Geschrieben am 1. Februar 2025 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2025

Hazel Rosenstrauch zu: »Wie ein junger Anwalt Tausende Juden rettete«

Rabauke, Abenteurer, Held

War Willy Perl ein Haudegen, ein wagemutiger Abenteurer oder ein Verzweiflungstäter? Er hat kurz nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich als junger Anwalt erst von Wien aus und später in Rumänien, Griechenland, Budapest oder Zürich nach Wegen gesucht, um die jüdische Bevölkerung bzw. als Juden deklarierte Bewohner der von Deutschen besetzten Gebiete zu retten.

Willy Perl begann seine Arbeit im Auftrag einer jüdischen Organisation (NZO) zuerst in Absprache mit Adolf Eichmann, der als Leiter der “Zentralstelle für jüdische Auswanderung” anfangs noch mit jüdischen Organisationen kooperierte, um das Land “judenrein” zu machen. Robert Lackner erzählt von den Tricks und der Chuzpe, mit der es Perl immer wieder gelang, Behörden um den Finger zu wickeln, Devisen zu beschaffen, Vorschriften zu umgehen, Gestapo, Briten oder Konsularbeamte gegeneinander auszuspielen.

Dafür hat der junge Anwalt mit Reedern verhandelt, die ihre Geschäfte nicht immer ordentlich abwickelten, er hat mit Schiffsagenturen aus Griechenland, der Türkei und dem Iran kooperiert, korrupte Polizisten bestochen, sich als Journalist getarnt oder sich mit gefälschten Stempeln zum Konsul von Liberia erklärt. Er spielt mit hohem Risiko und ohne  Scheu vor dubiosen Machenschaften, wenn es darum geht, Flüchtlinge über die Donau zum Schwarzen Meer zu bringen, wo es nicht immer glückt, sie von dort per Hochseeschiff (bei Bedarf auch unter panamaischer Flagge) weiter zu transportieren. Das Ziel der nicht immer seetüchtigen Schiffe, auf denen Hunderte Österreicher, Deutsche, Menschen aus der Tschechoslowakei, Polen und Rumänien zum Teil wochenlang auf die Abfahrt oder Lebensmittel warten, war das britische Mandatsgebiet Palästina. Die größte Gefahr bestand darin, dass britische Beamte und Patrouillen die Schiffe sichten und die Landung  verhindern. 

Robert Lackner schildert auch die komplizierten Verbindungen und Streitereien innerhalb der jüdischen Hilfsorganisationen, die schließlich dazu führten, dass Perl sein “Transportunternehmen” auf eigene Faust weiterführte und sich selbst in größte Gefahren begab. Es gab mehrere solcher “Reisebüros”, die den Flüchtenden auf nicht-legalen Wegen geholfen haben, mit seinem frechen Auftreten, seiner phantasievollen Tarnung und dem Mut der Verzweiflung dürfte er ein Meister unter den Helfern gewesen sein.

Es ist nicht immer einfach, den Wegen und Umwegen zu folgen, die Robert Lackner in seinem Buch auf der Grundlage von Archivalien verschiedener Länder, überlieferten Korrespondenzen und Perls Erinnerungen rekonstruiert; ich weiß nicht, ob alles stimmt, aber selbst wenn manches in der Erinnerung Perls, der sich in die USA flüchten konnte und als einer der amerikanischen Verhörspezialisten nach Europa kam, nicht ganz richtig ist, lädt das Buch dazu ein, eine Verbindung herzustellen zwischen den heilig gehaltenen Juden von einst und den “illegalen” Flüchtlingen heute.

In der deutschen Erinnerungskultur ist oft von Eigentümern wertvoller Gemälde, von Nobelpreisträgern mit “deutscher” Herkunft und vor allem von den Toten die Rede. Lackner erzählt mehr von den armen Teufeln, von denen viele auf den beschwerlichen Wegen krank geworden oder ertrunken sind. Gäbe es ein Mahnmal für die Schlepper, Schmuggler, Schleuser und Betrüger, die damals geholfen haben, würde ich meine aufgeklärten Freunde E. und C. hinschicken, damit sie – überzeugte Philosemiten und Vergangenheitsbewältiger – ein bisschen mehr nachdenken, wenn sie  wieder die Flüchtlinge von heute und deren Helfer für alle möglichen Miseren verantwortlich machen.

Robert Lackner: Wie ein junger Anwalt Tausende Juden rettete. Die abenteuerliche Geschichte des Willy Perl. Kremeyer & Scheriau, Wien 2024. 304 Seiten, Hardcover, mit zahlreichen SW-Abbildungen. 304 Seiten, 27 Euro.

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  • Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs.  Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de

Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Aus jüngerer Zeit: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier.

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