, die Nachschuldgeneration (= die 68er) und die tätervolksgemeinschaftliche Dimension der nachkriegsdeutschen Erinnerungspolitik faszinieren und verschrecken.
Es ist ein sehr dickes und kompliziertes Buch, in dem die Schuld akzeptiert und umgedeutet und mit biblischen und christlichen Erzählungen verschränkt wird. Sie ist laut di Blasi mit einer postchristlich-atheistischen Rechtfertigungslehre und einer mit der Schuldanerkennung verbundenen negativen Identitätspolitik der Täter verbunden. Ich las vom Negationismus und den Negationisten bis zur „partielle(n) Retheologisierung durch Betonung der Unantizipierbarkeit bei Benjamin“ und erfuhr, dass Elie Wiesel dem Zionismus eine quasitheologische Bedeutung zugeschrieben habe – was ich womöglich falsch verstanden habe. Aber ich habe begriffen, dass Schuld gemeinschaftsstiftend sei – bei Juden, Christen und in der Psychoanalyse. Dabei bin ich so ungebildet, dass ich gar nicht wusste, dass auch „die Juden“ ein Schuldproblem haben, weil sie (vor 3 000 oder 4 000 Jahren?) Moses umgebracht haben. Zur schuldpolitischen Bedeutung des Christentums gehört bekanntlich der christliche Vorwurf an die Juden, sie hätten Gott umgebracht.
Kurz und schlecht: Vergangenheitsbewältigung erweist sich als Vergangenheitsbewahrung, weil mit der Integration des deutschen Schuldgeschicks ein nationales ‚Wir‘ erhalten bleibt. Eine nationale Identität wird so festgehalten, ist aber zugleich problematisch, denn „hier zeigt sich am deutlichsten die Nähe zur Volkskomplizenschaft“. Dieser Gedanke wird in jeweils neuem Kontext mit anderer Begründung mehrfach wiederholt: In der „Erinnerungsgemeinschaft samt volksgemeinschaftsbewahrender Anerkennung von Auschwitz findet die völkische Gemeinschaft als Schuldgemeinschaft ihre Fortsetzung“.
Kapitel 6.1. widmet sich der „Integration der Nachschuldgeneration durch die Konstitution der Erinnerungsgemeinschaft“. Mit dem Beschluss für die Errichtung des Holocaust-Mahnmals 1999 zeichnete sich, so di Blasi, die Umdeutung zu einer deutschen Leitkultur der Schuld ab, unterstützt wurde das von einer schuldpolitischen „großen Koalition“ zwischen links- und konservativ-liberalen Kräften. Als Kronzeuge dieser Umdeutung fungiert Jürgen Habermas. Er „hat die Nachschuldgeneration mit Denkmitteln Heideggers in die deutsche Geständnisgemeinschaft integriert und damit diese Gemeinschaft als Erinnerungsgemeinschaft vollendet“. Dazu gehört, dass Thomas Mann Hitler und Moses „einerseits einander entgegensetzte, sie aber zugleich auch annäherte“. Es zeigt sich eine Tendenz „den Nationalsozialismus, wenn auch negativ, mit dem alttestamentlichen Judentum zu parallelisieren“. Auch das habe ich wohl, aus lauter Freude an herausgerissenen Zitaten, falsch verstanden.
Zur „schuldpolitischen Zeitenwende“ gehört der „Riss … der eine westliche Politik der Schuldanerkennung durchzog und durchzieht“. Denn seit Deutschland wiedervereinigt wurde, betreffen „analoge Formen negativer Identitätspolitik“ auch den übrigen Westen, also Italien, Frankreich, England etc. Das postkoloniale Schuldnarrativ lässt sich nämlich mit dem anti-antisemitischen durchaus vereinbaren.
Das Thema ist neuerdings besonders aktuell geworden, und so wird auch die „Kopplung von deutscher Schuldpolitik und einer fast vorbehaltlosen Solidarität mit Israel“ thematisiert. Die deutsche Staatsräson, der Anti-Antisemitismus, die AfD und die Antisemitismusdefinition zeigen die Grenzen und Pervertierungen der Schuldpolitik auf. Auch dabei bekommt die Schuld einen dialektischen Schlenker: Die Herstellung einer „Wertegemeinschaft qua Ausschluss von Nichtdeutschen“ entlarvt nämlich die volksgemeinschaftsbewahrende Dimension der Schuldanerkennung. „Wie bei jenen Linken in den 1970er Jahren, die in einen Terrorismus abgeglitten waren, führte der Versuch, die richtigen Schlüsse aus der eigenen Schuldgeschichte zu ziehen, in verhängnisvoller Weise zu neuer Komplizenschaft und Schuld.“ Von „auffallenden Analogien zwischen Deutschland und Israel“ ist die Rede, und mit Eva Illouz und Omri Boehm wendet sich di Blasi „gegen eine mit dem Holocaust betriebene israelische Identitätspolitik“ und gegen eine Symbiose zwischen Israelis und Deutschen.
Das ist alles sehr klug, gewichtig und diskussionswürdig, meine Zitatauswahl wird der Tiefe und Höhe der Gedankenbrocken sicher nicht gerecht. Man müsste die überhochmezten Überlegungen durch eine intelligente Lektorenmaschine laufen lassen, um zu verstehen, was hier erklärt und bewiesen werden soll.
Luca di Blasi, Die Politik der Schuld, Matthes & Seitz, Berlin 2025. 462 Seiten, davon 80 Seiten Anmerkungen, 23 Seiten Literaturverzeichnis, 34 Euro. – Leseprobe hier.
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- Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
- Neu von ihr, gerade erschienen: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition. Hier bei uns besprochen: Heimatforschung. Die Freude an der Unzugehörigkeit. – Die Autorin dazu: „Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen. Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf Nachkriegszeit, auf die sogenannten „68er“-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland und Österreich. Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus der Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten geprägt. „Red diaper baby“, in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, ist die Auswahl von dem Bemühen geprägt, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem low budget-Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“
Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier. Von ihr auch im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“.












