
Schon ein Dreieck ist kompliziert
Diesmal kein Buch: wespennest.
Ein senkrechter lange Strich, ein schräger, ein Kreis, ein paar Punkte – die Zeichnung auf dem Titelblatt, und in Varianten im Heft, ist kompliziert. Sie bestehen, wie ich auf Nachfrage erfuhr, aus übereinandergeschichteten Buchstaben des deutschen Alphabets.
Das Thema des neuen Heftes der überlebenden Literaturzeitschrift mit erfreulich langer Tradition lautet „Komplexität“, im Editorial ist von der sich immer weiter öffnenden Schere zwischen Trivialisierung und Hyperkomplexität zu lesen, auch von Verschlampung der Lesekompetenz, aber im Zentrum steht hier nicht das Heulen. Komplex, kompliziert, anspruchsvoll und differenzierend wird das Heftthema behandelt, geknetet, auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Der erste Text ist heavy, wie man neudeutsch sagt, ich würde das mit gewichtig (wenn auch nicht schwer) übersetzen. Das Leid innerhalb des Altarbilds von Matthias Grünewald, gemalt Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, erzählt viel von Reduktion und Wirklichkeit, Schauen, Worten, Raum und Zeit. Und noch viel mehr, denn die Welt ist und war immer schon sehr komplex.
Ja, es geht um Lesen, um Überlieferung, um den Wandel des Schreibens oder auch um Einfachheit. In einer Zeitschrift kann man blättern, kann irgendwo aufschlagen. Für Leser, die aus der Enge der deutschen oder auch österreichischen Wahrnehmungen heraustreten wollen, empfehle ich die „Poetische Reportage“ von Dmitri Strozew, weil – das Leben ist nicht nur komplex, sondern auch kompliziert – die Redaktion eine Kooperation mit der „Minsker Schule“ begonnen hat. Die belarusischen Autoren haben nämlich wenig Möglichkeiten, innerhalb, aber auch außerhalb ihres Landes zu reden und zu dichten.
Die Artikel rund um das Heftthema enthalten „natürlich“ ein, nein, mehrere Plädoyer(s) fürs Bücherlesen, aber auch ein Lob des Smartphones, dazu aufschlussreiche Blickwinkel auf die Nebenwirkung von einfacher Sprache und die (von gelernten Intellektuellen meist mit Naserümpfen erwähnte) „Demokratisierung des Lesens“ (Gerhard Lauer). Genres wie „New Adult“ „Young Adult“, Romantasy oder Instapoetry retten nämlich nicht nur den Büchermarkt, sie öffnen für junge Leute auch das Fenster zu einer anderen Form von Komplexität. Wie überhaupt die Beiträge keineswegs in das weit verbreitete Lamento über den Untergang der Lesekultur einstimmen. „Kunst der Einfachheit“ nennt sich der Beitrag, in dem erwähnt wird, dass ein knappes Drittel Probleme mit sinnerfassendem Lesen hat, aber auch die Art unserer Messung von Intelligenz problematisiert wird – mit Informationen über andere Formen der „Würdigung der vielen bunten Möglichkeiten“, um mit der Welt in Kontakt zu treten. Denn auch „Menschen mit Lernschwierigkeiten können lustvoll mit Sprache spielen“, ganz abgesehen von der Frage nach der Intelligenz der Pflanzen oder der Diagnose, dass die Sprachkompetenz oft auch jenen fehlt, die sie verlangen.
Ein Physiker mit Humor und Bodenhaftung (Stefan Thurner) erklärt zwei Geisteswissenschaftlern, wie komplexe Systeme aus vielen Bausteinen, samt Bewegungen, Interaktionen funktionieren, und was sich daran berechnen lässt und was nicht. Künstliche Intelligenz, Gesundheitssystem, Gemeinwohl versus Technofaschismus kann ich hier nur als Stichworte fallen lassen, neben der Entintellektualisierung innerhalb des Theaters (Dieter Bandhauer) werden neue Formen von Komplexität in der Musik erläutert (Jan Kopp). Wenn der Zuwachs von Komplexität schon mit der Atonalität erläutert wird, so ist das nur ein Beispiel für die übergreifende Diagnose, dass vertraute Ordnungssysteme verschwinden, durcheinander geraten, anderen Anschauungen weichen. Das hat, so Ferdinand Schmatz, um 1900 schon Hermann Broch zu fassen versucht. (Frage der ketzernden Leserin: Wann waren denn Ordnungen stabil? Im 19. Jahrhundert? Im 18., in der Renaissance oder vor 2000 Jahren, als Jesus die Ordnung umstürzte?)
Klug und witzig schlägt Helmut Neundlinger eine Brücke zwischen dem österreichischen Ex-Bundeskanzler Sinowatz und Niklas Luhmann. Dies und mehr wird immer aus ungewohnten Blickwinkeln vorgestellt. Lesern, die gerne von hinten beginnen, lege ich die „Raketenwissenschaft“ Kochen ans Herz, in der Alexander Rabl das komplexe Zusammenspiel von Eiern, Pfannen, Butter, Hitze oder Toastbrot erklärt. Wie es sich für eine Literaturzeitschrift gehört, gibt es selbstverständlich Buchbesprechungen.
wespennest. Zeitschrift für brauchbare texte und bilder nummer 188, Komplexität. Wien 2025. 112 Seiten, 14 Euro. Verlagsinformationen hier, Inhaltsverzeichnis hier.
- Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Aus jüngerer Zeit: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier.

















