Geschrieben am 1. Februar 2025 von für Crimemag, CrimeMag Februar 2025

Einige Filmbücher – Vierte Lieferung

Einige Filmbücher – Vierte Lieferung

Mit dem Tod von Hans Helmut Prinzler fehlt ein zuverlässiger Chronist für die eh prekäre Filmliteratur in Deutschland. Wir versuchen das partiell wettzumachen. Alf Mayer hat wieder einige Filmbücher zusammengestellt. Prinzlers Texte, die bis 1961 zurückreichen, sind auf seiner Website allesamt immer noch zugänglich – ein unglaublicher Schatz.

Dieses Mal bei uns besprochen:

Till Bamberg: Die Magie des Visuellen. Interview mit Filmkünstlern zu Special & Visuel Effects
Thomas Bräutigam: Gefesselt im dunklen Raum. Filmrezeption in der Nachkriegszeit (1945-1960)
Bent Evers: Irgendwas mit Film. Perspektiven junger Filmschaffender. 45 Interviews
Christian Fürst, Marcus Seibert (Hg.): Achtung, Achtung, hier spricht das Filmbüro! 42 Jahre unabhängiger Film.
Adrian Gmelch, Daniel Hercenberger, Jan Niklas Hochfeldt (Hg.): Perspektiven auf Robert Egger’s Filme
Carsten Happe und Daniel Huhn (Hg.): Andere Blicke – 75 Jahre filmclub münster
Frederik Lang (Hg.): Befreite Leinwände. Kinopolitik und Filmkultur in Berlin 1945/46
Tina Schmid: Zürikinobuch
Katrin Schneider: Cinema Provinziale – Lichtspieltheater in der Provinz
Ralf Knobloch-Ziegan: Die Abenteuer der Weltbereisung und Weltbetrachtung. Kommunales Kino Hannover – Die frühen Jahre 1974 – 1994

** **

Siehe auch bei uns:
1400 Seiten zu Stanley Kubricks THE SHINING
»Der Noir Western 1943 – 1971«: Ein Interview mit Robert Zion
Joachim Feldmann zu »Warum Winnetou wichtig war«
Andrew Nette’s 10 Favorite Films of Political Violence and Revolution
Andrew Nette/ Samm Deighan: »Revolution in 35mm«
Nick Kolakowski: »REBEL RIDGE«
Sonja Hartl: »GOODBYE JULIA«
Alf Mayer schaut »J. EDGAR« von Clint Eastwood
Thomas Wörtche: »LIFE. Hollywood«
Friedemann Hahn: Kleines Requiem für Alain Delon
H.P. Daniels: »BORN TO BE WILD« – Begegnung mit der Vergangenheit
»Dabeisein heißt gehorchen« – Alf Mayer zur Filmarbeit von Wolf-Eckart Bühler
Alf Mayer: »Watching You – Die Welt von Palantir und Alex Karp«
Thomas Wörtche über »Ripley« als Serie bei Netflix
Dietrich Leder seziert Crime im TV (23): »Ripley« als Filmheld
Sonja Hartl: Joyce Carol Oates‘ »Babysitter« und der SUMMER OF SAM von Spike Lee
Alf Mayer: MONKEY MAN – physisches Kino, pur und ab 18
Alf Mayer: Bundesfilmpreis ’83: Achternbusch und die Gespenster
Bert Schmidt & Sohrab Shahid Saless – 3 x Adieu von Seeßlen/ Mayer/ Reifarth
Katrin Doerksen & Thomas Groh auf der Berlinale 2024
Alf Mayer: Drei Bände über den Filmautor Sohrab Shahid Saless
Über »Being Bond. Daniel Craig – Ein Rückblick«
Alf Mayer & Frank Göhre: Elmore Leonard als Western-Autor – Die Filme.
Alf Mayer: Am Set von DR. NO dabei – Die Geburt von 007
Alf Mayer: Frank Göhre und seine Filmarbeit – Ein Überblick
Frank Göhre: Filmografie Kino und TV
„One for the Road“: Andrea Noack über Trinker-Filme
Alf Mayer: »Herzblutfilme« – Ein Gespräch mit Andreas Pflüger
Einige Filmbücher – dritte Lieferung, Dezember 2023
Lieferung zwei, Oktober 2023
Lieferung eins, Dezember 2022

**

Eine Gesellschaft lernt das freie Sehen

(AM) Das Motto dieses Buches stammt aus »Ehen in Philippsburg« (1957) von Martin Walser und lautet: »Er spürte, dass das Kino zu den wirklichen Naturereignissen gehörte. Man suchte es auf, wie man an einem heißen Sommertag den Schatten des Baumes aufsucht, wie man im späten Winter in ein Quadrat Sonne tritt und den Körper der Wärme hinhält.«

In der Tat merke ich, Jahrgang 1952, immer wieder, wie ich Menschen beim Kennenlernen auch danach taxiere wie sie über Kino reden. Ob und wie Kinoerlebnisse sich ihnen eingegraben haben oder nicht, ob Kino für sie etwas Besonderes oder etwas eher Belangloses ist, ob da immer noch ein Feuer glimmt, das jüngere/ heutige Medienkonsumenten gar nicht kennen, weil es ja alles überall schon immer gab. Aber Bergman, Fellini, Antonioni, Kurosawa, Resnais, Kubrick, Ichikawa, Powell/ Pressburger, Ophüls, Buñuel, Cocteau, das waren einmal augenöffnende Begegnungen – Naturereignisse. Schon ab 1946 entstanden die ersten «Filmclubs«, deren grundlegendes Vereinsziel die »Förderung des dokumentarisch und künstlerisch wertvollen Films« war. Sie waren es, die im »Deutschland Stunde null« (auch so ein Film, von Roberto Rosselini) in einem befreiten Land das Tor zur Welt aufstießen und in einem ungeheurem Wirbelwind all das an Filmkultur in unsere spießigen Gaue transportierten, worauf unsere ganze heutige globale Filmkulturschatz ruht. Mit einem Wort: Ich finde die Filme und das Kino der unmittelbaren Nachkriegszeit ungeheuer spannend. Mit der Essay-Studie Gefesselt im dunklen Raum. Filmrezeption in der Nachkriegszeit (1945-1960) von Thomas Bräutigam können wir einen Blick hinter diesen Vorhang tun.

Sich im Kino fesseln zu lassen, war für die Nachkriegsgesellschaft nicht nur harmloses Freizeitvergnügen im Übergang von der Barbarei zur Zivilisation. Jener dunkle Raum war ein Ort der Reorientierung im Chaos, der Wiederherstellung von Alltag, eines der Spielfelder, auf denen die neue Nachkriegsidentität ausgehandelt wurde. Das Publikum, das eine albtraumhafte Vergangenheit zu verarbeiten hatte und sich nun auf neue Ordnungssysteme einstellen musste, strömte in Massen. Seine Reaktionen, Vorlieben und Abneigungen genauer in Augenschein zu nehmen, erlaubt einen Blick in die Tiefe einer Gesellschaft im Zustand der Transformation. Die wieder eröffneten Kinos waren aus dem Stand heraus international: amerikanisch, britisch, französisch, russisch. Die fremden Gesellschaftsbilder prallten auf ein im deutschnationalen Wahn sozialisiertes Publikum, das den Umgang mit Andersartigkeit erst wieder lernen musste.

Thomas Bräutigam – und das ist das Besondere an diesem Buch – konsultiert nicht nur zeitgenössische Filmpublizistik, sonders als »spektakuläre Rezeptionsdokumente« die Publikumszeitschriften samt ihrer Leserbriefseiten. Sie hießen »Film-Revue«, »Star-Revue«, »Film und Frau«, »Constanze« oder »Film-Journal« und sie zeigen, wie sehr es in den tieferen Schichten rumorte, Sie zeigen die hysterischen Reaktionen auf ausländische Filme, die es wagten, das Schweigekartell zu durchbrechen – und sei es nur mit Anspielungen auf die deutschen Verbrechen. Film als Spiegel der Gesellschaft.

Thomas Bräutigam: Gefesselt im dunklen Raum. Filmrezeption in der Nachkriegszeit (1945-1960). Marburger Schriften zur Medienforschung 96. Schüren Verlag, Marburg 2024. 192 Seiten, 25 Euro.

** **

Musterhaftes Münster

(AM) In den Kinos der Nachkriegszeit öffnete sich nicht nur wieder der Vorhang, es weitete sich die Welt. Die Idee der Filmclubs ist eng damit verbunden. Auf Anregung der Alliierten, die sich an den französischen Ciné-clubs und den angelsächsischen Film-Societies orientierten, kam es in den Westzonen zur Gründung von Filmklubs. Bald schon mit enormem Zulauf. Es gab ein Nachholbedürfnis nach künstlerisch anspruchsvollen ausländischen Filmen, auch das kommunikative Bedürfnis, sich anhand von Filmen über Weltsicht und Welterfahrung auszutauschen, spielte eine Rolle.

Die Clubs stellten nicht nur Filmprogramme zusammen, sie boten auch einen Rahmen für eine politische und ästhetische Diskussion der Filme. Kurzum: für Filmkultur. Da es in den 1950er Jahren Filme fast nur als 35mm-Kopien gab – 16mm war noch nicht gebräuchlich (damit machte dann etwa Horst Eckelkamp mit dem Atlas Filmverleih ab 1960 Geschäfte) – waren die Filmklubs auf die Kinos angewiesen. Sie beschafften sich ihre Filme meist über kleine Spezialverleihe und vor allem die Stummfilmklassiker über das Institut für Filmkunde in Wiesbaden. Der Medienzar Leo Kirch begründete sein Imperium mit der Filmlizenz von Fellinis »La Strada«, der Film hatte ihn im Kino zum Weinen gebracht.

2023 feierte der filmclub münster sein 75-jähriges Bestehen. 1948 gegründet, ist er damit der älteste noch existierende Filmclub in Deutschland. Zu diesem Anlass haben Carsten Happe und Daniel Huhn eine bemerkenswert informative Geschichte dieser Filminitiative herausgegeben: Andere Blicke – 75 Jahre filmclub münster ist ein formidables Stück Kulturgeschichte, weist weit über die Stadt hinaus, ist exemplarisch.

Zu den Gründungsvätern gehörten Theo Fürstenau und Walter Hagemann, Leiter des Instituts für Publizistik in Münster. Unter den Mitstreitern befanden sich Dieter Krusche und Enno Patalas, später Leiter des Filmmuseums München und einer der wichtigsten deutschen Filmhistoriker, die künftigen Regisseure Theodor Kotulla und Ulrich Schamoni sowie Heinz Ungureit, später langjähriger Leiter der ZDF-Abteilung Fernsehspiel. Sie kuratierten ab 1948 nicht nur ein regelmäßiges Filmprogramm und Diskussionsabende, sondern prägten auch den filmpolitischen Diskurs. Sie brachten die Zeitschriften »Der Film-Club«, ab 1951 das »Filmforum« und ab 1957 die »Filmkritik« heraus, die zum wichtigsten Forum filmkünstlerischer und filmpolitischer Debatten in der Bundesrepublik wurden.

Auf Anregung Walter Hagemanns entstand 1949 der Verband der deutschen Filmclubs. Mitte der 1950er Jahre gehörten ihm 180 Erwachsenenklubs, 144 Jugendklubs und 18 studentische Filmklubs an, die vor allem in Klein- und Mittelstädten aktiv waren. Mit dem Aufkommen des Fernsehens und darin des Spätfilms ging in den Sechzigern die Filmclub-Zeit zu Ende. Der Dachverband löste sich 1970 auf. Alleine im filmclub münster wurden seit 1948 wurden mehr als 3.500 Filme gezeigt. Sie finden sich größtenteils in der Abspielhistorie des klug komponierten Buchs. Die Interviews mit Zeitzeugen und Protagonisten und Protagonistinnen reichen bis in die 1970er Jahre zurück. (Weiterführende Literatur: Anne Paech: Die Schule der Zuschauer. Zur Geschichte der deutschen Filmclub-Bewegung. In: »Zwischen Gestern und Morgen. Westdeutscher Nachkriegsfilm 1946-1962«, Hilmar Hoffmann u. Walter Schobert Hg., Frankfurt 1989, sowie: Wieland Becker, Volker Petzold: »Tarkowski trifft King Kong. Geschichte der Filmclubbewegung der DDR«, Vistas, Berlin 2000.)

Carsten Happe und Daniel Huhn, Filmclub Münster (Hg.): Andere Blicke – 75 Jahre filmclub münster. StrzeleckiBooks, Köln 2023. Broschur, 144 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 18 Euro.

** **

Eine Filmstadt wie keine andere

(AM) 2024 zu Recht mit dem Willy-Haas-Preis in der Kategorie Buch ausgezeichnet, ist Befreite Leinwände. Kinopolitik und Filmkultur in Berlin 1945/46 ein Filmbuch der Extra-Klasse, von Herausgeber Frederik Lang sorgfältig, kundig und auf den Punkt editiert, von Brigitte Mayr und Michael Omasta redaktionell betreut und von Gerhard Spring grafisch aufs Schönste eingerichtet. Besonders mag ich die roten Datumszeilen, das handschmeichlerische Papier und die Druckqualität der 100 Abbildungen.
Bereits wenige Tage nach Einstellung der Kampfhandlungen am 2. Mai 1945 spielten einzelne Berliner Kinos schon wieder. Mitte Mai waren es schon 30, und sie waren voll. »Der Hunger nach Bildern war immens: Nach anderen Bildern als denen der Wirklichkeit mit Trümmern, Zukunftsangst und den entweder als Besatzer oder Befreier empfunden Soldaten.« Anfang September spielten bereits wieder mehr als die Hälfte von einstmals 400 Kinos. Im Sommer 1946 wurden im sowjetischen Sektor 77 Lichtspielhäuser gezählt, im amerikanischen 56, im französischen 30 und im britischen Sektor 37. Insgesamt 81.304 Kinoplätze standen den schnell wieder drei Millionen Berlinern zur Verfügung. Die Filmauswahl im Berlin der Jahre 1945/46 war einzigartig in Deutschland, wenn nicht – »ironischerweise«, vermerkt das Vorwort – in ganz Europa. Die vier Alliierten wetteiferten förmlich um das beste Kinoprogramm. »Berlin ist die Stadt des permanenten Filmwettstreits geworden«, schrieb die Berliner Zeitung im Spätsommer 1946, »wir sehen, hören – und wir vergleichen«.

Das tun auch die 15 Autorinnen und Autoren. Das Buch begleitete 2023 die Filmreihe »Zwischen Kriegsende und Neuanfang. Die Kinokultur der Alliierten in Berlin 1945/46« im Zeughauskino im Deutschen Historischen Museum und an »Originalschauplätzen, wie etwa dem Kino Krokodil und dem Bundesplatz-Kino.

Der Band bringt den weltpolitischen Maßstab alliierter Kinopolitik mit der Berliner Lokalgeschichte zusammen, schlägt weite Bögen. Eine umfangreiche Chronik des Berliner Kinolebens steht neben Fallstudien einzelner herausragender Filme und vertiefenden Texten, in denen die alliierte Kulturpolitik ebenso beleuchtet wird wie die Rezeptionssituation des damaligen Publikums. Kino als Unterhaltungs-, Zufluchts- und Lernort, als Fenster in die Welt für ein Publikum, das so etwas im Berlin des Jahres 1945 bitter nötig hatte.

Frederik Lang (Hg.): Befreite Leinwände. Kinopolitik und Filmkultur in Berlin 1945/46. SYNEMA-Publikationen, Wien 2023. Broschur, 100 Fotos in Farbe und Schwarzweiß. 256 Seiten, 28 Euro. – Inhaltsverzeichnis als PDF hier.

** **

Grundsätzlich anders als ein kommerzielles Kino

(AM) Schöner als mit dem Buchtitel kann man kaum sagen, was ein (nur im Namen) Kommunales Kino zu leisten vermag, besser als jeder Multiplex-Palast mit Durchlauferhitzer- und Blockbuster-Mentalität. Abenteuer der Weltbereisung und Weltbetrachtung heißt der Jubiläumsband zum 50jährigen Bestehen des Kommunalen Kinos Hannover und beleuchtet besonders die frühen Jahre 1974 – 1994. Man kann hier Filmkultur an der Basis zuschauen, Autor Ralf Knobloch-Ziegan, war von 2015 bis 2023 Leiter dieser Institution.
Die erste deutsche Stadt, die sich ein Kino leistete, dass den Namen Kommunales Kino trug und direkt der Kulturbehörde unterstellt war, war Frankfurt. Die maßgeblich vom damaligen Kulturdezenenten Hilmar Hoffmann betriebene Eröffnung war am 3. Dezember 1971. Es war das vierte Kino dieser Art, nach dem Cinema 66 in Essen, 1966 gegründet, dem filmforum 1970 in Duisburg und dem Cinema Quadrat in Mannheim. Aber eben das erste, das sich Koki nannte. Die kommerziellen Kinobesitzer in Frankfurt gingen dagegen vor Gericht, die von der Stadt subventionierte Spielstelle sei »unlautere Konkurrenz« für die gewerblichen Betreiber. Das Gericht widersprach im Januar 1972 der Klage: Neben den traditionell anerkannten öffentlichen kulturellen Einrichtungen wie Theater, Konzert, Museum, Bibliothek und anderen sei auch das Kino ein Träger von Kulturgut und deshalb zur öffentlichen Förderung berechtigt. Die Leistung eines KoKis sei grundsätzlich anders als die eines gewerblichen Kinos und stelle so keine Konkurrenz dar. Das sogenannte »Frankfurter Urteil« hatte einen Gründungsboom von 150 Kommunalen Kinos zur Folge. 1973 gab es schon zehn kommunal geführte Kinos in der BRD. Im Netzwerk Bundesverband kommunale Filmarbeit e.V. (BkF) sind heute rund 170 Institutionen vereint: Kinos, Filmfestivals, filmkulturelle Initiativen und nicht zuletzt Uni-Kinos aus ganz Deutschland.

Das KoKi Hannover wurde im Oktober 1974 als Kino ohne feste Spielstätte gegründet. Erst nach einem knappen Jahrzehnt, Anfang 1983, zog es in die Sophienstraße und heißt seitdem und bis heute Kino im Künstlerhaus. Im Programmflyer vom Dezember 1974 schrieb der damalige Direktor des Kunstvereins Helmut R. Leppien: »Was hat der Film im Kunstverein verloren? …beobachtet man, wie fließend häufig die Grenzen zwischen den Künsten geworden sind, … so kommt man zur Überzeugung, das Museum braucht den Film und der Film braucht das Museum. … Kunstverein und Kommunales Kino sind keine Gegensätze, sondern im Gegenteil zur Zusammenarbeit bereit und entschlossen.« Die übersichtlich gestaltete, mit vielen Einsprengseln aufgemunterte Chronik verschweigt auch die Probleme und Krisen nicht, die Untiefen von Lokalpolitik, die Gretchenfrage nach der Förderung der Kultur. Ohne das Engagement Einzelner gäbe es solche Inseln wohl nicht. Ein exemplarisches Buch.

Ralf Knobloch-Ziegan: Die Abenteuer der Weltbereisung und Weltbetrachtung. Kommunales Kino Hannover – Die frühen Jahre 1974 – 1994. Anlässlich des 50jährigen Bestehens 2024. Herausgegeben vom Stadtarchiv Hannover. Olms Presse, Hildesheim 2024. 92 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Softcover, 16 Euro.

** **

Grund für einen Ortswechsel – auf nach Zürich

(AM) Das Buch kam spät im Jahr, kurz vor Weihnachten. Sofort war es mein Lieblingsbuch. Eine Kostbarkeit. Eine Freude. Die Zürcher Kunstlehrerin und Illustratorin Tina Schmid, die bereits ein wunderschönes Buch über die Badeanstalten in ihrer Stadt vorgelegt hat – das »Züribadibuch« – schenkt uns im stringent minimalistisch gestalteten Zürikinobuch zum ersten Mal einen Überblick über alle Gebäude und Räume der Stadt Zürich, in denen Kinos betrieben wurden und werden. Klar, luftig, übersichtlich und selbstbewusst zeichnet das Buch ein breitwand-großes Stück Zürcher Lebens- und Freizeitkultur und lässt eintauchen in die städtische Kinogeschichte, die ja auch Architektur- und Kulturgeschichte ist.

Um das alles erstmalig umfassend darzustellen, hat Tina Schmid in mühseliger Kleinarbeit unzählige Quellen und Archive durchforstet: Stadtarchiv, Polizeiakten, Zeitungen, das Archiv der Cinémathèque Suisse, die Sammlung der Filmhistorikerin Dr. Mariann Sträuli. Das sensationell schön gestaltete Buch (Tina Schmid; Lithographie: Marjeta Morinc) versammelt eine große Vielfalt an historischen Fotos, Plakaten sowie Illustrationen von Elias Nell und der Autorin selbst.

Das Buchdesign wartet mit Tabellen, Zeitstrahlen, Kärtchen, Skizzen, witzigen Übersichtkarten, eigens aufgenommenen Fotos (ebenfalls Tina Schmid), vielen Details und über allem mit begeisternder Klarheit auf.  Die Texte sind durchkomponiert, schnörkellos, kurz und knapp, informativ und lebenswarm. Alles in allem ein Vorzeigebuch, auch für einen so arrivierten Verlag wie Scheidegger & Spiess – im Ländli führend in den Bereichen Kunst, Fotografie und Architektur. (Siehe auch meine Besprechung von »Ernst Scheidegger – Fotograf«.)

Ich kenne gut zwei Dutzend solch städtischer Kino-Monografien (Wien, Frankfurt, Berlin, Hamburg, Düsseldorf, München, Münster, Kiel, Pforzheim, London, Edinburgh, New York u.a.), aber so laut hat noch keines von ihnen mein Bücherherz schlagen lassen. Chapeau!

Zürich hatte und hat übrigens eine höhere Kinodichte als Paris. Stellvertretend für die 75 porträtierten Lichtspielhäuser stehe hier das Bellevue, an bester Adresse 1920 aus dem Speisesaal des Grand Hotel Bellevue au Lac entstanden, 700 Plätze. Junge Damen in von Rokoko-Kostümen eröffneten das Haus. Über die Jahrzehnte gab es mehrfach Renovierungen und Umbauten, der große Saal wurde in vier kleinere Schuhschachtelkinos verwandelt. 2005 dann endgültig dicht gemacht. Wie so oft spielen Banken eine unrühmliche Rolle, lieber sollen Luxusmarken einziehen. In einem Interview bekennt die Autorin: »Verstörend war es, zu erfahren, wie viele Gebäude in Zürich den Banken gehören, die so letztlich entscheiden können, ob ein Quartierkino bleiben und weiterexistieren kann – oder nicht.« Kino ihres Vertrauens ist das Riffraff in der Neugasse, 1912 als Lichtbühne gegründet, dann hieß es Union, dann Volkstheater, dann Cinema Modern, wurde zwischendurch ein Spielsalon und seit 1988 unter dem heutigen Namen wiedereröffnet.

Tina Schmid: Zürikinobuch. Scheidegger & Spiess, Zürich 2024. Gebunden, Format 19 x 25 cm. 232 Seiten, 141 farbige und 230 s/w-Abbildungen. 48 Euro/ 49 CHF. Verlagsinformationen hier.

** **

Kino-Vielfalt, ganz bildhaft

(AM) Kino ist ein romantischer Ort, schreibt Andreas Dresen in seinem Vorwort zu Cinema Provinziale – Lichtspieltheater in der Provinz, für das sich die Fotografin und Grafikdesignerin Katrin Schneider mit ihrer Kamera quer durch 13 deutsche Bundesländer auf den Weg gemacht hat. Die Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg blieben außen vor. Das einzige Kiez-Kino im Buch steht in Dessau und wird, wie viele der vorgestellten Filmtheater ehrenamtlich von Vereinen oder als Familienbetrieb in zweiter, dritter oder gar vierter Generation betrieben. Umgebaute Wirtshäuser (historisch oft der Anfang von Kino an einem Ort), Hallen oder Speicher, Wohngebäude, Fabrikanlagen, aber auch moderne Bauten gehören dazu. Das Spektrum ist enorm, man kann sehen, wie vielfältig Kino außerhalb der Multiplexe und ihrer Einkaufszentrum-Sacharchitektur immer noch ist. Was diese Provinz-Häuser am Leben hält, ist das außerordentliche Engagement ihrer Betreiber und der lokalen Gemeinschaft.

Wie der Titel sagt, sind es allesamt Lichtspielhäuser außerhalb der großen Städte, sie heißen Dampfsäg, Kunstbauerkino, Kino im Waldhorn, Schauburg, Subiaco, Kulisse, Apollo, Pro-Winzkino, Eifel-Film-Bühne, Welt-Theater, Holzlandkino oder schlicht Filmhaus Huber. Allermeist sind sie in einem Tip-Top-Zustand. Die Förderprogramme der Länder und der Filmförderungsanstalt (FFA) scheinen flächendeckend Wirkung entfaltet zu haben. Fast hat es etwas Gespenstisches, wie steril sauber und aufgeräumt all die Kinoräume daherkommen.

Die durchgängige Sachlichkeit gehört freilich auch zum ästhetischen Konzept des Buches und der Fotografin. Der Marburger Filmbuch-Verlag Schüren hat dem klar und sachlich gestalteten Bildband eine solide Ausstattung spendiert. Das querformatige Hardcover liegt gewichtig in der Hand, hat über 300 Seiten und Abbildungen. Die 70 porträtierten Landkinos haben je einen vierseitigen Auftritt: eine Einführungsseite mit Text und kleinem Detailfoto, dann drei ganzseitige Architekturfotos, einmal außen, zweimal innen. Perfekt ausgeleuchtet.

Romantik kommt da nicht überall auf. Wenn aber, dann volle Kanne. Herzergreifend schön. Kino ist eh ein paradoxer Ort, um wieder zu Andreas Dresen zurückzukehren: »Man geht in einen abgeschlossenen Raum ohne Fenster und Licht, um die Welt zu erfahren… Und im schönsten Fall kehrt man als ein etwas anderer Mensch wieder… Filme können nicht die Welt verändern, aber die Menschen, die sie sehen. Kinos sind Orte, die vom Glauben an diese Utopie erzählen, man spürt es beim Betrachten der Bilder in diesem Buch.«

Katrin Schneider: Cinema Provinziale – Lichtspieltheater in der Provinz. Verlag Schüren, Marburg 2024. Umfang: 288 Seiten, Format 24.5 x 20 cm. 312 Seiten, über 300 farbige Abbildungen, 38 Euro. – Das Titelbild zeigt den Filmpalast in Lüdenscheid. Verlagsinformationen und ein Blog hier.

** **

Viel Ehrensenf und lebende Wüste

(AM) Welch eine bunte Wiese. Und so viele vierblättrige Kleeblätter. In dieses Buch taucht man wie in ein fröhliches Gartenfest mit vielen Luftballons, aber natürlich ist es auch ernst und heikel, und gar nicht lustig. Und dann wieder sehr. Wahrlich: »Die Wüste lebt«. So überschrieb das Filmbüro Nordrhein Westfalen e.V. 1980 seine erste Presseerklärung und meldete: »71 Filmemacher und Filmemacherinnen haben am 12. Mai 1980 ihr Filmbüro NW e.V. gegründet. Über die Grenzen der verschiedenen Filmsparten (Experimental-, Dokumentar- und Spielfilm) hinweg sehen die nordrheinwestfälischen Filmemacher im Filmbüro ihre gemeinsame Vertretung. Aufgabe des Filmbüros ist es, die unabhängige Filmarbeit im Lande zu fördern., die Zusammenarbeit zu verbessern und Einfluss zu nehmen auf die Entwicklung der Filmförderung im Lande.«

Das Filmbüro NW entstand 1980 als erste nordrhein-westfälische Filmförderung, von Filmmenschen selbst gegründet. Zum 40. Jubiläum 2020 sollte ursprünglich eine Broschüre begleitend zu einem großen Fest erscheinen. Dann kam Corona. Und herausgekommen sind statt eines Festes sind nach drei Jahren Vorbereitung 416 pralle Seiten Geschichte, Drehberichte und Anekdoten des nordrhein-westfälischen Films. Der Titel: Achtung, Achtung, hier spricht das Filmbüro! 42 Jahre unabhängiger Film. Die Herausgeber Christian Fürst und Marcus Seibert haben 124 unglaublich verschiedene Texte von Mitgliedern oder Geförderten zusammengetragen – von Jan Bonny, Christoph Schlingensief, Claudia von Alemann, Adolf Winkelmann, Dieter Kosslick, Werner Nekes, Monika Treut, Petra L. Schmitz bis Andres Veiel und Helge Schneider.

Der äußerst muntere Bund versammelt Erinnerungen, Interviews, filmästhetische Betrachtungen, Wiederabdrucke vergriffener Texte und alte Fotos aus Archiven. Man erfährt, inwiefern Helge Schneider seine Perücke dem Filmbüro verdankt und wieso Havanna ein Satellit des NRW-Films war. Viele Wiederabdrucke nicht mehr zugänglicher Texte, ein ausgiebiges Register und die Vielzahl an Originalfotografien machen das Buch zu einer Fundgrube der Geschichte des bundesdeutschen Films nach 1980.  

Über unseren Autor Dietrich Leder heißt es: »War bei der Gründungsversammlung anwesend, wollte allerdings wegen eines kleinkarierten Streits unter den Gründenden nicht Mitglied werden, arbeitete aber bei manchen Gelegenheiten mit dem Filmbüro bestens zusammen und hat es stets zu unterstützen versucht.« Und auf Seite 302 zum Beispiel lernte ich, dass »Ehrensenf« ein Anagramm von Fernsehen ist und im Belgischen Viertel in Köln als Projekt über mobile Endgeräte ging.

Christian Fürst und Marcus Seibert für das Filmbüro NW (Hg.): Achtung, Achtung, hier spricht das Filmbüro! 42 Jahre unabhängiger Film. StrzeleckiBooks, Köln 2024. Softcover, 201 Abbildungen , Format 28 x 20 cm. 416 Seiten, 19,80 Euro.

** **

Einblick in eine Arbeitswelt

(AM) Schade, dass es keine Orden für Bücher gibt. Irgendwas mit Film – Perspektiven junger Filmschaffender verdient stehenden Applaus. Keine Bundesanstalt für Arbeit, keine ver.di-Gewerkschaft, keine Filmförderungsanstalt, keine reiche Constantin-Film, keine Filmhochschule, kein Großverlag hat dieses Mammut-Buch zustande gebracht, sondern ein einzelner enthusiastischer Autor und ein kleiner feiner Filmbuch-Verlag. Bent Evers und Schüren, ganz alleine. Wahnsinn.

Ich selbst habe 25 Jahre lang für Gewerkschaften Berufs- und Branchenporträts gemacht, einmal für ein »Schwarzbuch – Rente mit 70« 50 Angehörige prekärer Berufe, aufgespürt, zum Reden gebracht und porträtiert. Ich kann einigermaßen ermessen, welche ungeheure Arbeit Bent Evers in dieses Buch gesteckt hat. Es hat sich gelohnt.

So viel ungeschminkten, authentischen Einblick in die Welt hinter der Kamera hat es bei uns noch nicht gegeben. Und das sogar mit dem Hauptaugenmerk auf hilfreich, bei allem Mut zur ungeschminkten Wahrheit. Wer zum Film will, findet hier praktische Anschauung, ein nützliches Glossar und ein Stichwortverzeichnis, dazu auch noch »words of wisdom«, welche Erkenntnisse die Filmschaffenden gerne schon früher in ihrer Karriere gehabt hätten.

Sogar der Klappentext ist brauchbar: Die Filmbranche ist eine (Arbeits-)Welt für sich: unklare Ausbildungs- und Karrierewege; befristete Beschäftigungen, unterdurchschnittliche Löhne, Honorardumping; selten ein fester Arbeitsort; kaum öffentlich ausgeschriebene Jobs; Erfahrungen und Vitamin B zählen mehr als jeder Abschluss. Was bewegt junge Menschen, trotz einiger Widrigkeiten, Teil dieser Branche zu werden? Welche Wege sind sie gegangen, auf welche Herausforderungen und Chancen sind sie gestoßen? Das Buch lässt 45 junge Filmschaffende aus unterschiedlichen Berufen zu Wort kommen und sie nicht nur ihre Aufgaben und Arbeit, sondern auch ihre Perspektiven auf ihre Karrierewege und die Branche schildern.

Die Berufe der Interviewten: Drehbuchautor, Produzentin, Regisseurin, Regieassistent, Komparsenbetreuer, Kamerafrau, Video Operator, Oberbeleuchter, Beleuchterin, Tonassistentin, Szenenbildnerin, Location Scout, Außenrequisiteur, Set-Requisiteurin, Maskenbildner, Kostümbildnerin, Garderobiere, SFX-Technikerin, Stuntman, Set-Aufnahmeleiterin, Produktionsfahrer, Produktionsleiter, Filmgeschäftsführerin, Digital Image Technician (DIT), Schnittassistent, Editorin, Coloristin, Sounddesignerin, Filmkomponistin, VFX Artist. Natürlich ist das Buch nur ein Tropfen auf den unbekannten Stein. Bei Crew United, der Plattform für die Freiberuflichen der Filmbranche, werden 491 Berufe geführt.

Bent Evers: Irgendwas mit Film – Perspektiven junger Filmschaffender | 45 Interviews. Verlag Schüren. Marburg 2024. 400 Seiten, 24 Euro.

** **

Mr. Special Effects, wie haben Sie das gemacht?

(AM) Hier treffen wir einen von denen, die sich einen Filmabspann immer bis zum Schluss ansehen, bis zur letzten Namensnennung, bis zum letzten Gewerk. Hier treffen wir einen, der sich aus puren Enthusiasmus in ein Thema vertieft hat, das uns im Kino alle bewegt: Die Magie des Visuellen. Getreu dem Motto, mit dem der französische Regisseur François Truffaut eines der schönsten und wichtigsten Filmbücher aller Zeiten bewerkstelligt hat – »Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?« – befragt Till Bamberg zur Entstehung von Illusionen im Film insgesamt 15 Filmkünstler zu Special & Visual Effects. Truffaut unterhielt sich damals 1962 in den Universal-Studios in Hollywood eine geschlagene Woche lang mit Hitchcock, es wurde ein 50-stündiges Interview.

So voluminös ist das Buch aus dem Einmann-Filmbuchverlag Harald Mühlbeyer nicht, der Low-Budget-Produktion mag auch mancher Druckfehler geschuldet sein, aber das mindert die Vergnüglichkeits-, Informations- und Erkenntnisdichte nicht. Bambergs Interesse am Filmtrick begann wie bei vielen von uns in früher Jugend. Mit Neun sah er »Das Ding aus einer anderen Welt« (1982, John Carpenter), war gleichzeitig erschrocken und fasziniert. Wie wurde das gemacht, was da zu sehen war? Alles an der Machart eines Films interessiert ihn forthin. Aus dieser Passion heraus entstand das Buch. Es stellt großteils analoge Techniken aus der Trickkiste der Filmeffekte vor: Ausstattung, Kamera, Texturen, Special-Make-up, Sculpting, Stop Motion, Matte Painting, Requisite, Animatronik, Miniaturen, mechanisch bewegliche Wesen, Musik, Schnitt, Front- und Rückprojektionen und Visuelle Effekte, prothetisches Make-up. Was wir im Film sehen, ist gemacht. Man muss nur danach fragen.

Till Bamberg: Die Magie des Visuellen. Die Entstehung von Illusionen im Film – Interviews mit Filmkünstlern zu Special & Visual Effects. Mühlbeyer-Filmbuchverlag, Frankenthal 2024. Softcover mit zahlreichen Abbildungen, 290 Seiten, 24,90 Euro. – Verlagsinformationen.

** **

Mr. Eggers, wen haben Sie denn da erschreckt?

(AM) Sein »Nosferatu« kam an Weihnachten als gobal release weltweit in die Kinos, ausgerechnet. Den Hollywood Reporter schauderte es wollüstig, des warmen Geldregens wegen: »The movie, heavy on mood, style, costumes and mannered dialogue, opened Christmas Day and sunk its teeth into a bloody good $40 million five-day opening, double industry expectations. The movie has sucked up more than $156 million worldwide and become Eggers’ highest-grossing movie to date. The film will hit digital and store shelves Feb. 18.« Vierzig Mio Dollar Einspiel an fünf Tagen in den USA alleine, 156 Mio weltweit in der gleichen Spanne, und nach sieben Wochen dann schon Streaming- und DVD-Einnahmen oben drauf – dieser Regisseur ist heiß. Er ist als Avantgarde-Regisseur mit nicht einfacher Kost erfolgreich im Multiplex- und Großverleih-Zirkus angekommen. Er ist der Beweis, dass man auch mit rauer und keineswegs schnuckeliger Filmkunst die Kassen klingeln lassen kann.

Robert Eggers hat mit seinen Filmen »The Witch« (2015), »The Lighthouse« (2019) und »The Northman« (2022) »eine faszinierende, nie dagewesene Schnittstelle zwischen (Folk-)Horror, Arthouse, historischer Genauigkeit und Mythologie geschaffen«, so sieht es der Marburger Büchner-Verlag und bietet ziemlich kluge Perspektiven auf Robert Egger’s Filme.

Die Herausgeber Adrian Gmelch, Daniel Hercenberger, Jan Niklas Hochfeldt und zwölf weitere Autorinnen und Autoren beschäftigen sich unter anderem mit »Horror versus Intellekt“, mit »Männern, die scheitern«, mit »hegemonialer Männlichkeit«, Tiersymbolik und –Motivik, mit Unheil und Mythologie, Prophezeiungen und ihren Bedeutungen, mit Horror-Anime, grimmscher Märchenmotivik, H. P. Lovecraft, Kino und Psychoanalyse oder »Berserker, Schwertmotiv und heroische Exorbitanz in The Northman« und dem »Kontext der nordischen Renaissance«. Der Schwerpunkt des Buches liegt auf  »The Witch« (sechs Beiträge), zu Aspekten von »The Northman« gibt es drei, zu »The Lighthouse« zwei Beiträge.

»Nosferatu« war abgedreht, aber noch nicht im Kino, als das Buch in Arbeit war. Eggers Stamm-Kameramann Jarin Blaschke deckt diesen Film ab und gibt Einblicke in ihre kreative Partnerschaft, das ist spannend. Zusammen mit der Meldung vom Kassenklingeln zu Weihnachten kam in der Fachpresse die Ankündigung von Focus Features, der Arthouse-Abteilung von Universal, dass Eggers jetzt für den Weihnachts-Sonntag 2026 mit »Werwulf« gebucht sei. Das Drehbuch für die Werwolf-Geschichte sei zusammen mit Sjón entstanden, der bereits beim »Northman« dabei war. Die Story sei im 13. Jahrhundert in England angesiedelt, der Dialog zeitgetreu, nämlich Altenglisch, für das man Untertitel brauchen werde. Ebenfalls in der Pipeline ist ein Mittelalterfilm mit dem Titel »The Knight«. Aus einer Miniserie basierend auf dem Leben von Rasputin wurde erst einmal nichts, weil Eggers nicht in Russland drehen könne.

Adrian Gmelch, Daniel Hercenberger, Jan Niklas Hochfeldt (Hg.): Perspektiven auf Robert Egger’s Filme. Büchner-Verlag, Marburg 2024. Klappenbroschur, 260, mit Abb., 29 Euro.

Tags : , , , , , , , , , , , , , ,