Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023, News

Ulrike Schrimpf, Herzschlaglektüre: »Wie Sterben geht«

Was Tote träumen

Ulrike Schrimpf zu Andreas Pflügers Roman 

»Ich bin schon lang in diesem Haus
Gebaut aus dem, was Tote träumen.«

An einer Stelle seines aktuellen Romans Wie Sterben geht zitiert Andreas Pflüger, einer der führenden deutschsprachigen Erzähler, den Mythos Koras: Hades liebt sie so abgöttisch, dass er sie in Persephone umbenennt, in sein Schattenreich entführt und dort zur Totengöttin macht. Zeus aber, der das Leiden von Koras Mutter Demeter abmildern will, zwingt Hades dazu, Persephone immer im Sommer zurück an das Licht und in das Leben zu lassen. So wechselt Kora ständig zwischen beiden Welten, ist halb Todesgöttin und halb Göttin des Lebens, halb Schatten, halb Licht, halb unterirdisch und halb überirdisch. 

Pflüger findet hier ein vollendetes Sinnbild für die Totengöttin seines Romans, die ikonische Hauptfigur Nina, die, wie Kora, beides ist: Schatten und Licht, abgründig und empfindsam, unerbittlich und zärtlich, verletzend und verletzt zugleich. Ihr Geliebter nennt sie gelegentlich »Ninotschka Tausendschön«, und das passt genauso gut zu ihr wie ihre Leidenschaft für Leistungssportarten – Marathon und Boxen –, für knallharte Waffen und Grenzen, die unüberschreitbar scheinen. Dass Pflüger ein Meister darin ist, eindrucksvolle weibliche Hauptfiguren zu schaffen, vereinzelte Kämpferinnen in einer Welt, die hauptsächlich aus Männern besteht, hat er bereits mit seiner erfolgreichen Trilogie um die blinde Heldin Jenny Aaron bewiesen, in den Romanen Endgültig, Niemals und Geblendet

Nina, die Protagonistin in Wie Sterben geht, ist nun nicht nur eine mitreißende Frauengestalt, sie verkörpert die Essenz von Pflügers Schreiben insgesamt: Pflüger erzählt in dem Roman messerscharf am Leben entlang, immer an der hauchdünnen Grenze zum Tod und der Unterwelt, am Abgrund. 

»Nina fiel in den Schlaf wie ein Stein. Im Traum stand sie auf einer riesigen Brücke und wartete. Sie wusste nicht, auf wen, aber sehnte diesen Menschen herbei wie nichts zuvor in ihrem Leben. Sie spürte, dass sich etwas in ihrer Hand bewegte. Ein zuckendes Herz. Angewidert schmiss sie es ins Wasser. Als sie sich umdrehte, lag Kukura mit offenem Brustkorb vor ihr; das Herz fehlte. In tiefer Nacht fuhr Nina hoch, der Traum war fort. Aber auf der Zunge schmeckte sie Asche.« 

Wie Sterben geht ist offensichtlich ein Roman über Russland und den Kalten Krieg. Gleichzeitig ist er, losgelöst von Fragen der Politik, Geschichte und des Zeitgeschehens, ein übergreifender Roman über Freundschaft, Treue und Verrat, Sehnsucht und Verlust und eine Erzählung, in der Masken, Tarnungen und die Kunst und Philosophie des Verschwindens wesentlich sind. Ständig müssen Nina und ihre Mitstreiter sich verkleiden, schauspielern, Geschichten erfinden, lügen und betrügen und sich in der Masse auflösen, um nicht enttarnt zu werden. So, wie das essenziell zu ihrem Beruf dazugehört, ist es gleichzeitig ein Sinnbild auf die menschliche Existenz schlechthin, auf unsere – nach Shakespeare – wundervolle und schreckliche, unaufhörlich von der eigenen Sterblichkeit bedrohte »Weltenbühne«»All the world‘s a stage, and all the men and women merely players.« 

Ja, Pflüger erzählt Geschichten, in denen Menschen zu Schaden kommen – ich habe am Ende nicht mehr mitgezählt, wie viele es waren, und die Grausamkeit und Brutalität, mit denen manche Figuren in dem Roman über den Jordan geschafft werden, sucht ihresgleichen. Aber welcher große Roman, welche wesentliche Erzählung tut das nicht? Wenn Pflüger in seinem Roman die Frage verhandelt, was es bedeutet einen Menschen zu töten, was es sagen will, wenn man die Empfindung hat, für einen anderen sterben zu wollen, oder auch, wie es sich anfühlt, einem anderen Menschen sein Leben anzuvertrauen, dann verhandelt er auf einer zweiten, tiefer gelegenen Ebene Fragen des Liebens und des Lebens. Natürlich.

»Vergiss die Dinge, die aus Sehnsucht sind
Du weißt, du wirst sie nie mehr haben.«

Die Menschen, von denen Pflüger erzählt, sind in der Regel toughe, coole, schlagfertige Charaktere, die in ihrem Leben schon einiges erlebt und Leichen im Keller haben, im eigentlichen und übertragenen Sinne des Wortes. Die ausgezeichnete Kunst von Pflügers Erzählen ist es dabei, dass die Figuren immer psychologisch klug und überzeugend angelegt sind, dass sie nie zu eindimensionalen Typen verkommen, sondern jede und jeder für sich mit Geschichte und Grund angelegt sind, mit genügend Ambivalenzen und Brüchigkeiten, so dass sie den Leser berühren und in ihren Bann ziehen können. Eine der bewegendsten Figuren in Wie Sterben geht ist z.B. Grunja, eine Nebenfigur, die Nachbarin von Nina in Moskau. Es spricht für Pflügers Talent als Erzähler und die tiefgehende Menschlichkeit, die hinter seinem Schreiben steht, dass er diese schlichte, warmherzige Frau, die sich immer in die falschen Männer verliebt, so überzeugend und liebevoll gestaltet. Die Szenen, in denen der Autor von der außergewöhnlichen Freundschaft Ninas und Grunjas erzählt, sind lichte Quellen der Wärme und des Glücks in dem sonst so korrupten und in die Verzweiflung treibenden Sumpf des geschilderten Kalten Kriegs. 

Im Gegensatz zu Grunja steht eine andere eindrucksvolle Nebenfigur, die des sogenannten Imkers, eines furchterregenden Kriminellen, der sich, wie viele andere in dem Roman auch, als jemand entpuppt, der er nicht zu sein scheint:

»›Warum wirst du Imker genannt?‹
›Weißt du, was Bienen im Winter machen?
›Nein.
›Das sind clevere Tiere, du würdest staunen. Sie bilden eine Traube, sitzen dicht beieinander und sind die Heizung für die Königin. Sie zittern die ganze Zeit, so produzieren sie Wärme. Mein Stock ist hinten im Gewächshaus. Mein Volk zählt um die achtzigtausend Bienen, das schwankt im Sommer und Winter. Jede einzelne erkennt meinen Geruch und weiß, dass sie mich stechen darf. So helle sind meine menschlichen Drohnen und Arbeiter nicht immer. Hin und wieder muss ich mit einem von ihnen in das Gewächshaus gehen. Hast du eine Vorstellung, wie es ist, von ein paar hundert Bienen gestochen zu werden? Ich rate ja immer, die Zunge rauszustrecken, dann geht’s am schnellsten.‹«

Pflügers Romanhelden führen ein Leben am Limit, immer auf der Hut und auf der Flucht, verfolgt, abgehört und beobachtet, im bitterkalten Moskau und grauhart pulsierenden Berlin, in U-Bahn-Schächten, unter Straßenlaternen, in Kofferräumen, heruntergekommenen Restaurants und Stadtparks. Es sind Menschen, die von ihren eigenen Taten an den Rand des Wahnsinns gebracht werden, Überlebende, die zurückgekehrt sind aus dem Reich der Toten und anderen Grenzbereichen. So ist eines der Romankapitel mit Was Tote träumen übertitelt, was auch eine Zeile ist aus dem Gedicht, das den Roman eröffnet – was für eine faszinierende Vorstellung, die Träume von Toten zu imaginieren, und zugleich was für ein Wagnis! Pflüger stellt sich der Aufgabe, auch in seinen anderen Romanen, denn er liebt offensichtlich erzählerische Herausforderungen. Alles andere wäre ihm wohl zu langweilig und zu einfach. Die Szenen, in denen der Autor Träume und Halluzinationen zwischen Leben und Tod ausmalt, in denen Erinnerungen und Visionen die jetzige Wirklichkeit durchdringen und sich unentwirrbar mit ihr verschränken, sind die stärksten in seinem Erzählen überhaupt: Sie sind von einem Weltgehalt, dass es einem den Atem verschlägt.

»Schriftsteller sind nicht Ärzte. Sie sind der Schmerz.«
Alexander Herzen

Das Zitat des russischen Philosophen, Schriftstellers und Revolutionärs durchzieht als Leitmotiv den Roman. Es beschreibt offensichtlich eine Aufgabe und Funktion von Literatur, der sich auch Pflüger verpflichtet fühlt. Wie aber gelingt es dem Autor, mit seinem Schreiben Schmerz zu sein, uns Leserinnen und Leser aufzuwühlen, mitzureißen, aufmerksam, lebendig und verletzbar zu halten?  

Da sind zum einen Pflügers prägnanter und pointierter rhythmischer Stil, die Lakonie und Ökonomie seiner Worte: Kein Wort steht zu viel, und die Pausen und Momente der Stille sind präzise und voller Bewusstsein gesetzt, was immer ein Zeichen für gekonntes Schreiben ist. Wie der Autor am Anfang des Romans das hart im Novemberlicht liegende, pulsierende Berlin beschreibt, kurz bevor alles explodiert, wie Form und Gehalt sich hier ineinander spiegeln, wiedergeben, ineinander verschlingen – das ist schlicht groß. 

Da sind auch Pflügers trockener und schlagfertiger Humor und sein Talent, Spannung zu erzeugen und über nervenzerreibend lange Strecken aufrecht zu erhalten – die Szene zum Beispiel, in der Nina ihren Erzfeind Bossoi verfolgt, weil sie ihn endlich umbringen will, aber nicht handeln kann, weil er von einer jungen Frau begleitet wird, zerreißt einen schier körperlich beim Lesen.

»Die Zeit war ein Raumschiff mit ihr als einzigem Passagier. Sie raste so schnell, dass Ninas Angst irgendwann nicht mehr hinterherkam und sie seltsam ruhig wurde. Sie wusste, was sie tun würde. Wenn er das Restaurant bis halb elf nicht verlassen hatte, würde sie hineingehen und ihm vor allen Leuten in den Kopf schießen, wie Michael Corleone es mit dem korrupten Polizisten McCluskey in ›Der Pate‹ gemacht hatte. Sie würde das Foto knipsen, in ihren Lada steigen und nach Zarizyno fahren. Morgen würde sie tot sein. Aber Leo und Rem würden leben.«

Über all dem steht und strahlt Pflügers Vermögen, Zeit zu gestalten, sie zu dehnen und zu verdichten, ineinander zu verschränken, in Rückblicke und Zukunftsvisionen zu schneiden und zusammenzufügen. Die Struktur des Romans, die Verschränkung der unterschiedlichen Zeit- und Geschehensebenen ist ausgearbeitet und anspruchsvoll. Dem entspricht die äußere Gestaltung des Romans, die hochwertige Qualität des Papiers, der exquisite blaue Schnitt, vor allem aber die unfehlbare Typographie, die Pflüger selbst gestaltet hat, und die, wie er stolz berichtet, keinen einzigen Trennungsstrich beinhaltet. Von was für einem skrupulösen Perfektionismus muss man getrieben sein, um sich dieser hochambitionierten Aufgabe zu stellen? 

Alle diese Aspekte verleihen dem Roman einen gewissermaßen befriedenden und fließenden Eindruck von Geschlossenheit und Harmonie, der in einem reizvollen Gegensatz steht zu all den Brüchen, Trennungen und Verwundungen, die in ihm eine Rolle spielen.

Schließlich das unglaubliche Ende, das hier natürlich nicht im Ansatz verraten werden darf, darum nur das: was für ein Geschenk! Was für eine Gabe des Autors an seine Leser in einer Zeit, in der es besonders notwendig erscheint, auf welche Art auch immer Trost zu schenken und zu finden: »Jemand zu trösten, wenn man selbst Trost brauchte, war das Schwerste von der Welt«, heißt es an einer Stelle des Romans, und natürlich scheut Pflüger auch nicht vor dieser Herausforderung zurück.

»Es waren fast vierzig Grad minus; wenn sie durch den Mund atmete, ziepten ihre Zähne. Leer lagen die Straßen vor ihr; ein Foto, aus dem alles Leben rausretuschiert worden war. Auf der Maneschnaja knallte es in ihrem Rücken; Nina drehte sich nicht einmal um. Wieder eine Autoscheibe geplatzt. Selbst das Licht schien aus Eis zu sein und hing als Zapfen von den Peitschenmasten.«

Eine der heimlichen Hauptfiguren von Wie Sterben geht ist neben der Städte Moskau und Berlin die Kälte. Was macht es mit Menschen, Landschaften, Szenerien, Atmosphären und schließlich Gedanken und Gefühlen, Einstellungen, wenn es ständig so kalt ist, dass der Atem gefriert und der Körper schmerzt? Auch davon erzählt Pflügers Roman. Vor allem aber errichtet er der russischen Kultur und Geschichte ein gewaltiges Denkmal: Pflüger wäre nicht Pflüger, wenn der gesamte historische Hintergrund nicht deutlich fühlbar minutiös recherchiert wäre und in eindrucksvollen Schlaglichtern wiedergegeben würde – Breschnews Demenz, Tablettensucht und sein erbärmlicher Niedergang, Verbrechen und Folter in Russland, Korruption und Paranoia auf allen Seiten, die sich erbarmungslos bekriegenden Geheimdienste und die ständig über allem schwebende Gefahr eines potentiellen Atomkriegs zwischen den beiden Weltmächten. 

»Und ich bete nicht für mich allein,                                
Sondern für jede, die mit mir dort stand,
In grimmiger Kälte, und in des Juli Brand,
An der roten verblichenen Wand.«

(Aus: Anna Achmatova, »Requiem«)

Eine weitere heimliche Protagonistin des Romans ist die russische Erzählkunst: Pflüger verleiht der Dichterin Anna Achmatova in dem Roman zentrale Bedeutung, und auch solche russischen Meistererzähler wie Tschechow, Gorki, Tolstoi, Bulgakow und Solschenizyn kommen zur Geltung, werden fühlbar, durchwehen Pflügers Schreiben in Wie Sterben geht.

Als junge Frau habe ich sie alle verschlungen. Eine der glücklichsten Wochen meines gesamten Lebens war eine Woche in den Semesterferien, als ich nichts anderes tat, als an einer literaturwissenschaftlichen Hausarbeit zu schreiben und parallel dazu in dem Universum von Solschenizyns Roman Im ersten Kreis der Hölle zu versinken. Ich tat das mit einer Intensität und Ausschließlichkeit, die ich sonst im Grunde nur kenne, wenn ich selbst schreibe. 

Ähnlich fühlte ich mich jetzt, 25 Jahre später, bei der Lektüre von Pflügers Roman, und nein, ich finde es ist nicht zu hoch gegriffen, Wie Sterben geht mit den großartigen russischen literarischen Werken zu vergleichen, die in ihm eine Rolle spielen.

An einer Stelle des Romans zitiert Pflüger aus Achmatovas Vorwort zu ihrem berühmten Requiem:

»In den schrecklichen Jahren unter Jeshov habe ich siebzehn Monate Schlange stehend vor den Gefängnissen von Leningrad verbracht. Einmal erkannte mich jemand, irgendwie. Da erwachte die hinter mir stehende Frau mit blauen Lippen, die natürlich niemals meinen Namen gehört hatte, aus der uns allen eigenen Erstarrung und fragte mich leise (dort sprachen alle im Flüsterton): ›Und das können Sie beschreiben?‹ Und ich sagte: ›Ja.‹ Da glitt etwas wie ein Lächeln über das, was einmal ihr Gesicht gewesen war.«

Pflüger kann es auch.

  • Ulrike Schrimpf wuchs in Berlin auf, studierte dort und in Paris Literaturwissenschaft, lebte und arbeitete seit 2010 als freie Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Dozentin in Wien. Sie hat drei Söhne, die Familie ist seit kurzem nach Augsburg umgezogen. Sie hat bislang den Roman „LAUTER GHOSTS“ und ein gleichnamiges Theaterstück geschrieben, zusammen mit Axel Holst den Erzählungsband »Blinde Versuche über das Töten: von Menschen«, zusammen mit der Künstlerin Johanna Hansen den Lyrikband »pariser skizzen. je te flingue«, sowie diverse Kinderromane und Sach- und Fachbücher. Ihre Internetseite hier.

Anm. d. Red.: Siehe zum Roman von Andreas Pflüger bei uns auch das Interview von Alf Mayer »Artisten auf dem Hochseil«. In dieser Ausgabe führten die Beiden ein Gespräch zu Pflügers »Herzblutfilme«.

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