
Postbiologische Enteignung?
Roboter allüberall, und mit ihrer rasanten Entwicklung steigern sich auch die Ängste und Klagen. Speziell in “der Kunst- und Kreativbranche”, von Autoren und Übersetzern wird automatisierte Sprache mit Sorge beobachtet. Ein Heft der Zeitschrift Akzente fängt verschiedene Stimmen ein, aktuelle und vergangene. Pessimismus überwiegt. Wie es sich für eine Literaturzeitschrift gehört, stehen geklaute Texte, verletzte Urheberrechte, Sprachverhunzung und Fakes im Mittelpunkt. Die Herausgeberin und Reisebegleiterin Claudia Hamm fragt bereits auf Seite 1, was “uns dazu führt, die Automatisierung des Menschen nicht mehr als Dystopie, sondern als verheißungsvolle Zukunft anzusehen”.
Das “uns” ist, wie immer in solchen Fällen, problematisch, aber in den knapp zwanzig Beiträgen kommen doch viele Akteure, Kritiker, Betroffene und auch Hoffende zu Wort, die – noch – einen gewichtigen Teil jener Bevölkerung repräsentieren, die differenzierte Sprache schätzen und über die Folgen der “KI” für Demokratie und Macht nachdenken. Die Tech-Unternehmen sind primär Objekt der Betrachtung, ihre Mitarbeiter und alle Nutzer gehören allerdings auch zur Bevölkerung. Wie bei vielen technologischen Entwicklungen wird – Stichwort Navi – Bequemlichkeit oft mit Entmündigung und Verlust von Fähigkeiten erkauft. Das “uns” der Geschädigten umschließt hier vor allem die sensiblen und humanistisch motivierten Nutzer, bei Geschäftsbriefen oder den Angestellten der Krankenkassen ist da wohl weniger Angst im Spiel.
Die Palette an Themen ist breit, der Literaturzeitschrift angemessen kreisen die Beiträge um jene “Reichtümer”, die – nicht von der Technik, aber von den real existierenden von Tech-Unternehmen (unter Mithilfe naiver Anwender) – bedroht sind: Sprachgefühl, Humanismus, Differenzieren, Autonomie, Erfahrung, Kunst und Kreativität, eine eigene Stimme. Anders als der Mensch, “der elf Millionen Sinneseindrücke pro Sekunde verarbeitet und die wichtigsten vierzig davon herausfiltert”, können die Maschinen nur geradeaus fahren. Denken können sie nicht. Sie “sind unzuverlässig und neigen zu Halluzinationen” (Gary Marcus).
Die Liebe zur Sprache schlägt sich in hübschen Wortschöpfungen wie “Verwarenlosung” (Annie le Brun) nieder, die “Hässlichwerdung der Welt” wird durch zusammengedübelte Nonsensdinger, Textkotze und strunzfaule Abschreiber (Nina George) verstärkt.
Von Bernhard Pörksen ist ein Interview mit Joseph Weizenbaum abgedruckt, das allerdings aus dem Jahr 1998 stammt. Der Pionier der “Künstlichen Intelligenz” und Erfinder von ELIZA, der Grossmutter aller ChatBOTs, wurde zu einem der schärfsten Kritiker des mechanistischen Welt- und Menschenbilds, das hinter der Idee von Maschinen als Modell für die Perfektionierung des Menschen steckt. Weizenbaum hat bereits in den 1960er Jahren Bedenken gegen die Fortschrittseuphorie geäußert.
Nicht erst künftige Roboter, sondern Entwickler und Propagandisten der “llms”, der Sprachmodelle wie Chat GPT, scheinen einer anderen Spezies anzugehören als die schreibenden, lesenden, erfinderischen Sprachfexe alten Stils, deren Gemüt und Geldbeutel bedroht wird. Ich werde nie mehr von KI, auch nicht von AI sprechen, sondern mit Peter G. Kirchschläger, der über eine menschenwürdige und nachhaltige Zukunft nachdenkt, von DS, Datenbasierten Systemen.
Fest verankert in meinem Kopf hat sich der Beitrag von Mophat Okiny, er beleuchtet die andere Seite der Kontrolle von Hate-Speach, Gewalt und Kindesmissbrauch etc.. Der Gründer der Techworker Community Africa hat sich für solche Datenreinigung anheuern lassen, wie er prüfen Tausende Schwerarbeiter für billiges Geld das Textmaterial, um Nekrophilie, Pädophilie, Vergewaltigung u.ä. herauszufiltern. Solch traumatisierende Arbeit wird an “Outsourcing-Unternehmen” delegiert, die in wenig kontrollierbaren Ländern die Drecksarbeit erledigen lassen. Gegen geringe Bezahlung, versteht sich. Das gehört, wie die Verdummung und der enorme Energieverbrauch, zu den Nebenwirkungen des Siegeszugs von DS, ehemals AI.
Der Grundton des Bandes bleibt dystopisch. Die Szene der mehr und weniger anarchistischen Informatiker, die durchaus kreativ an transparenten, ethischen und für alle offenen Sprachmodellen basteln, ist leider nicht vertreten. Und die Aussichten, das Silicon Valley ließe sich entmachten und man könnte die DS-Modelle unter demokratische Kontrolle stellen, sind nicht besonders groß, aber es gibt einige Vorschläge. Hoffnungen richten sich auf nationale und internationale Institutionen wie eine “Internationale Agentur für datenbasierte Systeme”, auf Regulierung durch Gesetze, auf eine Kennzeichnung von KI-Produkten oder die Forderung nach Transparenz. Dazu sind einige Manifeste abgedruckt. Weiterführende Literatur, Blogs, Podcasts und Links laden zur Vertiefung ein.
Claudia Hamm (Hg.): Automatensprache. Hanser-Akzente 3_2024. Hanser Verlag, München 2014. Paperback, 192 Seiten, 24 Euro.
- Hazel E. Rosenstrauch, geb. in London, aufgewachsen in Wien, lebt in Berlin. Studium der Germanistik, Soziologie, Philosophie in Berlin, Promotion in Empirischer Kulturwissenschaft in Tübingen. Lehre und Forschung an verschiedenen Universitäten, Arbeit als Journalistin, Lektorin, Redakteurin, freie Autorin. Publikationen zu historischen und aktuellen Themen, über Aufklärer, frühe Romantiker, Juden, Henker, Frauen, Eitelkeit, Wiener Kongress, Liebe und Ausgrenzung um 1800 in Büchern und Blogs. Ihre Internetseite hier: www.hazelrosenstrauch.de
Ihre Texte bei CulturMag hier. Ihr Buch „Karl Huss, der empfindsame Henker“ hier besprochen. Aus jüngerer Zeit: „Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau“ (persona Verlag, 112 Seiten, 10 Euro). CulturMag-Besprechung hier.












