Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023, News

»Herzblutfilme« – Ein Gespräch mit Andreas Pflüger

Den Tiger reiten

Ein Interview mit Andreas Pflüger zu seinem Buch »Herzschlagkino« – von Alf Mayer

Andreas Pflüger: Herzschlagkino. 77 Filme fürs Leben. Arche Literatur Verlag, Zürich 2023. Hardcover, 176 Seiten, 17 Euro.

Alf Mayer: Mir ist bei der Lektüre deiner »77 Filme fürs Leben« aufgefallen, dass du im Kino genau hinschaust, wie jemand über seine Kindheit redet. Wie er es mit seinem Vater hält. Wie ein Film oder eine Filmfigur mit Kindheit umgeht, und wie das in dein Urteil eingeht, in deine Hochachtung oder Begeisterung.

Andreas Pflüger (holt erst mal Luft): Uuhh … Kindheit, Riesenthema. Wie soll man einen Menschen begreifen, wenn man nicht weiß, wo er herkommt? Das heißt nicht zwingend, dass das in einem Roman oder Film auserzählt werden muss. Aber als Leser oder Zuschauer brauche ich es zumindest als Subtext – und wenn ich mir den selbst erschaffen muss.

Du erzählst in den Filmtexten ja auch von deiner eigenen Kindheit …

Lass uns erst einen Schritt zurückgehen. Das alles fing während Corona an, als Zeitvertreib. Als Trost, weil ich zu der Zeit sehr krank war. Damals, 2021, habe ich noch gar nicht an ein Buch gedacht. Es waren Posts über meine Lieblingsfilme auf Facebook. Bald waren es 30. Und zunehmend fiel mir auf, wie persönlich das wurde. Ich hatte mir das nicht vorgenommen, es ist einfach passiert. Normalerweise kannst du dich als Autor ja einigermaßen hinter deinen Geschichten verstecken, Biografie, ein Spiel. Das war hier anders. Aber es hat mir gefallen.

Du verrätst mehr als bisher in vielen Interviews.

Es ist sicher mein persönlichstes Buch, eine Art Autobiografie anhand meiner Lieblingsfilme. Menschen, die auf mich neugierig sind, weil sie meine Romane kennen, erfahren hier viel über mich, wie ich die Welt sehe, was mich antreibt – und auch, was meine Dämonen sind.

Und lernen eine Menge übers Handwerk …

Über die Mechanik des Schreibens wird ja nur selten gesprochen, vielleicht bei Poetik-Vorlesungen. Wie tickt ein Autor? Was ist ihm wichtig? Was langweilt ihn? Was ist Humor – und wie erzeugt man den? Wie kommt man zu so einem Beruf? Warum schreibt man Drehbücher – oder Romane?

Und ab irgendwann dann nicht mehr – wie du

Das habe ich ja öffentlich begründet. Nach fast vierzig abendfüllenden Filmen wollte ich an kein Budget mehr denken müssen. Und auch keine Kompromisse mehr eingehen. Als Romancier kann ich viel radikaler erzählen, bin mein eigener Herr. Und kann es krachen lassen.

Ich sage nur, der Flugzeugträger in »Geblendet« und jetzt die Glienicker Brücke in »Wie Sterben geht« …

Genau. »Herzschlagkino« ist ein Schlüssellochblick in meine Werkstatt. Ich erkläre meine wichtigsten Werkzeuge. Und was da sonst noch rumliegt.

Lass uns nochmal über Kindheit sprechen …

In meinen eigenen Filmen und Romanen werden Hauptfiguren und Nebenfiguren mit einer Biografie ausgestattet. Ich brauche Kindheitsgeschichten, wie etwa die von Rem Kukura oder Nina Winter in »Wie Sterben geht«, um eine Figur greifen zu können. Ich glaube, die erste Vater-Sohn-Beziehung im Film, die mir aufgefallen ist, war die in der »Schatzinsel«.

Da warst du noch Kind, oder?

Klar. Im Hollywoodfilm war es zum Beispiel »Eine Frage der Ehre«, wo mich das getriggert hat. Tom Cruise hat als junger Anwalt Angst, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, der ein berühmter Strafverteidiger ist. Er besäuft sich. Kevin Pollak als Lt. Sam Weinberg konfrontiert ihn, hält ihm eine Standpauke und sagt: »Er war einer der besten Verteidiger, die es je gab. Wenn ich die Wahl hätte zwischen ihm und dir, mich in diesem Fall zu vertreten, würde ich mich mit Haut und Haaren für dich entscheiden.« Dann holt Cruise den Colonel in den Zeugenstand, diesen umwerfend furchteinflößenden Jack Nicholson. Sein Vater hätte das nie gemacht. Cruise riskiert es. Er rettet den beiden Angeklagten das Leben. Weil er sich von seinem Vater befreit.

Du schreibst: »Man muss Cruise nicht mögen, um diesen Film zu lieben.«

Ich kann die Person und ihre Peinlichkeiten von dem Schauspieler und dessen überragendem Talent trennen. Niemand legt eine solche Karriere wie Cruise hin, nur weil er ein hübsches Gesicht hat. Er ist auch nicht von einem Hubschrauber auf dem Gipfel abgesetzt worden. Cruise trägt jeden Film, scheinbar mühelos. Das zeigt sich auch hier, Auge in Auge mit Nicholson, einem Mann, der eine solche Druckwelle erzeugt, dass er die meisten weggeblasen, ja pulverisiert hätte. Ich halte Cruise für den unterschätztesten Schauspieler der Welt. »Eine Frage der Ehre« habe ich wohl an die fünfzig Mal gesehen. Meine Frau kann da nur den Kopf schütteln.

Ich zitiere aus deinem Buch: »Meine Frau versteht nicht, wie es möglich ist, dass ich immer aufs Neue dasselbe Vergnügen haben kann. Ganz einfach: Ich schaue jeden Film stets so, als wäre es das erste Mal. Das habe ich mir vor vielen Jahren antrainiert. Man liest ein Drehbuch unendlich oft, korrigiert, schmeißt Szenen raus, fügt neue hinzu, stellt um, geht durch vier, fünf, sechs Fassungen. Das kann nur gelingen, wenn man sich von dem eigenen Text jedes Mal wieder überraschen lässt. Beigebracht habe ich es mir mit der Bibel …«

Du musst zu deinem Text eine permanente Distanz wahren; wenn du die verlierst, siehst du die Fehler nicht mehr. Viele Autoren, besonders beim Film, scheitern daran. Denen nimmt man dann das Buch weg, und der Produzent sagt: »Sorry, du bist ausgeschrieben.« Das ist mir nie passiert. Ich habe zu jedem meiner Filme die Drehfassung erstellt, meine Bücher musste niemand umschreiben. Mir hat man nie ein Projekt weggenommen. Wenn es in Bezug auf meine Drehbuchkarriere etwas gibt, worauf ich stolz bin, dann das.

Und »Taxi Driver«, meinen absoluten Lieblingsfilm, wie oft hast du den gesehen?

Der steht auch ganz oben. Mindestens die gleiche Schlagzahl wie »Eine Frage der Ehre«. Das Plakat hängt seit langer Zeit in meinem Arbeitszimmer.

Ja, das ist eine schöne Stelle im Buch: »Travis Bickle geht mit gesenktem Kopf die kalte 47. Straße in Manhattan hinunter, steif vor Einsamkeit; es könnte auch ein Gemälde von Helnwein sein. Und darüber steht: On every street in every city, there’s a nobody who dreams of being a somebody. Bernard Herrmanns Musik, eine Erinnerung an »Vertigo«; immer wieder höre ich den Soundtrack beim Schreiben.«

Das Plakat schaue ich oft an. Es erinnert mich auch daran, wie ich in den Achtzigern durch Amerika gereist bin, ein Jahr lang, als Autor gescheitert, dachte ich. In New York bin ich genau so durch die Straßen gestapft, im tiefsten Winter, habe mir selbst leid getan und kitschige Chandler-Sätze im Ohr gehabt, wie »Down these mean streets a man must go«, so einen Scheiß. (lacht)

Es ist ja immer eine Doppelseite, die ein Film in deinem Buch hat, übrigens gut gelöst. Bei »Taxi Driver« erzählst du viel von deinen Wander- und Taxijahren und wie du zum Schreiben gekommen bist. – Wie bist du zum Kino gekommen?

B-Movies in einem Saarbrücker Bahnhofskino, Western, Karate, Bruce Lee, Charles Bronson, so ein Zeug. Filme, die etwas über den Menschen in unserer Zeit erzählen, waren schon damals nichts für mich. Wenn ich im TV sehe, wie Zwei am Küchentisch über ihr Leben reden, zappe ich sofort weiter. Ich brauche es überlebensgroß. »Jemand, der acht Stunden am Tag an einer Stanzmaschine steht, hat keine Lust, abends einen Film über jemanden zu sehen, der acht Stunden am Tag an einer Stanzmaschine steht.« Schöner Fassbinder-Satz.

Du warst ja nie an einer Filmakademie …

Was hätte man mir dort beibringen können, was ich nicht im Kino gelernt hätte? Ich habe viele Jahre als Zuschauer von den Größten gelernt, Hitchcock, Coppola, Friedkin, Peckinpah. Und bei den Autoren: Hecht, Lehman, Towne, Goldman. Das ist die allerbeste Schule. Als eine Redakteurin des SFB mich Ende der Achtziger fragte, ob ich mal ein Drehbuch schreiben wollte, mein erstes, habe ich sofort Ja gesagt, bin in eine Buchhandlung und habe mir Drehbücher gekauft, um zu sehen, wie so was aussieht. Übrigens waren es »French Connection«, »Blue Velvet« und »Blade Runner«. Hab’s mir selbst beigebracht. Use your fucking brain and trust your burning heart.

Würdest du dich als Cineasten bezeichnen?

Nee. Ich bin auch kein Programmkino-Connaisseur. Am liebsten gehe ich in Multiplexkinos: der bessere Sound, gute Sitze, große Leinwand. Cineasten können alles einordnen, so wie Literaturkritiker das auch können. Ich sitze oft staunend vor Rezensionen oder Kritiken. Keine einzige Sekunde denke darüber nach, in welchen Kontext ein Film gehört. Er muss alle meine Sinne kitzeln, dann bin ich glücklich. Das erwarte ich im übrigen auch von Literatur: Überwältigung. Handwerk ist für mich das Entscheidende. Das ist die Grundlage für alles. Wenn es damit hapert, bin ich schnell verstimmt.

Ach komm, wirklich nie ein Arthouse Film?

Okay. »Three Billboards« hat mich umgehauen. »American History X« oder »Capote« – wegen der Hauptdarsteller. Und in Deutschland: die Filme, die Dresen macht, besonders »Halbe Treppe« und »Sommer vorm Balkon«. Scorsese macht zum Teil auch Arthouse, aber er hat seltsamerweise aufgehört, mich zu interessieren. »Good Fellas«, das war noch was, ein richtiger Kick in die Fresse. Ich glaube, er ist auserzählt.

Gehen wir zurück in die Abteilung Erweckungserlebnis …

»Chinatown«! Den habe ich damals fünf Mal in einer Woche gesehen. Und irrsinnig viel gelernt. Da habe ich verstanden, wie raffiniert ein Drehbuch sein kann. Aber ich war so enttäuscht, dass es kein Happy End gab. Obwohl es absolut richtig war, keins zu machen. Da hat Polański sich Gott sei Dank gegen seinen Autor Towne durchgesetzt. Heute braucht man mehr Mut, ein Happy End zu schreiben, als es tragisch ausgehen zu lassen. Wie fandest du übrigens das Ende von »Wie Sterben geht«?

Ich habe durchgeatmet und fand es passend. Habe mich gefreut. Und du?

Ich weiß nie, wie meine Bücher ausgehen. Ich denke und schreibe sie nicht vom Ende her. Noch wenige Seiten vor dem Schluss wusste ich nicht, wie das ausgeht. Aber so hat es sich dann richtig angefühlt. Kunst kommt auch von trauen. Zum Schluss hin ist man eh nur Passagier auf dem Schiff, das deine Charaktere steuern. Du musst als Autor der Geschichte folgen, nicht umgekehrt. Auch auf die Gefahr hin, dass das Schiff einen Eisberg rammt.

Was wäre deine Mona Lisa in Sachen Kino?

(wie aus der Pistole geschossen): »Der Pate, Teil II«. Das einzige Mal, dass eine Fortsetzung mich glücklich gemacht hat. Bei »Avatar« oder »Blade Runner« hat das nicht funktioniert. Geradezu abgrundtief enttäuscht war ich von »Matrix 2«, in Teil 3 hab ich nur noch gelitten, aber ich Blödmann bin auch noch in Teil 4 gerannt. Vergiss es. Irgendwann geht’s halt nur noch um Kohle.

Wir beide, du Jahrgang 1957 ich 1952, wir sind in einer filmisch sehr reichen Zeit aufgewachsen. Schätzungsweise mehr als die Hälfte der Filme in deinem Buch sind aus den 70ern und 80ern.

Die Siebziger waren mein prägendes Jahrzehnt, mein Coming of Age. Das war die Zeit der Selbstfindung. Darum haben mich so viele der Filme ins Herz getroffen. Sie haben geholfen, mich zu definieren, zu lernen, wer ich bin. Der Buchtitel ist ernst gemeint.

Bitte noch ein Weihnachts-Lieblingsfilm…

»Ein Ticket für Zwei«. Der Originaltitel ist natürlich viel schöner: »Traines, Planes & Automobiles«. Gehört bei mir in jeder Adventszeit zum Pflichtprogramm. John Candy und Steve Martin auf einer Odyssee, gegen die Homers Ilyas wie eine Butterfahrt wirkt. Nach dem ersten Schnitt soll der Film eine Länge von viereinhalb Stunden gehabt haben. Meine Fresse, da dürfte der ein oder andere Gag noch über die Wupper gegangen sein. Kann mich nicht recht entscheiden, was meine Lieblingsszene ist: Die Übernachtung in dem abgewrackten Hotel in Wichita? Oder wenn das Auto auf dem Highway in Flammen aufgeht? Egal. Zwerchfell und Rührung, die siamesischen Zwillinge jeder guten Komödie, hier reiten sie den Tiger.

Anm. d. Red.: Siehe in dieser Ausgabe auch Andreas Pflügers im Oktober erschienenen Roman »Wie Sterben geht« von Ulrike Schrimpf besprochen. Alf Mayers großes Interview »Artisten auf dem Hochseil« dazu erschien in unserer Oktoberausgabe.

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