Geschrieben am 1. Mai 2025 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2025

Hazel Rosenstrauch über »Ginsterburg« von Arno Frank

Ein Nazi-Bilderbuch.

„Ginsterburg“ wurde mir empfohlen, als wir (aus aktuellem Anlass) über ein Hinüberrutschen nach rechts sprachen. Die Kleinstadt, in der die Frage exemplarisch durchgespielt wird, ist fiktiv, die Figuren auch. Von jedem Typus gibt es einen Vertreter, auch Vertreterinnen. Der Blumenhändler wird zum NS-Kreisleiter, der (natürlich jüdische) Zeitungsbesitzer begeht Selbstmord, der Redakteur des Provinzblattes ist nicht für die Nazis, lässt sich aber dann doch bestechen. Die Söhne des Kreisleiters sind bösartig und selbstverständlich in der Hitler-Jugend. Die (recht zurückhaltende) Opposition wird, wie könnte es anders sein, von der Buchhändlerin vertreten. Sie hat einen liebenswerten, empfindsamen Sohn, der Flieger werden will und auf die Art ins Nazi-System hineinrutscht. Die Frau des Redakteurs begrüßt die neue Zeit und freut sich, dass die Tochter im BDM ist. Sie wäre auch gerne „Teil von etwas Größerem“. Ihre Schwägerin ist in Berlin mit einem Juden verheiratet, den man leider nicht aufnehmen kann („Aber hier bei uns einen Juden beherbergen? […] das ist reiner Wahnsinn! Was sollen denn die Leute denken?“). Die Blockwartin spioniert nicht nur, sie hat auch ein behindertes Kind, das sie „Ballastexistenz“ nennt, als es „untergebracht“ wird, ist sie erleichtert. Helden aus dem Ersten Weltkrieg halten zusammen, ein slawisches Dienstmädchen leckt des Kreisleiters Schwanz. Der alte Sozialdemokrat und ein Schwuler sind gegen das System, auch den für Linke so problematischen Hitler-Stalin-Pakt bringt Arno Frank unter.

Im Wohnheim hat Gesine über dem Bett eine Rassetafel aufgehängt: „Die hatte sie sich gleich am ersten Tag aus Das deutsche Mädel ausgeschnitten. Das war praktisch, es bot Orientierung in der Metropole. Darauf waren die Unterschiede zwischen den Grundrassen in Deutschland gut zu erkennen.“ Deshalb kann sie im gleichen Absatz einen Juden erkennen. „Am Horst-Wessel-Platz“ war der zum Kriegsdienst in Berlin abgeordneten Gesine „auf einer Viererbank diese Familie aufgefallen. Der Mutter hätte sie es nicht angesehen, aber der Vater hatte eine richtige Hakennase, so wulstige Lippen und ganz fleischige Ohrläppchen“, außerdem hat er durch seine Brille „die ganze Zeit schon irgendwie gehetzt geguckt, anders als normale Leute“. Alles ist wie es sein soll: Frauenschaft, Kuchen aus Mohrrüben und Kartoffeln; „gehirnverweichlichte Luftschlossbewohner“, die wärmende Gemeinschaft; die Gattin des Obernazis, die ihn zugunsten einer SS-Größe verlassen hatte, ist „eine prachtvolle Züchtung“, ihre Zuständigkeit für Sado-Maso-Spiele und Lesbisches vervollständigen das naturalistische Tableau. Die Sprache changiert zwischen Stakkato und Sentimentalität, Tempo und gefühlvollen Bildern. Wenn es spannend wird, kommt ein Cliffhänger. Zwei Liebesgeschichten sorgen für Spannung. „Gesine glühte“ und auch Lothar glüht. „Vor dem Fenster rauschte der Wind in den Wipfeln.“ Eine rätselhafte Zigeunerin am Anfang und ein „blauer Fuchs“ am Ende repräsentieren das Mystische, auch deutsche Heilkunde findet ihren Platz.

„Im Spätsommer 1940 stand das Reich auf dem Gipfel seiner tausendjährigen Geschichte. Aus schwindelnder Höhe konnte es den kompletten Kontinent überblicken.“ Der Blumenhändler und Kreisleiter Gürckel muss die holländische Ware nicht mehr kaufen, er kann sie beziehen. Nach 250 Seiten gehen Boote im Ärmelkanal unter, Otto Gürckels Gesicht ist bleich, sein Atem geht schwer. Im Dritten Teil, 1945,  wird die Stadt bombardiert, „am 1. März 1945 […] steigen die schweren Maschinen der englischen Luftwaffe auf, „schwenkt der Schwarm über den Vogesen ostwärts und quert den Rhein“, die Gewächshäuser des Blumenhändlers werden getroffen, das Reich ist besiegt, der Obernazi steckt sich die Pistole in den Mund. Wer die „sechshunderttausend Menschen sind, die „unter den Trümmern ihrer Taten und Träume begraben werden“, hat sich mir nicht erschlossen. Parteimitglieder können nicht gemeint sein, das waren über acht Millionen. Ach ja, es geht dem Autor natürlich um die deutschen Bombenopfer. Polen, Russen, Holländer, Franzosen, Roma oder Juden wurden nicht begraben, geträumt haben sie kaum, und ihre Taten kommen in dem Buch nicht vor. 

Das ist alles gut gemeint, so muss es gewesen sein, Nazizeit von innen, ohne Distanz, fast so authentisch wie die Literatur von damals, ein, wie es am Cover heißt, „mitreißendes und bewegendes Kleinstadtepos“. Es reißt einen geradezu in das Pathos der großen Zeit hinein.

Arno Frank: Ginsterburg. Klett-Cotta, Stuttgart 2025. 432 Seiten, Hardcover, 26 Euro.

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  • Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs.  Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de

Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Aus jüngerer Zeit: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier.

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