Geschrieben am 1. Mai 2024 von für Crimemag, CrimeMag Mai 2024

Hazel Rosenstrauch: Adelbert von Chamisso (1781-1838) als Forscher

Literatur und Eingeweidewürmer

Adelbert von Chamisso war zur Zeit der Französischen Revolution acht Jahre alt, nach vierjähriger Flucht landete er in Berlin und wurde in Preußen heimisch. Feingeister kennen ihn als Erzähler der Geschichte von Schlemihls wunderbarer Reise mit Siebenmeilenstiefeln, dass er auch Botaniker war, hat sich schon ein bisserl herumgesprochen. Dass er als Naturforscher an einer der “letzten großen Forschungsexpeditionen auf der Suche nach der legendären Nordostpassage” teilgenommen hat, erstaunt die Freunde, denen ich davon erzähle. Drei Jahre ist der poetische Botaniker auf dem unbequemen Schiff zwischen Südsee und dem hohen Norden gesegelt, hat auf damals noch unbekannten Inseln botanisiert und Dinge entdeckt, die zum Teil erst jetzt dank Matthias Glaubrechts Spurensuche, bekannt werden.

Das knapp 700 Seiten dicke Buch enthält spannende Aufklärungen über Salpen und deren speziellen Fortpflanzungszyklus, über Driftfrüchte und Schlafmützchen, den Permafrostboden und den Handel mit Seeotterfellen, über die Boote der “Naturvölker”, und es erläutert Erkenntnisse des französischen Preußen, die in der Naturwissenschaft bislang kaum gewürdigt wurden. Chamisso hat auch die Vernutzung der Sklaven in Brasilien in seinen Reisetagebüchern und Briefen festgehalten, er hat Sprachen der Indigenen erforscht und den Schaden erkannt, den die europäischen Entdecker anrichten. Seine Sammlung von Fischen, Vögeln und Algen wurde mehrfach von den Matrosen aus Dummheit und Ignoranz ins Meer geworfen, trotzdem kam er mit reicher Ausbeute zurück, das Meiste landete in Berlin.

Es war eine russische Expedition, das Schiff, mit dem ich den Dichter und Forscher in die Welt des frühen 19. Jahrhunderts begleiten konnte, hieß Rurik, der Kapitän hieß Otto von Kotzebue – ein deutsch-baltischer Offizier in russischen Diensten, Sohn des deutschen Dichters August von Kotzebue. Von Hierarchie und den Eitelkeiten, Konkurrenz, Neid und Freundschaften, Kolonisierung und Verbreitung der Syphilis wird spannend wie in einem Roman erzählt, aber ohne fiction, voller Fakten, in einem großen Bogen von den ersten Entdeckungen bis zur Plage heutiger Kreuzfahrtentdecker.

Matthias Glaubrecht ist nicht nur Evolutionsbiologe und Wissenschaftshistoriker, er hat sich auf der Suche nach vergessenen und verschlampten Materialien auch als Detektiv betätigt, hat mit viel Spürsinn naturkundliche Sammlungen durchforstet und sich durch einen Wust von Literatur gewühlt. Zu seinen naturwissenschaftlichen und historischen Kenntnissen gesellt sich eine schriftstellerische Begabung, er liebt seinen Helden und wahrt doch die nötige Distanz. Auf den Spuren des Welterforschers schaut er zurück auf die früh begonnene Ausrottung wertvoller Pelztiere und nach vorne zum Atommüll und dem ansteigenden Meeresspiegel auf den Inseln, die Adelbert von Chamisso vor 200 Jahren bereist hat. Glaubrecht liebt auch Funde vom Rande, belegt jede Aussage in detaillierten Anmerkungen, und dankt all den Autorinnen und Forschern, deren Arbeit oder Hinweise er benutzt hat. Für alle, die noch mehr wissen wollen sind 140 Seiten zur Biographie, eine Zeitleiste, Anmerkungen, Literatur- und Personenverzeichnis angehängt.

Im Epilog erklärt der Autor, was die Erderwärmung für die so lange gesuchte Nordostpassage bedeutet. Fossile Brennstoffe wie Erdgas, Öl und Steinkohle sowie Edelmetalle und seltene Erden können dort bald ausgebeutet werden. “Längst schon hat der Wettlauf um die Vormachtstellung in dieser neuen polaren Schlüsselregion für die Weltwirtschaft Fahrt aufgenommen. […] Mit der zivilen Schifffahrt und der Suche nach Rohstoffen drohen auch die Konfrontationen und Konflikte der kommerziellen Akteure zuzunehmen.” Die Atolle, deren Flora und Fauna Chamisso untersucht hat, werden versunken sein, die Sprachen, die er aufgezeichnet hat, sind schon lange untergegangen.

Der Autor beendet die ressourcenschonende Reise mit dem Satz: “Unsere Welt, die bereits kaum mehr der Adelbert von Chamissos ähnelt, wird dann abermals eine ganz andere sein”. Wie tröstlich, dass er noch von “unserer Welt” spricht.

Matthias Glaubrecht: Dichter, Naturkundler, Welterforscher. Adelbert von Chamisso und die Suche nach der Nordostpassage. Galiani, Berlin 2023. 688 Seiten, 36 Euro.

  • Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs.  Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de

Ihre Texte bei CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Aus jüngerer Zeit: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier.

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