Geschrieben am 1. August 2021 von für Crimemag, CrimeMag August 2021

Alf Mayer: Die „Goldfinger Files“

Während das Kino (und/oder das Streaming) noch auf den endlos verschobenen 25. Bond-Film „Keine Zeit zu Sterben“ wartet, lohnt der Blick in ein Buch – und auf eine Sequenz, die den Mythos Bond begründete.

Sean Connery, die Arme hochgereckt wie ein Sieger, auf einem Felsen. Top of the World. Furka-Pass. Es ist Dienstag, der 7. Juli 1964. Der zweite Drehtag für eine der berühmtesten Sequenzen der Filmgeschichte. Sechs Minuten und 37 Sekunden lang. Gedreht an sieben Tagen. Eine ikonische Woche. Jetzt liegt das Buch dazu vor. Ultra cool. Ultra heiß. Goldschnitt. Und aus dem Steidl Verlag.

Dort würde man „The Goldfinger Files. The Making of the Iconic Alpine Sequence in the James Bond Movie ‚Goldfinger’“ nicht unbedingt vermuten, aber ist man in das Buch getaucht, macht es Sinn. Großen Sinn sogar. Es bleibt zweitrangig, ob Verleger und Büchermacher Gerhard Steidl selbst ein Bond-Fan ist und sich nun outet – dann wäre ich auf Folgebände, etwa über die Dreharbeiten in Japan für „Man lebt nur zweimal“ gespannt. Entscheidend ist, wie der Verlag diese wahrlich ikonische Goldfinger-Akte präsentiert. Nämlich: minimalistisch, großzügig und anderen Filmbüchern ein Vorbild. Die Ausgabe ist englisch, wiewohl die Autoren deutschsprachig sind. Nur auf dem internationalen Markt lässt sich ein Buch dieser Ausstattung und Güte amortisieren, der Ladenpreis ist zudem beste Preis-Leistung.

Erstausgabe, 1959

Doch nun hinein.

Am Sonntag, 5. Juli 1964, reisen die Akteure an. Wir sehen Sean Connery, 34 Jahre alt, wie er in Zürich-Kloten aus der Alitalia-Caravelle steigt. Der Wind zaust sein schütteres Haar. Nur als James Bond trägt er ein Toupee. „Goldfinger“ ist der dritte Bond-Film. Der, der den britischen Geheimagenten zu einer internationalen Marke und einem äußerst lukrativen Geschäft macht. (MGM, gerade für 8,45 Milliarden Dollar an Amazon verkauft, verdankt diesen Kaufpreis vor allem 007.) Connery hat zwei Tattoos auf dem Unterarm, das eine sagt „Scotland Forever“, das untere „Mum and Dad“. Beim Filmen sind sie immer verdeckt. PR-Manager John Gugelmann bringt Connery nach Andermatt, das braucht drei Stunden. 

Das Londoner Produktionsstudio EON hatte Probleme gehabt, für das fünfzigköpfige Filmteam Unterkünfte zu finden. Niemand im Ort hatte je von den James-Bond-Filmen gehört und es gab Zweifel an der Zahlungsfähigkeit der Briten. Das Hotel „Bergidyll“ nahm schließlich die Gäste auf, wurde vom Rest des Dorfes verlacht.

So ist das mit dem Ruhm. Wenn er noch nicht da ist. Heinrich „Heini“ Holzhauser, der Barmann im „Bergidyll“, verdiente sich zusammen mit der kleinen Jazzband des Hotels ein Zubrot als Caterer für die Filmcrew. Für die schoss er Dutzende von Souvenir-Fotos, sie sind in dem Band enthalten – und tragen zum durchgehend authentischen Charakter dieses vorbildlich gestalteten Filmbuchs bei.

Das Buch ist chronologisch aufgebaut. Zeigt auch das Leben in den Drehpausen, zeigt überhaupt viel an entspannter Situation, ist ein angenehm unaufgeregter Blick hinter die Kulissen der Filmindustrie.

Sean Connery, Top the World, steht in Wirklichkeit nur auf einem kleinen Felsblock am Wegesrand zum Furka-Pass, ein kleines Stück unterhalb des Hotels „Galenstock“. Einmal gibt es einen großen Zwischentitel: „My name is not Bond, my name is Connery!“ Der Hawaiianer Toshiyuki „Harold“ Sakata, 130 Kilo Kampfgewicht, Silbermedaille als Mittelschwergewicht bei der Olympiade von 1948, zeigt privat sein Lachen und seinen Humor. Am Drehort hat er als Goldfingers Chauffeur Oddjob wenig zu tun, sitzt nur am Steuer eines Rolls Royce – dieser Wagen übrigens die Vorlage für die Karosse im 1966 erschienenen Mister Dynamit-Roman „Verrat am Nil“ (meine CrimeMag-Besprechung hier). Auf der Tanzfläche im „Bergidyll“ zertrümmert er jeden Abend Stapel von Brettern. Seinen tödlichen Hut mit der Metallkrempe hat er auch dabei, Churchill trug die gleiche Marke, wenn auch die zivile Version.

Bemerkenswert viele Bilder gibt es von Tania Mallet, die als Tilly Masterson durch Bond von einem Attentat auf Goldfinger abgehalten wird. In seinem Aston Martin DB5 liefert er ihr in ihrem Mustang eine Verfolgungsfahrt. Sie ist der Mittelteil der Schweizer Sequenz: Goldfingers Rolls Royce auf den Serpentinen der Alpenstraße zum Furkapass, Tillys versuchter Anschlag mit dem Gewehr (das auch schon in „From Russia with Love“ vorkam), das erotische und waghalsige Auto-Duell mit Bond und schließlich Goldfingers Goldschmelz-Fabrik, in die Bond eindringt und gefangen genommen wird. Dafür fanden übrigens die Pilatus-Flugzeugwerke die Gnade von Produktionsdesigner Ken Adams.

Am Ende bietet das Buch noch eine Tour zu den Schauplätzen, etwa zum Rhone-Gletscher, zum Furka-Pass oder zu Tillys Anschlagskurve. Sogar Connerys Hotelzimmer in Andermatt haben die Autoren ausfindig gemacht. Ein Großteil der Fotos stammt aus der Sammlung des James-Bond-Enthusiasten Steffen Appel, weiteres Material von Co-Autor Peter Wälty. Dazu kamen Fotos und Unterlagen von der Familie des Regisseurs Guy Hamilton, von seinerzeit in den Hotels der Filmcrew Beschäftigten sowie aus dem Archiv des damaligen Filmjournalisten Erich Kocian.

Der war zehn Jahre später, als ich bei der „Augsburger Allgemeinen“ als Jungredakteur die Filmberichterstattung neu gestalten wollte, immer noch branchenweit eine Größe, „weil er doch damals als einziger deutscher Journalist am Set von ‚Goldfinger’ zugelassen war“. So ist das mit dem Mythos. Dieser hier hat Goldschnitt.

Alf Mayer

Steffen Appel, Peter Wälty: The Goldfinger Files. The Making of the Iconic Alpine Sequence in the James Bond Movie ‚Goldfinger’. Steidl Verlag, Göttingen 2021. Englische Ausgabe. Hardcover, Goldschnitt, Format 27 x 33 cm. 192 Seiten, 346 Abbildungen, 38 Euro.

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