Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024, News

Über »Being Bond. Daniel Craig – Ein Rückblick«

Mark Salisbury: Being Bond: Daniel Craig – Ein Rückblick (Being Bond, A Daniel Craig Retrospective, 2023). Aus dem Englischen von Johannes Neubert. Cross Cult, Ludwigsburg 2024. Hardcover, Sonderformat, durchgängig vierfarbig. 256 Seiten, 49 Euro.

Ich bekenne, ich habe gehadert mit diesem Bond. Mit diesem Darsteller. Sehr sogar. Und dann habe ich keine Szene öfter geschaut, sogar mit einer Träne im Auge, als die mit dem Song, mit dem der letzte Daniel-Craig-Bond NO TIME TO DIE ausklingt: Louis Armstrong, wenn er singt »We have all the time in the world …« Und dabei weiß man, diese „time“ ist jetzt vorbei. Endgültig. Die Zeit mit Bond ist abgelaufen. Alles was wir haben – und was die Frau im Film noch hat (Leya Seydoux) – sind die Erinnerungen: »There once was a man called James Bond

Dieser Bond, dieser eine, letzte, das ist Daniel Craig, ob man ihn nun hasst oder liebt. Oder ihn – wie ich, inzwischen – respektiert. Für den deutschen Thrillerautor; action-Spezialisten, langjährigen Drehbuchautor und Filmkenner Andreas Pflüger – »Herzschlagfilme« zum einen, Deutscher Krimipreis zum andern gerade für »Wie Sterben geht« (die Autorin Ulrike Schrimpf dazu bei uns hier, ebenso mein Interview) – ist es überhaupt keine Frage. Er sagt klipp und klar: »Daniel Craig ist der beste Bond!«

Connery, Lazenby, Moore, Dalton, Brosnan, Craig

Ohne Daniel Wroughton Craig, 1968 geboren, 1,78 groß, mit 38 in die Fußstapfen von Sean Connery, George Lazenby, Roger Moore, Timothy Dalton und Pierce Brosnan getreten, hätte es dieser James Bond alias Agent 007 des britischen Geheimdiensts wohl niemals ins 21. Jahrhundert geschafft. JAMES BOND – 007 JAGT DR. NO, der erste Bond-Film, kam 1962 in die Kinos. Eine Filmfigur über 60 Jahre im Kino zu halten, immer erfolgreicher sogar und immer mehr globale Ikone, das ist einzigartig. – Siehe hier nebenan auch die Besprechung von Paul Duncans Filmbuch »Dr. No – Die Geburt von James Bond«.

Georg Seeßlen hat das Phänomen Bond einmal sehr schön zusammengefasst:

»Ein Mann ohne Eigenschaften, aber mit Stil. Oder. Ein Rollenmodell für den modernen Macho und Kunden von Schneidern, Friseuren, Kosmetik, »Playboy«-Magazinen, alkoholischen Markengetränken, Hotelbars und Motorjachten. Oder. Eine Anziehpuppe, eine Spielzeugfigur, ein Merchandising-Genie, eine Übergangsfigur vom Kinderzimmer zur lebenslangen Postpubertät. Oder, nein: und. James Bond ist eine Parodie auf alles das, ein campy Popunikat der hemmungslosen Übertreibung und der reinen Oberfläche… 
Seine Filme erzählen nicht seine Geschichten, sondern Geschichten durch ihn; als Traum- und Identifikationsfigur ist er so durchsichtig und verspiegelt wie sonst keiner, und viel, viel mehr bleibt von einem Schauspieler in der Rolle als gewohnt. Der Sean-Connery-Bond, der Roger-Moore-Bond, der Timothy-Dalton-Bond, der Pierce-Brosnan-Bond, der Daniel-Craig-Bond, und ach, der George-Lazenby … eine Geschichte für sich.

Nicht einmal bei Tarzan- oder Dracula-Darstellern verschmelzen Rolle und Schauspieler so miteinander, dass der Schauspieler immer wichtiger bleibt als die Rolle. Und nicht einmal bei Superheldenfilmen ist die Frage, wer der Nächste sein wird, der die Rolle übernimmt, so bedeutend. Der Schauspieler ist die Maske der Figur, und Maske ist alles, was die Figur ist. Dieses Konzept ist so kristallin, dass man es nicht hundertprozentig und jederzeit durchhalten kann, aber genau dort, wo es aufgeht, springt der berühmte Funke über und entzündet die mystische Einheit zwischen Zuschauerblick und Leinwandimago…« Soweit Georg Seeßlen, in: Und jetzt? Über die Zukunft der Bond-Reihe, epd Film 09_2021.

Leinwandimago Bond – das war, unauslöschlich, Sean Connery, und das ist neben ihm, modern: Daniel Craig. Der opulente, von Mark Salisbury zusammengestellte Bildband »Being Bond: Daniel Craig – Ein Rückblick« macht das auf 256 Seiten deutlich.

Erst die Filmplakate seiner fünf Bond-Filme:
CASINO ROYALE
EIN QUANTUM TROST (Quantum of Solace)
SKYFALL
SPECTRE
KEINE ZEIT ZU STERBEN (No Time to Die)
Dann doppelseitig, lässig, mit ausgestrecktem Arm sein Revier am Spieltisch markierend, weiße Manschetten sichtbar, Rolex, Smoking, Fliege, weißes Hemd: Daniel Craig, der Bond fürs 21. Jahrhundert – in CASINO ROYALE. Sein erster Auftritt.

Daniel Craig begann seine Amtszeit als James Bond 2006 mit CASINO ROYALE, der lang erwarteten Verfilmung von Ian Flemings 007-Ursprungsgeschichte. Der Vorgängerfilm STIRB AN EINEM ANDEREN TAG war zwar ein Kassenschlager, aber wurde als zu übertrieben anzusehen. Pierce Brosnans Zeit war abgelaufen. (Ich persönlich habe ihm nie eine Sekunde irgendetwas geglaubt: Er war ein Dressman, der vor BlueScreens auf Gummimatten hechtete und action vortäuschte, die Kampfszenen mit ihm waren die schlechtesten der Bond-Geschichte und Teil des Niedergangs des Action-Kinos.)

„Casino Royale“ gilt als so etwas wie der heilige Gral des Roman-Universums von Ian Fleming, so Salisbury, »denn mit diesem Buch wurde 007 nicht nur eingeführt, sondern auch das emotionale Fundament für die Figur gelegt: durch seine prägende Beziehung zu Vesper Lynd, denn sie ebnete den Weg, dass Bond zu dem Mann (und dem Geheimagenten) wurde, den wir alle kennen und lieben«. Co-Produzent Michael G. Wilson: »In Casino Royale geht es um einen Mann, der noch nicht ganz Bond ist, aber Bond werden muss, und dieser Prozess ist sowohl eine physische als auch eine psychische Herausforderung. Er muss erfahren, dass er niemandem vertrauen kann, und das macht ihn zu Bond. Die Geschichte ist fantastisch, also haben wir sie im Prinzip beibehalten und nur aktualisiert.«

70 Buchseiten sind CASINO ROYALE Film gewidmet. Fünf Szenen werden besonders beleuchtet: der sinkende Palazzo in Venedig, die Jagd auf der Startbahn, der nächtliche Crash auf der Landstraße, Craigs Badehose (immerhin 16 Seiten) und die alles definierende Folterszene. Mark Salisbury, früher Herausgeber des auflagenstarken britischen Filmmagazins »Empire« (sozusagen ein besseres »Cinema«) und Autor einer Reihe von Filmbüchern wie »Prometheus: The Art oft he Film« oder »Tim Burton: Der melancholische Magier« hat Zugang zu allerlei Quellen und Archiven, war teilweise selbst an den Sets, kennt die an Entstehung und Herstellung Beteiligten und liebt den Blick hinter die Kulissen. Das macht – neben der Bildebene: exklusive Fotos vom Drehort, Konzeptzeichnungen, Kostümentwürfe, Stuntszenen (samt Pannen) akribisch aufgefächert – den großen Reiz dieses Buches aus. Dazu Interviews mit Darstellern und Crew.

Es wurde der erfolgreichste Bond-Film aller Zeiten (später nur von SKYFALL in den Schatten gestellt). Craig belebte mit seiner Bond-Darstellung das Franchise neu – so sieht die Geschäftswelt das ganze Business – und spielte in vier weiteren Bond-Filmen mit. Mittlerweile nötigt mir Respekt ab, wie er das angestellt und bewältigt hat. Und auch, wie er – von Anfang an – das Ende/ sein Ende mit antizipierte. Nicht viele Schauspieler der Filmgeschichte, die in eine bewährte Filmfigur »eingestiegen« sind, könnten etwas derart Selbstbewusstes von sich sagen: Daniel Craig: »Als ich mit CASINO ROYALE  als Bond anfing, drehte sich eines der ersten Gespräche, die ich mit Barbara Broccoli und Michael Wilson führte, darum, dass ich Bond gerne sterben lassen würde, wenn ich aufhöre.« Craig unterschrieb für drei Filme. Ein lukrativer Vertrag über fünf weitere Filme wurde ihm angeboten. Mit dann insgesamt acht Bond-Hauptrollen hätte er die Bond-Legenden Roger Moore (acht Filme) und Sean Connery (sechs Filme) überholen können. Aber er wollte nicht. Bei jedem Film gab es Gezacker über die Zukunft der Figur. Barbara Broccoli:  »Wir hatten in Erwägung gezogen, Bond in SPECTRE zu töten, entschieden uns aber dagegen.« 

Also haderten und fieberten wir Kinogänger und Kinogängerinnen mit Daniel Craig. Unbestritten der physischste aller Bonds. (Sean Connery springt, schwimmt und rennt am meisten im auf den Bahamas gedrehten FEUERBALL; man muss sich das einmal im Vergleich anschauen, wie unbedarft und geradezu unschuldig Körperlichkeit einmal gefilmt wurde, bei Connery oft im Filmschnitt einen Tick zu lang, man sieht, wie er sich am Ende der Laufstrecke oder Szene über seinen körperlichen Einsatz freut oder amüsiert oder wundert.)

»SKYFALL ist die endgültige Proletari- und Grobianisierung des Bond-Genres«, schrieb ich hier im Jahr 2012. »Der Schlusssatz des Films, als Bösewicht Bardem sterbend am Boden liegt, lautet dann auch, von Bond mit pseudocooler Häme gesprochen: »Ratte frisst Ratte!« Na großartig, how very british. Aus dem alten James Bond ist ein prolliges Arschloch wie alle anderen geworden, welch Fortschritt der filmischen Evolution.«

Und weiter: »Daniel Craig, für mich eine Fehlbesetzung seit Beginn, eine wandelnde Rasierwasserreklame, sieht dieses Mal aus wie ein sibirischer Häftling. Kommunikation a la Ich-Tarzan-du-Jane hat inzwischen auch den britischen Geheimdienst erreicht: »Männer wollen uns töten. Wir kommen ihnen zuvor. Und töten sie.« Ironie, wie er sie im quasi Nachspann des Films (mit neuer Moneypenny und neuem M) zeigen soll, ist ihm äußerlich, der Bagger, mit dem er zu Beginn einen fahrenden Zug zerlegt, steht ihm da besser. Nur: Draufhauen, über Dächer hetzen, waghalsig Motorradfahren oder sich prügeln, das können andere besser, viel, viel besser, dazu braucht es keinen Bond. Dafür gibt es BOURNE (Craig sollte sich mal den ganz und gar uneitlen, physignomisch gar nicht so unähnlichen  Jeremy Renner anschauen) und MISSION IMPOSSIBLE und bald auch JACK REACHER.«

Mit Einspielergebnissen von rund 937 Millionen Dollar pro Film ist Daniel Craig der erfolgreichste aller 007-Darsteller. Aber nicht nur deswegen ist er aus der Filmgeschichte nicht mehr wegzudenken. Sein Bond ist proletarisch, immer im Stress. Ob der Martini geschüttelt oder gerührt kommt, ist ihm völlig egal, macht er schon in CASINO ROYALE klar. Für Craig war diese Szene ausschlaggebend, die Rolle anzunehmen. Sie machte ihm klar, dass es darum ging, mit einer Tradition zu brechen und neu anzufangen. Von vorn. Craig im Buch: »Für mich bedeutete das, alles neu zu machen: die Härte, die Gags, die Gadgets, alles von Grund auf neu zu erfinden. Ich dachte mir: Wenn wir das hinkriegen, bin ich dabei.«

Craigs Bond ist vor allem physisch. So physisch wie keiner seiner Vorgänger.

Auch davon zeugt das Buch. In vielen Bilder.n Und Erzählungen. Wie Craig an einem Sicherheitsgurt übt, den Baustellenkran in CASINO ROYALE emporzulaufen. Wie die Szene mit dem Bagger auf dem Zug gedreht wird, wie er mit einem ehemaligen Royal Marine trainiert, wie er sich einem rigorosen Fitnessprogramm unterzieht, wie er zu einem Spitzenathleten wird.

Alle Craig-Bilder aus dem Buch © Titan Books/ Cross Cult/ EON

Schon gleich mit seinem ersten Film kommt es zu einer hübsch perversen Umkehrung – mit einem Paparazzi-Foto. Der Kult um James Bond hatte einmal, 1962, mit genau so etwas angefangen – mit einem um die Welt gegangenen Bild: wie nämlich Ursula Andress für DR. NO nur mit einem Bikini bekleidet aus der karibischen Brandung steigt. (Siehe hier neben an am Set von DR. NO.) 2005 war es Sixpack-Daniel-Craig, den die Paparazzi ablichteten, wie er für Szene 47 D von CASINO ROYALE in blauer Badehose aus den Fluten steigt. Es spricht für das Buch, dass es dafür ein eigenes kleines Kapitel bereithält.

Und auch für Craigs Anzüge gibt es ein eigenes Kapitel. Für SKYFALL wurden es welche vom amerikanischen Modeschöpfer Tom Ford, mit extra-enger Passform. Kostümbildnerin Jany Temine: »Man sah den Anzug, aber man sah auch den Körper im Anzug. Ich wollte eine Hose, die ziemlich eng anliegt, damit man Daniels Muskelbewegungen förmlich spüren konnte, wenn er rannte. Deshalb wählte ich einen dünnen Stoff. Ich wollte, dass man ständig diesen Körper sah, der bereit ist zu töten. Das ist in einem guten Maßanzug das Besondere. Wenn einem der Anzug auf den Leib geschneidert ist, kann man sich rollen, man kann stehen, man kann gut rennen, weil er wie eine zweite Haut ist.«

Die engen Anzüge hatten freilich auch ihren Nachteil, erinnert sich Regisseur Sam Mendes: »Jedes Mal, wenn er sich nach vorn gebeugt hat, sind sie gerissen. Wir hatten einen ganzen Lieferwagen voll mit den gleichen Anzügen. Wahrscheinlich lagen achtzig in diesem einen Lieferwagen, der den ganzen Weg nach Istanbul fuhr.« Für den Amerikaner Mendes war Craig auch immer so wie der, den Ian Fleming selbst sich am besten als Bond vorstellen konnte: wie Hoagy Carmichael, der Sänger.

Craig verletzte sich mehrmals heftig bei den Dreharbeiten. Sehnen. Kreuzband. Meniskus. Bei keinem einzigen seiner Filme blieb er unlädiert. Wie wir auch. Und letztlich wir alle, dann doch: geschüttelt. Und gerührt.

Im fünften Daniel-Craig-Bond war es soweit. Nick Kolakowski hat das bei uns mit einem kleinen, in den Filmtitel gesetzten Komma begründet: »No, time to die«. Um diesen Tod, dieses Sterben einer Filmfigur emotional aufzuladen, griffen die Macher tief in die Filmgeschichte. Dieser eine Satz – »We have all the time in the world«, eine paradoxe Verbal-Intervention in einem Moment, da Liebende auf immer auseinander gerissen werden –, stammt nämlich aus CASABLANCA (1946). Rick Bogart sagt ihn zu Inga Bergman.

George Lazenby zitierte diesen Satz dann zärtlich – über die eben gleich nach der Hochzeit neben ihm im Auto erschossene Diana Rigg gebeugt – in ON HER MAJESTY’S SERVICE von 1969. Der Song dazu von Louis Armstrong (Text Hal David) wurde dessen letzte Tonaufnahme. Nun liegt »We Have All the Time in the World« unter dem Abspann von NO TIME TO DIE und versöhnt einigermaßen mit der nach 25 Filmen zu Ende gehenden Bond-Saga, die jetzt – so das Schlussbild – zu einer Gute-Nacht-Geschichte auch für kleine Mädchen taugt: »I’m going to tell you a story about a man. His name was Bond, James Bond…«

Und ach, ja: Für die Verfolgungsjagd durch italienische Matera, eine der zwei (ja gleich zwei) Vorspannsequenzen von NO TIME TO DIE, über mehrere Wochen gedreht, waren insgesamt zehn Austin Martin DB5 am Dreh. Acht wurden geschrottet.

Alf Mayer

Mark Salisbury: Being Bond: Daniel Craig – Ein Rückblick (Being Bond, A Daniel Craig Retrospective, 2023). Aus dem Englischen von Johannes Neubert. Cross Cult, Ludwigsburg 2024. Hardcover, Sonderformat, durchgängig vierfarbig. 256 Seiten, 49 Euro.

Eine 45-Minuten-Zusammenfassung der Craig-Bonds hier:

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