Geschrieben am 1. Oktober 2023 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2023

Dietrich Leder seziert Crime im TV (17): „The Lincoln Lawyer“

Der Fernsehkrimi im deutschen Fernsehen boomt. Ungezählt all die Verbrechen, die jeden Tag auf dem und für den Bildschirm begangen und die fast ausnahmslos in maximal 89 Minuten aufgeklärt werden. Dietrich Leder, der viele Jahre für die „Medienkorrespondenz“ über das Fernsehen schrieb, ehe dieses zweiwöchentliche Periodikum im Dezember 2021 eingestellt wurde, nimmt sich jeden Monat eine Erscheinung des laufenden Krimi-Programms vor und seziert, wie es die Darsteller der Pathologinnen und Pathologen in den Serien versprechen. 

Michael Connolly und die Transformationen seiner Serien-Figur Mickey Haller

Wer die zweite Staffel der Fernsehserie „The Lincoln Lawyer“, die Netflix in zwei Tranchen im Juli und im August in Netz stellte, zu Ende gesehen hat, wird genau dann überrascht gewesen sein, wenn er zuvor den Roman von Michael Connelly gelesen hatte, der dieser Staffel zu Grunde liegt: „Der fünfte Zeuge“ („The Fifth Witness“). (Warnung: Wer die Serie nicht sah und sie noch sehen möchte, möge die Lektüre dieses Artikels aufschieben!) Denn dieser Roman endet anders als die Serie. Gut, könnte jemand einwenden, es ist so ungewöhnlich nicht, dass in einer Verfilmung Teile der literarischen Vorlage geändert werden. Zudem kann das auch kein Grund für Aufregung sein, da Connelly selbst an den Drehbüchern mitgeschrieben und diese Veränderung also mindestens legitimiert hat. 

Geblieben ist der Handlungskern: Die Hauptfigur Mickey Haller arbeitet in Los Angeles als Strafverteidiger, der in der Anfangszeit über kein festes Büro verfügt, sondern sich ein solches in seinem Auto, einem Lincoln Town-Car, eingerichtet hat, was den Serientitel erklärt. „The Lincoln Lawyer“ hieß bereits 2011 ein Spielfilm, der nach dem ersten gleichnamigen Haller-Roman, der 2005 in den USA veröffentlicht worden war, gedreht wurde. Dieser Film trug in Deutschland den Titel „Der Mandant“, mit dem auch die 2007 erschienene deutsche Übersetzung des Romans von Sepp Leeb überschrieben war. In diesem Spielfilm, den Brad Fuhrman inszenierte, spielte Matthew McConaughey die Hauptrolle. 

Die Serie, die von David E. Kelley entwickelt wurde, der auch einige der Drehbücher verfasste, fand erst nach einigen Umwegen – etwa über CBS – 2021 zu Netflix. Für die Hauptrolle wurde Manuel Garcia-Rulfo verpflichtet. Kurz nach dem Start der Serie im Juni 2022 wurde sie prolongiert, so dass 14 Monate später die zweite Staffel vorlag. Eine dritte ist angekündigt. Beide existierende Staffeln bestehen aus zehn Folgen mit je einer Länge zwischen 45 und 55 Minuten. Die erste basiert weitgehend auf dem Roman „So wahr uns Gott helfe“ („The Brass Verdict“), der 2008 als zweiter Haller-Roman in den USA (und 2010 auf Deutsch) erschien, und die zweite auf dem Roman „Der fünfte Zeuge“ („The Fifth Witness“) von 2011 (USA) bzw. 2013 (Deutschland). Hierzulande kamen die Übersetzungen von Sepp Leeb zuerst bei Knaur heraus, ehe Kampa die Rechte von Connelly erwarb; seitdem werden sie dort unverändert neu publiziert. 

Dass Romanvorlagen sich im filmischen Bearbeitungsprozess verändern, ist nicht nur normal, sondern geradezu eine Notwendigkeit. Interessanter ist mitunter, was geändert wird. So auch hier. Um ein erstes Beispiel zu nennen: In der Fernsehserie wird Haller eine aus Mexiko stammende Mutter (Angèlica Maria) zugeschrieben, die als Serienschauspielerin in eine Art Telenovela mitspielt und sich mit ihrem Sohn am liebsten auf Spanisch unterhält. In den bislang fünf Romanen mit Haller spielt seine Mutter hingegen kaum eine Rolle. In ihnen ist der Vater wichtiger, der einst ebenfalls als Strafverteidiger in Los Angeles tätig war. Dieser hat einen älteren und unehelichen Sohn hat, der es als Polizist bei Connelly auf mittlerweile 23 Romane und eine eigene Serie bei Amazon Prime und einem Sequel bei dessen Ableger Freevee gebracht hat: Harry Bosch. (Zum Figurenuniversum der frühen Connelly-Romane gibt es einen schönen Text von Jochen Stremmel.)

Ein zweites Beispiel für die Änderungen der Fernsehserie: Aus dem weißen heterosexuellen Mann, der in den Romanen Haller durch die Stadt chauffiert und so seine Schulden beim Anwalt abarbeitet, wurde eine afroamerikanische lesbische Frau (Jazz Raycole), der zudem eine eigene Geschichte – Traum eines eigenen Tanzstudios – zugebilligt wurde, die in der zweiten Staffel weitererzählt wird und dort für manche überraschende Wendung sorgt. Beide Veränderungen könnte man als soziokulturelle Erweiterungen beschreiben, die der Wirklichkeit in Los Angeles der Gegenwart der Filmerzählung Rechnung tragen. 

Die Romane wie die beiden Staffeln der Serie leben von den Fällen, bei denen Haller Menschen, die meist schwerer Verbrechen beschuldigt werden, vor Gericht zu verteidigen hat. Die Fälle sind nicht einfach, meist vertrackt und verzwickt. Polizei und Staatsanwaltschaft haben sich oft zu früh festgelegt und haben meist nicht umfassend ermittelt. Gemeinsam mit seinem Rechercheur, einem ehemaligen Mitglied einer Motorradgang (Angus Sampson), und seiner Sekretärin, als die seine zweite Ex-Frau für ihn arbeitet (Becki Newton), sucht er nach den Schwachstellen in der jeweiligen Anklageschrift, die er dann klassisch in einem juristischen Showdown vor Gericht offenlegt.

Elliot Gould in der Serie – screenshot

Hier bewegt sich Connelly im engen Rahmen des Courtroom-Dramas, das sich in den USA herausgebildet hat und das eng mit dessen Rechtssystem verbunden ist (und sich eben nicht auf Deutschland übertragen lässt). Als Berater hilft ihm im Hintergrund ein Freund seines Vaters, David „Legal“ Siegel, der vom wunderbaren Elliott Gould gespielt wird, der einst in „The Long Goodbye“ von Robert Altmann einer der besten Darsteller von Chandlers Philipp Marlowe war.  

Zusätzliche Spannung entsteht daraus, dass sich Haller mit seinen Methoden oft genug am Rande der Legalität bewegt; mehrfach steht er in Gefahr, gegen das Standesrecht zu verstoßen und so seine Anwaltslizenz zu verlieren. Hinzukommt, dass ihn korrupte Polizisten und politisch opportunistische Staatsanwälte bedrohen, und auch das Milieu der von ihm verteidigten Angeklagten, die aus der Film- oder Baubranche kommen, als nicht gerade zimperlich gilt. Bedrohungsszenen rhythmisieren die Erzählungen der Romane wie der Serie gleichermaßen, aus denen der Protagonist zwar mitunter schwer angeschlagen, aber doch als Held siegreich hervorgeht. Die detektivischen Ermittlungen und die Bedrohungsmomente verleihen der Serie ihre kriminalistische Grundfärbung. 

Der Held der Romane wie der Serie leidet unter einem strukturellen Problem seines Berufsstandes. Da er nicht weiß, ob die Frauen und Männer, die er verteidigt, unschuldig sind oder nicht, handelt er auf einem moralisch unsicheren Boden. So legitim und notwendig die anwaltliche Verteidigung schuldiger Angeklagten ist, so wenig ertragsreich ist sie im Sinne jener Moral, wie sie klassisch in Erzählungen, ob in Romanen oder in Filmen, gepriesen wird. Erst die erwiesene Unschuld des Angeklagten adelt den Strafverteidiger, während ihn ein Sieg vor Gericht für jemanden, der schuldig ist, diskreditiert. 

So besteht eine Qualität der Haller-Romane besteht darin, dass sie nicht nur detailreich das Geschäft von Strafverteidigern – von der Eigenwerbung (Autokennzeichen: NTGUILTY) über die Akquisition bis zur stets ein wenig improvisierten Abschlussrechnung – darstellen, sondern zugleich und vor allem von der Ungewissheit handeln, ob die Mandanten nun schuldig oder unschuldig sind. Die Fernsehserie kann die anwaltlichen Tätigkeiten bei weitem nicht so detailliert nachzeichnen, nutzt aber die Schuldfrage für die dramatischen Wendungen in den Teil-Erzählungen jeder Folge.

Das führt zu der angedeuteten Veränderung zurück, die am Ende der zweiten Staffel an der Erzählung des Romans vorgenommen wird. Sie besteht gleichsam in einer Verschiebung. Im Roman muss Haller nach dem siegreichen Ende des Prozesses erkennen, dass die des Mordes angeklagte und von ihm verteidigte Restaurantbesitzerin Lisa Trammel (Lana Parrilla) nicht unschuldig ist, wie er annahm, sondern die Tat begangen hat. Schlimmer noch, er muss erkennen, dass er von ihr über weite Strecken manipuliert wurde, dass das, was er selbst zu erkennen meinte, auf ihren Einflüsterungen beruhte. Im Roman rettet er sich aus dem selbstverschuldeten Dilemma, dass er die Polizei über ein weiteres Verbrechen informiert, dass Lisa Trammel begangen hat, so dass am Ende so etwas wie auch moralische Gerechtigkeit hergestellt wird. 

In der Fernsehserie hat Trammel den ersten Mord, für den sie angeklagt wurde, nun doch nicht begangen. Hallers Recherche ergibt den Hinweis auf den tatsächlichen Täter, der aber zu diesem Zeitpunkt selbst schon vom Auftraggeber ermordet wurde, so dass er nicht mehr vor Gericht gestellt werden. Damit bleibt in der Serie die moralische Weste von Haller rein. Die dramatische Wendung besteht hier darin, dass er am Ende erkennen muss, dass Trammel eine andere Tat – das ist das zweite Verbrechen, auf das der Roman hinweist – begangen hat. Über sie informiert Haller die Polizei. 

Warum geschah diese Verschiebung? Der erste Grund liegt nahe: Der Held einer möglichst langlaufenden Fernsehserie – und jede Serie soll aus ökonomischen Gründen möglichst lange laufen – muss auf Dauer für möglichst viele Zuschauerinnen und Zuschauer attraktiv sein. Er muss kein strahlender Held sein, aber die Zweifel an seinen moralischen Eigenschaften dürfen nur leise anklingen und dürfen ihn nicht grundsätzlich infrage stellen. So kann die Fernsehserie das Spiel mit einem Rollen- und Berufswechsel, mit dem sich Haller in den Romanen selbst testet, nicht nachvollziehen, es sei denn, sie steuert eines Tages auf ihr Ende zu. 

Der zweite Grund hat mit dem erwähnten Kinofilm zu tun, in dem Haller ebenfalls jemanden verteidigt, der sich – hier aber bereits nach der Hälfte der filmischen Zeit – als Täter herausstellt, nicht nur im Fall der konkreten Anklage, sondern auch bei einem zurückliegenden anderen Verbrechen, für das ein Unschuldiger und ebenfalls Mandant von Haller ins Gefängnis ging. Von dieser Geschichte wollte sich die Fernsehserie vermutlich abheben, teilte sie doch schon ihren Namen mit dem Kinofilm.  

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Dietrich Leders Kolumne bei uns:

Folge 1: Zur Tatort-Kommissarin Martina Bönisch (Anja Schudt)
Folge 2: „Der Kommissar“ – Mehr Retro ist kaum vorstellbar
Folge 3: Aus dem Streaming-Dschungel
Folge 4: Der Tod der Kommissarinnen
Folge 5: Erzählkonventionen
Folge 6: Die Erzählfäden von Michael Connelly
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Über abgründiges Erzählen: George Perec und das Gift das Originals, und in dieser und der vorletzten Ausgabe sein großer Essay „Proust übersetzen“ (Teil I und Teil II).

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