Geschrieben am 1. März 2024 von für Crimemag, CrimeMag März 2024

Alf Mayer: Am Set von DR. NO dabei – Die Geburt von 007

Ein Filmbuch, das die Filmpublizistik auf einen neuen Level hebt

Paul Duncan, EON: James Bond. Dr. No. Written and edited by Paul Duncan. English edition. Hardcover in slipcase, 29 x 44 cm, 8 kg, 492 pages. Collector’s Edition (No. 501–1,962), each copy numbered, 750 Euro. – Also available in two Art Editions (No. 1–500).  – Verlagsinformationen hier.

Art Edition (No. 1–250), with the framed ChromaLuxe print Bond, James Bond, 1962 by Bert Cann. 1.500 Euro.
Art Edition (No. 251–500), with the framed ChromaLuxe print Publicity Portrait, 1962 by Bert Cann. 1.500 Euro.

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Noch kostet dieses Buch 750 Euro, die beiden limitierten Art-Editionen mit je einem gerahmten ChromoLux-Fotodruck 1.500 Euro. XXL Confidential nennt sich das Format. Schaut man es durch, fühlt man sich wie Goldfinger. In Sachen Filmbuch, dachte ich, hätte ich schon alles gesehen. Von wegen. You Ain’t Seen Nothing Yet. Paul Duncans „James Bond. Dr. No“ ist ein Filmbuch, das die Filmpublizistik auf einen neuen Level hebt.

Mit über 1.000 Bildern und Illustrationen folgt es der Entstehung des ersten James-Bond-Films von Drehtag zu Drehtag – vom 14. Januar 1962 auf Jamaica bis 3. April 1962 in den Pinewood Studios in London. Die Entstehung jeder Filmszene – was geschah, welche Szenen gefilmt wurden und wer die Entscheidungen traf, die den Film und seine Charaktere formten – lässt sich hautnah, quasi wie ein privilegiertes Produktionsmitglied miterleben: mit Zugang zu allen Kantinen, Büros, Schminkräumen und Hinterzimmern, zu Abstimmungen, Telefonaten, Telegrammen, Dokumenten, Skizzen, Entwürfen, Plänen, Drehplänen, Set-Fotos und Schnappschüssen. Unter den insgesamt 1007 Abbildungen finden sich viele bisher nicht veröffentlichte Standfotos und On-Set-Aufnahmen von Fotografen wie Bert Cann, Bunny Yaeger und Bradley Smith sowie Memos, Dokumente, Plakate und Produktionsentwürfe. Immer wieder gibt es optische Verblüffung und zusätzlich Informatives in den sehr guten Bildtexten.

Ebenfalls eine Klasse für sich ist die Gestaltung des Buches, sind Präsentation und Flow – von den Intro-Seiten mit den Farbsilhouetten wie aus einem Bond-Film bis zur Dramaturgie der Doppelseiten und Einzelporträts und der vielen Dokumente. An keiner Stelle wirkt das Buch schematisch oder öde oder als etwas nur für Nerds gemacht. Bild- und Druckqualität sind vom Feinsten, printed in Italy sagt das Impressum. Für das äußerst gelungene Buchdesign zeichnen Andy Disl, Los Angeles, und Birgit Eichwede, Köln.

Überraschend gut funktioniert auch das Abschlusskapitel, das alle Filmszenen mit je einem Screenshot aneinander reiht: ein Filmschnelldurchlauf in Printform. Glorioses Technicolor, remastered. Filmkamera damals: Mitchell BNC, Negativformat 35 mm (Eastman 50T 5250), gedrucktes Filmformat Eastman 5385. Das Buch schließt mit der Original-Titelsequenz von Maurice Binder.

Paul Duncan, dem wir unter anderem das opulente „James Bond Archiv“ verdanken (meine Besprechung hier: »So viel Bond war nie«), hatte uneingeschränkten Zugang zu den EON-Archiven. Ich würde soweit gehen und behaupten: noch in keinem Buch wurde so ausführlich, vielschichtig und informativ aus einer Filmproduktion berichtet.

Paul Duncan – ich hatte das an anderer Stelle schon einmal vermerkt, nämlich bei seinen „Star War Archives“ – hat eine äußerst lesbare Erzählmethode entwickelt, Zitate aus zahlreichen Quellen zu einer mündlichen Erzählung über die Entstehung eines Films zu montieren. Hier übertrifft er sich selbst. Er hatte Zugang zu Produktions-, Verleih- und Privatarchiven und zu den Produzenten Barbara Broccoli und Michael G. Wilson, er konnte Aktenschränke mit Produktionsunterlagen durchforsten, mit vielen Beteiligten reden, mit dem ganzen Produktionsstab. Die daraus entstandene Darstellungen der teils abenteuerlichen Finanzierungsgeschichten, Drehbuch- und Konzeptwirrungen, Palastintrigen, von interner Kritik und Skepsis, Kleinmut, Kreativität und Größenwahn ist ziemlich ungeschminkt. Und rasend spannend.

Zuerst nähert sich das Buch dem Bond-Erfinder Ian Fleming, schon das erste Bild macht klar, dass hier keine Pflichtübung wartet. Wie in einem Film Noir späht Ian Fleming aus dem Schlafzimmerfenster seiner Villa Goldeneye, die jamaikanischen Sonne wirft durch die Jalousie dramatische Licht- und Schattenlinien über Gesicht und Gestalt, die Farbtöne sepiabraun bis golden. Ein fast unwirkliches Bild, sein Autor ist der Fotojournalist Bradley Smith. (Auch das ist eine durchgängige erzählerische Bildebene des Buches, mit dem Doppelcharakter des Abbilds, der Verwandlung von Moment in Ikonografisches beizuwohnen.) Ausführlich umrundet das Buch den Auftritt von Ursula Andress, wie sie im Bikini der karibischen Brandung entsteigt. Regisseur Terence Young wird dazu folgendermaßen zitiert: »Orson Welles always said there were two great entrances in cinema: Omar Sharif in Lawrence of Arabia, and Ursula Andress in Dr. No.«


The first scene to be shot of Ursula in her white bikini was at the private beach at Laughing Waters. The contact sheet shows Sean Connery fooling around for the camera (he used to be a body builder) and Terence Young applying blanco to Ursula’s belt. – © All pictures courtesy of EON Productions, MGM, and the Margaret Herrick Library/ Verlag Taschen

Die Produzenten Harry Saltzman and Cubby Broccoli führt ein Foto ein, das sie am Filmset des Vulkans von YOU ONLY LIVE ONCE (1967) zeigt. Die beiden ungleichen, völlig verschiedenen Charaktere, der eine gebildeter Amerikaner, der andere hemdsärmeliger Brite, hatten sich für das Filmprojekt zusammengetan, mussten sich vertrauen und lernten sich erst während der Arbeit kennen. Es hätte auch schiefgehen können. Terence Young: »It was a miracle. When you look back on it, we were just damn lucky, and everything worked. It was just one of those things. It could have gone exactly the other way, and we’d have been sunk without a trace.«


Produzent Cubby Broccoli, Autor Ian Fleming, Schauspieler Sean Connery und Produzent Harry Saltzman auf einem Publicityfoto von 1961, bevor die Dreharbeiten zu DR. NO begannen © Photo Arthur Evans, EON Production und Verlag Taschen

War ich im Fleming-Kapitel von den vielen unbekannten Illustrationen angetan, wuchs im Kapitel „The Producers“ meine Bewunderung. Die Produktionsfirmen von Saltzman und Broccoli gewinnen hier ganz wunderbar visuelle Gestalt. Filmplakate, Set-Fotos, Skizzen, Kontrakte und Artefakte erzählen plastisch und interessant. Zum Kapitel „Preproduction“ gehört natürlich, wie es zur Besetzung der Hauptrolle mit dem damals unbekannten Sean Connery kam. Bildhaft eingeführt wird er mit einem Foto, das ihn im Maßatelier bei der Stecknadelprobe für seinen Smoking zeigt.

Cubby Broccoli: »Ich war der Meinung, wir sollten einen unbekannten Schauspieler nehmen, keinen Star – vor allem einen Mann, dem man abnahm, dass er James Bond sein könnte. Unsere Theorie war: Wenn wir die Rolle mit einem praktisch unbekannten Schauspieler besetzten, dann würde ihn das Publikum eher als die Figur James Bond akzeptieren. Wir wollten also einen Schauspieler in die Rolle hineinzüchten, sodass er mit ihr wachsen und sich nicht beschweren würde, wenn wir von ihm noch mehr Bond-Streifen verlangten. Patrick McGoohan wurde vorgeschlagen, und er hätte einen guten Bond abgegeben, aber er war sehr gläubig und fühlte sich unwohl mit Sex und Gewalt. James Fox, der ebenfalls zur Debatte stand, zögerte aufgrund derselben starken religiösen Bedenken. Auch Roger Moore war als möglicher Bond im Gespräch. Damals hielt ich ihn für etwas zu jung und vielleicht auch einen Hauch zu attraktiv. Er hatte das, was wir den „Arrow-Kragen-Look“ nannten: zu konservativ elegant. …. Während all diese Diskussionen über die Besetzung von Bond im Gange waren, kam mir immer wieder ein Gesicht in den Sinn. Es gehörte zu einem Schauspieler, den ich ein paar Jahre zuvor in London kennengelernt hatte. Er hieß Sean Connery und drehte zu dieser Zeit mit Lana Turner einen Film mit dem Titel „Another Time, Another Place“ (Herz ohne Hoffnung, 1958). Er war ein gut aussehender, umgänglicher Bursche, der eine Art animalische Männlichkeit ausstrahlte. Er war groß, hatte eine starke physische Präsenz, und hinter seinem steifen Lächeln und schwachen schottischen Akzent lauerte genau das richtige Maß an Bedrohlichkeit…«

Broccoli weiter: »Körperlich und in seinem gesamten Auftreten war er zu ungeschliffen, um ein Ebenbild von Flemings Geheimagent aus der Oberschicht zu sein. Das war für uns aber in Ordnung, weil unser 007 durchaus bei einem breiteren Publikum ankommen sollte: ein erotischer Athlet, der in einem Maßanzug aus der Savile Row gut aussah, aber mit dem durchtrainierten Bauch eines Typen, der seinen Tag mit zwanzig Liegestützen beginnt. Alles an Connery war an diesem Tag überzeugend James Bond. Harry und ich stellten ihm eine Menge Fragen. Seine Antworten in diesem äußerst reizvollen schottischen Akzent, den er hat, waren freundlich und direkt. Er war weder eingebildet, noch von falscher Bescheidenheit. Er verhielt sich auch nicht wie ein klassischer Schauspieler, der dachte, James Bond sei ein wenig zu anspruchslos für sein Talent. … Jeder Beteiligte akzeptierte, dass bei dem streng begrenzten Budget, das für die Produktion zur Verfügung stand, keine hohen Summen gezahlt werden konnten. Als wir Sean dies erklärten, wurde die Diskussion sehr lebhaft. Er hämmerte auf den Tisch, und sein Akzent verstärkte sich: „Ich will, verdammt noch mal, so viel, oder ich mache den Scheißfilm nicht! Ich arbeite nicht für einen Scheißhungerlohn!«

Als Regisseur wurde Terence Young engagiert, nach Ansicht von Bob Simmons, der von 1962 bis 1985 als Stunt-Spezialist und Double des Hauptdarstellers zwölf Bond-Filme prägte, „der beste Regisseur, den sie finden konnten, um den Bond-Filmen zu einem großartigen Start zu verhelfen. Terence erschien stets in makellosem Aufzug bei den Dreharbeiten. Selbst wenn er die aktionsreichsten Szenen in sportlicher Kleidung einrichtete, hatten seine Hosen Bügelfalten, und seine Strickjacke sah frisch gewaschen aus. Bei jedem Film, bei dem ich dabei war, hatte er immer einen Mercedes, Rolls oder Bentley und erhielt eine unglaubliche Reihe von Anrufen von schätzungsweise vierzig femmes, die versuchten, fatales zu sein. Und während all dessen war er stets die Ruhe selbst. … füllte dieser Kerl das Glas mit Champagner – mittendrin in der Hektik der Dreharbeiten, ohne dass Terence auch nur ein einziges Mal die Augen von der Szene schweifen ließ! Er reiste erster Klasse, dieser Terence. Ganz stilvoll. Ganz Sechzigerjahre. Ganz Bond.“

Terence Young überredete Connery, abends in seiner Film-Kleidung auszugehen, damit er sich darin langsam wohl fühlte. „Wir wollten, dass er sich an seine Sachen aus der Savile Row so gewöhnt, wie sich jeder gute Schauspieler an sein Kostüm gewöhnt.“ Cubby Broccoli: „Terence lud ihn auch ein paarmal zum Mittag- und Abendessen in die exklusivsten Restaurants ein, einzig zu dem Zweck, ihm ein wenig von Bonds Anspruch zu vermitteln, ein Experte für Wein und gutes Essen zu sein. Wir wollten die Figur ein wenig unterfüttern. Es sollte aussehen, als sei er es gewöhnt, in einem Restaurant Mouton Rothschild Jahrgang ’53 oder Taittinger Blanc de Blancs zu bestellen oder im Kaufhaus Fortnum & Mason norwegischen Heidehonig zu kaufen, bevor er sich vom königlichen Schuhmacher einen Leisten anfertigen lässt. … Wir hatten in gewisser Weise Glück. Ich glaube, dass sich Terence Young, genau wie Ian Fleming, unterbewusst als James Bond fühlte. Der Anspruch war nicht ganz unberechtigt: Harrow, Cambridge, dann Dienst in der Guards Armoured Division während des Kriegs – Terence hatte durchaus die passenden Voraussetzungen. Er hatte auch die Bücher gelesen, war ein Lebemann und kannte die eine oder andere Gräfin. Das Ende vom Lied war, dass Sean das ganze Bond-Drumherum annahm und einsetzte, um die Rolle dann so zu spielen, wie er sie sah.“

DR. NO erlebte am 5. Oktober 1962 im Londoner Pavillon Cinema die Welturaufführung, Anita Ekberg, gerade bei EON in den Pinewood-Studios bei Dreh, war Gast der Produzenten. Von heutigem Standard aus gesehen war DR. NO ein Low-Budget-Film. Er hatte ein Budget von rund 1 Mio Dollar – und spielte das Sechzigfache seiner Kosten ein. Damit hält er bis heute – und mit Abstand – das beste Einspielergebnis aller Bond-Filme. So gut amortisierte sich kein anderer Bond mehr und es legte die Grundlage für den Goldstandard der Filmhelden-Reihe. Die bisher insgesamt 25 Bond-Filme sind (nach Marvel und Star Wars) das dritterfolgreichste Franchise der Filmgeschichte, weltweit haben sie zusammen über 21 Milliarden Dollar eingespielt.

Das Buch lässt miterleben, wie das alles begann.

Alf Mayer

James Bond bei CrimeMag:

Alf Mayer: So viel Bond war nie. Zu Paul Duncan: The James Bond Archives. “No Time To Die” Edition. CrimeMag Feb 2022

Nick Kolakowski: No, Time to Die The latest James Bond movie digs into the fatalism at the iconic spy’s core. CrimeMag Dez 2022

Alf Mayer: Die „Goldfinger Files“. CrimeMag August 2021

Matthew Parker: Ian Fleming, James Bond & Jamaika. Textauszug aus „Goldeneye. Ian Fleming und Jamaika – Wo James Bond zur Welt kam. CrimeMag März 2019

Alf Mayers Blutige Ernte: 007 – Der Halbschotte aus Wattenscheid. – Zu William Boyds James-Bond-Roman „Solo“. CrimeMag Nov 2013

Thomas Wörtche zur Neu-Übersetzung der Bond-Romane. CrimeMag Dez 2012

Alf Mayer: Moving Targets – Notizen zu Filmen aus dem Genre: „Rampart“ & „Skyfall“. CrimeMag Nov 2012

Thomas Wörtche: Super Camp. Bond, … James Bond. Filmplakate und Fotografien aus fünfzig Jahren. CrimeMag Nov 2012

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