Geschrieben am 1. Dezember 2023 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2023

Einige Filmbücher – dritte Lieferung

Filmbücher sind eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Man muss sie besprechen, meint Alf Mayer und tut es:

Andreas Pflüger: Herzschlagkino. 77 Filme fürs Leben
Georg Seeßlen: Lucky Luke
Nick de Semlyen: The Last Action Heroes: The Triumphs, Flops, and Feuds of Hollywood’s Kings of Carnage

Lieferung zwei, Oktober 2023:
Dwayne Epstein: Killin‘ Generals. The Making of The Dirty Dozen
Esther Kinsky: Weiter Sehen
Michael Petzel: Filmstadt Göttingen. Ein Kapitel deutscher Filmgeschichte
Catherine Russell: The Cinema of Barbara Stanwyck
Volker Schlöndorff. Von Wiesbaden in die Welt. Ausstellungskatalog
Robert Zion: Fritz Lang in Amerika

Lieferung eins, Dezember 2022:
Juliane Batthyány: Wiener Kinos
DK (Hg.): Das Film-Buch. Big Ideas – einfach erklärt
Peter Struck: Premierenfieber. Die hannoversche Kinokultur der fünfziger Jahre
Peter Zimmermann: Dokumentarfilm in Deutschland

Oktober 2021:
Axel Block: Die Kameraaugen des Fritz Lang. Der Einfluss der Kameramänner auf den Film der Weimarer Republik
Reiner Boller: Kiemenmensch, Außerirdische, Riesenspinnen und andere Kreaturen
Reinhard Marheinke & Peter L. Stadlbaur: Schiesserei am O.K. Corral
Danny Morgenstern: Das ultimative James Bond Quizbuch
Harald Mühlbeyer: Grindhouse-Kino. Schund – Trash – Exploitation Deluxe. Das Buch zur Filmreihe im Cinema Quadrat

Hollywood: Zwei Bücher – zwei Blicke – zwei Stimmen (Joachim Feldmann und Alf Mayer):
Quentin Tarantino: Cinema Speculation
Jeanine Basinger, Sam Wasson: Hollywood. The Oral History

20 Jahre, 22 Filme – AM befragt Robert Zion zu seinem Buch Fritz Lang in Amerika
AG Kino (Hg.): Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum
Stefanie Mathilde Frank/ Ralf Schenk (Hg.): Publikumspiraten: Das Genrekino der DEFA 
Spiel mir das Lied vom Tod. 100 Filme der 2010er. Ein Buch über das Jahrzehnt, in dem das Kino seine Kraft bewies
Paul Duncan: Das Charlie Chaplin Archiv
Klarheit des Ausdrucks. Alf Mayer über das das Filmbuch Anthony Mann. Kino der Verwundung von Ines Bayer

Siehe auch in dieser Ausgabe: Den Tiger reiten. Ein Interview mit Andreas Pflüger zu seinem Buch Herzschlagkino

Ein Professional gibt Einblick

(AM) Filme sind Lebensmittel. Ein Portal zu neuen Möglichkeiten, eine Tür ins Ich und in die Welt. Man kann viele Leben leben, längere und kürzere, hat der große Borges über Literatur und Kino gesagt. Dort gibt es jene Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen lässt. Im Kino erleben wir uns größer als wir selbst. Im Kino werden wir wer wir sind. Das mag man für übertrieben halten, tatsächlich spielt unsere Kultur den medialen Einfluss und erst Recht den des Kinos auf unsere Biografien eher herunter. Ich hingegen stelle mir Historiker vor, wie sie eines Tages auf das Buch Herzschlagkino von Andreas Pflüger stoßen und daraus endlich zu rekonstruieren vermögen, was es mit dieser Leidenschaft für »Filme« im 20. Jahrhundert so auf sich hatte – als das Kino noch das Kino war und unser Sehen noch kein Zappen oder Streaming.

So deutlich und vielfältig hat noch kein Schriftsteller und Drehbuchautor seine Kinoerfahrungen mit der eigenen Biografie und der eigenen Profession in Beziehung gesetzt und verknüpft. Es ist Pflügers persönlichstes Buch, eine Art Autobiografie anhand von Lieblingsfilmen – und seit William Goldmans »Adventures in the Screen Trade« (1983) der vergnüglichste Einblick ins Filmhandwerk, den ich derart kondensiert kenne. »Frag dich bei jeder einzelnen Szene, was das Schlimmste wäre, das deiner Hauptfigur passieren könnte«, habe ihm einst sein Mentor geraten, der große František Daniel, verrät Pflüger. »Mich trägt das bis heute.«

Pflügers 77 Filme fürs Leben, so der Untertitel, sind wunderbare Miniaturen, bunt und funkelnd und von scheinbar leichter Hand hingestreut. Pustekuchen, so etwas ist natürlich Arbeit. Jeder der 77 Filme hat eine Doppelseite im Buch, Credits inklusive. Klugerweise hat der Verlag auf Bilder verzichtet, sie entstehen eh durch die Kunst des Autors vor unserem Auge. Sei es, dass er eine bestimmte Szene evoziert oder eine Stimmung. Vor allem aber, weil er uns auch Platz für Eigenes lässt.

Pflüger, der nie eine Filmakademie besucht und sich das Drehbuchschreiben als kompletter Autodidakt selbst beigebracht hat, ist ein leidenschaftlicher Filmliebhaber – »kein Cineast«, wie er mir gegenüber im Interview »Den Tiger reiten« betont, das ich mit ihm zu diesem Buch geführt habe. Er brauche es überlebensgroß. Kino »muss alle meine Sinne kitzeln, dann bin ich glücklich. Das erwarte ich im übrigen auch von Literatur: Überwältigung. Handwerk ist für mich das Entscheidende. Das ist die Grundlage für alles. Wenn es damit hapert, bin ich schnell verstimmt.« Manche seiner Lieblingsfilme hat er zwanzig bis fünfzig Mal gesehen. »Etwas in- und auswendig zu kennen und immer wieder neu zu entdecken: Das ist Magie«, schreibt er zu »Amadeus«. Immer wieder verknüpft er Filme mit dem eigenen Werdegang, gibt Einblicke ins Schreib- und Filmhandwerk, scheut sich nicht vor deutlichem Urteil. Und vor Bekenntnissen. Über »Die Firma« etwa heißt es: »Hier wird das Seelenheil von Menschen verhandelt; das suche ich in jedem Film und Roman, jedem Gemälde.« Wenn das keine Einladung ist …

Andreas Pflüger: Herzschlagkino. 77 Filme fürs Leben. Arche Literatur Verlag, Zürich 2023. Hardcover, 176 Seiten, 17 Euro. – Siehe auch mein Interview mit Andreas Pflüger zu diesem Buch in dieser Ausgabe. Sein aktueller Roman »Wie Sterben geht« hier in dieser Ausgabe von Ulrike Schrimpf besprochen.

Kleiner Held, Breitwand-Buch

(AM) »Letztendlich ist uns Homer nur zuvorgekommen.« Mit diesem Zitat von Regisseur Walter Hill als Motto eröffnet Georg Seeßlen sein Buch über die Comicfigur Lucky Luke. Tatsächlich serviert er uns darin Fast alles über den (nicht gar so) einsamen Cowboy und seinen Wilden Westen, so der Untertitel. Der im Verlag Bertz + Fischer, Berlin, einem der letzten richtigen Filmbuch-Verlage erschienene Band ist ein Geschenk im Doppelpack, mehr als man bestellt hat – und ja, unbedingt auch für Weihnachten geeignet! Auf 272 ebenso vergnüglichen wie informativen Seiten ist dies ein fulminanter Ritt durch das Western-Genre und gleichzeitig durch die Comic-Geschichte, wie ihn nur ein alter Trapper und Goldsucher wie Georg Seeßlen hinlegen kann: phä-no-me-nal! 

Seeßlen, unser letzter Enzyklopädist, blättert uns mit dem Porträt der kleinen Comicfigur aus Belgien noch einmal das ganze Breitwandbild des Westerngenres auf. Alle großen Geschichten des Abendlandes und weit darüber hinaus, von der »Odyssee« über »Romeo und Julia« bis zu »Rashomon«, sind auch in der Form des Western erzählt worden, findet er, blättert uns dafür den Westernkanon und seine Grundmotive und Varianten auf. Dies immer anschaulich und lesbar. So geht fröhliche Wissenschaft.

In seinem Vorwort – exklusiv als Textauszug hier nebenan in dieser Ausgabe – beschreibt Georg Seeßlen (Jahrgang 1948) seine eigene Sozialisation mit Western und mit Comics: »Der Western war für mich eine Schule des Sehens, und die Lucky Luke-Comics, ganz anders als sonstige komische und kindliche Westerngeschichten, hatten diese Lektion schon intus, waren nicht nur Abenteuer von Helden und Schurken, sondern auch Abenteuer des Auges.« Lucky Luke war für ihn nicht nur eine Parodie des Westerns, nicht einmal nur eine Liebeserklärung an das Genre, Bild für Bild, »für mich war es auch eine Vollendung. Es steckt einfach die Essenz des Western in den Bildern von Lucky Luke«.

Bei Lucky Luke wie auch bei Tim und Struppi, denen der Autor ebenfalls ein Buch gewidmet hat, wurde vermutlich die Grundlage dafür gelegt, dass aus Georg Seeßlen ein solch großer Bilderleser geworden ist. Irgendwie, schreibt er, »wurde mir klar, was eine bestimmte Strichgröße, ein Hinzufügen oder Weglassen, bedeutet. Was mit Augen, Mündern, Bewegungen, Bildausschnitten und Perspektiven gesagt werden kann. Warum es so schön ist, wenn ein Panel – also ein Einzelbild in der Folge der Bildreihen – Details oder Kleinigkeiten im Hintergrund aufweist, die die Lesegeschwindigkeit verzögern, selbst da, wo es eigentlich gerade spannend wird. Die Abenteuer von Lucky Luke … überflog man nicht einfach, man versenkte sich, man war, für eine gewisse Zeit, darin zu Hause.« Rings um Lucky Luke entstand immer eine ganze Welt. »Gewiss passierte dauernd was, es wurde geschossen, geschlagen und geritten, was das Zeug hält. Aber es war eben auch viel Raum für das Land darum herum, unendlich viele Details, die immer wiederkehrten, Nebenfiguren, die einfach dazugehören, Dinge, die geschahen, ohne ausgesprochen zu werden.«

Georg Seeßlen: Lucky Luke. Fast alles über den (nicht gar so) einsamen Cowboy und seinen Wilden Westen. Kultur & Kritik 8, Verlag Bertz + Fischer, Berlin 2023. Paperback, Format 12,5 x 19,5 cm. 272 Seiten, 92 Fotos, 18 Euro.Verlagsinformationen.

Nur noch kurz die Welt retten …

(AM) Ein Buch, dessen Filme Andreas Pflüger gewiss allesamt gesehen hat, das ist The Last Action Heroes: The Triumphs, Flops, and Feuds of Hollywood’s Kings of Carnage von Nick de Semlyen, dem Redakteur von »Empire«, des am meisten verkauften und damit erfolgreichsten britischen Filmmagazins, das auch in Australien, Russland sowie der Türkei erscheint. Sozusagen »Cinema« in groß. Nachdem er in seinem ersten Buch »Wild and Crazy Guys« Comedy-Größen der 1980er wie Eddie Murphy, Bill Murray, Steve Martin und andere behandelte, sind nun deren muskelbepackte Counterparts dran. Das war, bevor Comic-Helden oder Videospiel-Verfilmungen das Blockbuster-Regiment übernahmen. Die Triumphe des Untertitels beziehen sich auf Filme wie »The Terminator«, »Commando«, »Predator«, »Rambo: First Blood«, »Die Hard« und zahlreiche andere, auf fast fröhliche Art gewaltreiche Filme. Alle vereint durch eine simple Philosophie: »Never give up, never stop shooting, never lose.«

Zur Zeit, als der frühere Filmschauspieler Ronald Reagan im Jahr 1980 zum amerikanischen Präsidenten gewählt wurde, hatten die US-Kinogänger genug von all den Ängsten, die sich im Hollywoodkino manifestierten. Sie waren bereit für Filme, die ihnen versicherten, dass Amerika, hätte es die Chance, dieses Mal definitiv den Vietnamkrieg gewinnen würde. Ein Kerl mit Waschbrettbauch und Panzerfaust könnte so etwas alleine erledigen. Chuck Norris schrieb dafür mit »Missing in Action« sogar Geschichte um, und als Stallone 1985 das Weiße Haus besuchte, wünschte Reagan sich ein signiertes Poster von »Rambo II«. 

Acht Kerle regierten damals den Planeten: Schwarzenegger und Stallone, Chuck Norris (»der Mann mit dem kugelsicheren Bart«), der übermenschlich akrobatische Jackie Chan (der dafür in der Artistenschule hart hergenommen worden war), Steven Seagal und der Belgier Jean-Claude Van Damme sowie Bruce Willis und Dolph Lundgren, ein schwedischer Chemie-Ingenieur. Das Buch bringt sie in vielen Anekdoten zum Leben.

Für Stallone markierte Tim Burtons Blockbuster »Batman« 1989 den Anfang vom Ende, spätestens mit Spielbergs »Jurassic Park« (1993) war die Party vorbei. Dieser Film machte alleine in den USA doppelt so viel Kohle wie Schwarzeneggers gleichzeitig gestarteter »Last Action Hero« weltweit und obwohl der Filmtitel für 500.000 Dollar auf einer NASA-Rakete prangte, die ins All geschossen wurde.

Nick de Semlyens Buch beruht auf Interviews mit zahlreichen Stars, Drehbuchautoren, Produzenten und Regisseuren, die 30 oder 40 Jahre später erfrischend offen über das damalige Filmemachen reden. Das macht gutes backstage, reicht aber über Anekdoten nicht hinaus. Das ist nicht dieses Buches Ding … für Tiefeschärfe, Anaylyse und Verknüpfung brauchen wir Georg Seeßlen. Siehe oben.

Nick de Semlyen: The Last Action Heroes: The Triumphs, Flops, and Feuds of Hollywood’s Kings of Carnage. Picador, London. 320 Seiten, GBP 14.99 – Das Lied zum Film, natürlich, »Nur noch kurz die Welt retten« von Tim Benzko…

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