Geschrieben am 3. April 2025 von für Allgemein, Crimemag, CrimeMag April 2025

Wolfgang Brylla über ungarische Kriminalliteratur

An der schönen blutigen Donau: Hungarian Edition

Nicht nur in literarischer Hinsicht bleibt Ungarn immer noch ein nicht ganz erschlossenes Land. Denn was weiß man schon über die Heimat des Hertha-Kult-Torwarts (im Schlabberlook) Gábor Király? Außer Gulasch, Salami, Fidesz, Orban und Lothar Matthäus (der war mal an der Donau sogar Nationaltrainer) fällt einem nicht viel mehr ein. Auch das Allgemeinwissen über die ungarische Literaturindustrie hält sich bei den weniger ungarnaffinen Leser:innen eher in Grenzen, was nicht mit der ästhetischen Qualität der magyarischen Literatur zusammenhängt, sondern vielmehr mit der hochnäsigen Einstellung des westlichen Kulturdiskurses, dem die ehemaligen Ostblockstaaten vollkommen wurscht sind. Ein Imre Kertész, ohne Wenn und Aber ein Jahrhunderttalent, kann den Kohl auch nicht fettmachen. Und wenn wir schon bei Kertész sind…

Detektivgeschichte ohne Detektivgeschichte

Einigen von Ihnen ist er wahrscheinlich nicht nur ein Begriff wegen des „Romans eines Schicksallosen“, der erst nach einer 15-jährigen Verzögerung in den 1990er Jahren ins Deutsche übersetzt wurde. Kertész schildert dort die Geschichte eines ins KZ Auschwitz deportierten jungen Juden, gleichzeitig scheint er auch seine eigene Lebensgeschichte zu verarbeiten. Für sein Gesamtwerk wurde er 2002 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet und obwohl die Stockholmer Expertenrunde mit ihren Bekanntmachungen schon mehrmals für Kopfschütteln sorgte, ging der Pott für Kertész vollkommen in Ordnung. Einerseits macht er neue, fremde Erzählwelten auf, andererseits transzendiert und materialisiert sie auf einer Metabene, was durchaus einen seltsamen Bezug zu Samuel Beckett herstellt, um den ganz großen Weltliteratur-Kanon zu bedienen. Für die Kriminalliteratur ist Kertész jedoch aus einem Grund von Interesse.

1976 hat er nämlich die Detektivgeschichte u.d.T. … „Detektivgeschichte“ verfasst, eine novellenartige Erzählung, die mit der konventionellen Detektivgeschichte eigentlich nichts am Hut hat. Erzählt wird von einem Staatsstreich irgendwo in Südamerika und seinen Folgen, vom Aufbau einer Diktatur, der sich die Staatsbürger:innen fügen müssen, dem Freiheitsraub und dem Terrormonopol. Bei Kertész‘ „Detektivgeschichte“ handelt es sich weder um eine Variation des crime fiction-Schemas noch um eine Gattungsdemontage. Die über 130 Seiten lange Täterstory liest sich als eine Art philosophisch anmutende Parabel auf Autokratien und ihre Foltermethoden gegen die eigene Bevölkerung. Das Verbrechen, in dem man ermitteln soll, ist ein Verbrechen, in dem man nicht ermitteln darf, weil auf der Anklagebank nicht ein Individuum sitzt, stattdessen ein Kollektiv bzw. ein Staat, ein System, ein Regime. Letztendlich muss sich dort auch das Volk zurechtfinden, denn wer zum Lager des Guten oder des Bösen gehört, darüber lässt sich streiten. In dieser Übergangserzählung, gedacht als Platzhalter und Vorbereitung auf einen Roman, enthüllt Kertész die Machtapparatur eines totalitären Staates und die von Ideologie geprägte Regierungsmaschinerie.

Kein Bock

Kertész einen Krimi-Schriftsteller zu nennen, wäre weit hergeholt und würde dem wirklichen Tatbestand nicht entsprechen. Und wie sieht dieser Tatbestand aus? Vernebelt. Der Forschungsstand zum Thema ‚ungarische Kriminalliteratur‘ ist mager – nicht nur mit Blick auf die internationalen crime fiction studies, sondern sogar selbst in Ungarn. Niemand schert sich darum. Es fehlen nicht nur Studien zur aktuellen ungarischen Kriminalliteratur, sondern auch bspw. zur ungarischen Detektivliteratur vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die es eigentlich hat geben müssen, wenn man bedenkt, dass von dieser Entwicklung fast alle europäischen Nationalliteraturen betroffen waren. Meistens zwar in Form von billigen und kitschigen Sherlock-Holmes-Kopien, aber immerhin. Im Falle von Ungarn ist die literaturwissenschaftliche Ausgangslage jedoch wenig erfolgsversprechend. Kriminalliteratur wurde/wird als literarischer Bastard abgestempelt und marginalisiert, dem man wenig gesellschaftliche Nuancierung und politisches Gewicht zuschreibt. 

Kriminalliteratur schien in Ungarn keine Daseinsberechtigung zu haben. Dies sieht man z.B. an der populären DDR-Krimiheftreihe DIE (Delikte – Indizien – Ermittlungen), in der auch Autor:innen aus sozialistischen Bruderländern erschienen sind wie Polen (Joe Alex), der Tschechoslowakei (Václav Erben) oder Rumänien (Horia Tecuceanu). Das DIE-Herausgeberteam im Verlag Das Neue Berlin entschied sich ebenfalls zwei ungarische Kriminalromane von Lászlo András („Tod am Donauufer“, „Der Fall Laurentis“) aufzulegen. Daran wäre nichts verkehrt gewesen, hätte Lászlo András zu den prominentesten Vertretern der Gattungsschule in Ungarn gezählt. Stattdessen war er in der Budapester Literaturszene ein Nobody – ein mittelmäßiger Schriftsteller mit journalistischer Erfahrung, der gerademal … zwei Krimis zu Papier brachte, die man wegen der schwer nachvollziehbaren Erzähllogik (und Ermittlungslogik!) eher dem Genre (hinkender) Abenteuerroman zuordnen müsste. Da man jedoch aufgrund der sozialistischen political correctness dazu verpflichtet war, einen Ungarn in der DIE-Reihe unterzubringen, und weil sich niemand anderer als András anbot, mussten im Endeffekt die Leser:innen diese trübe, versalzene, geschmacklose Suppe auslöffeln.

Die Mini-Wende

Nach der Wende hat sich sowohl in Ungarn als auch in der literarischen Wahrnehmung von Ungarn im Hinblick auf die Kriminalliteratur wenig bis gar nichts verändert. Bis heute werden zwar Kriminalfilme und Thriller gedreht  (vor allem seit den 2000er Jahren), bezeichnend ist jedoch, dass einer der ersten Kinostreifen nach 1990, eine französisch-italienisch-ungarische Koproduktion, ausgerechnet die crime-Gattung parodiert und gleichzeitig persifliert. In „Vortice Mortale“ („The Washing Machine“) vom Regisseur Ruggero Deodato wird Hauptinspektor Alexander Stacev (in dieser Rolle Philippe Caroit) von drei leichtbekleideten (wenn überhaupt) und zu brutaler Gewalt neigenden bisexuellen Schwestern verführt, die mit masochistisch-perversen Zügen ausgestattet sind. Im erotisierendem Spiel mit dem Herrn Kommissar, dem Publikum und… einer Waschmaschine, die für das Storytelling von Belang ist, wurde der B-Movie-artige Schocker mit Anti-Werbung-Garantie lange Zeit zum Synonym der heimischen Krimi-Gattung, obgleich man mit György Fehérs Krimidrama „Szürkület“ (dt. „Dämmerung“) – eine ungarische Adaption von „Es geschah am hellichten Tag“ Friedrich Dürrenmatts – auch einen anspruchsvolleren, ultrareduzierten, düsteren und modernistischen Film mit bestialischem Kammerspielcharakter in petto hatte (1990).

Erst 2008 konnte man den Eindruck gewinnen, es wehe ein neuer Wind und es werde mit der Kriminalliteratur sofort bergauf gehen. Aber Vilmos Kondors noir-Saga aus Budapest der 1930er Jahre brachte nur teilweise den (erwünschten?) Durchbruch, was auch an der narrativen Ausrichtung und der Poetik Kondors liegt. „Budapest Noir“ („Der leise Tod“ 2010 bei Knaur; ein Jahr später erschien auch „Bünos Budapest“, dt. „Endstation Budapest“), der den Auftakt zu einem siebenbändigen Zyklus bildet, steht pars pro toto für die Erzählprogrammatik Kondors, die sich durch einen wilden Ritt durch die Welt der Entlehnungen charakterisiert. Es ist eine Mischung von Geschichtsroman mit Retroisierungschüben, klassischer hardboiled school, aber in der entschlackten abendländischen Variante, und Reiseliteratur mit Stadtführerflair. Budapest, das europäische Chicago, wird zwar als eine moderne Vorkriegsmetropole gezeichnet, in der es aber schon an faschisierenden Bewegungen nur so wimmelt, die dieser Mondenität bald den Garaus machen werden. Das noir-ähnliche, allerdings in Wirklichkeit weit davon entfernte, Erzählmodell orientiert sich an Budapest und der ermittelnden Hauptfigur, dem Journalisten Zsigmond Gondor d.h. an den zentralen Perspektivachsen, und statt kriminalästhetisch zu agieren, dümpelt es vor sich hin, um in der urban history zu stranden. Für die Nicht-Ungarn kann solcher fiktionalisierte Einblick in die Vergangenheit der ehemaligen Monarchie und der Donau-Großstadt attraktiv sein, für den Krimi Kondors ist er nur ein Klotz am Bein. 

Es gibt sie doch

Außer Kondor gibt es eine Vielzahl von anderen Autor:innen, die in den Gattungsgewässern schwimmen, die jedoch kaum bekannt sind. In die historisierende Richtung bewegen sich die Kriminalromane von Lászlo Kolozsi, Róbert Hász und Eszter T. Molnár, auf den Regio-Zug sprangen Judit Szlavicsek und Zoltán D. Zajácz auf, mit Thriller-Mitteln hantieren u.a. Zoltán N. Nagy, Ágnes Mészöly oder Éva Cserháti, die zusammen mit Freunden 2022 das erste ungarische Krimifestival ins Leben gerufen hat. Ein Hász oder ein Nagy hätten durchaus das Potential, auf der globalen Krimibühne zu gl­änzen, hätte man sich die Mühe gemacht, sich mit der ungarischen Literatur konkreter auseinanderzusetzen. So aber verbindet man die Hungarian crime fiction mit Adam LeBor, einem in Budapest lebenden britischen Schriftsteller, der seine Kriminalromane auf Englisch verfasst und Ungarn aus der Sicht eines Außenstehenden und Zugezogenen bebildert. LeBor betrachtet Budapest mehr oder weniger aus einem peripheren Blick (bei Polar Verlag kamen „District VIII“ und „Zwischen den Korridoren“ heraus) und infolge dieser Distanzierung kann er u.a. die Migrationspolitik Orbans auf den Prüfstand stellen. Schön und gut, vielleicht ist es aber an der Zeit, sich das kriminelle Ungarn nicht von einem alteingesessenen ‚Fremden‘, sondern von indigenen Ungarn erklären zu lassen. 

Wolfgang Brylla