Immer wieder sonntags – ohne Konzept
Geheimrezepte des seriellen Erzählens – von Wolfgang Brylla
Jochen Vogt in memoriam
Echt, Deutschland hat ein Luxusproblem. Steigende Mietpreise und Lebenskosten? Höchste Arbeitslosenquote seit 2015? Wehrpflicht? Geschenkt, geschenkt, geschenkt. Hauptsache, man ändert die deutsche Nationalhymne – am besten noch, man tauscht die derzeitige gegen Brechts „Kinderhymne“. Nichts gegen Brecht – ein emotional aufgeladener, schöner lyrischer Text über Weltgemeinschaft, Weltfrieden und Völkergleichheit, der hervorragend in eine Zeit passt, die sich durch das Gegenteil davon kennzeichnet. Wieso aber komme ich überhaupt auf Ramelows Vorschlag in einem Kurzbeitrag zu sprechen, der eigentlich crime fiction gewidmet ist? Weil er uns alle von einem noch wichtigeren aktuellen Schlüsselproblem ablenkt – Zwinker, Zwinker – und zwar von der klassischen Sonntagsabendfernsehunterhaltung. Ernsthaft! Der „Tatort“ und „Polizeiruf“ kriseln.

Vor zwanzig Jahren hat der unvergessene Jochen Vogt, der für den akademischen Boom der Kriminalliteratur verantwortlich zeichnete und leider vor wenigen Wochen im Alter von 82 Jahren starb, den „Tatort“ als deutschen Gesellschaftsroman gelesen. Und er war dieser „Landeskunde als Thriller“ verkauft keinesfalls abgeneigt. Auf drei Analyseebenen versuchte Vogt – mit Erfolg – die „Tatort“-Reihe auseinanderzunehmen: 1) unter einem topographischen Gesichtspunkt, wenn er „Tatort“ als „Landkarte“ oder „Atlas der Bundesrepublik“ bezeichnete, 2) unter einem sozialgeschichtlichen Gesichtspunkt, wenn bei ihm von der „Chronik der deutschen Gesellschaft“ die Rede ist, und 3) unter einem inter-bzw. hypertextuellen Gesichtspunkt, bei dem der beste Freund (und Helfer) aller Germanistik-Student:innen mit von der Partie war, ein gewisser Genette, Gérard, nach dessen Pflichtlektüre man sich schon schütteln musste. Alle aufgelisteten Komponenten, die von Vogt untersucht worden sind, scheinen heutzutage im „Tatort“ gar keine Rolle mehr zu spielen. Der geographische Aspekt ging schon vor längerer Zeit flöten: ein Stuttgarter „Tatort“ kann genauso gut in Köln spielen und umgekehrt. Die Bezugnahme auf gesellschaftlich signifikante Themen taucht immer noch auf, aber diese werden so lax und oberflächlich verhandelt, dass man eher in seinem stereotypischen Denken gefestigt als revidiert wird. Und das Hypertextuelle lassen wir lieber ganz weg, denn mit einigen Ausnahmen – wie den Wiesbaden-Folgen mit Murot, dem interessanten Berliner Krimifall „Meta“ und dem genialen Figurenkonzept des Inkasso-Heinzi in Wien – verzichtet der „Tatort“ (und der „Polizeiruf“ gleich mit) auf solche filmtextuellen und -programmatischen Spielchen.
Ja, mit dem Form der heutigen TV-Krimi-Primetime muss Vogt unzufrieden gewesen sein – wahrscheinlich wie die meisten Zuschauer:innen, die in den letzten beiden Jahren mit weiteren Rückschlägen zu kämpfen hatten. Batic und Leitmayr hören nach 100 Folgen bald auf, Borowski ist schon in Rente, Eisner und Fellner befinden sich auf der letzten Zielgeraden, Janneke und Brix haben den Schauplatz Frankfurt (Main) auch schon verlassen, in Dresden wird ohne Gorniak ermittelt und in Dortmund muss man nur nach wenigen Fällen ohne Herzog, die Tochter einer RAF-Terroristin, auskommen. Beim „Polizeiruf“ gibt es im Unterschied zum „Tatort“ ein bisschen mehr Ensemblestabilität und weniger Fahnenflüchtige, weil seit 2022 – wenn ich gut rechnen kann – nur Bukow, Raczek und Eyckhoff das Weite gesucht haben. Ach ja, und nicht vergessen das Hallenser Experiment, das nach drei Episoden Schluss macht.
Das Geheimrezept des seriellen Erzählens, und die „Tatort“- und „Polizeiruf“-Formate sind eben – trotz der unregelmäßigen Ausstrahlungen der verschiedenen Ermittler-Duos – auf dem Seriengrundgerüst aufgebaut, besteht in der kontinuierlichen Wiederaufnahme von bestimmten Themenfeldern, die sich wie ein roter Faden durch die einzelnen Erzählkapitel ziehen und die für den Wiedererkennungswert der Serie stehen. Als Leser oder Zuschauer identifiziert man sich ebenso mit der jeweiligen Serienform wie mit dem Serienpersonal, das die erwähnten Themenfelder ausdiskutiert und persönlichen Konflikte untereinander austragen muss. Sich wiederholende und wiederkehrende Protagonisten sind somit ein fester Bestandteil der (Krimi-)Serie – sowohl aufseiten der agierenden Polizeieinheiten als auch aufseiten der Verbrecher. Nur so kann man das Ineinandergreifen der Erzählmotive gewährleisten und die Kausalität des Erzählens garantieren. Ein Abschied einer der Hauptfiguren ist zwar kein Weltuntergang, jeder Weggang kann in der seriellen Erzähllinearität kompensiert werden z.B. durch die Einschiebung logischer (leider häufiger: skuriller) deus-ex-machina-Übergangsphasen, er kompliziert jedoch ein wenig – vor allem für die Überbrückungszeit – das serielle Gesamtkonzept und somit auch die Erzählwelt, die man konstruiert hat. Solche ‚Brüche‘ sind im Storytelling meistens fest eingeplant, aber sie dürfen nicht zur Norm werden, denn sonst geht eben das ganze Serienkonzept – nomen omen – in die Brüche. Wenn aus Abweichungen Regelzustände werden, liegt wohl etwas im Argen.
Diesen Umstand kann man derzeit beim Sonntags-„Tatort“ beobachten, der – so der Eindruck – mit dem flickenteppichähnlichen Stopfen von entstandenen Personallücken beschäftigt ist, statt mit der Ausarbeitung und dem Auserzählen der (Krimi-)Geschichte(n). Am Setting sieht man einem Kommen und Gehen in der en gros-Variante zu. Kein Ermittler-Rücktritt der letzten Jahre wurde halbwegs gut erzählerisch organisiert. Bukow – flieht mir nichts dir nichts, Gorniak – ist ausgepowert, Janneke und Brix – sterben bei einem Bombenanschlag, Borowski – muss vor Gericht einen Todesschuss verantworten. Kossik – ist weg und aus welchem Grund auch wieder da. Das sind doch alles Lösungen wie aus der Zauberkiste eines Hobby-Magiers auf dem Kindergeburtstag. Zu viel Schein, wenig Sein.

Deshalb ist es kein Wunder, dass sich die Zuschauerzahlen um die 9 Mio. pro Folge eingependelt (im linearen Fernsehen wohlgemerkt) und meistens eher Richtung unten statt oben tendieren. Warum? Weil der „Tatort“ und der „Polizeiruf“ von eingefleischten „Tatort“- und „Polizeiruf“-Zuschauer:innen geguckt werden, die sich sogar auf die wenig überzeugenden Bromance-Fälle aus dem Saarland einlassen und die einzelnen „Tatorte“ nicht aufgrund einer besonderen Serienkomposition, die es nicht mehr gibt, oder der Verschränkung von Verbrechen und Landschaft/Region, die es auch nicht mehr gibt, voneinander unterscheiden, sondern auf der Grundlage der Ermittlerteams. Thiel ist Münster, Lannert ist Stuttgart und Leitmayr ist München. Quatsch: in München übernehmen jetzt Kalli – als Serialitätspuffer und Serienidentifikationsfigur – und Buvak. Man wird sich an sie gewöhnen müssen.
Schade nur, dass sich das Angewöhnungsprimat als die einzige Herausforderung erweist, die den Zuschauer:innen von den „Tatort“-Machern gestellt wird. Nix mehr mit Landkarte, Gesellschaftsstudie und Hypertext.
Eher eine Kinderhymne bzw. das totale Gegenstück dazu, eine anspruchslose Kinderhymne ohne Hymne-Status, weil bei Brecht noch solche Kategorien wie Anmut, Mühe, Leidenschaft und Verstand zum Tragen kamen. „Tatort“ als Kindersandkasten mit Buddeln und Sandschlössern, die stets zusammenfallen. Wahrscheinlich auch nach Sommerpause.
Wolfgang Brylla – seine Texte bei uns hier.
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