Geschrieben am 1. Dezember 2021 von für Crimemag, CrimeMag Dezember 2021

Wolfgang Brylla über Nordic Noir

Alter Schwede

Ob die waghalsige  (oder auch nicht) These, dass der skandinavische Fernsehkrimi im Grunde einem bröckelnden bedeutungslosen Gerippe mit immer noch voranschreitender Rheumaerkrankung ähnelt, das mehr Gemeinsamkeiten mit einem leblosen Billy-Regal als mit spannungsgeladenen Krimiplots aufweist, muss noch der Überprüfung standhalten. Diejenigen von Ihnen, die auf den scandi noir immer noch große St­ücke halten, werden wahrscheinlich nach dem einleitenden Satz jetzt mit Kopfschütteln reagieren und den Verfasser, der lange Zeit dachte, dass Kriminalfilme aus dem Norden das i-Tüpfelchen, das Sahnehäubchen des ganzen TV-Genres sind, zum Teufel wünschen. Dies sind die Überlegungen eines getriebenen Enttäuschten, der sich allerdings gerne eines Besseren belehren lässt. Es sei ihm verziehen…

Früher war alles besser…

Erinnern Sie sich, wann Sie sich zum letzten Mal auf die Coach gelegt, eine Tüte Chips oder anderes junk food in sich geschaufelt und sich an einem TV-Krimiabend erfreut haben? Wissen Sie es noch? Glück gehabt, denn ich selbst, um sich einen guten TV-Krimi der Marke Nordeuropa in Erinnerung zu rufen, muss tief in meinem Mainstream-Gedächtnis graben. Ja, da war einmal „Die Brücke“ (1. Staffel) mit der phänomenalen schauspielerischen Leistung der beiden Hauptdarsteller Sofia Helin und Kim Bodnia und einer interessanten Mordgeschichte irgendwo auf der Öresundbrücke, wo Schweden in Dänemark übergeht und umgekehrt. Erwähnenswert ist „GSI – Spezialeinheit G­öteborg“ mit Joel Kinnaman, der als V-Mann in einem Drogenclan seine ersten Fernseherfahrungen sammelte, bevor vom Blechmonster Robocop der Ruf nach Hollywood kam. Die Figur Johan Falk (Jakob Eklund) mit seinem lachenden Pseudolachen mochte zwar vielen auf den Zeiger gehen, aber generell konnte das schwedische Polizeikommando nicht nur seine Effektivität und Effizienz in Verbrechenverfolgung unter Beweis stellen, sondern vor allem in filmisch-narrativer Hinsicht überzeugen mit solchen tools wie vielen Cuts, zusammenmontierten Einzelszenen, Wechsel der Figurenperspektive, die die zu erzählende Story dynamisierten und auf Trab hielten. Und natürlich auch „Mankells Wallander“ mit dem immer depressiver werdenden Krister Henriksson, bei dem die Menschlichkeit aus jeder seiner alten Falte und Pore nur so hinaustrief, und „Kommissarin Lund“ mit ihrem sezierenden Blick auf die dänische Gesellschaft. Das wär’s. Vier Fernsehserien der alten Inszenierungsschule vor über zehn oder sogar zwanzig Jahren.

Was hat sich in der Zwischenzeit getan? Nicht viel, um ehrlich zu sein. Oder viel schlechtes. Der aktuelle skandinavische TV-Kriminalfilm versucht auf der Erfolgswelle seiner Vorläufer zu schwimmen und sich von ihrer großen Popularität eine Scheibe abzuschneiden. „Kidnapping“? Was für ein Käse. „Countdown Copenhagen“? Steht stark unter Gähnen-Verdacht. „Das Team“? Pustekuchen und internationaler Quark. „Wenn die Stille einkehrt?“ Eine trashige Geschichte über eine sehr relevante Thematik. „Hanna Svensson“ oder „Kommissar Bäckström“? Schmuddelige Dialoge verpackt im ornamentalen Leitsatz „wir wissen, wie man Krimis macht, mein lieber Mann“.  Eben nicht. Diese Fähigkeit der skandinavischen Drehbuchautor:innen, den Zuschauern qualitativ außerordentliche Krimiprodukte zu kredenzen, wurde schon längst verlernt bzw. sie wurde kommerzialisiert. Ein klug ausgetüfteltes screenplay wird zu einem schematischen Baukasten, aus dem man die nötigen Bausteine und -techniken hervorzaubert, um letztendlich eine 08/15-Ware zu liefern, an der sich die Geister kaum scheiden, was doch ziemlich gut wäre für die Kulturdebatte um die Entwicklungslinien und Zukunft des nordic noir.

Immer noch, so der Eindruck, sei die Meinung vorherrschend, Nordlicht-Krimis seien meilenweit – Ostsee und zurück – besser als ihre Festland-Pendants. Dieser Eindruck täuscht jedoch gewaltig, denn nicht jeder Papierfetzen, der für Literatur oder Filmscript gehalten wird, muss unbedingt veröffentlicht oder, viel grausamer, verfilmt und als Blockbuster verkauft werden. Ein Beispiel gefällig? Haben Sie sich in den letzten Wochen auf ZDF „Furia“ angeschaut, eine deutsch-norwegische Co-Produktion über den internationalen Rechtsterror und die grenzübergreifende Vernetzung von rechtsextremen Zellen, die nur eines im Kopf haben: Angst schüren vor muslimischen Glaubensbrüdern, um auf diese Weise die Migrationsbewegung zu stoppen und ein christliches white power-Europa bestehend aus Furcht und Bashing zu stanzen? Nicht? Viel haben Sie nicht verpasst.

Furios gescheitert

„Furia“ l­ässt sich als Pubertätserzählung einer spät adoleszenten jungen Frau – um die 35 Jahre –, die ihre einzige Tochter beim Anschlag auf der Insel Utøya verloren und sich infolgedessen als Undercover-Ermittlerin in der Fascho-Neonazi-Szene irgendwo in Nordnorwegen einschleusen lässt, mit dem Ziel: Rache. Außerdem scheint sie sich im permanenten Selbstfindungsprozess zu befinden – gefangen zwischen ihrer Online-Hetze und heimatlicher Wirklichkeit im bergigen Niemandsland. Aber Ragna, von Haus aus rechtskonservative Christin im Kampf um den einzigen wahren Glauben (eine getürkte ID), kann in diesem Scharmützel nicht auf Schießwaffen zurückgreifen. Ihr Schwert ist das Wort. Mit Hassparolen heizt sie die antiislamische Stimmung zuerst in Norwegen, später auch in Deutschland an.

Dabei macht sie sehr oft den Mund weit auf und antwortet auf Fragen mit einem Überraschungsgrinsen, als würde ihre Mutter Hausarrest verhängen wollen, weil sie gestern zu spät heimkehrte, denn die Knutscherei mit Björn, 5. Klasse, Sonderkurs Biologie, lief aus dem Ruder. Und als der im Zeugenschutzprogramm befindliche Kommissar Asgeir, den die russische Mafia ins Fadenkreuz nahm, trotzdem arbeitet er weiter bei der Polizei (würde ja doch jeder so machen…), einen der Anführer der rechten Terrorgang kaltblütig erschießt, treffen sie sich – Asgeir und Ragna –  als wäre es das Normalste der Welt, vor dem Hauptsitz der Rechtsorganisation, um Neuigkeiten auszutauschen, über Gott und die Welt zu plaudern. Die Befürchtung, auffliegen zu können, hat das Duo nicht, das Grinsen überstrahlt die Furcht und die Everybody’s Darlings-Attitüde des männlichen Babyface-Ermittlers setzt noch eins drauf. Und in Berlin, als die führende Offizierin von Ragna ihr ans Herz legt, alles für die Sache, d.h. für das Ausrotten der Rechtsradikalen zu tun und einen Terroranschlag in der deutschen Hauptstadt zu verhindern, versteht sie dieses „alles“ selbstverständlich als In-die-Kiste-Steigen mit einem der psychisch labilen Gewalttäter, die sich als Islamisten maskieren und ein Gymnasium in die Luft jagen möchten, um ein Zeichen zu setzen und den (christlichen) Widerstand gegen den IS voranzutreiben. Bevor es jedoch zum Geschlechtsverkehr in einer großen Berliner Mietwohnung (?) kommt (bei diesen Mietpreisen? Gebt mir die Adresse! Und zwar sofort), nimmt sie eine Halskette ab, denn diese gehörte ihrem verstorbenen Kind. Romantik-Kitsch auf Höchstniveau.

An „Furia“ lassen sich all die Mängel ablesen, die dem heutigen skandinavischen Fernsehkrimi anhaften. Allen voran: eine wacklige Geschichte steht auf tönernen Füssen, die kurz vorm Zusammenklappen sind, und droht vollkommen das Zeitliche zu segnen. Die Einzelabschnitte sind zwar miteinander verknüpft, aber auf solch eine lose Art und Weise, das sie austauschbar wirken. Es wird chronologisch erzählt in der Reihenfolge der Vorkommnisse, daran macht jedoch die Spannungskurve heftige Abstriche. Schuld daran ist darüber hinaus die regungslose Dialogführung, als würden sich fremde Menschen an der Haltestellte auf die S-Bahn wartend unterhalten. Ihnen geht es allerdings nicht um die S2 (zurückbleiben bitte!), sondern um die Weltherrschaft unterm christlich-weißen Stern. Und überhaupt der Gedanke, dass ein von der Reichweite her eher unwichtiger Internetblog von „Furia“ die Umwälzungsprozesse beschleunigen würde, ist dermaßen paranoid und perplex, dass es kaum wunder nimmt, wenn sich das ganze story telling einem trivial-verbalen Sich-Floskeln-Zuspielen unterordnet. Ich sag‘ etwas Belangloses und guck‘ dich dabei seltsam an, du antwortest. Ende Gelände.

Ein anderes Beispiel: der junge Wallander auf Netflix. Das Wallander-Prequel wurde als eine der wichtigsten Serien des Jahres gefeiert, im Endeffekt bekommt man jedoch einen heranwachsenden Polizeianwärter mit Milchbubigesicht (Adam Pålsson), der um die Figur Wallander selbst einen großen Bogen macht. Echt jetzt? Aus diesem profillosen Greenhorn soll später unser geliebter Ystad-Ermittler werden? Nie im Leben. Die auf Sparflamme agierenden blassen Protagonisten scheinen mit dem Plot eine Symbiose eingegangen zu sein; dieser ist ebenfalls oberflächlich, ohne Tiefgang und Aha-Effekte. 

ABBAisierung

Die Misere des TV-nordic crime lässt sich einerseits mit dem Verweis auf die Übersättigung des fernsehtauglichen Krimimarktes erklären und die große, weil historisch bedingte, Erwartungshaltung gegenüber den skandinavischen Glotze-Produktionen. Andererseits hat es etwas mit einem aus der Popmusikwelt bekannten Verfahren zu tun, das man als ABBAisierung bezeichnen könnte. Nach dem  bahnbrechenden ESC-Sieg von ABBA mit „Waterloo“ und ihrer Welttournee wandelte sich die ganze musikalische Popbranche. Sie wurde verskandinaviert. Es reicht nur auf die Booklets von Lady Gaga oder Kelly Clarkson einen Blick zu werfen. RedOne hier, Martin da, die für den einen oder anderen One-Hit-Wonder verantwortlich sind. Man öffnet den Kühlschrank, da sitzt schon ein schwedischer musis producer aus einem der wichtigsten Musikstudios Stockholms. Die Popmusik trägt den Geschmack von Köttbullar-Beats und Knäckebrot-Bridges. An sich ist die Standardisierung und Angleichung nichts schlechtes, aber sobald man wegen der Unifizierung Schwierigkeiten hat, Katty Perry von Taylor Swift zu unterscheiden, da hört der Spaß auf und man hört schon die Alarmglocken klingen.

Dasselbe Prinzip, das Prinzip der ständigen Verwurstelung nach einem gewissen Erfolgsmodell, an dem eine Schraube gelockert und die andere fester zugedreht wird, gilt auch für den nordic noir. Achte man auf den Vor- bzw. Abspann der unzähligen TV-Krimis, die eine Legion sind, wird einem schnell klar, dass die Namen der Strippenzieher sich stets wiederholen ähnlich wie in der Popmusik. Dies führt zur Konservierung alter Ansichten, Erzähldarstellungsformen und Konzepte, wie Fernsehen zu machen ist, und lässt wenig Platz für Innovationen, für Experimentierfreudigkeit, Reformen und Revisionen. Dabei wird der skandinavische TV-Krimi spätestens jetzt zum Sanierungsfall, will er nicht in der rezeptiven Versenkung landen und statt Lobsprüche ernten nur Unbehagen auslösen. Bei „Furia 2.0“, Gott bewahre, würde die Mehrheit der Zuschauer im großen Harakiri-Stil ästhetischen Selbstmord begehen. Betrifft aber die Forderung nach Erneuerung und poetischem Aufpeppen auch den Kriminalroman aus der skandinavischen Kälte?

Vom crime-Film zum crime-Roman 

Das Problem des literarischen nordic noir besteht in der Fülle und Überschwänglichkeit der Romantitel. Zu verzeichnen ist ein ständiges Kommen und Gehen. Neue Schriftsteller:innen erobern die Krimiszene im Nu, andere geraten nach dem Anfangshype in Vergessenheit. Es gibt allerdings natürlicherweise Autor:innen, die auf immer und ewig mit nordic noir in Verbindung stehen werden. Wie Henning Mankell. Der Mann, der in den 1990ern den Weg für den skandinavischen Krimi vorbereitete. Mit einfachen narrativen Mitteln, sich an der sozial-politischen Wirklichkeit orientierend, mit dem Transfer des Verbrechens aus den hardboiled-Metropolen in die schwedische Provinz oder ins Ausland, mit dem unverkennbaren Wallander, der weniger mit den Tätern als mit sich selbst zu tun hat, prägte Mankell die Kriminalgattung wie kein anderer seit langem und schuf eine Plattform, die zu Modifikationen, Variationen und Veränderungen förmlich einlud, um im literarischen Dickicht zu bestehen einerseits. Andererseits besaß sie ein augenfälliges Alleinstellungsmerkmal. Mankell war und ist der unangefochtene King of nordic noir auch deswegen, weil er… kein nordic noir schrieb. Ist an Wallander etwas typisch Schwedisches außer seinem Namen oder Wohnort? Nein. Mankell schuf Weltkriminalromane, die in Schweden spielten, allerdings könnten sie nach wenigen Anpassungsschachzügen auch in Zimbabwe, Südtirol und Bayern (ok, dort vielleicht nicht) spielen.

Wäre Mankell ohne Sjöwall/Wahlöö, das Autoren-dream team der 1960er und 70er, vorstellbar gewesen? Wahrscheinlich doch. Allerdings würde es ihm an einer gattungsausgerichteten Einordnung fehlen, und die Labelung ist nicht nur für die Leser:innen relevant, sondern auch für die Verlagsmaschinerie. Sicherlich, Wallander steht in der Tradition von Martin Beck, aber die Wallander-Reihe unterscheidet sich von der Verbrechensdekalogie Sjöwalls/Wahlöös vor allem in der (marxistischen) Wucht an politischer und sozialer Kritik. Konzentriert sich das Tandem auf das schwedische Volk mit all seinen Tücken, das wie in einem Brennglas plastisch wie dramaturgisch zur Schau gestellt wird, um unterschwellig die Moralkeule zu schwingen, überwiegt bei Mankell viel eher der präzise Blick des stillen Beobachters, der, indem er manifest auf moralische Didaxis verzichtet, trotzdem als moralischer Wegweiser fungiert. 

Hand aufs Herz, es ist verdammt schwer den Überblick über den gegenwärtigen scandi noir zu behalten. Auf der wikipedia – pfui Deibel! –, rechne man Schweden, Dänemark, Finnland und Island zusammen, sind so um den Dreh 80 Autor:innennamen aufgelistet. Und das sind nur die bekanntesten. Man findet dort Camilla Läckberg, die gerne in die Abgründe der menschlichen Seele schaut, Lars Kepler, Liza Marklund, Arne Dahl, GW Persson sowie die Elitenklasse mit Håkan Nesser, Jussi-Adler-Olsen (die Verfilmungen lassen wir lieber außer Acht), Arnaldur Indriðason (Mann, es kann wirklich gruseln im zugefroren Island) und Jo Nesbø, einem gewieften Erzähler, der weniger auf überdimensionale Plot-Konstruktionen setzt, sondern sich eher im Konventionellen heimisch fühlt, das er jedoch sprachlich insoweit auf die Höhe treibt, dass dadurch ein überproportionales Spannungspuzzle entsteht. 

Lapidus hui, Larsson pfui

Zwei Krimischriftsteller wurden hier weggelassen. Wieso seinerzeit die ganze Welt nach Stieg Larsson verrückt gewesen war, ließ sich damals wie heute nur schwer erklären. Na ja, eine Erklärung gibt es doch, und sie heißt: Kommerzliteratur. Larsson wusste genau, wie man die Leser an die – in Wirklichkeit einfach gestrickte – Geschichte fesselt, die sich ständig um ein mysteriöses Kreuzworträtsel (Christie lässt grüßen) dreht, dessen Lösung in der Vergangenheit zu suchen ist. Man wird mit Sekundärgeheimnissen überschüttet, die für die Nebenhandlungen ganz schön und nett sind, die aber zur Haupthandlungsachse wenig bis nichts beitragen. Was Larsson auftischt, ist der Gegensatz einer Matrjoschka-Erzählung. Ein Geheimnis wächst nicht aus dem anderen empor, sondern man erlebt als Leser einen Geheimnis-Super-GAU, was auf Dauer langweilig, kaum nachvollziehbar und stressig erscheint. Nur dank – schon wieder – der Sprache ist Larsson in der Lage, dem ganzen Mystery-Strudel Herr zu bleiben und sich in diesem Dickicht nicht zu verlieren.

Wieso die Fangemeinde von Jens Lapidus immer noch NICHT Gefahr läuft, auszuarten, bleibt auch ein Rätsel. Die ungeheuerliche Sprachpräzision, mit der Lapidus bei seinem Stockholm noir arbeitet und mit der er die urbanen Unterwelten des Bösen ergründet, indem er die Verbrechen und die Verbrecher nicht als Auswüchse der Gesellschaft diskreditiert, stattdessen als Bestandteil derselben Gesellschaft darstellt, hat in der europäischen Gegenwartskriminalliteratur bis dato keinen namhaften Epigonen gefunden. Durch den Fokus auf Bandenkriege, Drogenhandel, Schlägertypen, High Class und M­­öchtegern-Gangster wird das Gesellschaftsbild Schwedens nicht verzerrt – skurillerweise wird es in seiner sozialen Ambivalenz bestärkt. An Schweden wird zwischen den Zeilen scharfe Kritik geübt und der Sozialstaat als Papiertiger bloßgestellt, in dem nichts mehr funktioniert, wie es funktionieren sollte. Schuld daran tragen alle: Politik und Bevölkerung. Räuberpistolen und Beamten. Reiche Flitzpiepen und arme Besitzlose.

Lapidus spielt auf diese Weise auf Sjöwall/Wahlöö an, ohne jedoch die marxistische Denke zu bedienen, stattdessen hält er Ausschau nach den Ursachen in der Globalisierung und Digitalisierung. Durch Verzicht auf glamouröses Tohuwabohu gelingt es Lapidus, im Stil James Ellroys, das Beste, die Quintessenz aus dem Kriminalroman herauszufiltern und unter diesem Gewand eine Gesellschaftsstudie zu präsentieren, die im Grunde gar keine ist, weil sie keine Antworten servieren kann. Und wer bis zu diesem Zeitpunkt es vergeudet hat, eine nähere Bekanntschaft mit Lapidus zu machen, dem ist die Netflix-Serie „Snabba Cash“ zu empfehlen, bei der Lapidus selbst seine Finger im Spiel hatte. Die Figuren, die mit wenigen Strichen gezeichnet oder auch überzeichnet werden, dies jedoch beabsichtigt, der fließende Übergang zwischen den Szenen, die auf den Blick nicht zueinander passen wollen, die Düsterheit der Stadt, die sich in den zerfressenen, gestressten Gesichtern der überfordernden Protagonisten widerspiegeln… Eins A.

Zurück zur Frage, ob der skandinavische Kriminalroman dem TV-nordic noir in seiner Fehlentwicklung Begleitung leistet. Es ist auf jeden Fall nicht alles (Schnee)Gold, was mit dem Cover-Signum nordic noir versehen ist, aber es gibt immer noch mehr überdurchschnittlich gute Kriminalromane/Thriller (Thomas Enger, Ingar Johnsrud, Gard Sveen, Julie Hastrup, wenn man ein biß’l out of the box denkt) aus Skandinavien als geringwertige. Dies hängt allerdings nicht mit den Breitengraden oder dem stereotypischen Gesellschaftsrealismus wie höchstkomplexen und anspruchsvollen Erzählkonstellationen, mit denen sie immer noch assoziiert werden, zusammen, denn bspw. auch der hier so über den grünen Klee gelobte Lapidus schreibt ja in Wahrheit keine Schweden-Krimis als vielmehr kaleidoskopisch angelegte Generationenkrimis. Gute Krimis haben keine Staatsangehörigkeit. Schlechte Krimis weisen nur dann eine Nationalität auf, wenn man sie durch den Kakao ziehen und so die ganze Gattung über einen Kamm scheren möchte. Zumindest die scandinavian crime fiction scheint die Fahne hochzuhalten. Es sei ihm deswegen verziehen…

Wolfgang Brylla

Wolfgang Bryllas Texte bei uns hier.
Der gestreamte Lupin – Ein Schatten seiner selbst
Böhmische Dörfer? – Über Krimis aus Tschechien.
Ein Hauch polnische Exotik
Crime fiction aus der Slowakei
„Vom Künstler des guten Sterbens

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