Geschrieben am 1. Oktober 2025 von für Crimemag, CrimeMag Oktober 2025

W. Brylla über Lilia Hassaine »Tödliche Transparenz«

Hassaine: erzählerische Transparenz

Lilia Hassaine: Tödliche Transparenz (Panorama, 2023). Aus dem Französischen von Anne Thomas. Lenos Verlag, Basel 2025. 250 Seiten, 26 Euro.

Zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung bei Gallimard ist Lilia Hassaines Zukunftsthriller „Tödliche Transparenz“ vor kurzem in deutscher Sprache erschienen. Endlich. Denn Hassaines insgesamt dritter Roman ist nicht nur in erzählerischer Hinsicht eine Wucht, sondern kann auch mit Blick auf die dargestellte Geschichte überzeugen, indem er eine dystopische Welt Frankreichs Anno 2049 skizziert, die ins Abnormale und Absurde abdriftet, obwohl anfangs das Gegenteil angepeilt wurde. Also eine gesellschaftliche Pseudoutopie, die sich letztendlich selbst im Wege steht.

„Tödliche Transparenz“ – mit dem schönen französischen Originaltitel „Panorama“ – gehört zu der Kategorie Must read und ist auf jeden Fall als einer der diesjährigen Krimi-Höhepunkte einzustufen. Geschrieben von einer Autorin, die sich bis dato literarisch mit der Kolonialvergangenheit Frankreichs beschäftigte oder sich in phantastischen Gewässern herumgetrieben hatte. Trotz dieser Interessengewichtung ist ihr ein spannungsgeladener Thriller gelungen, dessen Spannungspotential sich in erster Linie nicht aus dem spannenden Plot speist, stattdessen aus der spannenden Erzählführung. Hassaine kann die Leser:innen hervorragend an die Hand nehmen und durch ihre Erzählgefilde navigieren – mithilfe von ganz einfachen narrativen Mitteln.

Keine Angst, der Spoileralarm geht nicht an. Vom Schweizer Lenos Verlag, der die Rechte an Hassaine hat und wo auch letztes Jahr ihr Gesellschaftsroman (?) „Bittere Sonne“ aufgelegt wurde, wird „Tödliche Transparenz“ mehr oder weniger als Zukunftsroman angekündigt. Als Zukunftsroman, in dem eine alternative Geschichte präsentiert wird, die tief in der Vergangenheit – aus zeitlicher Gegenwartsperspektive des Romans also in unserer Gegenwart – verwurzelt ist. Hélène, Ex-Polizistin, oder genauer gesagt: Sicherheitsbeauftragter, weil man in Frankreich in the future keine Polizeiinstitution mehr braucht, denn die Gesellschaft, die Politik, schlicht und ergreifend: alles, ist transparent und von jedermann überprüfbar, geht einem Vermisstenfall nach.

2049 ist nämlich die Familie Royer-Dumas wie vom Erdboden verschluckt. Aus der Vermissten-Causa wird später ein Mord- und Entführungsfall. Hélène und Nico ermitteln auf eigene Faust, versuchen die gläsernen Häuserfassaden zu durchbrechen – besonders Hélène –, um die Wahrheit ans Licht (und in Erfahrung) zu bringen. Und diese ist trotz der von der Regierung durchgesetzten und oktroyierten Durchsichtigkeit evtl. Transparenz-Bewegung überhaupt nicht klar. Frankreichs Bevölkerung unterschrieb sozusagen einen Gesellschaftsvertrag – Thomas Hobbes hätte sich darüber gefreut – mit dem Machtapparat, an den sie einen Teil ihrer Bürgerrechte abgab, um in Sicherheit zu leben. Dieses Geborgenheitsgefühl sollte durch gesellschaftliche Kontrollinstanzen garantiert werden, die sich aus derselben nach Schutz und Behütetheit lechzenden Gesellschaft rekrutierten. Mit anderen Worten: Frankreich überwacht sich selbst, die Katze beißt sich in den Schwanz. Es gibt keine Privatsphäre mehr – „der soziale Frieden hängt davon ab“ –,  der Alltag wird öffentlich zur Schau gestellt und über das Strafmaß für Verbrechensdelikte entscheidet nicht die Justiz, sondern die Jacquelines und Jeans, das ganz normale Volk, über Telefonvoting wie in einem Fernsehquiz der Marke Truman Show.

Die von Hassaine aufgetischte Erzählwelt ist einerseits eine irreal-zuk­ünftige, andererseits eine real-bedrohliche, weil im Gewand der Zukunftsvisionen um 2050 im Grunde die von den Social media dominierte (und domestizierte) Gegenwartswirklichkeit geschildert wird, die sich eine digitale Bubble der Öffentlichkeit und des Konsums geschaffen hat, in der keine Rückzugsorte mehr existieren. Auch bei Hassaine fehlt es an solchen Refugien – tatsächlich gibt es nur einen Raum, einen lost place der Kriminalität und der Armut, wo das Transparenzprinzip nicht Einzug hielt. Dort dürfen noch Pkws mit Benzin fahren, dort dürfen in den Straßen Beton- und Ziegelhäuser stehen. Das Wohnviertel Grillons ist ein Überbleibsel aus der unsicheren Vergangenheit Frankreichs und sollte am besten zum Wohle der Gemeinschaft total abgerissen werden.

In Hassaines Roman gibt es jedoch auch einen anderen Zufluchtsort, und zwar das transparente Erzählen selbst. Hassaine lotst die Leser:innen durch die Ermittlungsgeschichte mit klaren Satzstrukturen und einer wunderschönen sprachlichen Unkompliziertheit. Hier ist kein Satz zu viel und kein zu wenig. Bei solcher sachlichen Story-Wiedergabe hilft ihr die Ich-Stimme – erzählt wird aus der Sicht Hélènes, die sich mehrmals an die Lesergemeinde wendet und im Stile des Spätrealismus in die Geschichte einführt mit Aussagen wie: „Aber ehe ich Ihnen diese Geschichte erzähle, muss ich weiter ausholen“. Durch solche und ähnliche Erzähltricks verringert sich die Distanz zwischen Erzählmedium, Erzählstoff und Lesepublikum. Man ist mittendrin und ist gleichzeitig dazu geneigt, Hélènes kneipenähnlichem Talk zu glauben. Sie macht es den Leser:innen auch nicht schwer. Der berichtenden, aber sprachlich weichen Tonlage der Ich-Erzählerin schenkt man Vertrauen, weil sie auch weiß, wie man die Rezipient:innen bei der Stange hält: mit Erzählbildern.

Jeder kurze Absatz gleicht einer einzelnen Bildaufnahme, man könnte auch von einem Instagram-Foto sprechen, das nicht schwammig oder unscharf rüberkommt, sondern durch Detailliertheit punktet; jedes Erzählbild steht für sich allein, aber ist nur im größeren Erzählzusammenhang verständlich; jedes Textfragment ähnelt einem Puzzleteil und die Teile wollen zusammengeführt werden. So kommt es dazu, dass Hassaine in ihren Erzähldiskurs nicht-literarische Textpartikel hineinmontiert: eine Polizeiverhörprotokoll hier, eine andere Zeitungsaussage dort. Dieses Collageverfahren unterstreicht den ‚puzzligen‘ – gibt es dieses Wort überhaupt? – Romancharakter, ohne sich mit aller Gewalt in den Vordergrund zu schieben. 

Reduziert wird das Erzählen auf das Nötigste, ohne Schnickschnack und müssige narrative Aufarbeitung. Hassaines Hauptdevise heißt Direktheit, Direktheit heißt (An)Teilnahme und (An)Teilnahme heißt Sich-Bewusstmachen, dass ihr dystopisches Szenario eigentlich mehr mit unserer Jetzt-Wirklichkeit zu tun hat, als wir es gerne hätten. Und dies alles erreicht sie fast ohne Figurendialoge, stattdessen nur durch Erzählertelling, was an sich schon eine Kunst ist.

Dass das Romanende ein wenig zu hollwoodlastig gestaltet wurde und dass die Identität der Täterfigur nicht zwingend überraschend ist, schmälert nichts am Gesamteindruck: „T­ödliche Transparenz“ ist tödlich erfrischend.

Wolfgang Brylla – seine Texte bei uns hier.

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