Posted On 5. Dezember 2015 By In Bücher, Film/Fernsehen, Litmag With 1829 Views

Filmbuch: Paul Duncan: Das Charlie Chaplin Archiv

duncan_ChaplinGanz großes Kino!

Alf Mayer über das ultimative Chaplin-Buch.

Er mochte keine trickreichen Effekte, kein Filmen am brennenden Holz vorbei aus dem Kamin heraus oder aus einem Kühlschrank, keine Parallelfahrten für einen Schauspieler, der nur gerade durch eine Hotelhalle geht. Seine Filme waren Liebesbriefe eines Künstlers an die Welt. Er hat die Schönheit gesucht, das Schöne in der Welt, das auch in einer Träne, in Not und Lachen, immer aber eben in einer gewissen Würde liegen konnte.

Mit einem Prinzen und mit Shakespeare-Themen konnte er sich nie identifizieren. Er war ein Mann der einfachen Leute. Dabei ein Maestro: „Charlie führt nicht Regie“, sagte Marlon Brando, „er dirigiert. Man fühlt sich, als wäre man Teil einer musikalischen Komposition.“

Der filmkünstlerische und filmgeschichtliche Rang von Charles Spencer Chaplin ist unbestritten. Es gibt viele – und auch sehr gute – Bücher über ihn, etwa das von David Robinson. Aber noch keines ist diesem Jahrhundertkünstler auf solch staunenswerte Weise gerecht geworden wie das von Paul Duncan editierte, monumentale „Charlie Chaplin Archiv“. Ein Buch, wie es heutzutage nur aus einem bestimmten Verlag kommen kann – dem von Benedikt Taschen. Der gab Paul Duncan, der für ihn schon viele fulminante Filmbücher verantwortet hat, „uneingeschränkte Freiheit, das Leben dieses Monolithen des Kinos zu recherchieren und zu erkunden und dabei einen eigenen Monolithen zu erschaffen“. Die Arbeit dauerte acht Jahre.

Ein Monolith ist es in der Tat geworden. 560 Seiten, einige Kilo schwer, ein überwältigendes Werk, völlig zu Recht zum Teil mit einer goldenen Laminathaut eingefasst. Die Auflage beträgt weltweit 10.000 Exemplare, jedem Buch liegt ein Filmstreifen mit 12 Einzelbildern aus „Lichter der Großstadt“ bei. Wie Chaplin in seinen Filmen, so arbeitet auch das Buch ohne Firlefanz und Schmu. Solide, nein solideste Arbeit. Durchgehend.

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So hat man Chaplin noch nicht gesehen, noch nicht sehen können. Die oft seitenfüllenden Abbildungen – das Bild-Textverhältnis übrigens grandios gelöst – sind größer als jedes Laptop-Format, so nah konnte man sich Screenshots aus Chaplin-Filmen noch nicht betrachten. In Italien (nicht China) gedruckt, sind die Abbildungen bester Qualität. Duncan konnte hier auf die in Digitalisierungsfragen führende Cineteca di Bologna zurückgreifen, die das große Chaplin-Archiv in zehnjähriger Arbeit elektronisch erfasst hat, sowie auf weitere Archivgeber. Allein die Menge der ausgewerteten Quellen ist enorm. Duncan lässt mit vielen Stimmen erzählen, die Montage aus hunderten Memoiren, Interviews und Filmbüchern funktioniert erstaunlich gut, war gewiss eine höllische Puzzlearbeit. Die Arbeit, die das gemacht hat, sieht man nicht, Kundige können sie ein wenig ahnen – genau das trifft auch auf Chaplins Werk zu.

Paul Duncan dazu im Vorwort: „Die Prämisse dieses Buches ist einfach: zu zeigen, wie Charlie Chaplin seine Filme schuf. Nicht ganz so einfach war es, die Bilder und Worte zu finden, dies zu illustrieren beziehungsweise zu erklären, da Chaplin große Anstrengungen unternahm, seine Arbeitsweise zu verbergen. Er ließ nicht zu, dass seine Lieblingsgags und –szenen fotografiert wurden. Die meiste Zeit gewährte er Reportern keinen Zutritt zu seinen Sets und gestattete ihnen nicht, ihm bei der Arbeit zuzuschauen.“

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Umfassende Spurensuche

Duncans Spurensuche war umfangreich. Er ordnete die täglichen Produktionsberichte eines jeden Films tabellarisch, las die Szenenregister, in denen jede Einstellung eines Films beschrieben ist, suchte nach Querverbindungen und gliederte Ideen, Gags, Notizen und Entwürfe, datierte Kritiken, Interviews und Texte aus über 150 Pressebüchern und ordnete sie zu, versammelte viele mündliche Berichte und destillierte daraus Kapitel, die Chaplins Werdegang bei den Produktionsfirmen Fred Karno, Keystone, Essanay, Mutual, First National und United Artists bis in viele Details anschaulich beschreiben und – wie noch kein Text vor diesem Buch – die großen Filme Chaplins und ihr Entstehen in geradezu pointillistischer Dichte und Manier detailreich erzählen. Eine Bucherfahrung, die einen die Zeit vergessen lässt, wenn man hier eintaucht.

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„Goldrausch“ (The Gold Rush) zum Beispiel hat einen opulenten Auftritt von 33 Buchseiten, zu den 33 Bildern und vier Illustrationen kommen 14 ganzseitige Fotos. „Moderne Zeiten“ (Modern Times) hat 35 Seiten Platz, verblüfft mit 27 Bildern, 14 Illustrationen und 15 Ganzseitern. „Der große Diktator“ kommt auf 43 Seiten mit 23 Bildern, 19 Illustrationen und 17 ganzseitige Fotografien. Ein eigenes Kapitel befasst sich mit nie realisierten Filmprojekten. Wie Kubrick, brachte auch er „seinen“ Napoleon nicht auf die Leinwand. Zu vielen Kapiteln gehören zahlreiche bislang unveröffentlichte Standfotos, Fotos von den Dreharbeiten, Dokumente, Storyboards, Plakate und Entwürfe, Drehbücher und Notizen. Fortlaufend erzählt wird die mündlich überlieferte Lebensgeschichte aus Chaplins eigener Sicht. Bei einem der ersten Fotos im Buch musste ich laut lachen. Auf und um ein großes Sofa drapiert sitzt die ganze Familie Chaplin, Groß und Klein, alle haben sie je ein Buch aufgeschlagen, alle das gleiche, nämlich Chaplin „My Autobiography“ von 1964.

So viel Chaplin war noch nie.

Ganz großes Kino!

P.S. Wenn das nicht ein Satz zum Schluss ist, aus „Die Gräfin von Hongkong“: „Es ist nie altmodisch, das zu tun, was man am besten kann.“

Paul Duncan (Hg.): Das Charlie Chaplin Archiv. Hardcover, Halbleinen, mit Filmstreifen. Format 41,1 x 30 cm. Über 900 Abbildungen. Verlag Benedikt Taschen, Köln 2015. Englische Originalausgabe mit deutscher, französischer bzw. spanischer Übersetzung in einem Beiheft. 560 Seiten.150 Euro. Verlagsinformationen zum Buch.

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