
Eine Reise ins kollektive Gedächtnis
„Winnetou – der Mythos lebt“ nannte 2016 RTL seinen Versuch, vom Nimbus der Karl May-Verfilmungen der 1960er Jahre zu profitieren. Allein, die modernisierte Variante des Stoffes verfing nicht – die drei aufwendig produzierten Fernsehfilme gingen sang- und klanglos unter. Beworben wurde das antizipierte Medienereignis übrigens mit dem Hinweis, man habe an „Originalschauplätzen“ gedreht. Und die finden sich interessanterweise nicht in den USA, sondern in Kroatien, das vor mehr als einem halben Jahrhundert als Kulisse für ein gutes Dutzend deutsche Western diente – von „Der Schatz im Silbersee“ (1962) bis zu „Winnetou und Old Shatterhand im Tal der Toten” (1968). Was, wie der Literaturwissenschaftler Ralf Junkerjürgen im Vorwort zu seinem Buch „Warum Winnetou wichtig war“ betont, ebenso unsinnig wie sinnig ist. Denn die seltsame deutsche Begeisterung für Leben und Kultur der indigenen Bevölkerung Nordamerikas hat ihre Basis seit jeher in der Fiktion, seien es die in den legendären „grünen Bänden“ gesammelten Werke des sächsischen Meisterfabulierers oder eben jene Filme, die einem französischen und einem amerikanischen Schauspieler, die bis dahin vor allem in B-Filmen aller möglichen Genres mitgewirkt hatten, zu den Rollen ihres Lebens und einem ewigen Platz in unserem kollektiven Gedächtnis verhalfen.
Junkerjürgen, Jahrgang 1969, ist bekennender Karl-May-Fan; Film, Abenteuerliteratur und populäre Kultur gehören zu den Forschungsschwerpunkten des Regensburger Romanisten. Und wenn persönliche Leidenschaft und wissenschaftliches Interesse auf so wunderbare Weise zusammenfinden, ist es keine Überraschung, dass ein lesenswertes Buch wie das vorliegende dabei herauskommt.
Im Herbst 2020 nämlich reiste Ralf Junkerjürgen nach Kroatien, um die Drehorte der geliebten Filme zu besichtigen. Es war das erste Jahr der Corona-Pandemie, der Tourismus war europaweit zum Erliegen gekommen, und der Besucher aus Deutschland hatte die spektakuläre Landschaft, die er bislang nur auf der Leinwand oder dem Bildschirm gesehen hatte, oft für sich allein. Junkerjürgen ist ergriffen, wie er gleich im ersten Satz seines Vorwortes zugibt, aber zum Glück nicht sprachlos. Die Idee, seine Eindrücke schriftlich festzuhalten und mit einer persönlichen Erinnerungsgeschichte zu verbinden, erweist sich als fruchtbar. Denn er versteht sich nicht nur auf sinnliche Naturbeschreibungen, sondern auch auf die Kunst autobiografischen Erzählens.
Ganz wunderbar, wenn auch nicht für den Protagonisten, ist zum Beispiel die Geschichte eines mysteriösen Anfalls von großer Übelkeit, der den jungen Studenten zu einem mehrere Tage währenden Aufenthalt im Krankenhaus zwingt, wo sich die Lektüre von Mays „Der Schatz im Silbersee“ als erstklassige Therapie erweist. Oder die Erinnerungen an die kollektive, Freundschaft stiftende Karl May-Schwärmerei mit gleichgesinnten Altersgenossen. Aber keine Angst – Jungerjürgen schwelgt nicht in Nostalgie. Mit geschultem Blick analysiert er die „Winnetou“-Filme, arbeitet deren sehr unterschiedliche Qualität heraus und würdigt die Naturinszenierungen des lange als Genreroutinier abqualifizierten Regisseurs Harald Reinl, zu dessen Fans heute auch Quentin Tarantino zählt. So wird der Reisebericht zu einer Expedition in die Kultur- und Sozialgeschichte der alten Bundesrepublik, die man fasziniert und mit ein bisschen Wehmut liest. Denn der Autor zählt mit Mitte 50 wahrscheinlich zur letzten Generation, deren Sozialisation vom „Mythos“ Winnetou entscheidend geprägt wurde.
Ralf Junkerjürgen: Warum Winnetou wichtig war. Schüren Verlag, Marburg 2024. 175 Seiten, 18 Euro.



















