Geschrieben am 1. Dezember 2022 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2022

Einige Filmbücher – von Alf Mayer besprochen

Sie sind fast eine aussterbende Gattung. Umso wichtiger, sie zu besprechen. Alf Mayer hat sich an diese Aufgabe gemacht. Hier die Titelübersicht:

Juliane Batthyány: Wiener Kinos
Tobias Dietrich/ Winfried Pauleit: Kopf/ Kino. Psychische Erkrankungen und Film
DK (Hg.): Das Film-Buch. Big Ideas – einfach erklärt
Charles Elton: Cimino
Christian Keßler: Hollywood Blackout. Sternstunden des amerikanischen Noir-Kinos (1941 – 1961)
Christoph Seelinger: Tod im Kino
Peter Struck: Premierenfieber. Die hannoversche Kinokultur der fünfziger Jahre
Sam Wasson: The Big Goodbye. Chinatown and the Last Years of Hollywood 
Peter Zimmermann: Dokumentarfilm in Deutschland

Wo die alten Wälder rauschten

(AM) Rotes Lesebändchen, Breitwandformat, auf dem Cover-Foto großes Gedränge um Zarah Leander, 1960: Premierenfieber – Die Hannoversche Kinokultur der fünfziger Jahre aus dem Wehrhahn Verlag kommt mit großem Auftritt daher. Dem Inhalt ist das angemessen. Solange wir nichts Gegenteiliges aus München wissen – diesen Blickwinkel gibt es dort publizistisch noch nicht bearbeitet –, war es Hannover, das in der Nachkriegszeit den Aufstieg zur deutschen Premierenhauptstadt der Nachkriegszeit erlebte. Zwischen 1950 und 1957 wurden nach Recherchen von Autor Peter Struck über 100 Uraufführungen gezählt, alleine 1955, auf dem Höhepunkt des Kinobooms, gab es hier 19 Weltpremieren.

Viele deutsche und internationale Stars wie die Hannoveraner Dieter Borsche und Theo Lingen oder Lilo Pulver, Hans Albers, Hildegard Knef, Zarah Leander, Vico Torriani. Anita Ekberg, Hardy Krüger, Curd Jürgens, Marlene Dietrich, Buster Keaton oder Tevor Howard gaben sich im Lichtspielmekka an der Leine die Ehre. Mein Lieblingsfoto zeigt Jean Pierre Léaud bei der Premiere von „Sie küssten und sie schlugen ihn“ im Foyer der Hochhaus-Lichtspiele 1959. Die bekanntesten Premierenhäuser waren die „Weltspiele“ in der Georgstraße, das Palast-Theater in der Bahnhofstraße und das Theater am Aegi. Insgesamt 52 Kinos mit zusammen rund 30.000 Plätzen gab es 1958 in Hannover, der verdienstvolle Band zeichnet auf 37 Seiten 44 Kino-Kurzporträts der damaligen Zeit, eine zweite, über 40-seitige Bildstrecke zeigt den Starrummel. Die Aufnahmen stammen zum größten Teil vom Pressefotografen Wilhelm Hauschild (1902–1983).

Dazu: Filmreihe im Koki

Der Ehrlichkeit halber muss man sagen, dass zu den Welturaufführungen auch Fime wie „Der Theodor im Fußballtor“, „Johannes und die 13 Schönheitsköniginnen“, „Grün ist die Heide“, „Wo die alten Wälder rauschen“, „Zwei Bayern im Urwald“, „Heimweh, Stacheldraht und gute Kameraden“, „Schlagerparade“, „Gitarren der Liebe“, „Ja, ja, die Liebe in Tirol“, „Die Csardasfürstin“, „Heideschulmeister Uwe Karsten“, „Die Mädels vom Immenhof“, „Schwarze Nylons – Heiße Nächte“ oder „Endstation rote Laterne“ gehörten.

Bis 1960 wurden in den Studios der Film-Aufbau GmbH auf dem ehemaligen Militärflugplatz Göttingen-Grone und im „Heide-Hollywood“  der Junge Film Union in Bendestorf über 150 Spielfilme gedreht, viele dieser Produktionen erlebten ihre Premiere in der niedersächsischen Landeshauptstadt.  Darunter zum Beispiel Frank Wisbars „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ (siehe dazu bei uns Dominik Graf über Nachkriegskörper). „Mütter, haltet Eure Töchter fest! … Blaubart kommt“, warnt 1952 eine Filmreklame für dem gleichnamigen Hans-Albers-Film. Ausdrücklich aber betont Peter Struck: Die Filminhalte selbst sind nicht Thema dieses Buches. Hier geht es, auf die 1950er konzentriert, um lokale Kinogeschichte. Das ist selten und sehr verdienstvoll. Auch interessante Betrachtungen zur (untergegangen) hannoverschen Kinoarchitektur gehören dazu. Kein einziger der porträtierten Filmpaläste hat überlebt. Den Todesstoß, so hält es das Buch fest, versetzten die CinemaxX-Center des Hannoveraners Hans-Joachim Flebbe.

Zum Buch gibt es eine Ausstellung im Historischen Museum Hannover (bis 31.10. 2023), das Kino im Künstlerhaus zeigt eine Filmreihe. Am 13.02.23 läuft dort Peter Lorres einzige Regiearbeit „Der Verlorene“, ein deutscher Nachkriegs-Noir, nach dessen Kinoflop der Exilant Lorre Deutschland wieder verließ. Für ihn hatte es nirgends richtig Premierenfieber gegeben.

Peter Struck: Premierenfieber – Die Hannoversche Kinokultur der fünfziger Jahre. Hannoversche Studien Schriftenreihe des Stadtarchivs Hannover Band 21. Wehrhahn Verlag, Hannover 2022. Hardcover, Format 18,5 x 28 cm, 141 Abbildungen, 30 Euro.

„Unzeitgemäße Ansichten“

(AM) Kinoarchäologie, der Versuch, eine noch gar nicht so sonderlich alte Kulturform wenigstens in der Erinnerung zu bewahren, ist scheinbar nur noch etwas für Verrückte  – ich erlebe das gerade auch vor Ort in Bad Soden am Taunus. „In dieser Form wird bald kaum mehr ein Kino existieren“, heißt es im Vorwort von Wiener Kinos, der stark erweiterten Neuauflage eines im Jahr 2010 erschienenen Bildbands, der speziell den Alltag der letzten kleinen und mittleren Kinos in Wien dokumentiert. Die Künstlerin Juliane Batthyány hat neben Fotografie auch Ethnologie und Afrikanistik studiert, mit einem ruhigen Auge blickt sie auf die Orte und Instrumente des Kinoalltags: auf Säle und Foyers, Fassaden, Sesselreihen, Eingangstüren, Kassenhäuschen, Theken, Vorführräume, Filmrollen, Sicherungskästen und immer wieder auf Projektoren, hauptsächlich fürs 35mm-Format. Die allermeisten dieser altgedienten Veteranen sind heute, nur ein Jahrzehnt später, längst ausgemustert. An Digitalprojektoren findet sich kein einziger in dem hauptsächlich 2008 bis 2010 entstandenen Buch, sie sind übrigens auch viel hässlicher anzusehen als jede Analogmaschine. Ein halbes Dutzend der 21 in dem schönen Bildband dokumentierten Kinos gibt es schon nicht mehr.

Auslöser für das Dokumentationsinteresse von Juliane Batthyány war 2008 bei einem Spaziergang der zufällige Blick auf ein Kino, das gerade abgerissen wurde, das 1911 gegründete „Imperial Kino“ nahe der Ringstraße bei der Oper. „Stühle wurden vor die Tür gestellt, Maschinen entsorgt. Und ich habe mir in diesem Moment gedacht, wie schade das eigentlich ist“, erinnerte sich die Fotografin. Ihr Blick gilt dem „Kino ums Eck“, den „wirklichen“ Kinos – im Gegensatz zu den Multiplexen, von denen ein Unternehmenssprecher zitiert wird: „Kino ist okay, aber die Konzessionen sind weit wichtiger. Die Filme sind bloß etwas um die Leute anzuziehen; und dann versuchen wir ihnen alles zu verkaufen, was wir können.“

1969 gab es in Wien noch 65 Stadtteil-Kinos, 2010 waren es noch 21, heute sind es noch 15. Batthyány sieht ihr Buch als „Dokument für die, die kommen“. Ihre Fotografien bewahren, was dabei ist, zum Fremden zu werden. Zum Vergangenen. „Unzeitgemäße Ansichten“ nennt Angela Heide das im Vorwort. Sie ist Initiatorin des Projekts „KinTheTop“, dessen Ziel eine online abrufbare, wissenschaftlich fundierte „virtuelle Theater- und Kinolandkarte“ Wiens ist. Sämtliche Anträge auf Förderung wurden durchwegs abgewiesen.

Juliane Batthyány: Wiener Kinos. Phoibos Verlag, Wien 2021. Fotoband, Hardcover, Format 21 x 23,5 cm. 232 Seiten, 29 Euro. Verlagsinformationen hier.

Von Casablanca bis Parasite

(AM) Dass es keine zwei gleichen Meinungen über Filme gibt, trägt zum Reiz des Kinos bei. Seine Geschichte ist so reich, dass jedes Buch darüber unweigerlich nur einen Ausschnitt zeigen kann. Die Unmöglichkeit oder positiv gewendet, die Herausforderung, mit rund 200 Werken aller Genres aus über 100 Jahren Filmgeschichte eine repräsentative Auswahl zu treffen, geht Das Film-Buch aus der Reihe Big Ideas – einfach erklärt aus dem DK Verlag Dorling Kindersley beherzt an – und löst sie bravourös. Dieses bestens ausgestattete solide Meisterwerk der Komprimierung bringt die Faszination des Kinos auf den Punkt. Immer wieder. Seite für Seite. Ein Atlas von Einflüssen. Eine wunderbar kuratierte Sammlung. Ein empfehlenswertes Kompendium. Ein Nachschlagewerk. Und das alles im besten Preis-Leistungsverhältnis.

Zusammenhänge, Theorien & Hintergründe werden anschaulich und verständlich aufbereitet. Neben der Handlung und Entstehungsgeschichte von rund 100 filmischen Meilensteinen quer durch alle Genres analysiert der Band die Machart und Konstruktion von Plots anhand von Sequenzprotokollen und Diagrammen, arbeitet die Besonderheiten der einzelnen Filme sowie deren Einflüsse auf spätere Werke heraus, stellt sie mit je einem „Kontext“-Kasten in einen wirkungsgeschichtlichen Zusammenhang. Wissen über Filmgeschichte, Drehbücher, Produktion und Hintergründe wird abwechslungsreich gestaltet und präsentiert. Die Bildebene ist teilweise sensationell und bis in die Details liebevoll (etwa die besonders schöne Cinemascope-Version des Plakats von Peckinpahs „The Wild Bunch“). Es gibt Kurzbiografien, Diagramme und Sequenzprotokolle, „Minute für Minute“ wird so etwa die nicht-lineare Erzählung von Tarantinos „Pulp Fiction“ aufgedröselt oder eine Actionsequenz in Ang Lees „Tiger and Dragon“ zerdehnt. Das Buch atmet und pulsiert, überrascht immer wieder, hat eine ausgefuchste Dramaturgie. Gillo Pontecorvos „Schlacht um Algier“ von 1966 bekommt die gleiche Sechs-Seiten-Behandlung wie Hitchcocks „Vertigo“, Polanskis „Chinatown“, Kurosawas „Rashomon“, wie „Blade Runner“ oder „Taxi Driver“. Buchhalter mögen hier zählen, welcher Film sechs, vier oder zwei Seiten bekommt. Ich fand in diesem Buch nichts Anstößiges, war hingegen sehr oft angenehm verblüfft. Darüber etwa, dass der Dokumentarfilm „Man on Wire“ über Philippe Petits Hochseillauf zwischen den Türmen des World Trade Centers (meine Besprechung bei uns siehe hier) schöne Darstellung findet (S. 320). Und dann wimmelt es außerdem noch von schönen Zitaten. „Wir versuchen nicht, die Kritiker zu unterhalten. Ich probiere mein Glück beim Publikum“ (Walt Disney) Oder: „Wenn ein Mann an die Vergangenheit denkt, wird er sanfter“ (Tarkowski, „Stalker“). Oder: „Wenn man sie glättet, wenn man Filme respektabel macht, dann macht man sie kaputt“, so die Kritikerin Pauline Kael.

Danny Leigh, Louis Baxter, John Farndon, Kieran Grant, Damon Wise: Das Film-Buch. Big Ideas – einfach erklärt (The Movie Book, 2015). DK Verlag Dorling Kindersley. München 2022 (2016). Hardcover, Format 200 x 240 mm. 352 Seiten, über 300 farbige Fotos und Illustrationen, 26,95 Euro.

Eine der drei Doppelseiten zu Frank Capras „Ist das Leben nicht schön“

Standardwerk zum visuellen Gedächtnis

(AM) Dokumentarfilme sind es, die in unseren Köpfen die Bilder des 20. Jahrhunderts, ja überhaupt unser „visuelle Gedächtnis“ geprägt haben. In der Reihe „Zeitbilder“ der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen, ist das knapp 400 Seiten starke Buch Dokumentarfilm in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, etwas kleiner als A3, aber ein formidabel großformatiger Band, gutes Papier und reichhaltig illustriert, mit einem Verkaufspreis von 7,00 Euro eine wahrhaft demokratische Großtat. Jetzt am 20. November wurde Autor Peter Zimmermann beim cinefest, dem Internationalen Festival des deutschen Film-Erbes, dafür mit dem Willy Haas-Preis ausgezeichnet.

Der Literatur- und Medienwissenschaftler ist einer der profundesten Kenner des Dokumentarfilms in Deutschland, das Buch so etwas die Summe seiner langjährigen publizistischen Arbeiten zum Themengebiet. Zimmermann war von 1992 bis 2006 Wissenschaftlicher Leiter am Haus des Dokumentarfilms (HDF) in Stuttgart, zwischen 1999 und 2005 Leiter des Forschungsprojekts „Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland 1895–1945“ sowie Herausgeber der gleichnamigen dreibändigen Filmgeschichte (2005 bei Reclam). Anders als für die Spielfilmgeschichte sind Untersuchungen zum Dokumentarfilm eher dünn gesät: Wilhelm Roth, 1982, mit „Der Dokumentarfilm seit 1960“, Hilmar Hoffmann über Nazi-Propagandafilme mit „Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit“ (1988),  Günter Jordan und Ralf Schenk 1996 mit „Schwarz-Weiß und Farbe. DEFA-Dokumentarfilme 1946–92“ sowie Thomas Bräutigam 2019 mit einer Art Kanon, „Klassiker des deutschsprachigen Dokumentarfilms“.

Zimmermann führt in sieben großen Kapiteln durch die Entwicklung der Gattung, von ihren Anfängen im Kaiserreich über die Weimarer Republik und dem Kulturfilm, das Dritte Reich und ihrer Filmpropaganda, durch die beiden deutschen Staaten, denen der Dokumentarfilm zur gegenseitigen Denunziation diente, sich aber auch als gesellschaftskritisches Medium profilierte, bis zu den neuen hybriden digitalen Formaten, etwa Cam-Filmen der Gegenwart. Das umfangreichste Kapitel ist dem Dokumentarfilm in der Bundesrepublik von 1960 bis 1990 gewidmet, dabei im Zentrum die Fernsehproduktionen. Ein abschließendes Kapitel „Strategie der Blicke – der Dokumentarfilm im Wechsel der Gesellschaftsformen, Medientechnologien, Ideologien und politischen Diskurse“ summiert die Erkenntnisse aus heutiger Perspektive.

Zimmermanns Definition des dokumentarischen Films ist breit: das frühe „Kino der Attraktionen“, die Wochenschauen, semidokumentarische Kultur- und Lehrfilme bis zu den verschiedenen Ausprägungen des Dokumentarfilms, der Filmreportage, des Fernsehdokumentarismus und den neueren Hybriden aus Information und Unterhaltung. Zimmermann hat ein Auge für den Wandel der dokumentarischen Formen und Themen,für die Iweltanschauliche Disposition und die Intentionen der Filmemacher ebenso wie die Produktion, Verleih und Rezeption der Filme im Kontext der sich wandelnden Machtverhältnisse und weltanschaulichen Diskurse.

Der erfolgreichste deutsche Dokumentarfilm im Kino übrigens ist bis heute „Deutschland. Ein Sommermärchen“ (2006) von Sönke Wortmann.

Peter Zimmermann: Dokumentarfilm in Deutschland. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Reihe Zeitbilder, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2022. Hardcover, Großformat, durchgängig illustriert. 398 Seiten, 7,00 Euro (kein Druckfehler!).

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