
Sonntagsspaziergang mit Intellektuellen
Ich lese gerne ältere Bücher und fand in einem Band von 1990 Sätze, die sich für ein Gespräch unter Freunden eignen könnten – nicht als Trost, aber als Medizin gegen das Jammern. Karl Schlögel hatte damals einen Aufsatzband von 1909, Vechi, neu herausgegeben. Vertreter der russischen Intelligencija dachten darin über „Irrtümer ihrer Weltanschauung“ nach, „nicht aus hochmütiger Verachtung für ihre Vergangenheit, sondern aus Schmerz um diese Vergangenheit und in brennender Sorge um die Zukunft der Heimat“, wie es im Vorwort von Michail Geršenzon heißt. In seiner Einleitung rekapituliert Schlögel die Geschichte dieser Intellektuellen, da war die Mauer schon gefallen, der eiserne Vorhang durchlöchert, Gefängnisse geöffnet und Archive zugänglich. Ein Wertesystem war zusammen gebrochen, Perspektiven, Bedeutungen und Gesinnungen veränderten sich, wieder wurden Weltanschauungen überprüft. 1990 wusste man noch nicht, was kommen würde, viele, zumal Dissidenten und Emigranten aus Osteuropa, hofften. Schlögels Einleitung führt weit über 1909, 1917 und noch die 1970er Jahre hinaus und animiert nebenher zum Nach-Denken über Ende und Schmerzen der jetzigen Gatekeeper.
Die Gedanken, die der Kenner Russlands Revue passieren lässt, betreffen eine Intelligencija, die gebildet war, feste Prinzipien hatte, gegen den zaristischen Staat opponiert hatte und oft in der Emigration lebte. Einige wurden nach der Revolution von 1917 von „Profis der Kritik zu Profis der Affirmation“ und gerieten ins Zentrum der Macht – wobei sich das Denken veränderte, denn „der permanente Handlungszwang produziert andere Denkformen als die erzwungene Praxisenthaltsamkeit des Exilanten“. Die alte Intelligenz wird bald als „Fossil der alten Zeit beiseite geworfen, als die Kader der neuen Intelligenz bereit stehen und nachrücken.“ Gefragt war nicht mehr Räsonnements und Reflexionen, gebraucht wurden Ingenieure und Techniker, ausgebildet wurden nicht mehr die Kinder der Bourgeoisie, sondern Kinder von Bauern und Arbeitern. Anhand einer weiteren Textsammlung von 1918, die damals nie veröffentlicht wurde, skizziert Schlögel dann den Umbruch nach der Revolution, dem „die Intelligencija in der „Verbannung der 20er Jahre und im Massaker von 1937“ zum Opfer fiel. (Der Große Exodus. Die russische Emigration und ihre Zentren 1917–1941. C. H. Beck, München 1994.)

Übertragungen sind Unfug, aber es klingelt bei der Beschreibung von Unsicherheit und deren Folgen, beim Vorrang von Technik und Ingenieurwissen, sogar beim Verschwinden der handwerklichen und industriellen Arbeit und der damit verbundene Hässlichkeit, „die überall dort entsteht, wo es niemanden gibt, der sich für sich selbst und für eine nächste Umgebung verantwortlich fühlt“. Es klingelt auch bei den Sätzen, dass nach dem Tod des Diktators etwas entstand, „für das es noch keine Sprache gab“, weil der Umbruch Regression und Orientierungslosigkeit mit sich brachte.
Wie das bei Umbrüchen so ist, gab es „Erfahrungsräume, in denen dasselbe Wort ganz verschiedene Dinge meint“. Das galt erst recht für die westlichen Intellektuellen, die „auf der Flucht vor dem Faschismus ihre Hoffnung auf Russland oder den Kommunismus gesetzt hatten“. In dem Weltanschauungskampf gab es keine gemeinsame Sprache, es ging – noch so ein schöner aktueller Satz – „nicht um Wahrhaben, sondern Rechthaben und meist kurzsichtige Instrumentalisierungen des jeweils passenden Arguments“. Und es galt für die Sprachlosigkeit zwischen West- und Ost-Intellektuellen, schrieb Schlögel 1990. „Die Dialektik der Aufklärung ist unvollständig ohne ihre östliche Variante!“ Mit einem fast prophetischen Blick setzt er hinzu, dass, was die damaligen Büchermenschen artikulierten, vielleicht „nur noch in Lima oder Teheran“ nachvollzogen werden kann.
Vieles sprach dafür, „den großen Erfahrungsschatz“ zu bergen. Denn es galt: „Niemand begreift wirklich, was geschehen ist, und niemand weiß, was geschehen wird“. Die Neuauflage der Textsammlung, deren Titel „Wegzeichen“ bedeutet, ist jetzt 35 Jahre alt. Sie wollte keine Orientierung bieten, weil es nicht um Rezepte und auch nicht um Programme ging. „Die Vechi haben eine andere Bedeutung: innezuhalten, wenn alle die Flucht nach vorn oder zurück antreten.“ Schlögel meint, es wäre sinnvoll, „ohne Wegzeichen leben zu können“. Krisen, entnehme ich dem Band, können auch wach machen und zur Überprüfung liebgewordener Gedankengebäude anregen. Mit oder ohne Wegzeichen enthält der Band eine Form von Kritik „linken“ Denkens, wie ich sie hierzulande nicht kenne.
Karl Schlögel: Wegzeichen. Zur Krise der russischen Intelligenz. Essays. Eingeleitet und aus dem Russischen übersetzt von Karl Schlögel, Die Andere Bibliothek, Band ## Eichborn Verlag Frankfurt/M 1990.
Anm. d. Red.: Zu Karl Schlögel siehe, ebenfalls gerade bei unseren Freunden Gespenster der Freiheit erschienen: Wolfgang J. Ruf mit „Zwei Historiker zwischen gestern und heute. Zu den aktuellen Büchern von Karl Schlögel und Heinrich August Winkler“.
** **

- Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
- Neu von ihr, gerade erschienen: Gelber Stern und rote Windeln. Diesterweg Edition. Hier bei uns besprochen: Heimatforschung: Die Freude an der Unzugehörigkeit. Die Autorin dazu: „Achtzig ist ein gutes Alter, um aufzuräumen. Da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend, schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf Nachkriegszeit, auf die sogenannten „68er“-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland und Österreich. Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus der Familie jüdisch-kommunistischer Remigranten geprägt. „Red diaper baby“, in roten Windeln geboren, mit dem gelben Stern im Hintergrund, ist die Auswahl von dem Bemühen geprägt, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem low budget-Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“
Ihre Texte bei uns im CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Ebenso: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier. Von ihr auch im Verlag Das Arsenal, Berlin, 2003: „Varnhagen und die Kunst des geselligen Lebens“.












