
Pageturner positiv
Ein Porträt des Hollywood-Detektivs Harry Engel und der Romane von Christof Weigold – von Wolfgang Brylla
In Elia Kazans Filmblockbuster von 1976, dem prominent besetzten Hollywood-Streifen „The Last Tycoon“, gibt es eine sehr schöne Szene, in der die beiden Herzensbrecher der Nation – Robert Mitchum und der unverschämt junge Robert de Niro – in einer Art Kinosaal einen anderen Schwarz-Weiß-Film mit Tony Curtis genauer betrachten. Dieser wird von dem Gutachter-Gremium verrissen: die Kneipen-Szene müsse umgeschrieben werden, weil niemand im Ernst so sprechen würde wie die Hauptprotagonisten. Mit einem ähnlichen Verbalisierungsproblem hat Christof Weigolds Geschichtskrimi „Der deutsche Tycoon“ allerdings nichts zu kämpfen. Weigolds fünfter und zugleich letzter Kriminalroman aus der Hardy Engel-Reihe überzeugt mit klarer Figurenzeichnung, präziser (aber trotzdem locker gehaltener) Handlungsführung und einem charmanten Retro-Feeling.
Wenn Sie den Autor Weigold und dessen Krimiwerk nicht kennen, hier ein kurze Zusammenfassung: Weigold stammt ursprünglich aus der Theater- und Filmbranche, war sogar im Redaktionsteam von Harald Schmidt, feilt bis heute an verschiedenen Filmbüchern. Diese cineastische Herkunft und den filmischen Einfluss aufs Storytelling sieht man in allen seinen bis dato erschienen 600-Seiten-Romanen. 2018 kam bei KiWi der erste Engel-Band heraus – „Der Mann, der nicht mitspielt“, nach zwei weiteren folgten der Verlagswechsel zu Kampa und zwei neue Krimis. Die Engel-Pentalogie endet jedoch 2025 nach insgesamt fünf höchstinteressanten Verbrechensfällen, in denen der Mannheimer Ex-Polizist Engel, der nach dem Ersten Weltkrieg die Weite und sein Glück in den Vereinigten Staaten suchte, ermittelt. An der Westküste, im (noch) bescheidenen Los Angeles versucht sich Engel zunächst als Schauspieler oder Komparse – wir sind in den 1920er Jahren . Als er bemerkt, dass es mit der Filmkarriere wohl nichts wird, switcht er ABM-mäßig zum Privatdetektiv um. Engel ist als Hommage an die Marlowes und Spades der hardboiled school konzipiert. In der kriminellen Fiktion (und auf der fiktiven Zeitachse) taucht er jedoch einige Jahre vor den ganzen Haudegen-Ermittlern auf. Zu tun bekommt man es sozusagen mit einem Prämodell von Marlowe und Co. – einem Prämodell, der im noch in den Kinderschuhen steckenden Hollywood die Kohlen aus dem Feuer holen muss und in den einen oder anderen Filmskandal selbst involviert ist.
Weigolds Erzählweise ähnelt der von Chandler: es dominiert der Ich-Erzähler (Engel), der mit einem zeitlichen Abstand zum Geschehen von diesem berichtet. Engels/Weigolds Sprache ist in sich stimmig. Verzichtet wird auf Schachtelsätze, stattdessen lässt sich eine Vorliebe für artikulierte Knappheit erkennen, was lustigerweise zu den Wälzer-Romanen (Wälzer im positiven Sinne) ein wenig in Kontrast steht. Diese Konzisität im Ausdruck ist wahrscheinlich Weigolds Filmerfahrung geschuldet. Überhaupt wird man den Eindruck nicht los, dass die ganze Engel-Reihe nicht nur in erzählerischer Hinsicht vom Filmischen profitiert, sondern mehr oder weniger sofortige Drehbücher für eventuelle TV- oder what ever-Adaptionen liefert. Alle detailliert präsentierten Einzelszenen bilden eine Einheit für sich und korrespondieren gleichzeitig (bzw. sind zusammen montiert) mit anderen Einzelszenen. Die fließenden Übergänge zwischen ihnen, die keine narrative ‚Systemstörung‘ verursachen, verstärken das filmische Prinzip. Mehr noch: die Figurendialoge orientieren sich ebenfalls an Filmvorbildern. Man lauscht den sprechenden Romanhelden und man kommt nicht umhin, an den Film Noir – mit Robert Mitchum – zu denken mit ebensolcher Echtheit der Message und Ironie des Private Eye.
Allen sog. Hollywood-Krimis Weigolds liegen wahre non-fiction-Affären zugrunde, die von ihm zum Zwecke der Engel-Story literarisiert werden. In „Der deutsche Tycoon“ rückt ins Handlungszentrum der mysteriöse Tod von Paul Bern, einem deutschen Filmproduzenten, der für solche großen Studios wie Paramount und MGM gearbeitet hatte und kurze Zeit nach seiner Hochzeit mit dem Starlet Jean Harlow, die die Klatschsparten füllte, im September 1932 tot aufgefunden wurde. Von der Filmindustrie wurde dieser Case als Suizid unter den Teppich gekehrt, keiner hatte so richtig Lust, den Schuldigen zu überführen, denn schon früh erkannte man, dass Harlow selbst ihre Finger im Spiel gehabt haben müsste. Und einen aufgehenden Stern am Schauspieler:innen-Himmel wollte man der Presse nicht zum Fraß vorwerfen.
Weigold rollt die Bern-Causa wieder auf und zeigt mithilfe von Engel, wie es zum Mord gekommen sein könnte. Durchgespielt wird eins von vielen möglichen Szenarien – ähnlich wie in den Vorgängerkrimis Weigolds, die u.a. einem anderen seltsamen Todesfall, dem von William Desmond Taylor oder dem Fatty-Arbuckle-Skandal gewidmet waren. Fast nebenbei erfährt man viel über die Filmgeschichte Hollywoods, vor allem über seine blutigen Kapitel und Schattenseiten. Engel ist immer mittendrin als Privatermittler oder Studiosicherheitschef und kann deswegen die Leser:innen auf eine Reise in die Vergangenheit des Stumm- und in die Anfänge des Tonfilms nehmen. In ein Zeitalter, in dem die deutschen Migranten das Sagen hatten, die Hollywood zu dem machten, was es heute immer noch ist, und zwar ein Palast der Träume, des Größenwahns und Sündenpfuhl von gesellschaftlichen Eklats.
Mit „Der deutsche Tycoon“ – und den vier anderen Kriminalromanen – setzt Weigold dem Hollywood der ersten Stunde ein – wenn man so will – literarisches Denkmal, das sich erzähltechnisch der Film- oder auch der hardboiled-Werkstatt bedient. Auch ein bisschen James Ellroy schwimmt bei dem Projekt mit, Spuren ließen sich auch zu Andrew Bergman und Stuart Kaminsky verfolgen. Letztendlich jedoch liefert Weigold einen seriellen Romankomplex, der trotz der zu registrierenden Bezugnahmen, eigentlich für sich selbst steht. Fast so wie Quentin Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“: bei Weigold ist es Cary Grant, bei Tarantino Roman Polanski.
Einerseits schade, dass die Engel-Reihe nicht fortgesetzt wird. Andererseits jedoch ist Weigolds Entscheidung nur zu begrüßen: besser auf dem Höhepunkt aufzuhören, als den sympathischen Haupthelden Hardy und den Hollywood-Plot weiterhin zu verwursteln und beide zu guter Letzt zu zerstampfen. Engel hätte das nicht verdient.
Wolfgang Brylla
Christof Weigold: Der deutsche Tycoon. Kampa Verlag, Zürich 2025. 608 Seiten, 26 Euro. – Der Autor beim Kampa Verlag hier. Und siehe auch den „Bloody Chop“ von Joachim Feldmann in der November-Ausgabe.
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Wolfgang Brylla ist Jurymitglied der Krimibestenliste – seine Texte bei uns hier. Zusätzlich hier ein Textauszug aus Wolfgang Brylla: Der polnische und deutschsprachige Retro-Krimi. ‹Detektivische› Fallstudien (Brill/ V & R unipress, 2025).
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